Junge Entscheidungsträger in der Politik Bundestagsabgeordneter Sepp Müller: "Politikjunkies fällt es schwer, loszulassen"

Luca Deutschländer
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Als Sepp Müller in den Kreistag des Landkreises Wittenberg einzog, war er der jüngste aller Abgeordneten. Das ist mehr als zehn Jahre her. Viel hat sich seitdem geändert, eines aber nicht: Auch heute ist der CDU-Mann mit seinen 31 Jahren der Jüngste im Kreistag. Doch er hat Karriere gemacht – allen Vorurteilen über die CDU zum Trotz. In Teil 6 des MDR SACHSEN-ANHALT-Schwerpunktes über junge Entscheidungsträger in der Politik erzählt Müller, warum seine Partei den Generationenwechsel seiner Meinung nach gar nicht so schlecht meistert.

Sepp Müller
Sepp Müller aus Gräfenhainichen sitzt für die CDU im Bundestag. Er ist ein junger Entscheidungsträger. Bildrechte: dpa

Kurz vor der politischen Sommerpause also noch mal ein Kracher. Ein handfester Skandal, mit vielen Fragen an die Bundesregierung: Als MDR SACHSEN-ANHALT Sepp Müller am Mittwoch zum Gespräch erreicht, hat der CDU-Mann die wohl wichtigste Sitzung an diesem Tag noch vor sich. Der Finanzausschuss im Bundestag trifft sich zu einer Sondersitzung. Es geht um den Wirecard-Skandal. Sepp Müller wird mittendrin sein – als Bundestagsabgeordneter für Dessau-Roßlau und den Landkreis Wittenberg.

Das ist Sepp Müller

Sepp Müller wurde 1989 in Wittenberg geboren und ist in Gräfenhainichen aufgewachsen. Schon als Teenager engagierte er sich politisch, trat 2004 in die Junge Union und ein Jahr darauf in die CDU ein. Müller ist seit 2007 Mitglied des Kreistages im Landkreis Wittenberg und seit 2009 Stadtrat in Gräfenhainichen. Sein Hauptjob ist seit der Bundestagswahl 2017 aber der Deutsche Bundestag. Müller ist Direktabgeordneter für Dessau-Roßlau und den Landkreis Wittenberg. Er ist Vater eines Sohnes.

Sepp Müller
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Wer sich durch die Mitgliederliste des Finanzausschusses klickt, merkt: Müller ist hier einer der jüngsten Politiker. Aber das kennt er ja schon. Mehr als die Hälfte seines Lebens engagiert sich der 31-Jährige nun schon politisch. 2004 Junge Union. 2005 CDU. 2007 Kreisrat. 2009 Stadtrat. 2017 Bundestagsabgeordneter. Die Liste ist nicht vollständig – und doch zeigt sie: Für Sepp Müller ging es politisch von Beginn an nach oben. Trotz seines jungen Alters. Für die CDU in Sachsen-Anhalt ist er damit ein Aushängeschild – eines, das die Partei dringend braucht.

Denn die CDU hat Nachholbedarf bei der Integration junger Köpfe in den politischen Alltag. Im Landtag sieht man das recht deutlich. Die Fraktion ist mit einem Altersschnitt von knapp 54 die zweitälteste im Landtag, unter den 30 Abgeordneten sind lediglich zwei Frauen. Diversität sieht anders aus. Dass andere Parteien wie Linke, SPD oder Grüne beim Generationenwechsel weiter sind als seine CDU, findet Sepp Müller aber nicht – und verweist auf die Grünen, die im Falle einer erneuten Regierungsbeteiligung ab 2021 erneut mit Claudia Dalbert als Ministerin ins Rennen gehen wollen. "Frau Dalbert ist über 60", sagt Müller.

Sepp Müller und seine politischen Ziehväter

Wer mit Sepp Müller über seine Karriere spricht, wird schon zu Beginn des Gesprächs darüber informiert, dass Müllers politische Ziehväter all diese Schritte wohl erst ermöglicht haben. Der damalige Bürgermeister von Gräfenhainichen. Ministerpräsident Haseloff. "Damals wie heute", sagt Müller. "Beide haben mich an die Hand genommen." Er sei von Beginn an gefördert worden, sagt der 31-Jährige. Steine seien ihm nie in den Weg gelegt worden.

