Kritik von Lehrergewerkschaft "Angewidert": AfD will gewalttätige Schüler in "Spezialanstalt" unterbringen

Wenn Schüler ihren Lehrern gegenüber gewalttätig werden, ist eine Grenze überschritten. In dieser Frage herrscht Einigkeit im Landtag von Sachsen-Anhalt. Wie aber sollte mit gewaltbereiten Schülerinnen und Schülern umgegangen werden? Extremfälle sollen in einer "Spezialanstalt" untergebracht werden, schlägt die AfD vor und erntet große Empörung. Doch am Ende der Debatte erreicht die AfD mit ihrem Antrag mehr, als so manchem Abgeordneten lieb ist.

Luca Deutschländer
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von Luca Deutschländer, MDR SACHSEN-ANHALT

Zwei Schüler prügeln sich auf dem Schulhof
Gewalt in der Schule?! Die AfD will, dass schwer erziehbare Schülerinnen und Schüler in einer "Spezialanstalt" untergebracht werden – sorgte im Landtag aber damit für Empörung. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

"Rohrstockpädagogik". "Ausgrenzende autoritäre Fantasien". "Angewidert.": Wenn im Landtag von Sachsen-Anhalt Begriffe wie diese fallen, dann bedeutet das in der Regel, dass ein Antrag – das Thema sei erst einmal dahingestellt – abgelehnt wird. Nur gilt auch hier: keine Regel ohne Ausnahme. Am Freitag nämlich erreichte die AfD mit ihrem Antrag, gewaltbereite Schülerinnen und Schüler "in die Schranken" zu weisen, mehr, als so manchem Parlamentarier nach der Debatte lieb gewesen ist. Stichwort: "Angewidert."

Hans-Thomas Tillschneider (AfD) im Landtag
Hans-Thomas Tillschneider, AfD Bildrechte: imago images / Christian Schroedter

Ihr Antrag wurde in den Ausschuss für Bildung überwiesen, ist formal also weder abgelehnt noch grundsätzlich vom Tisch. Vielen Abgeordneten im Landtag gefällt das ganz und gar nicht. Sie hätten sich gewünscht, dass der Antrag abgelehnt wird. Stattdessen werden die Abgeordneten sich über das austauschen, was Hans-Thomas Tillschneider und seine Kollegen da in Worte gegossen haben. Tillschneider ist bildungspolitischer Sprecher der AfD-Fraktion – und bekannt dafür, seine Meinung recht unverblümt kundzutun. So auch am Freitag.

Tillschneider sprach da von einer "Verweichlichung" und einer "weinerlichen Gesellschaft", in der körperliche Auseinandersetzungen tabuisiert würden. Und er sprach davon, dass gegen gewaltbereite Schüler härter und schneller durchgegriffen werden müsse. Tillschneider berichtete von einer "hohen Dunkelziffer", als es um gewaltbereite Kinder und Jugendliche an den Schulen im Land ging, ein anderes Mal sprach er von der "Spitze des Eisbergs". Diese Spitze des Eisbergs ist nach Ansicht der AfD ein Fall aus Bad Lauchstädt im Saalekreis.

Bad Lauchstädt: Gewaltbereite Brüder sorgen für Ärger im Hort

Rückblick: Anfang August berichtet die Mitteldeutsche Zeitung von zwei aggressiven Brüdern, die – so der Wortlaut – den Hort einer Grundschule in Bad Lauchstädt "drangsalieren". Bad Lauchstädts Bürgermeister Christian Runkel (CDU) erzählt in dem Bericht, dass ein Hortbetreuer von den Brüdern aus der ersten und dritten Klasse so stark geschlagen worden sei, dass er Hämatome am Oberkörper davon getragen habe. Auch Schüler seien mehrfach von den Jungs angegriffen worden.

Dieser Vorfall ist also der Anlass für den Antrag der AfD.

Historische Kuranlagen von Bad Lauchstädt
Blick über Bad Lauchstädt: Hier wurde ein Hortbetreuer von zwei aggressiven Brüdern angegriffen. Bildrechte: imago images / Steffen Schellhorn

Doch es lohnt sich, auch jetzt noch einmal auf den Fall zu blicken: Denn einige Wochen später ist die Lage in Bad Lauchstädt eine andere. Der jüngere der beiden Brüder darf den Hort nicht mehr besuchen. Der Vertrag mit ihm sei außerordentlich gekündigt worden, sagt Bürgermeister Runkel im Gespräch mit MDR SACHSEN-ANHALT. Einen anderen Weg haben er und die Stadtverwaltung als Träger des Horts nicht mehr gesehen – zumal die Probleme auch nach den Sommerferien wieder aufgetreten waren. Bürgermeister Runkel: "Der ältere Bruder besucht auch weiterhin gelegentlich den Hort, Probleme gibt es nicht mehr."

