Zu wenig Bewerber Sachsen-Anhalt will Lehrer auch im Ausland anwerben

Der Lehrermangel ist in Sachsen-Anhalt seit Jahren spürbar. Obwohl das Land zuletzt viele hundert Lehrer eingestellt hat, reicht das nicht. Es fehlen einfach zu viele. Ebenso die Bewerber, sagt das Bildungsministerium und will Pädagogen nun auch im Ausland anwerben.

4. Stunde Ausfall! - Information an der Tafel eines Klassenzimmers
Lehrermangel in Sachsen-Anhalt bedeutet für Schülerinnen und Schüler häufig Unterrichtsausfall. Bildrechte: imago/OR Medienvertrieb

Das Bildungsministerium in Sachsen-Anhalt sucht jetzt auch im Ausland nach neuen Lehrkräften. Das teilte die Behörde MDR SACHSEN-ANHALT am Montag mit. Der Mangel an Bewerbern innerhalb Deutschlands sei so groß, dass Sachsen-Anhalt auch auf Lehrkräfte aus dem EU-Raum setzen will – als erstes Bundesland.

Spezielle Personal-Experten sollen den Angaben zufolge vom Baltikum bis nach Spanien nach geeigneten Pädagogen suchen und gezielt anwerben. Im Fokus stünden Deutsch-Lehrkräfte mit einem relevanten Zweitfach. Erste Einstellungen sollen laut Ministerium im ersten Quartal 2021 erfolgen. Für die Suche wurden rund 750.000 Euro im Haushalt eingeplant. In Sachsen-Anhalt fehlen derzeit hunderte Lehrkräfte. Zuerst hatte die "Bild" über die neuen Pläne zur Bekämpfung des Lehrermangels berichtet.

Scharfe Kritik kommt von der GEW: "Typische Tullner-Aktion"

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft in Sachsen-Anhalt (GEW) kritisiert die Inititative. GEW-Landeschefin Eva Gerth sagte MDR SACHSEN-ANHALT am Montag mit deutlich ironischem Zungenschlag, ihre Gewerkschaft habe auch noch Ideen, wie man Geld verbrennen könne. "Diese Headhunter-Geschichte ist eine typische Tullner-Aktion – viel medialer Aufwand mit wenig Wirkung." Gerth zufolge gibt es in Sachsen-Anhalt bereits ausländische Lehrkräfte, aber die würden schlecht bezahlt, weil oft die Ausbildung nicht anerkannt werde.

Nach GEW-Kritik verteidigt Bildungsminister Tullner die Pläne

Bildungsminister Marco Tullner (CDU) konkretisierte seine Pläne im Laufe des Montags gegenüber MDR SACHSEN-ANHALT. Zum einen sei das Bildungsministerium auf der Suche nach Lehrern, die aus Deutschland kommen, an Auslandsschulen oder Bildungseinrichtungen international tätig sind und "vielleicht zurückkommen wollen". Zum anderen würden gezielt deutschsprachige Europäer angesprochen, die sich vorstellen könnten, in Sachsen-Anhalt tätig zu sein.

Dabei setzt das Land auf eine Agentur, die das übernehmen soll. Die Ausschreibungen laufen. Tullner: "Ich bin sehr gespannt, wie viel Bewerber wir dadurch gewinnen können." Nach der Kritik seitens der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft, GEW, verteidigte er die Pläne: Es sei ein Versuch, auch innovative Wege zu gehen.

In Sachsen-Anhalt läuft auch ein Volksbegehren gegen Lehrermangel

Seit mehr als zehn Jahren wachsen die Schülerzahlen in Sachsen-Anhalt wieder kontinuierlich, von 2009 mit rund 174.000 bis 2020 mit mehr als 200.000. Gleichzeitig sanken die Lehrerzahlen in den öffentlichen Schulen (siehe unsere Grafik). Seit wenigen Jahren setzt das Ministerium wieder massiv auf Anwerbung und Einstellung. Nach Angaben des Bildungsministeriums waren allein im Jahr 2019 rund 1.000 Lehrkräfte eingestellt worden. Im Januar hatte Tullner darauf verwiesen, auch in der Lehrer-Ausbildung die notwendigen Weichen gestellt zu haben. Dass die Ausbildung aber seine Zeit benötige, betonte er immer wieder.

Doch schon lange regt sich Unmut gegen den Kurs der Landesregierung in Sachen Lehrermangel. Die Intiative "Den Mangel beenden" wirft dem Land vor, zu lange zu wenig getan zu haben. So sei etwa zu spät auf Bewerbungen von potentiellen Lehrern und Schulsozialarbeitern reagiert worden. So komme man nicht voran. Aktuell läuft ein Volksbegehren der Initiative, für das seit Januar die notwendigen Unterschriften (170.000 braucht es) gesammelt werden. Die Organisatoren wollen erreichen, dass künftig anhand der Schülerzahl mit einem festen Schlüssel berechnet wird, wie viele Lehrer bereitstehen müssen. Die – wegen der Corona-Kontaktbeschränkungen verlängerte – Frist für das Volksbegehren endet am 18. August.

Quelle: MDR/mg

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT | 29. Juni 2020 | 09:00 Uhr

31 Kommentare

Heike1986 vor 16 Wochen

Wirklich, davon habe ich noch gar nichts mitbekommen. Wohin wandern die Leute (es müssten doch ca. 80 Millionen Menschen sein...) denn alle aus? Vielleicht nach Mallorca, aber wird es da nicht zu eng? ?

Heike1986 vor 16 Wochen

Das sehe ich auch so. Die meisten meiner Freunde und Bekannten, die in Deutschland geblieben sind, haben sich nach Studienabschluss Stellen in unmittelbarer Nähe von Wohnort oder Studienort gesucht.

Laufraso vor 16 Wochen

Ich empfinde die Idee mal wieder an der Realität vorbei.
Familiär hatte wir vor einem Jahr die Problematik, dass die Tochter, die bereits 4 Semester Geologie mit hervorragenden Ergebnissen studierte, sich aufgrund der schlechten Berufsperspektive entschied Lehramt zu studieren. Sachsen-Anhalt bildet Lehrer nur in Halle aus. In den Fächern Geografie (N.C. 1,2 und Chemie N.C. 1,4) wurde sie dort mit einem Abidurchschnitt der etwas schlechter war, abgelehnt... Dresden hatte im letzten Wintersemester festgelegt, dass alle Bewerber genommen werden. So ist sie dort untergekommen. Nun bleibt die Frage, warum stützt sich Sachsen-Anhalt nicht auf die verstärkte Ausbildung von Lehrern in den eigenen Reihen. Fassen die jungen Leute erstmal woanders Fuß, kommen sie so schnell nicht zurück. In meinen Augen sollte man dort ansetzen!

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