Umgang mit 30 Jahre Wiedervereinigung "Beim Erinnern an die Wende fehlen im Osten wichtige Stimmen"

Thomas Vorreyer
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Katharina Warda ist in Wernigerode geboren und aufgewachsen. Die Soziologin kritisiert, dass der Rückblick auf die Wiedervereinigung eine rein weiße Geschichte sei – und eine ohne die vielen Wendeverlierer. Auch sei die "friedliche Revolution" keinesfalls friedlich gewesen. MDR Sachsen-Anhalt hat sie getroffen, um mit ihr über ihre Kritik und ihr Projekt "Dunkeldeutschland" zu sprechen.

Wie wird über den Osten gesprochen? Welche Narrative, also Erzählungen, gibt es? Und wie sind diese entstanden? Katharina Warda treiben solche Fragen um. 30 Jahre nach der Wiedervereinigung drängt ihre Beantwortung mehr denn je.

Eine Frau Mitte 30 mit mittellangem lockigen Haar und einer großen Kette sitzt in der Sonne
Katharina Warda beim Treffen in Berlin Bildrechte: MDR/Thomas Vorreyer

Warda, 35, ist Soziologin und Autorin, stammt aus Sachsen-Anhalt. Die erste Frage, das Wie, kann sie für sich schnell beantworten. Zu oft, sagt Warda, werde über den Osten gesprochen, man lasse die Leute nicht selber sprechen. Und wenn doch, kommen trotzdem nicht alle zu Wort. "Mir fehlen kritische ostdeutsche Stimmen", sagt sie. Gerade wenn es um die Erinnerung an die Wendezeit gehe. Dann zählt sie auf: migrantische Stimmen, Stimmen von nicht-weißen Menschen und die Geschichten der Kinder, deren Eltern Wendeverlierer waren.

All diese Menschen gehörten zu Deutschland, auch zu Ostdeutschland, auch zur Wendezeit. Aber, so Warda: "Eine Geschichte über den Osten ist immer eine sehr weiße Geschichte." Und eine, die in Kino, Fernsehen und Presse oft ohne Massenarbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit auskomme, ohne die Abwertungserfahrungen, die so viele Ostdeutsche haben machen müssen. Am Ende der Wendejahre war in Sachsen-Anhalt schließlich mehr als jeder Fünfte arbeitslos.

Überforderung zu Hause, Notenabzug für Dialekt in der Schule

So etwas falle ihr umso mehr auf, weil es auch Teil ihrer eigenen Biografie sei. Dem Interview an ihrem jetzigen Wohnort Berlin hat Warda nur zugestimmt, wenn es im Artikel auch um Strukturen gehe – nicht nur um ihre eigene Geschichte.

Ein Schwarzes Mädchen im Kindergarten-Alter steht Ende der 80er Jahre in einem Garten vor einer grob verputzten Wand und hält grinsend einen Löffel und eine Schale in den Händen, es hat einen Pullunder an und lange, lockige Haare
Katharina Warda als Kind in der DDR Bildrechte: Katharina Warda

Die beginnt 1985. Katharina Warda kommt in Wernigerode auf die Welt. Der Vater, ein Südafrikaner, Mitglied in Mandelas Schwarzem Widerstand, hat die DDR da bereits verlassen. Sie wächst allein unter Weißen auf, gleich neben dem Plattenbauviertel Stadtfeld. Die Mutter und der Stiefvater sind Fabrikarbeiter. 1989 fällt die Mauer, ein Jahr danach ein ganzer Staat. Das Kind spürt die Euphorie der Erwachsenen, nascht sich begeistert durch Angebot neuer, bunter Süßigkeiten. Wieder zwei, drei Jahre später werden die Eltern arbeitslos. Der Stiefvater arbeitet schließlich als Mülllader, säuft, tötet sich irgendwann selbst. Die Mutter findet eine Anstellung als Putzkraft.

Diese Tätigkeiten, sagt Warda, hätten den sozialen Abstieg ihrer Eltern bezeugt. Damals, in den Wendejahren, sei sie mit ihren Erfahrungen allein gelassen worden. Die Eltern waren überfordert. In der Schule im Plattenbauviertel wurde nicht darüber gesprochen. Stattdessen habe es einen förmlichen Drill gegeben, nicht "ostdeutsch" zu sein, erinnert sich Warda an ihre Schulzeit. "Wer Dialekt sprach, bekam Notenabzug im Referat, wir sollten Westdeutsche werden."

Schmerzhaft sei das gewesen, genau so wie das Schweigen über die rassistische Gewalt, die auch Wardas eigenes Leben bedrohte.

