An alle Demokraten Rassismus, Nazi-Bier und Morddrohungen: Jetzt müssen wir laut werden

Die Woche begann mit einer rassistischen Büttenrede beim Karneval, endete mit dem Verkauf von Bier mit Nazi-Symbolen und gipfelte in einer Morddrohung gegen den halleschen Bundestagsabgeordneten Karamba Diaby. MDR SACHSEN-ANHALT-Redakteur Luca Deutschländer lebt seit 2013 in Sachsen-Anhalt und meint nach dieser Woche: So darf es nicht weitergehen. Ein Kommentar.

Luca Deutschländer
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von Luca Deutschländer, MDR SACHSEN-ANHALT

Teilnehmer einer Demonstration von Halle gegen Rechts - Bündnis für Zivilcourage kommen zu einer Kundgebung vor dem Kiez Döner zusammen. Das Bündnis Halle gegen Rechts hatte zu einer Demonstration aufgerufen
Auf die Straße gehen, gegenhalten bei Hass im Internet und am Stammtisch: Nach den Vorfällen dieser Woche ist Zivilcourage gefragt. (Archivbild einer Demonstration nach dem Anschlag in Halle) Bildrechte: dpa

Am Ende dieser Woche sollten wir alle noch einmal zurückblicken und uns fragen: Darf es so weitergehen? Die Antwort auf diese Frage darf nur eine sein: Nein. Denn wenn diese Woche eines wieder sehr deutlich gezeigt hat, dann das: Sachsen-Anhalt hat ein Problem mit Rassismus und mit Rechtsextremismus. Offenbar sogar ein ziemlich großes Problem. Hinnehmen sollte das niemand mehr.

Blicken wir also noch einmal zurück: Am Montag dieser Woche berichtet die Volksstimme über eine in Teilen rassistische Büttenrede beim Karneval in Süplingen in der Börde. Dort fiel voriges Wochenende das N-Wort, außerdem eine Reihe abfälliger Äußerungen über Asylbewerber.

Morddrohungen gegen Politiker

Zwei Tage später findet die SPD-Kommunalpolitikerin Katharina Zacharias eine Zeichnung in ihrem Briefkasten. Darauf zu sehen: Eine Frau, die am Galgen hängt. Gezeichnet wie von einem Kind, aber mit sehr deutlicher Botschaft. Noch am selben Tag wird der Bundestagsabgeordnete Karamba Diaby aus Halle – ebenfalls SPD – mit dem Tode bedroht. Unbekannte Rechtsextremisten verschicken eine E-Mail, in der Diaby dasselbe Schicksal angedroht wird wie dem CDU-Politiker Walter Lübcke. Der war vorigen Sommer auf seiner Terrasse getötet worden. Mit einem Kopfschuss. Offenbar von einem Rechtsextremisten. In der Woche davor war auf Diabys Büro in Halle geschossen worden.

Karamba Diaby, Eine Demonstration und Luftschlangen 61 min
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Dazu tauchen am Freitag Bilder eines Getränkemarktes in Bad Bibra auf, der Bier mit dem Namen "Deutsches Reichsbräu" verkauft. Für 18,88 Euro den Kasten. Das lässt keinen Zweifel an Nazi-Symbolik. Man kann Götz Ulrich, dem Landrat des Burgenlandkreises, nur beipflichten, wenn der betont, wie sehr er sich schäme – für den Verkäufer dieses Bieres, aber auch für all jene, die es gekauft haben. Das "Deutsche Reichsbräu" war innerhalb weniger Tage ausverkauft. Das spricht für große Geschichtsvergessenheit.

Fünf Tage voller Hass: So darf es nicht weitergehen

All das ist innerhalb von wenigen Tagen passiert. Um genau zu sein, waren es fünf Tage. Fünf Tage voller Fremdenhass. Es spielt vor diesem Hintergrund eine untergeordnete Rolle, dass über die Hintergründe, mögliche Zusammenhänge und die Täter noch nicht allzu viel bekannt ist.

Schon jetzt nämlich lässt sich bilanzieren: So darf es nicht weitergehen. Alle Demokraten in dieser Gesellschaft dürfen das nicht länger hinnehmen. Es mag nach Phrasen-Dreschen klingen, doch die Grenze ist überschritten. Schon richtig, die Grenze wurde schon oft überschritten. Schon oft haben einige von uns gesagt, dass es so nicht weitergehen darf. Viel zu oft hält das allerdings nicht allzu lange an, dafür sind wir als Gesellschaft zu bequem. Damit muss Schluss sein.

Schweigende Mehrheit muss jetzt laut werden

Wir müssen nun laut sein. Und "wir" schließt alle Demokraten ein. Gemeinsam müssen wir zeigen, dass es uns nicht egal ist, wenn Grenzen überschritten werden. Wir müssen uns einmischen in Diskussionen – am Stammtisch wie in den sozialen Netzwerken.

