Tod in Polizeizelle in Dessau Oury Jalloh: Bericht von Sonderermittlern soll Lehren aus der "offenen Wunde" ermöglichen

Luca Deutschländer
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Neue Recherchen haben den Tod des Asylbewerbers Oury Jalloh im Polizeirevier in Dessau erneut in die Öffentlichkeit gebracht. Wieder werden Stimmen nach einer endgültigen Aufklärung des Feuertods in Zelle 5 laut. Die Erkenntnisse von zwei Sonderermittlern des Landtages sollen gewährleisten, dass sich ein solcher Fall in Sachsen-Anhalt nie wiederholen wird.

Oury Jalloh
An den Tod von Oury Jalloh wird Jahr für Jahr am 7. Januar mit Kundgebungen und Demonstrationen in Dessau erinnert. (Archivfoto) Bildrechte: imago/Future Image

Der Fall ist immer noch da: Seit 15 Jahren, vier Monaten und 19 Tagen schon. So viel Zeit ist vergangen, seit der Asylbewerber Oury Jalloh aus Sierra Leone starb. Verbrannt in Zelle 5 des Polizeireviers in Dessau. Wolfgangstraße 25. Viel hat sich seitdem getan: In den Polizei- und Justizbehörden gab es personelle Wechsel, zahlreiche Journalisten haben in dem Fall recherchiert, der MDR widmete dem ungeklärten Todesfall neben ungezählten Artikeln und Berichten im Hörfunk eine investigative Dokumentation zum Tod von Oury Jalloh. Von einer "Mauer des Schweigens" war damals die Rede. Und davon, dass Polizisten aus Angst vor beruflichen Konsequenzen den Mund halten und kuschen, wenn es um den Tod von Oury Jalloh geht.

Es ist wohl jene "Mauer des Schweigens", die dafür sorgt, dass der Fall noch immer nicht endgültig aufgeklärt ist – wenngleich die juristische Auseinandersetzung abgeschlossen ist.

Viele Lücken bei der Tatortarbeit in Zelle 5

Neue Recherchen für den Westdeutschen Rundfunk haben den Fall Oury Jalloh in den vergangenen Tagen aber wieder ins Licht der Öffentlichkeit gebracht. Von erheblichen Lücken bei der Tatortarbeit ist darin die Rede – davon, dass vieles dafür spricht, dass Polizisten den Asylbewerber im Januar 2005 getötet und anschließend Feuer gelegt haben, um die Tat zu vertuschen.

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Jalloh
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Kerzen bei Gedenk-Demonstrationen am 8. Todestag des aus Sierra Leone stammenden Flüchtling Oury Jalloh, der im Dessauer Polizeigewahrsam zu Tode kam
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Auch Sebastian Striegel hat die Recherchen in der Vorwoche verfolgt. Der 38-Jährige sitzt für die Grünen im Landtag von Sachsen-Anhalt und ist Mitglied im Rechtsausschuss des Parlaments – jenem Gremium, das vor knapp zwei Jahren zwei Sonderermittler mit der Aufklärung des Todesfalls beauftragt hat. "Die neuen Recherchen sind eine Verdichtung der bisher bekannten Fakten", sagt Striegel am Telefon. "Mich hat diese Verdichtung aber noch einmal neu erschüttert – und wieder einmal fassungslos zurückgelassen."

Sonderermittler haben seit Anfang des Jahres Akteneinsicht

Generalstaatsanwalt Manfred Nötzel
Der frühere Münchner Generalstaatsanwalt Manfred Nötzel ist einer von zwei Sonderermittlern, die den Fall Oury Jalloh für den Landtag aufklären sollen. (Archivfoto) Bildrechte: dpa

Auch deshalb hofft der Abgeordnete auf die Arbeit von Jerzy Montag (Bündnis 90/Die Grünen) und Manfred Nötzel: Die Erkenntnisse der Sonderermittler sollen dabei helfen, Schlussfolgerungen aus den Fehlern der Exekutive im Fall Oury Jalloh zu ziehen. Seit Anfang dieses Jahres haben der Rechtsanwalt Jerzy Montag und der frühere Generalstaatsanwalt Manfred Nötzel deshalb Akteneinsicht im Fall Jalloh. Die beiden erfahrenen Juristen sollen den Fall aus einer neutralen Perspektive untersuchen und bis zum Sommer dieses Jahres Bericht erstatten.

