Zukunft in der Praxis Was junge Mediziner reizt, abseits der Großstädte zu praktizieren

Sachsen-Anhalt sucht dringend Hausärzte, die sich abseits der Großstädte Halle und Magdeburg niederlassen. Stipendien sollen Anreize geben – doch wirken sie? Zwei junge Ärzte erzählen, wie sie ihre Zukunft sehen.

Christine Warnecke
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

von Christine Warnecke, MDR SACHSEN-ANHALT


Das Telefon klingelt, gleichzeitig klopft die Tochter, die von der Schule zurück ist, an der Tür des Behandlungszimmers und der Bruder wartet schon darauf, aus dem Kindergarten abgeholt zu werden. Das alles ist Alltag für Ingrid Grüßner. Sie ist nicht nur Ärztin, sondern auch dreifache Mutter und wirkt trotz allem nicht gestresst. Für sie ist Hausärztin ein Traumberuf: "Ich mag es sehr, zu organisieren und den Überblick über alles zu haben. Da ist Allgemeinmedizin ideal: von allem etwas zu wissen und den Patienten über längere Zeit zu betreuen, also mehr, als nur ein paar Tage im Krankenhaus."

Eine Frau sitzt an einem Schreibtisch
Ingrid Grüßner in Oschersleben: Traumberuf Hausärztin Bildrechte: MDR/Christine Warnecke

Sie sitzt in einem hellen Raum in einem hübschen Altbau mit hohen Decken, mitten in Oschersleben. Hier hat Ingrid Grüßner ihren Platz gefunden: in einem Team von insgesamt sechs Ärzten, die füreinander auch Urlaubsvertretung machen und sich bei Unsicherheiten gegenseitig zur Verfügung stehen. "Die Erfahrung der älteren Kollegen zu haben, sie bei Bedarf fragen zu können, das ist für mich Gold wert." Medizinische Versorgungszentren könnten aus ihrer Sicht eine gute Lösung sein, dass Landärzte nicht zu Einzelkämpfern werden. "Manchem liegt das aber auch", betont Grüßner.

Stipendium als Anreiz – aber nicht alleiniger Grund

Auch weil sie selbst aus Oschersleben stammt, war die Entscheidung, hier Ärztin zu werden, für sie nicht schwer. Dafür bekam sie von der Kassenärztlichen Vereinigung ein Stipendium. "Bei mir hat das gut gepasst". Allein des Geldes wegen sollten junge Leute sich aber nicht abseits der großen Städte niederlassen, meint Grüßner, "wer eigentlich Chirurg ist, wird dann unglücklich. Aber wenn man sich das vorstellen kann, ist das Stipendium ein guter Anreiz".

Seit 2010 bietet die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen-Anhalt Stipendien für die Medizinstudenten, die sich verpflichten, für mindestens zwei Jahre in ländlicheren Regionen zu praktizieren. Das Interesse stieg von 13 Stipendiaten im ersten Jahr stetig auf aktuell 105 angehende Ärzte. Sie bekommen je nach Studienjahr zwischen 200 und 800 Euro monatlich.

Die Arbeitslast wird steigen

Die Auswirkungen des Ärztemangels spürt Ingrid Grüßner bereits. "In Oschersleben haben wir zwar noch eine relativ gute Versorgung mit Hausärzten, aber wenn jetzt noch zwei oder drei Kollegen in den Ruhestand gehen, dann wird es sehr viel für uns Übrige." Eine Patientin komme extra aus dem niedersächsischen Schöningen zu ihr, weil sie in ihrer Umgebung keinen Hausarzt fand, der sie langfristig betreuen würde. Natürlich werde die Arbeitsbelastung steigen, meint Grüßner. "Aber mehr als arbeiten können wir nicht. Wir müssen schauen, dass der Patient nicht leidet - auch wenn noch 20 andere im Wartezimmer sitzen."

Image des Hausarztes verbessern

Ein Mann in einem blauen T-Shirt
Ihn zieht es als Arzt zurück aufs Land: Johannes Gilbrich Bildrechte: Johannes Gilbrich

Auch Johannes Gilbrich profitiert von dem Stipendium. Der 32-Jährige hat gerade sein Studium in Magdeburg beendet und möchte auf lange Sicht wieder in die Altmark ziehen, seinen Facharzt absolviert er derzeit in Stendal. "Das Hausarzt-Sein ist schöner, als es oft dargestellt wird", ist er überzeugt. "Aber in manchen Uni-Seminaren kommt das absolut nicht bei den Studenten an, da kann einem die Lust schon vergehen." Erst, als seine Kommilitonen praktische Erfahrungen in Kliniken machten, erschien ihnen der Hausarzt-Beruf plötzlich attraktiver, "weil man selbstbestimmter arbeiten kann und nicht die Schichtdienste hat. Und man kennt natürlich seine Patienten ganz anders, wenn man im selben Dorf lebt, es ist eine andere Ebene der Kommunikation".

Um Medizin zu studieren, hat er sechseinhalb Jahre gewartet, machte zunächst eine Ausbildung zum Rettungssanitäter. Er ist das Paradebeispiel, wie das neue Landarzt-Gesetz, das demnächst im Landtag beschlossen werden soll, wirken könnte: Die Universitäten Halle und Magdeburg werden dadurch verpflichtet, fünf Prozent, also 20 ihrer insgesamt 400 Studienplätze, für künftige Landärzte vorzuhalten. Für sie soll nicht nur die Abiturnote Ausschlag gebend sein, sondern auch medizinische Vorerfahrung – wie bei Johannes Gilbrich.

Für ihn kommt das Gesetz jedoch ein wenig zu spät. Denn er wusste von Anfang an, dass er auch als Arzt auf dem Land leben möchte. Das jedoch auch nur, weil er von dort kommt. Seine Familie und viele Freunde sind noch in Klietz, das sei ein wichtiges Argument. "Jemand, der zum Beispiel aus Nordrhein-Westfalen zum Studium nach Magdeburg kommt, der wird keinen Anreiz haben, in die Altmark oder in ein anderes ländliches Gebiet zu gehen. Man sollte gezielt Studenten vom Land ansprechen, weil es bei ihnen am wahrscheinlichsten ist, dass sie wieder zurückgehen."

Christine Warnecke
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Die Autorin: Christine Warnecke Christine Warnecke ist gebürtige Niedersächsin und arbeitet seit September 2017 bei MDR SACHSEN-ANHALT für die Radio- und Online-Redaktion, insbesondere das Studio Magdeburg. Davor hat sie in Praktika bei der Bild-Zeitung Hannover, bei Radio mephisto 97.6 und der Zeitung "Costa del Sol"-Nachrichten in Spanien Erfahrung gesammelt. Sie studierte Journalistik an der Universität Leipzig und volontierte bei der Neuen Westfälischen Zeitung in Bielefeld. Nach diesem Abstecher in den Teutoburger Wald fühlt sie sich nun fast überall nahe der elbischen Fluten wohl.

Quelle: MDR/ap

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 16. September 2019 | 11:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. September 2019, 19:11 Uhr

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