"Sorry, aber so friedlich war die Friedliche Revolution nicht, nicht für mich, nicht für sehr, sehr viele andere"

Als Warda das erste Mal Angst um ihr Leben hat, ging sie gerade in die 2. Klasse. Eine Gruppe von Berufsschülerinnen verfolgt Katharina auf ihrem Weg nach Hause. Die Frauen beschimpfen sie, werfen mit Steinen nach ihr. Die bis dahin diffuse Angst wird sehr konkret – und von da an "komplette Normalität", sagt Warda. Sie kann nicht mehr machen, was Kindern eben tun: unbekümmert draußen spielen.

Rund 191.000 Menschen, die in der DDR als Ausländer galten, lebten zum Mauerfall im Osten Deutschlands. Die Erfahrungen, die diese Menschen in den folgenden Jahren machen mussten, sind einer der Gründe, warum sich Warda auch an dem Begriff "Friedliche Revolution" reibt. Die Bundesregierung etwa hat vor einem Jahr die Kommission "30 Jahre Friedliche Revolution und Deutsche Einheit" einberufen. Bei sowas müsse sie einhaken, sagt Warda: "Sorry, aber so friedlich war es nicht, nicht für mich, nicht für sehr, sehr viele andere."

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Katharina Warda besitzt einen Magister in Soziologie und Literaturwissenschaften sowie einen Master in African Studies. Derzeit promoviert sie zum Thema "Tagebücher 2.0. Das Weblog als Literatur intermedialen Erzählens". Seit 2018 arbeitet sie an dem Audio-Projekt "Dunkeldeutschland". Demnächst will sie einen Podcast zum Thema veröffentlichen. Infos dazu folgen auf ihrem Instagram-Account @katharina.warda. Zuletzt hat sie einen Essay im "Journal der Künste" veröffentlicht. Für die Finanzierung des Projekts sammelt sie auch Spenden über PayPal.

Warda verweist auf eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaft. Das hat die Todesfälle aus Verzweiflung, also durch Suizid, Drogen oder Alkohol, unter Männern und Frauen in Ost und West untersucht. 1991, im ersten Jahr der Einheit, war diese Todesrate unter ostdeutschen Männern mehr als dreimal so hoch wie bei westdeutschen. Bis heute haben sich die Raten nicht angeglichen.

"Die Mütter sind depressiv, die Väter trinken sich tot", sagt Warda. "Die ganze Gewalt, die absolut zum Alltag gehörte, existenzielle Ängste und Todesangst – das war auch Teil der Wiedervereinigung. Das kann man nicht einfach verschweigen."

Nach dem Abi 2005 zog Warda für das Studium nach Jena, später nach Schweden und in die USA. Heute lebt sie in Berlin, wo sie an ihrer Promotion arbeitet – und an einem Audio-Projekt namens "Dunkeldeutschland".

Gaucks "Ossi-Bashing" und eine biografische Landkarte namens "Dunkeldeutschland"

Der Name steht für ein klassisches Ost-Narrativ aus dem alten Westen – ein altes Schmähwort erst für die DDR mit ihren reklamelosen, dunklen Gassen und ihre wirtschaftliche Rückständigkeit, dann für den Wende-Osten. Der damalige Bundespräsident Gauck wiederum benutzte das Wort 2015, kurz nachdem Hunderte Menschen im sächsischen Heidenau Geflüchtete und eine Notunterkunft attackiert hatten.

"Gewollt oder nicht, Gauck ist da in das Ossi-Bashing zurückgefallen", sagt Warda. Um Rassismus und rechte Gewalt anzuprangern, habe er einem Deutschland der Täter, dem Dunkeldeutschland, ein helles Deutschland des bürgerschaftlichen Engagements gegenübergestellt: den Westen eben. Ein Schlag ins Gesicht sei das gewesen, einer der zeige, wie über den Osten gesprochen werde und wie dabei auch bekannte Narrative verhandelt werden. Unbestritten gebe es im Osten viele rechte Gewalttaten.  "Rassismus und rechte Gewalt sind aber ein gesamtdeutsches Problem", sagt Warda. "Wer es einfach nur in den Osten schiebt, löst es in keinster Weise."

Für "Dunkeldeutschland" hat sie mit dem Schulleiter der damaligen "Problemschule" von Wernigerode gesprochen, mit dem ehemaligen Sozialdezernenten der Stadt und mit Mitgliedern der Punk Clique, der sie als Jugendliche angehörte. Aus diesen Lebensgeschichten soll am Ende eine "biografische Landkarte" werden, so nennt Warda das.

