Dreharbeiten in einem Kuhstall
Grünen-Spitzenkandidatin Anna Cavazzini (Mitte) besucht den Hof auf dem Landwirt Ralf Donath (rechts) arbeitet. Bildrechte: MDR/Karsten Kiesant

Hofbesuch mit Grünen-Politikerin Warum Sachsen-Anhalts Landwirte mit Sorge auf die Europawahl schauen

Die Grünen in Sachsen-Anhalt wollen es vor allem mit dem Thema Klimawandel schaffen, die Menschen von ihren Positionen zu überzeugen. Doch in den ländlichen Regionen befürchten die Bauern harte Einschnitte, wenn die EU-Agrarpolitik "grüner" werden würde. MDR Sachsen-Anhalt hat die Spitzenkandidatin der Grünen, Anna Cavazzini, dazu mit einem Landwirt ins Gespräch gebracht.

Karsten Kiesant
Bildrechte: MDR/Karsten Kiesant

von Karsten Kiesant, MDR SACHSEN-ANHALT

Dreharbeiten in einem Kuhstall
Grünen-Spitzenkandidatin Anna Cavazzini (Mitte) besucht den Hof auf dem Landwirt Ralf Donath (rechts) arbeitet. Bildrechte: MDR/Karsten Kiesant

Es ist eine doppelte Überraschung, die in Seyda im Landkreis Wittenberg, kurz vor der Landesgrenze nach Brandenburg, auf die Grünen-Spitzenkandidatin Anna Cavazzini wartet. Landwirt Ralf Donath zeigt ihr etwas, worauf sie hier bei den "Vereinigten Agrarbetrieben Seydaland" besonders stolz sind. Geschützt hinter einem extra angepflanzten Winschutzstreifen ziehen sich hüfthoch und schnurgerade die Pflanzenreihen auf der größten Sanddorn-Plantage Deutschlands. "Ich dachte, Sanddorn wächst an der Ostsee." Die Politikerin staunt und der Bauer erklärt, dass in Deutschland jährlich 1.500 Tonnen Sanddorn produziert werden – 300 Tonnen kommen aus Sachsen-Anhalt, nur ein geringer Teil von der Küste.  

Ein Landwirt begutachtet eine Sanddornpflanze
In Seyda wird Sanddorn nach Biostandard angebaut. Bildrechte: MDR/Karsten Kiesant

Überraschung Nummer zwei: Der konventionelle Landwirtschaftsbetrieb, der 1991 aus einer ehemaligen LPG hervorging und insgesamt rund 8.000 Hektar bewirtschaftet, leistet sich auf 125 Hektar ein Zukunftsexperiment. Beim Sanddorn setzen sie auf Bioqualität.

Der Grund ist eher pragmatisch: Sanddorn ist eine robuste Pflanze, die Luftstickstoff sammelt und deshalb keine Düngung benötigt. Gemeinsam gehen die beiden durch die Reihen. Donath zeigt die winzig kleinen Blüten, aus denen sich später die extrem vitaminreichen Sanddorn-Beeren entwickeln werden. Den Saft, der daraus gepresst wird, vermarkten sie im eigenen Onlineshop.

Mehr Bio: Ist das überhaupt möglich?

Grünen-Politikerin Anna Cavazzini
Grünen-Politikerin Anna Cavazzini Bildrechte: MDR/Karsten Kiesant

Anna Cavazzini ist Grünen-Kandidatin für Sachsen-Anhalt, Sachsen-und Thüringen. Über den Listenplatz 7 ihrer Partei wird sie ziemlich sicher ins künftige EU-Parlament einziehen. Ruhig und konzentriert hört sie erstmal zu. Was müsste denn passieren, damit hier mehr Bio angebaut werde, will sie wissen.

Die Antwort ist eher nüchtern: Die Plantage sei Teil des Geschäftsmodells. Der Betrieb, in dem Donath für das Marketing verantwortlich ist, setzt auf verschiedene Standbeine, um mögliche Ausfälle auszugleichen. "Ich denke, dass der Verbraucher einen entscheidenden Anteil dazu beitragen muss, indem er Bio mehr nachfragt. Das ist eine Aufgabe der Aufklärung. Das aber kann der Landwirt nicht leisten", so Donath.

Landwirt Ralf Donath
Landwirt Ralf Donath Bildrechte: MDR/Karsten Kiesant

Die Politikerin lässt nicht locker: "Wenn man ökologische Mindeststandards für alle Produkte hätte, dann würden doch automatisch die Landwirte mehr Geld bekommen – und wir hätten nicht so schädliche Klimaauswirkungen."