Und doch gibt es diese Szenarien natürlich: die Situationen, in denen politischer Nachwuchs bereitstünde – aber daran scheitert, dass der langjährige und alteingesessene Abgeordnete doch noch einmal kandidieren möchte. Sepp Müller weiß das. "Manche fahren nach dem Motto: 'Jugend voran. Bloß nicht auf meinem Platz.'" Das hänge am Ende aber tatsächlich von den handelnden Personen im Kreisverband ab, sagt Müller. Und dann sei da noch die Sache mit dem Loslassen. Wer jahrelang ein Amt innehat und Spaß daran hat, dem fällt genau das automatisch schwer, sagt der junge Abgeordnete.

Wir sind alle Politikjunkies und wollen etwas bewegen. Da fällt es schwer, loszulassen.

Sepp Müller Bundestagsabgeordneter

Man meint es vielleicht gar nicht, aber: Müller selbst kennt das nur zu gut – obwohl er noch so jung ist. Viele Jahre leitete er den Finanzausschuss in Gräfenhainichen – jener Stadt, in der er aufgewachsen ist. 2018 gab er den Posten auf, kurz nach seinem Einzug in den Deutschen Bundestag. Leicht ist ihm das nicht gefallen. Er ist eben ein Politikjunkie.

Doch die CDU will sich ja verjüngen: Anfang Juli hat die Struktur- und Satzungskommission der Partei vorgeschlagen, die Jungen in der Partei zu stärken. Eine "politische Elternzeit" soll es geben – vom Ortsverband bis zum Bundesvorstand –, außerdem einen jungen Vertreter unter 40 in jedem Vorstand ab Kreisebene aufwärts. "Jugendstellvertreter" nennt die Kommission das. Endgültig beschlossen werden müssen die Vorschläge auf einem Parteitag im Dezember dieses Jahres. Doch der Weg ist schon einmal vorgezeichnet.

Ein Mann steht vor einer Geschäftsstelle der CDU in Wolmirstedt und lächelt in die Kamera. 2 min
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Sepp Müller sieht seine Partei ohnehin auf einem guten Weg. Dass Landeschef Holger Stahlknecht die CDU in Sachsen-Anhalt als Mitmachpartei etablieren will, hält Müller für richtig. Dass über Ideen für die Zukunft diskutiert wird, ebenso. Ein Weltraumbahnhof in Sachsen-Anhalt? Warum nicht? Warum nicht einfach mal darüber nachdenken?

Die CDU muss digitaler werden

Doch der 31-Jährige weiß, dass noch Arbeit vor seiner Partei liegt. Die CDU müsse digitaler werden, findet Sepp Müller. Die Zeit, in der es ausschließlich Stammtische gegeben habe, sei vorbei.

Luca Deutschländer
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Über den Autor Luca Deutschländer arbeitet seit Januar 2016 bei MDR SACHSEN-ANHALT – in der Online-Redaktion und im Hörfunk. Seine Schwerpunkte sind Themen aus Politik und Gesellschaft. Bevor er zu MDR SACHSEN-ANHALT kam, hat der gebürtige Hesse bei der Hessischen/Niedersächsischen Allgemeine in Kassel gearbeitet. Während des Journalistik-Studiums in Magdeburg Praktika bei dpa, Hessischem Rundfunk, Süddeutsche.de und dem Kindermagazin "Dein Spiegel". Seine Lieblingsorte in Sachsen-Anhalt sind das Schleinufer in Magdeburg und der Saaleradweg – besonders rund um Naumburg. In seiner Freizeit steht er mit Leidenschaft auf der Theaterbühne.

Quelle: MDR/ld

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 26. Juli 2020 | 12:00 Uhr

1 Kommentar

Maria A. vor 1 Wochen

Man denkt eigentlich, dass politische Jobs super begehrt sind, wenn man im Fernsehen in Talk-Shows beispielsweise viele junge, politisch aktive, Frauen sitzen sieht. Für die Grünen sind die ständig auf Sendung. Gerade da dürfte es an Nachwuchs nicht mangeln, denn wenn manche junge Menschen nicht wissen, was sie eigentlich mal werden wollen, oder es für den Abschluss eines Studiums nicht reicht, suchen die sich gern einen gut bezahlten Job in einer Partei. Natürlich sitzen manche Politiker ewig im Bundestag herum, die Platz machen müssten für füngere. Mir fällt bei den Grünen spontan der Ströbele ein, der endlich aufgehört hatte. Doch auch der Cohn-Bendit dürfte "das Haltbarkeitsdatum überschritten haben", mal satirisch angemerkt.

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