Kaninchenzüchter vs. Tierschützer Zoff ums Kaninchenglück

In Sachsen-Anhalt gibt es mehr als 2.000 Kaninchenzüchter. Tierschützer kritisieren, dass die Tiere in der Zucht nicht artgerecht gehalten werden. Manche sprechen sogar von "Tierquälerei". Die Züchter weisen das zurück und betonen, dass sich bei der artgerechten Haltung schon viel getan hat. Eine Geschichte über Menschen, die Kaninchen lieben – und sich deshalb streiten.

Luca Deutschländer
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

von Luca Deutschländer, MDR SACHSEN-ANHALT

Kaninchen Blümchen
Die Zucht von Kaninchen steht bei Tierschützern in der Kritik. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Abendessen bei den Kaninchen. Mike Hennings läuft mit einer Schale Möhren durch den Stall und öffnet ein Gehege. "Na, Dicker", sagt der 42-Jährige und streichelt einem schneeweißen Rammler über den Kopf. Es dauert nicht lange, da mümmelt und knabbert das Kaninchen an der Möhre herum. So geht das jetzt Gehege für Gehege. Drei Rammler und drei Häsinnen leben hier bei Mike Hennings, zwei Mal am Tag gibt's frisches Futter – so auch an diesem sonnigen Frühlingsabend in Saalfeld, einem kleinen Dorf im Altmarkkreis Salzwedel.

Ein Kaninchen hockt in einem Gehege und knabbert an einer Möhre.
Zum Abendessen gibt es für die Kaninchen von Mike Hennings Möhren und einen Mix aus Pellets, Knabberfutter und Pferdemüsli. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Dort lebt Mike Hennings – ein großer Mann mit ruhiger tiefer Stimme. Mit den Kaninchen umzugehen, sie zu füttern, zu beobachten, für Mike Hennings ist das Entspannung. Was auffällt: Die Kaninchen, die hier leben, haben keine Namen. In der Regel werden sie nämlich nach zwei Jahren geschlachtet. So ist das bei vielen Kaninchenzüchtern. Und Mike Hennings ist Züchter, außerdem ist er Chef des Landesverbands der Kaninchenzüchter in Sachsen-Anhalt. Hennings macht das aus Leidenschaft, er hat das Hobby Kaninchenzucht von Vater und Großvater übernommen.

Züchter wie Mike Hennings stehen in der Kritik

Doch bei aller Tradition: Züchter wie Mike Hennings stehen vor allem bei Tierschützern in der Kritik. Als MDR SACHSEN-ANHALT vor gut zwei Wochen über Kaninchenzüchter in Welbsleben berichtet hat, hat das bei Tierschützern für viel Kritik gesorgt. "Furchtbare Haltung", war unter einem Beitrag bei Facebook zu lesen. "Tierquälerei vom feinsten", schrieb eine Nutzerin. Die Empörung bei Tierschützern war groß. Auch Johanna Bonnekoh kommentierte mit. Kaninchen seien sehr soziale Tiere, schrieb sie. "Wie kann man also behaupten, seine Tiere zu lieben, aber gleichzeitig ihre Bedürfnisse einfach nur komplett ignorieren und sie in Knastzellen alleine dahinvegetieren lassen?", fragte Bonnekoh in Richtung der Züchter.

Hinter der Geschichte

Für einen Beitrag über das Vereinsleben in Sachsen-Anhalt hat MDR SACHSEN-ANHALT vor kurzem einen Kaninchenzuchtverein in Welbsleben im Landkreis Mansfeld-Südharz besucht. Auf der Facebookseite von MDR SACHSEN-ANHALT hat der Fernsehbeitrag für viel Kritik gesorgt. Die Redaktion hat diese Kritik zum Anlass genommen, sich noch einmal mit den Vor- und Nachteilen von Kaninchenzucht auseinanderzusetzen. Bei der Recherche hat es sich schwierig gestaltet, mit weiteren Züchtern ins Gespräch zu kommen. Viele wollen auch wegen der mitunter heftigen Anschuldigungen von Tierschützern nicht vor dem Mikrofon reden.

Porträtaufnahme einer jungen Frau
Tierschützerin Johanna Bonnekoh setzt sich für eine artgerechte Haltung von Kaninchen ein. Bildrechte: Johanna Bonnekoh

Anruf in Dortmund. Dort lebt die Tierschützerin. Sie halte seit 2005 Kaninchen, erzählt die junge Frau am Telefon. Drei sind es im Moment. Flocke, Socke und Barry. Ein Mädchen. Zwei Jungs. "Kaninchen haben ein wahnsinnig tolles Sozialverhalten", schwärmt Bonnekoh. Jedes sei anders. Die Tiere beim Hoppeln, Hüpfen, Schnuppern und Toben zu beobachten – toll, findet sie. Schon als Kind hat Johanna Bonnekoh ihre ersten Erfahrungen mit Kaninchen gemacht. "Ich wollte irgendein Haustier", erzählt sie. Und wie das dann so ist: Der Bekannte eines Bekannten hatte ein Kaninchen abzugeben, Johanna Bonnekoh wurde Kaninchenmama. Sie will das heute nicht mehr missen.