In der Grundschule seien beide Jungs ohnehin gut integriert, Probleme seien dort nie aufgetreten, betont der Rathauschef. Von Gewalt gegen Lehrer oder Mitschüler ganz zu schweigen. Dem bildungspolitischen Sprecher der AfD im Landtag reicht das nicht. Er kritisiert, dass die anderen Kinder in Bad Lauchstädt "wochenlang leiden gelassen" wurden. Und: "Wer so verkommen ist, dass er die Hand gegen Lehrer erhebt, wird nicht für salbungsvolle Methoden eines Schulsozialarbeiters empfänglich sein."

Ein Schild weist auf die Geschäftsstelle der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Magdeburg hin.
Die GEW kümmert sich unter anderem um die Belange von Lehrerinnen und Lehrern. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Eva Gerth sieht das anders. Sie sitzt am Freitagmorgen in ihrem Büro in Magdeburg, einige Fußminuten vom Landtag entfernt. Gerth ist Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Sachsen-Anhalt. Und in dieser Rolle weiß sie durchaus, wie wichtig Schulsozialarbeiter oder Schulpsychologen sein können. Nur: Gerth ist der Meinung, dass es mehr solcher Schulpsychologen braucht. "In Sachsen-Anhalt kommt auf etwa 14.000 Schüler ein Schulpsychologe", rechnet die Chemie- und Mathematiklehrerin vor, "in anderen Ländern wie Bremen oder Berlin ist es ein Psychologe auf 6.000 Schüler. Da müsste mehr passieren in Sachsen-Anhalt."

Eva Gerth
Eva Gerth Bildrechte: imago images/Christian Schroed

Den Antrag der AfD hält sie für "völlig absurd" – besonders die Idee der Fraktion, eine vom Land getragene "Spezialanstalt" für schwer erziehbare Schülerinnen und Schüler einzurichten. Auch dieser Vorschlag ist nämlich Teil des Antrags. In der Anstalt sollen nach Meinung der AfD besonders gewaltbereite Schüler untergebracht werden. Sie sollen dort unterrichtet werden und ein "intensives Erziehungsprogramm" durchlaufen. Bildungsminister Marco Tullner (CDU) hatte voriges Wochenende in der "Volksstimme" den Vergleich zu Jugendwerkhöfen in der DDR gezogen.

Auch Eva Gerth lehnt eine solche Anstalt ab. "Wir reden über Kinder", sagt die Gewerkschaftschefin. Es gehe um pädagogische Fragen, die pädagogische Antworten bräuchten. Eine "Spezialanstalt"? Davon hält Gerth nichts. "Das Aussondern von Kindern aus der Schule ist ein erheblicher Einschnitt."

Gewerkschaft: Lehrer sind gut geschult

Im Übrigen seien die Lehrerinnen und Lehrer im Land gut geschult, um Situationen mit aggressiven Schülern meistern zu können. Das sieht auch Carsten Borchert so. Borchert ist Abgeordneter der CDU-Fraktion. Bevor er vor gut drei Jahren in den Landtag einzog, arbeitete er fast zehn Jahre als Schulleiter, war vorher schon mehr als 20 Jahre Lehrer. "Glauben Sie ernsthaft, dass wir Lehrer das da draußen nicht machen", fragte Borchert in Richtung Hans-Thomas Tillschneider, nachdem der referiert hatte, welche Möglichkeiten Lehrern im Umgang mit Schülern zur Verfügung stehen. Tillschneider mache die Lehrer da draußen schlecht, kritisierte Borchert. "Und dieses Bild stimmt nicht."

Dass die Kenia-Koalition aus CDU, SPD und Grünen für eine Überweisung des Antrags in den Bildungsausschuss stimme, liege daran, dass "wir wissen, dass wir das Thema behandeln müssen", erklärte Borchert. Neben der CDU sind mit Ausnahme der AfD aber alle anderen Fraktionen von SPD, Grünen bis zur Linken der Meinung, dass die AfD aus einem Einzelfall wie dem in Bad Lauchstädt ein allgemeines Problem zu schaffen versucht. "Es ist nicht so, dass Gewalt an unseren Schulen ständig Thema ist", sagt auch Eva Gerth von der GEW.

Ich kann nicht verstehen, warum wir diesen Schwachsinn in den Ausschuss überweisen. So etwas müssen wir in Zukunft ablehnen.