Eine ihrer Protagonistinnen erzählt davon, wie der Wernigeröder Jugendclub "KuBa" von Neonazis zerstört wurde. Mit Äxten und Messern attackierten sie das Haus, in dem sich mehrere Jugendliche befanden. Die Frau war damals 14 und habe sich in dem Moment komplett von ihrem Leben verabschiedet. In der Schule war das allerdings einmal mehr kein Thema. Schlimmer noch: Ihre Schilderungen wurden angezweifelt. Später spricht sie mit Warda über ihre Teenager-Schwangerschaft.

"Das Wernigerode, das man kennt, ist nicht Schauplatz meiner Erzählung ist", sagt Warda. "Ich komme vom Plattenbau-Wernigerode. Da ist die Peripherie und war damals der geballte Abfuck."

Eine junge Frau in Trainingsklamotten leckt die Wange an einer zweiten jungen Frau ab, die eine lustige Perücke trägt
Katharina Warda (r.) mit einer Jugendfreundin Bildrechte: Katharina Warda/privat

Ich komme vom Plattenbau-Wernigerode. Da ist die Peripherie und war damals der geballte Abfuck.

Wernigerode war jahrzehntelang ein Zentrum von Neonazis im Osten, als grenznahe Stadt ab 1989 schnell umkämpft durch Rechte und Linke aus dem Westen. Mittlerweile ist die Altstadt hübsch saniert, die Immobilienpreise im Schnitt so hoch wie nirgendwo sonst in Sachsen-Anhalt.

Wenn sie heute durch die alte Plattenbausiedlung laufe, habe sie zumindest keine Angst mehr, zusammengeschlagen zu werden, sagt Warda. Wirklich gesprochen über das, was damals passiert ist, werde aber weiterhin nicht. Doch wenn immer nur verschwiegen werde, wenn manche Menschen nie zu Wort kommen, dann führe das nur zur neuen Problemen, sagt Warda, dann werden Traumata nicht aufgearbeitet. Die politische Entwicklung der letzten Jahre im Osten scheint ihr da Recht zu geben.

Einen positiven Trend will Warda zumindest erkannt haben. In den letzten zwei, drei Jahren hätten kritische ostdeutsche Stimmen mehr Gehör in den Medien gefunden. Aber da könne noch viel mehr passieren.

Sie selbst will mit ihrer Arbeit dazu beitragen: "Ich will eine neue Art der Geschichtsschreibung. Das kollektive Gedächtnis muss sich auch anderen Geschichten öffnen."

Thomas Vorreyer
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Über den Autor Thomas Vorreyer arbeitet seit Herbst 2020 für die Online-Redaktion von MDR SACHSEN-ANHALT. Seine Schwerpunkte sind Politik, Gesellschaft und investigative Recherchen. Er ist in der Börde und in Magdeburg aufgewachsen, begann anschließend ein Politikstudium in Berlin.

Zuletzt hat er als Redakteur und Reporter beim Online-Magazin VICE.com gearbeitet. In Sachsen-Anhalt ist er am liebsten an Elbe, Havel oder Bode unterwegs.

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Quelle: MDR/tv

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Generation Umbruch - Auf den Spuren der Wendekinder | 03. Oktober 2020 | 18:05 Uhr

21 Kommentare

Mediator vor 3 Wochen

Die Rentner hat man ja dann später aus dem sozialistischen Paradies ausreisen lassen. Schließlich konnten sie nicht mehr arbeiten und belasteten den Staat.

Ohne die Wiedervereinigung wären weitere Millionen fähige Menschen aus dem Osten abgehauen. Es waren ja trotz ausgemachter Wiedervereinigung pro Woche teilweise über 10000 Menschen die gingen.

Hans Frieder leistner vor 3 Wochen

Wie schnell doch die Menschen Tatsachen vergessen. Warum wurde denn die Mauer gebaut? Da liefen doch täglich bis zu 1000 Menschen weg nach Westdeutschland. Die DDR wäre zu der Zeit schon schnell wirtschaftlich am Ende gewesen. Es gingen ja nicht die Rentner sondern die Menschen, die fähig und willig waren die Wirtschaft aufzubauen.

HUK vor 3 Wochen

Mediator, richtig, etwas Stereotyp, auch die Landwirtschaft lag am Boden und wie sie richtig bemerken, Wälder,Felder, Grundstücke, da fehlte nur Bares, auch der alte Ostblock kam Jahr für Jahr mit Zuwächsen daher,Öl, Gas, Holz oder Kohle, Schwefel und Erze kamen weiter und mussten bezahlt werden, so naiv und doch so fleißig mit der Feder.

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