Kaninchenzucht? Davon hält Johanna Bonnekoh nichts

Die junge Frau engagiert sich bei der Initiative "Glückliche Kaninchen". Dort beraten Kaninchenfreunde andere Kaninchenfreunde, geben Tipps für die artgerechte Haltung, treffen sich bei Stammtischen, tauschen sich bei Facebook aus. Sie machen das deutschlandweit, Johanna Bonnekoh ist Mitglied im Team West. Von der Kaninchenzucht hält sie nichts – auch nicht, wenn Züchter immer wieder den Erhalt der Arten beschwören. "Die Tierheime und Pflegestellen sind voll bis übervoll", sagt Bonnekoh. Es brauche nicht noch mehr Kaninchen, die am Ende einsam im Käfig sitzen.

Wer sich Debatten in sozialen Netzwerken wie Facebook ansieht, erlebt eine oft aggressive Stimmung, vor allem von Seiten der Tierschützer. Von fehlender Liebe der Züchter zum Tier ist da die Rede. Man könne doch ein Tier nicht lieben, wenn man es nicht artgerecht halte, lautet ein immer wiederkehrendes Argument. Können Kaninchenzüchter wie Mike Hennings ihre Tiere etwa nicht lieben? "Natürlich hängen Züchter auch an ihren Tieren", sagt Johanna Bonnekoh und schiebt direkt einen Vorwurf hinterher: "Tierliebe wird da sehr egoistisch ausgelebt." Bedeutet? "Es geht nicht darum, wie ich mein Ego bei Ausstellungen aufpolieren kann. Es geht darum, was das Tier braucht."

Zwei Kaninchen sitzen auf einem Teppich und schmusen.
Tierschützerin Johanna Bonnekoh hält selbst Kaninchen – und will Flocke, Socke und Co. nicht mehr missen. Bildrechte: Johanna Bonnekoh

Kaninchenzüchter Mike Hennings schmunzelt kurz, als er mit dieser Aussage konfrontiert wird. "Ganz falsch ist das nicht", sagt er. "Das Ego spielt bei vielen Züchtern schon eine Rolle. Nicht ohne Grund werden die Pokale immer größer und schwerer." Hennings selbst hält davon nach eigenen Worten aber nichts. Urkunden oder Pokale? Bei ihm Fehlanzeige. Stattdessen sieht man im Stall Kaninchen, die allein in ihren Gehegen sitzen. Würde gerade ein Tierschützer hier stehen, es wäre ihm ein Dorn im Auge.

Blick in einen Kaninchenstall mit mehreren Gehegen
In diesem Stall hält Mike Hennings seine drei Häsinnen und drei Rammler. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Denn: Kaninchen allein zu halten mache die Tiere unglücklich, kritisieren Tierschützer und Tiermediziner. "Natürlich sind die Tiere in Laufställen oder im Wohnzimmer besser aufgehoben", räumt Mike Hennings ein. Er betont aber, dass die Gehege hier bei ihm in Saalfeld sich nicht ohne Grund gegenüber stehen. "Dann sehen sich die Kaninchen gegenseitig, sie riechen und hören sich. So werden wir dem Grundanspruch der Kaninchen gerecht." Die Kaninchen zu zweit in einem Gehege zu halten, davon halten Züchter Mike Hennings und sein Kollege Sebastian Bartels wenig. Zwei Rammler zusammen in einem Gehege? Da kommt laut Bartels nicht selten ein gegenseitiges Jagen und Beißen bei heraus, im schlimmsten Fall kastrieren die Tiere sich sogar selbst. "Wir können unsere Tiere nicht kastrieren, wir brauchen sie für die Zucht."

Das Ego spielt bei vielen Züchtern schon eine Rolle. Nicht ohne Grund werden die Pokale immer größer und schwerer.

Mike Hennings, Chef des Landesverbands der Kaninchenzüchter

Beim Zentralverband der Rasse-Kaninchenzüchter gibt es seit nun sechs Jahren außerdem Regeln, wie groß Einzelgehege für Kaninchen mindestens sein müssen. 110 Zentimeter breit. 80 Zentimeter tief. 70 Zentimeter hoch, jedenfalls bei großen Rassen. Das ist etwas weniger als ein Quadratmeter pro Tier – und damit zu wenig, um den Ansprüchen von Tierschützern gerecht zu werden. Die haben sich darauf verständigt, dass einem Kaninchen mindestens zwei Quadratmeter zur Verfügung stehen müssen.

Kaninchenhalter auf dem Dorf ticken anders als in der Stadt

Wer über artgerechte Haltung von Kaninchen spricht, kommt um die Stadt-Land-Debatte nicht herum. Das bestätigt nicht nur Mike Hennings, sondern auch Tierschützerin Anja Schade vom deutschlandweit aktiven Verein Kaninchenschutz. In ländlichen Gegenden würden die Tiere eher gehalten, um sie später zu schlachten, erzählt sie am Telefon. In Städten dagegen gebe es viele Hobbyhalter, die sich Kaninchen für die Wohnung zulegen. Daraus lassen sich auch Unterschiede bei der Haltung der Tiere ableiten: Die kleinen Einzelboxen und Gehege auf dem Dorf, die Kaninchenspielwiese in der Stadt – das ist sehr pauschal, sieht in der Realität aber nicht selten genau so aus.