Der Bericht von Nötzel und Montag wird zwar keine polizeilichen oder gar juristischen Ermittlungen ersetzen können. Er soll laut Striegel aber zur Folge haben, dass es in Sachsen-Anhalt keinen zweiten Fall Oury Jalloh geben kann. "Einen Tod, gar einen unaufgeklärten Tod im Polizeigewahrsam, darf es in Sachsen-Anhalt nie wieder geben", sagt Striegel.

Als Parlamentarier können wir die offene Wunde des Rechtsstaates, den unaufgeklärten Tod von Oury Jalloh, nicht heilen. Uns ist die Strafverfolgung nicht in die Hand gegeben. Strafverfolgung ist Aufgabe der Gerichte. Das Mindeste ist aber, dass wir echte Schlussfolgerungen aus diesem Fall ziehen.

Sebastian Striegel Landtagsabgeordneter

Unabhängig von den Erkenntnissen der Sonderermittler: Der Grünen-Abgeordnete verlangt für die Zukunft einen unabhängigen Polizeibeauftragten in Sachsen-Anhalt – für den Fall, dass Ermittlungen gegen Polizeibeamte nötig sind. Ein solcher Beauftragter soll nach Ansicht der Grünen verhindern, dass Polizistinnen und Polizisten gegen eigene Kollegen ermitteln müssen. Stattdessen wäre dann eine unabhängige Stelle für derartige Ermittlungen zuständig.

Luca Deutschländer
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Über den Autor Luca Deutschländer arbeitet seit Januar 2016 bei MDR SACHSEN-ANHALT – in der Online-Redaktion und im Hörfunk. Seine Schwerpunkte sind Themen aus Politik und Gesellschaft. Bevor er zu MDR SACHSEN-ANHALT kam, hat der gebürtige Hesse bei der Hessischen/Niedersächsischen Allgemeine in Kassel gearbeitet. Während des Journalistik-Studiums in Magdeburg Praktika bei dpa, Hessischem Rundfunk, Süddeutsche.de und dem Kindermagazin "Dein Spiegel". Seine Lieblingsorte in Sachsen-Anhalt sind das Schleinufer in Magdeburg und der Saaleradweg – besonders rund um Naumburg. In seiner Freizeit steht er mit Leidenschaft auf der Theaterbühne.

Quelle: MDR/ld

Dieses Thema im Programm: WDR 5 | 17. Mai 2020 | 08:05 Uhr

20 Kommentare

DER Beobachter vor 5 Wochen

Geschrei? Wie erbärmlich ist das denn ? Da kommen drei Leute, fixiert, in ein und demselben Polizeirevier durch massive Gewalteinwirkung ums Leben, und das ist alles, was Sie zu sagen haben? Ach stimmt, die waren alle so weit unten in der sozialen Hierarchie... Was für verdorbene Gesellen hier wieder so kommentieren...

DER Beobachter vor 5 Wochen

Hinweise und Brandexperimente u.a. durch Brandermittler anderer Bundesländer, sogar wenn ich mich erinnere eines Australiers oder Briten, sowie Feuerwehrführern und Rechtsmedizinern (kaum CO in der Lunge etc., das schließt Selbstverbrennung aus.). Der Mattentyp galt übrigens als schwer entflammbar eben wegen seiner Funktion.

ossi1231 vor 5 Wochen

Nachweis von Brandbeschleunigern, gibt es das für Dessau?
Und wie gesichert ist ein Ergebnis?
Problemfälle hat diese Republik genug, warum nur hier das Geschrei von Ihnen?

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