Wir dürfen den Rassisten und den Geschichtsvergessenen nicht länger den Eindruck lassen, dass ihr Tun auch nur ansatzweise mehrheitsfähig wäre. Daran müssen wir wieder und wieder erinnern – auch, wenn seit dem antisemitischen Anschlag von Halle erst wenige Monate vergangen sind.

Zivilcourage zeigen

Wir sollten auf die Straße gehen. Wir sollten klar machen – laut und in aller Deutlichkeit – dass wir nicht in einer Gesellschaft leben wollen, in der Politiker bedroht werden und in der Nazi-Bier verkauft wird. Wir alle sollten öffentlich sagen, dass das abartig ist. Was wir nicht brauchen, ist linker Krawall wie am Wochenende in Leipzig.

Wir sollten Hetze in den sozialen Netzwerken noch öfter zur Anzeige bringen. Das erfordert Mut. Und viel zu oft haben wir gedacht – den Autor dieser Zeilen eingeschlossen – dass die anderen es schon richten werden. Dass sich schon genügend Leute finden, die in den sozialen Netzwerken widersprechen. Von dieser Illusion müssen wir uns verabschieden. Stattdessen müssen wir selbst uns einmischen. Es darf so nicht weitergehen.

Eine Tastatur mit einem Paragrafen-Zeichen, die langsam zu Pixeln werden.
Viele Menschen wissen nicht, wo online die Grenzen zur Strafbarkeit liegen. Bildrechte: MDR/Collage/Pixabay

Gegen alltäglichen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit aufstehen

Dass in einigen der oben genannten Fälle erste Konsequenzen gezogen worden sind, ist richtig und wichtig. Es ist richtig, dass der Büttenredner von Süplingen aus dem Narrenbund ausgetreten ist. Genauso ist richtig, dass Büttenreden in dem Börde-Ort künftig zur Abnahme vorgelegt werden müssen. Es ist zugleich aber schade für all die Menschen, die sich mit Hingabe und Leidenschaft ihrem Ehrenamt widmen. Doch die Erfahrungen der vergangenen Monate zeigen: Anders scheint es nicht mehr zu funktionieren.

Es ist deshalb ein guter Anfang, dass am Wochenende allein in Salzwedel rund 1.200 Menschen gegen den Auftritt der AfD-Rechtsaußen Höcke und Kalbitz demonstriert haben. Wir sollten künftig – im Alltag, in unserem Umfeld – genau so laut sein, wenn Rassisten und Fremdenfeinde ihre kruden Thesen verbreiten.

Luca Deutschländer
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über den Autor Luca Deutschländer arbeitet seit Januar 2016 bei MDR SACHSEN-ANHALT – in der Online-Redaktion und im Hörfunk. Seine Schwerpunkte sind Themen aus Politik und Gesellschaft. Bevor er zu MDR SACHSEN-ANHALT kam, hat der gebürtige Hesse bei der Hessischen/Niedersächsischen Allgemeine in Kassel gearbeitet. Während des Journalistik-Studiums in Magdeburg Praktika bei dpa, Hessischem Rundfunk, Süddeutsche.de und dem Kindermagazin "Dein Spiegel". Seine Lieblingsorte in Sachsen-Anhalt sind das Schleinufer in Magdeburg und der Saaleradweg - besonders rund um Naumburg. In seiner Freizeit steht er mit Leidenschaft auf der Theaterbühne.

Quelle: MDR/mh

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 23. Januar 2020 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 26. Januar 2020, 16:39 Uhr

40 Kommentare

SGDHarzer66 vor 9 Wochen

Der "tagesschaugeschwängerte" BRD-Bürger und seine Regierung sind in der Welt beliebt, wenn sie sich devot verhalten, Geldgeschenke an aller Herren Länder verteilen, steuersubventionierte U-Boote verschenken und sich über die Bonpflicht "ernsthafte" Gedanken macht. Dies ist nur eine kleine Auswahl - also warum sollte er gerade jetzt laut werden?
Guten Tag im Land der Berufsempörten.

Der Matthias vor 9 Wochen

@ Bernd L.

"Für den MDR fehlt die inhaltliche Substanz, nur vage Vorwürfe"

Da der Autor ganz konkrete Beispiele genannt hat, kann man wohl kaum von "vage" sprechen! Ihr Vorwurf ist insofern schlicht absurd und ungerechtfertigt! Dabei hätte sich die Liste der rechtsextremistischen Vorfälle, die er aufgezählt hat, sogar noch beliebig verlängern lassen. Das waren gerade mal die aus nur einer Woche, was erschreckend genug ist.

MDR-Team vor 9 Wochen

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