Porträtaufnahme einer lächelnden Frau
Tierschützerin Anja Schade Bildrechte: Anja Schade

Anja Schade hat beobachtet, dass sich das Bewusstsein vieler Menschen in Sachen artgerechter Haltung verändert hat. Noch in den 1990er Jahren sei vielen gar nicht klar gewesen, dass Kaninchen nicht allein gehalten werden sollten, sondern Artgenossen brauchen. Sich selbst nimmt die Tierschützerin davon gar nicht aus: "Ich habe am Anfang auch Fehler gemacht und in Foren im Internet Hilfe gesucht", erzählt die 47-Jährige. Ihr Wissen will sie jetzt weitergeben. "Kaninchen sind Gruppentiere", sagt die Tierheilpraktikerin. "Das Bewusstsein dafür hat sich stark entwickelt." In der Schweiz zum Beispiel ist es gesetzlich verboten, Kaninchen allein zu halten.

Trotzdem: Es gibt noch genug zu tun, meint sie. "Auch in vielen Zoogeschäften ist das noch nicht angekommen." In den Tierheimen dagegen werde mehr und mehr darauf geachtet, dass Kaninchen nicht allein an neue Halter vermittelt werden. Und trotzdem gibt es sie, die Fälle, in denen Kaninchen nicht ansatzweise artgerecht gehalten werden. Wenn sie abmagern und zu verhungern drohen – dann greifen Anja Schade und ihre Mitstreiter ein und retten Kaninchen.

Wer über Kaninchenzucht und die Haltung der Tiere recherchiert, stellt fest: Zwischen Züchtern auf der einen und Tierschützern auf der anderen Seite liegen Welten. Und das ist beiden Seiten auch bewusst. Tierschützerin Anja Schade etwa sagt, dass da einerseits die Tierschützer und Hobbytierhalter sind, die mit Tierzucht per se nichts anfangen können – und andererseits die Züchter, denen es um den Erhalt der Artenvielfalt und manchmal auch nur ums Schlachten geht. Völlig unterschiedliche Ansichten also. "Und schwierig, da eine Basis zu finden", sagt Anja Schade.

Ich wünsche mir, dass beide Seiten toleranter und respektvoller miteinander umgehen und akzeptieren, dass es verschiedene Sichtweisen gibt.

Tierschützerin Anja Schade, Verein "Kaninchenschutz"
Zwei Männer stehen an einem Tisch und begutachten ein Kaninchen.
Mike Hennings (rechts) und Sebastian Bartels begutachten einen Angora-Rammler. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Mike Hennings, der Chef der Kaninchenzüchter in Sachsen-Anhalt, würde das sofort unterschreiben. Wenn die eine Seite akzeptiert, was die andere macht, wäre viel geholfen, meint er. Hennings sagt, dass er es durchaus als belastend empfindet, wenn Hobbyzüchter wie er von manchem Tierschützer als "Tierquäler" bezeichnet werden. "Da denkt man schon darüber nach, ob wir auf dem richtigen Weg sind. Für unseren Verband weiß ich aber, dass die Stallanlagen gut aussehen und die Tiere gut gehalten werden." So oder so glaubt der Züchter nicht daran, dass die Wogen so schnell zu glätten sind. "Das ist Demokratie, das muss man dann auch aushalten", sagt er und läuft langsam in Richtung Garten.

Das Abendessen ist für heute zu Ende. Schon morgen früh wird Mike Hennings wieder in den Stall gehen und seine Kaninchen füttern. So, wie er das immer macht, 365 Tage im Jahr. So, wie das jeder Kaninchenfreund in seiner Wohnung macht, 365 Tage im Jahr. Wenigstens in diesem Punkt haben Züchter und Tierschützer etwas gemeinsam.

Luca Deutschländer
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über den Autor Luca Deutschländer arbeitet seit Januar 2016 bei MDR SACHSEN-ANHALT – meist in der Online-Redaktion, außerdem für den Hörfunk. Seine Schwerpunkte sind Themen aus Politik und Gesellschaft. Bevor er zu MDR SACHSEN-ANHALT kam, hat der gebürtige Hesse bei der Hessischen/Niedersächsischen Allgemeine in Kassel gearbeitet. Während des Journalistik-Studiums in Magdeburg Praktika bei dpa, Hessischem Rundfunk, Süddeutsche.de und dem Kindermagazin "Dein Spiegel". Seine Lieblingsorte in Sachsen-Anhalt sind das Schleinufer in Magdeburg und der Saaleradweg – besonders rund um Naumburg. In seiner Freizeit steht er mit Leidenschaft auf der Theaterbühne. Kaninchen hat er selbst nie gehalten.

Quelle: MDR/ld

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 14. März 2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 31. März 2019, 18:02 Uhr

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