Für den Landwirt ist es die Frage, "wieviel Geld beim Landwirt ankommt". Wenn ökologische Mindeststandards festgelegt würden, die europaweit gleich und die erzielten Preise höher wären, dann könne er sicherlich auch zu diesen Bedingungen produzieren.   

Nur ein Cent Gewinn pro Liter Milch ist zu wenig

Dreharbeiten in einem Kuhstall
Cavazzini und Donath im Kuhstall. Bildrechte: MDR/Karsten Kiesant

Soweit die Theorie. Hier im Landkreis Wittenberg, zwischen Elbe und Fläming, haben sie eher schlechte Böden, nicht vergleichbar mit der fruchtbaren Börde. Deshalb leben sie in Seyda vom Grünland, vom Gemüse und vor allem von der Milch. Ralf Donath nimmt seinen Gast mit in den Stall, dahin, wo "die Milch wirklich herkommt".

Obwohl der Stall nach außen offen ist, ist es warm. Gummistiefel braucht man hier nicht. Auf dem breiten Gang ist es sauber. Die Kühe strecken ihre Hälse durchs Gitter und kauen vor sich hin: Spezialfutter für Hochleistungsrinder – 90.000 Liter Milch werden im Betrieb an mehreren Standorten täglich produziert.   

Mit 180 Mitarbeitern ist der Betrieb der größte Arbeitgeber im Ort. Viele Familien sind von den hier erwirtschafteten Einnahmen abhängig. Auch das ist typisch für das Flächenland Sachsen-Anhalt.

Eine Grafik zur Landwirtschaft in Sachsen-Anhalt
Bildrechte: MDR/Karsten Kiesant

Die Milch, die hier gemolken wird, sei entscheidend für das Betriebsergebnis, erklärt der Bauer der 36-Jährigen, die in Chemnitz Europapolitik studiert hat:

Sie müssen sich vorstellen, in diesen Zeiten bei den niedrigen Milchpreisen bleibt bei einem Liter Milch beim Landwirt manchmal kaum etwas übrig. Nach Abzug aller anfallenden Kosten manchmal nur ein Cent.

Ralf Donath, Vorsitzender des Kreisbauernverbandes Wittenberg

Das meiste Geld bleibe in den Molkereien hängen und bei den Discountern. Auch deshalb sind die Bauern so abhängig von den Subventionen der EU. Die steht derzeit auf zwei Säulen.

Eine Grafik zur EU-Förderung für Landwirte
Bildrechte: MDR/Karsten Kiesant

Das könnte sich bei der Agrarförderung ändern

Vor allem von der Flächenprämie der ersten Säule profitieren die großen Agrarbetriebe in Ostdeutschland. Die Grünen wollen die Gewichtung ändern:

Gerade ist es so, dass konventionelle Landwirtschaft viele Probleme mit sich bringt. Wasser wird verseucht durch Stickstoff. Wir haben den Klimawandel, Artensterben. Und wir subventionieren das noch. Denn die Subventionen gehen an solche Betrieb, die konventionell wirtschaften.

Anna Cavazzini, Spitzenkandidatin Bündnis 90/Die Grünen

Cavazzini, die seit Jahren zu Handels- und internationaler Wirtschaftspolitik arbeitet, bringt die Forderung ihrer Partei auf eine kurze Formel: Öffentliches Geld nur für öffentliche Leistungen – also nur, wenn Landwirte Ökoleistungen erbringen, sollten sie europäisches Geld bekommen.

Das hält Donath für weltfremd. Schon jetzt würden die meisten Betriebe um ihre Existenz kämpfen. Wenn die Direktzahlungen wegfielen, müssten Betriebe schließen, die Entstehung noch größerer Strukturen wäre die Folge, also das Gegenteil, der grünen Ziele.

Verbraucher oder Politik: Wer entscheidet über die Zukunft?

Kühe im Kuhstall
900 Kühe in Seyda müssen wegen des Wettbewerbs ganzjährig im Stall bleiben. Bildrechte: MDR/Karsten Kiesant

Die Subventionen gleichen aus seiner Sicht die politisch gewollten geringen Lebensmittelpreise nur aus. "Wir bräuchten überhaupt keine Subventionen, wenn wir ehrliche Lebensmittelpreise hätten, die die Kosten decken", ist sein Argument. "Aber das ist ja unrealistisch."