Wolfgang Aldag (Grüne) in Richtung der Koalitionspartner CDU und SPD

Ähnlich wie Wolfgang Aldag äußerten sich im Landtag auch Angela Kolb-Janssen (SPD) und Thomas Lippmann (Linke), von Beruf selbst Lehrer und vor seinem Einzug in den Landtag Landesvorsitzender der GEW. Für ihn als Pädagogen sei es nur schwer zu ertragen, dass die AfD die Möglichkeit habe, "solche Ergüsse" im Landtag zu thematisieren, sagte Lippmann. Bei der anschließenden Abstimmung war seine Fraktion die einzige, die gegen eine Überweisung des Antrags in den Bildungsausschuss stimmte. Alle anderen Hände gingen zustimmend nach oben.

Luca Deutschländer
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Über den Autor Luca Deutschländer arbeitet seit Januar 2016 bei MDR SACHSEN-ANHALT – in der Online-Redaktion und im Hörfunk. Seine Schwerpunkte sind Themen aus Politik und Gesellschaft. Bevor er zu MDR SACHSEN-ANHALT kam, hat der gebürtige Hesse bei der Hessischen/Niedersächsischen Allgemeine in Kassel gearbeitet. Während des Journalistik-Studiums in Magdeburg Praktika bei dpa, Hessischem Rundfunk, Süddeutsche.de und dem Kindermagazin "Dein Spiegel". Seine Lieblingsorte in Sachsen-Anhalt sind das Schleinufer in Magdeburg und der Saaleradweg – besonders rund um Naumburg. In seiner Freizeit steht er mit Leidenschaft auf der Theaterbühne.

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An der Grundschule "Aue-Fallstein" in Hessen werden Sechs- bis Zehnjährige unterrichtet. Bildrechte: MDR/Max Schörm

Quelle: MDR/ld

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 30. August 2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 30. August 2019, 17:50 Uhr

18 Kommentare

goffman vor 25 Wochen

Es ist sehr gut, dass Gewalt an Schulen thematisiert wird und Sie haben absolut recht, dass Lehrermangel das Problem verschärft.

Aber sowohl diese Time-Out Klassen in Österreich oder "Spezialanstalten" wie sie die AFD fordert gehen völlig am Problem vorbei und bewirken genau das Gegenteil. Wenn ich verhaltensauffällige Schüler in Sonderklassen oder Sonderschulen stecke, dann zeigt die Empirie, dass die Schüler eher problematischer werden. Jeder weiß, was ein "schlechter Freundeskreis" mit einem Kind machen kann. Steht sogar im Artikel oben, als die Rede von den gewaltbereite Brüder aus Bad Lauchstädt war. Als Brüder waren sie problematisch, als sie getrennt wurden und nur noch alleine in einer ansonsten normalen Klasse waren konnte man mit ihnen arbeiten.
So sieht die Lösung aus: verhaltensauffällige Schüler voneinander trennen, mit unproblematischen Schülern zusammenbringen und entsprechend betreuen. Dann kann man ihnen helfen.

der_Silvio vor 25 Wochen

Der erste Absatz ihres Kommentars ist genau wie der des MediaTors Produkt ihrer eigenen Fantasie!
Niemand hat gefordert, die Kinder mit ihrer eigenen Gewalt zu konfrontieren!
Es soll und muß ein Raum geschaffen werden, in dem man so (deeskalierend) eingewirkt werden kann, daß dieses Verhalten nachhaltig geändert wird.
Dies können die Lehrer im normalen Schulalltag nicht leisten, nicht bei Klassenstärken von 26/28 Schülern.

Absatz zwei und drei ihres Kommentars haben nichts mit dem Artikel zu tun und sind weiterer Wort NICHT Wert! Plumpe Hetze gegen die AfD!

Udo vor 25 Wochen

Wurden denn solche "Behandlungsmethoden" von der AfD genannt?
Oder wollen Sie hier der AfD wieder etwas unterjubeln, weil es in Ihr Konzept passt?
Spezialanstalt sagt noch gar nichts aus, mit gutem Willen und Abstellen des ewigen Hasses gegen die AfD kann man durchaus auch vermuten, dass hinter dem Begriff besonders gut ausgebildete Pädagogen auf diese gewalttätigen Kinder positiven Einfluss nehmen können.
Ein Vergleich mit Jugendwerkhöfen der DDR ist absurd, solange keine deutlichen Hinweise diesbezüglich vorhanden sind!
Der Protest gegen diesen Vorschlag begründet sich darin, dass man einfach nicht wahrhaben oder zugeben will, was aktuell an Schulen vorfällt.

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