Wegweiser zum Arzt
Landarzt dringend gesucht – fast überall in Sachsen-Anhalt. Bildrechte: imago/JOKER

Fehlender Nachwuchs Wie Sachsen-Anhalt junge Mediziner aufs Land locken will

Der Altmarkkreis Salzwedel ist eine der Regionen mit der dünnsten Arztdichte in Deutschland. Das Problem wird sich verschärfen, denn viele Mediziner stehen kurz vor der Rente oder sind eigentlich schon im Ruhestandsalter. Doch es gibt Maßnahmen, um den Landarztberuf attraktiver zu machen.

Christine Warnecke
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von Christine Warnecke, MDR SACHSEN-ANHALT

Wegweiser zum Arzt
Landarzt dringend gesucht – fast überall in Sachsen-Anhalt. Bildrechte: imago/JOKER

Karin Urban zuckt hilflos die Achseln. Die Internistin aus Bernburg wollte eigentlich schon vor drei Jahren in Rente gehen – doch sie fand bis heute keinen Nachfolger für ihre Praxis. "Einige Interessenten waren schon da, eine junge Frau hatte sogar schon mit der Bank über den Kredit verhandelt – sie bekam dann aber das Angebot, als Oberärztin in einer Klinik anzufangen. Da war das auch geplatzt." Dabei wäre der Einstieg einfach, die Praxis sei barrierefrei, Kita und Versorgungsmöglichkeiten seien in der Nähe, meint Urban. Trotzdem findet sich über die Praxisbörse der Kassenärztlichen Vereinigung kein Nachfolger.

"Ein hausgemachtes Problem", meint Urban. "Die Politik hat das Thema jahrelang vernachlässigt, die Honorare waren knapp ... das hat sich gebessert, aber auch die Ansprüche der Absolventen haben sich verändert." Selbständiger Arzt zu sein, das bedeutet finanzielles Risiko, viel Bürokratie und etliche Überstunden. "Da klingen Medizinische Versorgungszentren mit festen Arbeitszeiten, in Anstellung, ohne Abrechnungen schreiben zu müssen, für viele deutlich attraktiver", meint Urban. Im nächsten Sommer will sie definitiv aufhören, mit oder ohne Nachfolger.

Dutzende freie Planstellen

Karin Urban ist kein Einzelfall, jeder sechste Mediziner in Sachsen-Anhalt ist bereits älter als 65 Jahre, viele suchen noch Nachfolger. 150 Hausärzte könnten sich praktisch sofort in Sachsen-Anhalt niederlassen, erklärt Burkhard John, Vorstandvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Sachsen-Anhalt. "Bis auf in Magdeburg und Halle ist praktisch überall Bedarf, in Wernigerode zum Beispiel fehlen zehn Ärzte." Und laut der neuen Bedarfsplanung des zuständigen Bundesausschusses könnte Sachsen-Anhalt demnächst noch einmal 100 Ärzte mehr zulassen – "die wir auch nicht haben", sagt John, "und die, die da sind, müssen die Arbeit mitmachen."

Stipendien zunehmend nachgefragt

Schon vor 15 Jahren fing die KV deshalb an, Maßnahmen zu ergreifen: eine bessere Vergütung in bestimmten Bereichen, intensive Niederlassungsberatung, seit 2010 auch Stipendien. Bis zu 800 Euro pro Monat können Medizin-Studenten bekommen, wenn sie sich verpflichten, nach dem Studium für wenigstens zwei Jahre in einer ländlichen Region zu praktizieren. Das Interesse daran wuchs mit der Zeit: Meldeten sich zuerst nur 13 Stipendiaten, waren es 2015 schon 63 Mediziner und im Jahr 2019 bereits 105.

