Christian Walbrach, Landes-Behindertenbeauftragter von Sachsen-Anhalt
Christian Walbrach ist für die kommenden fünf Jahre der Behindertenbeauftragte von Sachsen-Anhalt. Bildrechte: Sozialministerium Sachsen-Anhalt

Klima der Abgrenzung Neuer Landes-Behindertenbeauftragter: "Dem sozialen Klimawandel entgegentreten"

Christian Walbrach will die Benachteiligungen behinderter Menschen in Sachsen-Anhalt abbauen, sieht darin durch die aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen aber eine schwierige Aufgabe. Es gebe nicht nur einen ökologischen, sondern auch sozialen Klimawandel. Dem will er entgegentreten.

Christine Warnecke
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

von Christine Warnecke, MDR SACHSEN-ANHALT

Christian Walbrach, Landes-Behindertenbeauftragter von Sachsen-Anhalt
Christian Walbrach ist für die kommenden fünf Jahre der Behindertenbeauftragte von Sachsen-Anhalt. Bildrechte: Sozialministerium Sachsen-Anhalt

Sein Büro befindet sich im Arbeits-, Sozial- und Integrationsministerium von Sachsen-Anhalt und alles drei sind Bereiche, um die sich Christian Walbrach seit dem 1. Oktober als Behindertenbeauftragter des Landes Sachsen-Anhalt kümmert. Der runde Tisch, aktuell mit einigen Kürbissen geschmückt, ist geblieben. So wie sein Vorgänger Adrian Maerevoet möchte auch Christian Walbrach behinderte Menschen zu sich einladen.

Als ich las, was in der Stellenausschreibung an Aufgaben formuliert war, habe ich mich darin gleich wiedergefunden. Mich um Behinderte zu kümmern, ihre Sorgen anzunehmen, aktiv an Gesetzesgrundlagen und in Gremien mitzuarbeiten, ihnen sogar teilweise vorzustehen, das hat mich angesprochen.

Christian Walbrach

Praktiker und Verwalter in einem

Behinderte Menschen haben schon immer eine Rolle in seinem Leben gespielt. Walbrach ist gelernter Förderschullehrer und für das Studium nach Magdeburg gekommen. 35 Jahre ist das her, der gebürtige Potsdamer hat hier ein neues Zuhause gefunden. Er war nicht nur Lehrer, sondern auch Schulleiter an der integrativen Grundschule "An der Klosterwuhne". "Damals waren wir wirklich Pioniere, in einer Zeit, als viele mit dem Begriff 'Inklusion' noch nichts anzufangen wussten." Er kennt die Praxis, wie es ist, als Lehrer vorn zu stehen und jedem Kind mit seinen Eigenheiten gerecht werden zu wollen.

Doch er lernte auch die Verwaltung im Hintergrund kennen, im Landesschulamt. "Ich habe gesehen, was es heißt, kein Personal zu haben und so hin und her zu planen, dass die Stundentafeln irgendwie eingehalten werden können, den besten machbaren Weg zu finden." Walbrach bedient sich einer gepflegten Wortwahl, spricht sehr überlegt. Sein Weltbild kennt wenig schwarz und weiß und das zeigt sich fast in jeder Aussage.

Inklusion Schritt für Schritt

Drittklässler mit und ohne Behinderung nehmen 2013 gemeinsam am Unterricht teil.
Walbrach: Inklusion erfordert Fingerspitzengefühl. Bildrechte: dpa

Natürlich sei Inklusion das große Ziel – aber man dürfe nicht alles auf einmal verlangen. "Man muss es klug machen, die Lehrer vorbereiten, sich die Gegebenheiten jeder einzelnen Schule und sogar Schüler ansehen. Denn Förderpädagogik ist immer Einzelpädagogik." Derzeit werde Bildungspolitik für Behinderte leider allenfalls als "förderpädagogischer Anbau" an ein größeres Schulsystem verstanden, der möglichst kostenneutral verlaufen sollte. Das könne sich die Gesellschaft aber eigentlich schon jetzt nicht mehr leisten.

Wir haben Fachkräftemangel überall, wir brauchen jeden Menschen mit einem Abschluss.

Christian Walbrach

Walbrach will dazu in politischen Ausschüssen mitarbeiten, aber immer den Kontakt zu behinderten Menschen halten. Sei es durch den Runden Tisch der Behinderten, der Leitung des Behindertenbeirats oder die Sprechstunde. Walbrach möchte ihre Themen in die Öffentlichkeit tragen, "sodass es nicht zu einer weiteren Entwicklung von Randpositionen kommt", erklärt Walbrach. Die aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen werfen Sorgenfalten auf seine Stirn.

Rückgang des Sozialengagements

"Wir haben nicht nur einen Klimawandel im ökologischen Sinn, sondern auch sozial. Die Gesellschaft wird immer exklusiver, statt inklusiver. Wir haben einen Rückgang des Sozialengagements, die politische Mitte entgleitet uns und die Ränder erstarken – das schafft ein Klima der Abgrenzung." Keine einfachen Umstände – aber aufzugeben ist deswegen natürlich keine Option. "Und manchmal", fügt er noch an, "ist mit Zuhören auch schon etwas geholfen. Auch dafür bin ich da." Walbrach ist für fünf Jahre berufen, mit der Option auf Verlängerung.

Christine Warnecke
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Über die Autorin Christine Warnecke ist gebürtige Niedersächsin und arbeitet seit September 2017 bei MDR SACHSEN-ANHALT für die Radio- und Online-Redaktion, insbesondere das Studio Magdeburg. Davor hat sie in Praktika bei der Bild-Zeitung Hannover, bei Radio mephisto 97.6 und der Zeitung "Costa del Sol"-Nachrichten in Spanien Erfahrung gesammelt. Sie studierte Journalistik an der Universität Leipzig und volontierte bei der Neuen Westfälischen Zeitung in Bielefeld. Nach diesem Abstecher in den Teutoburger Wald fühlt sie sich nun fast überall nahe der elbischen Fluten wohl.

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Quelle: MDR/agz

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 27. Oktober 2019 | 17:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 30. Oktober 2019, 12:37 Uhr

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