Der harte Wettbewerb ist auch ein Grund, warum die 900 Kühe an diesem Standort das ganze Jahr über im Stall bleiben müssen, erfährt die grüne Spitzenkandidatin beim Gang durch den offenen, vollautomatisierten Stall. Die Kühe haben Platz. Der Dung wird von langen Schiebern regelmäßig entfernt. Ein Tier lässt sich an einer riesigen automatischen Bürste, wie in einer Waschanlage, den Rücken säubern.

Aber die gesund und zufrieden anmutenden Tiere, die in langen Reihen stehen oder sich in den weich mit Streu ausgelegten Boxen hinlegen, sehen nie eine Weide. "Beim Weidegang ist eine gleichbleibende und hochwertige Futterversorgung nicht möglich. Wir möchten, dass es unseren Tieren gut geht. Und dann bringen die auch die entsprechende Milchleistung, von der wir ja leben", erklärt der studierte Landwirt.

Eine Kuh in einem Kuhstall
Donath ist wichtig, dass es den Kühen gut geht. Bildrechte: MDR/Karsten Kiesant

Wie realistisch ist "grüne Landwirtschaft"?

Ist die "grüne Landwirtschaft" also ein realistisches Ziel, das schnell zu erreichen ist? Landwirt Donath gibt der Politikerin mit auf den Weg nach Brüssel, dass er sich eher einen langsamen Prozess wünscht.

Wenn ich hier auf Risiko arbeite und riesige Flächen umstelle und der Verbraucher das nicht nachfragt: Das ist ein Risiko, das ich nicht eingehen kann. Der Verbraucher entscheidet, was bei uns auf dem Acker steht. Und kein anderer.

Ralf Donath, Landwirt in Seyda
Dreharbeiten auf einer Sanddorn-Plantage
Die Sanddorn-Plantage entspricht bereits Bio-Standards. Bildrechte: MDR/Karsten Kiesant

Anna Cavazzini sieht da dringenderen Handlungsbedarf. "Wenn ich daran denke, dass eine Million von acht Millionen Arten, die es auf der Welt gibt, bereits ausgestorben sind, dass der Klimawandel immer weiter voranschreitet, dann brauchen wir dringende Maßnahmen, um unsere Erde noch zu retten." 

Und wenn die Verbraucher nicht mitspielen? Ihre Antwort klingt entschlossen: "Ich denke, wir brauchen dafür gesetzliche Regelungen. Dafür werden wir auch kämpfen im europäischen Parlament."

Karsten Kiesant
Bildrechte: MDR/Karsten Kiesant

Über den Autor Karsten Kiesant wurde in Sachsen geboren und ist in Brandenburg aufgewachsen. Seit 2002 arbeitet er bei MDR Sachsen-Anhalt in Magdeburg. Heute ist er Ressortleiter Politik für Hörfunk, Fernsehen und Online.

Als Reporter und Redakteur hat er für die Frankfurter Rundschau, den NDR und den rbb gearbeitet.
Seine Lieblingsorte in Sachsen-Anhalt haben entweder gutes WLAN oder hören auf die Namen Schierke, Naumburg oder Jerichow.

Themenreihe: Unterwegs nach Europa

Quelle: MDR/mh

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 15. Mai 2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. Mai 2019, 21:37 Uhr

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6 Kommentare

17.05.2019 09:42 Leser 6

Ich freue mich über die Kommentare. Sie widerspiegeln auch meine Meinung.

16.05.2019 11:35 Hans Frieder Leistner 5

Die meisten Gelder der EU gehen in die Landwirtschaft. Je größer der Maschinenpark wird, der ja eine bessere Bearbeitung und Ausbeute der Böden liefert, um so mehr wird geklagt. Es soll jeder Bauer gut existieren können. Aber sie müssen auch selbst dazu beitragen.

16.05.2019 09:47 Bio ist Neuland 4

Bio wird als Zukunftsexperiment bezeichnet und die Milchkühe bekommen "Spezialfutter". Doch nicht etwa Soja aus Südamerika?

Gute Nacht Sachsen-Anhalt!

Na wenigstens braucht man sich keine Sorgen machen sowas essen zu müssen.

In den normalen Supermärkten finden sich kaum regionale Agrarprodukte und lokales Bio sucht man eh vergebens, wenn man nicht grad auf den Wochenmarkt geht.

Die Kantine hat jeden Tag vier Fleischgerichte und eine Süßspeise. Angeblich ist Vegi zu teuer und man muss jedes Mal betteln.

Unsere Landwirtschaft ist ganz vorn mit dabei, bei allem was wir an der Landwirtschaft kritisieren. Ich sehe da die Politik in der Pflicht auch gegen die Agrarlobby zum Wohle unserer Nahrungsgrundlage zu handeln.

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