Ein Medizinstudent hält in der Charité in Berlin ein Stethoskop in der Hand.
Landarzt: nur im Fernsehen ein Traumberuf Bildrechte: dpa

An der Medizinischen Fakultät der Martin Luther-Universität Halle gibt es seit 2011 eine "Klasse Allgemeinmedizin". Sie beinhaltet spezielle Seminare, in denen die Studenten gezielt auf den Hausarzt-Beruf vorbereitet werden, begleitet von einem Mentor, der selbst Hausarzt ist. Ab dem kommenden Wintersemester will auch die Medizinischen Fakultät der Otto von Guericke-Universität Magdeburg ein solches Angebot machen. Das alles werde Wirkung zeigen, aber eben nicht sofort, meint John. Eine komplette Arzt-Ausbildung dauere 12 bis 15 Jahre. "Wir müssen uns drauf einstellen, dass wir da eine Lücke bekommen", resümiert John, "wir werden das nicht ausgleichen können, auch nicht mit all den Programmen, die wir angeschoben haben." Bis 2032 werden circa 260 Hausärzte in Sachsen-Anhalt fehlen.

Landarzt-Gesetz soll Mangel lindern

Auch die Politik hat das Problem erkannt, sagt Sachsen-Anhalts Sozial- und Arbeitsministerin Petra Grimm-Benne. Möglichst bis Ende September soll ein Landarzt-Gesetz verabschiedet werden. Das sieht vor, dass die Universitätskliniken Magdeburg und Halle fünf Prozent der Medizin-Studienplätze, also insgesamt 20 der 400 Plätze, speziell für angehende Landärzte vorhalten müssen. So sollen auch Interessenten zum Zuge kommen, die kein 1,0-Abitur haben, aber bereits medizinische Vorerfahrung, etwa als Rettungssanitäterin oder Krankenpfleger.

Sozialministerin Petra Grimm Benne (SPD,Sachsen Anhalt) - Landtagssitzung im Landtag von Sachsen Anhalt
"Die Quote ist kein Allheilmittel", sagt Sozialministerin Petra Grimm-Benne. Bildrechte: IMAGO

"Manche sagen, das sei zu wenig", erklärt Grimm-Benne, "aber es ist ein Baustein, wo wir als Land auch neue rechtliche Wege gehen." Medizin-Studienplätze werden in Deutschland zentral vergeben. Jeweils 20 Prozent der Plätze können die Bundesländer aber selbst vergeben, etwa an ausländische Studierende oder Bundeswehr-Soldaten. In Sachsen-Anhalt liege diese Quote bereits bei 12,4 Prozent, erklärt Grimm-Benne. "Nun wird diskutiert, ob wir die verbleibenden 7,6 Prozent voll ausschöpfen, oder fünf Prozent nutzen und noch einen Puffer, etwa für den öffentlichen Gesundheitsdienst, lassen. Ein Allheilmittel ist das auch nicht - aber es soll den Mangel etwas reduzieren."

Manch eine Kommune geht indes eigene Wege. Osterburg in der Altmark etwa bietet seit 2016 bis zu drei Stipendiaten Fördermöglichkeiten, Staßfurt bezahlt einem Stipendiaten 500 Euro pro Monat und hilft bei der Praxissuche. Auch der Altmarkkreis Salzwedel will ein Stipendium aufbauen. Für solch kleine Orte seien schon das Kraftakte – aber dringend notwendig.

Christine Warnecke
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Die Autorin: Christine Warnecke Christine Warnecke ist gebürtige Niedersächsin und arbeitet seit September 2017 bei MDR SACHSEN-ANHALT für die Radio- und Online-Redaktion, insbesondere das Studio Magdeburg. Davor hat sie in Praktika bei der Bild-Zeitung Hannover, bei Radio mephisto 97.6 und der Zeitung "Costa del Sol"-Nachrichten in Spanien Erfahrung gesammelt. Sie studierte Journalistik an der Universität Leipzig und volontierte bei der Neuen Westfälischen Zeitung in Bielefeld. Nach diesem Abstecher in den Teutoburger Wald fühlt sie sich nun fast überall nahe der elbischen Fluten wohl.

Quelle: MDR/ap

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 16. September 2019 | 11:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. September 2019, 13:43 Uhr

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