Neuer Kinder- und Jugendbeauftragter "Die Zeit, in der über den Kopf von Kindern hinweg entschieden wurde, ist vorbei"

Holger Paech ist der neue Kinder- und Jugendbeauftragte Sachsen-Anhalts. Er hat eine Menge Aufgaben. So will er dafür sorgen, dass junge Menschen sicherer sind vor sexueller Gewalt. Ein weiteres Thema ist die Mitbestimmung. Im Interview mit MDR SACHSEN-ANHALT erklärt er seine Rolle und die Aufgaben.

Kinder Langeweilen sich
Die Wünsche von Kindern sollen Eingang in die Politik finden, sagt Holger Paech. Bildrechte: imago images/Westend61

Holger Paech ist seit Anfang Juli der neue Kinder- und Jugendbeauftragte Sachsen-Anhalts. Er folgt auf Gerd Keutel, der nach 13 Jahren im Amt in Rente gegangen ist. Der 55-jährige Paech ist ausgebildeter Journalist und war 18 Jahre lang Pressesprecher im Sozialministerium. In den letzten Jahren hat er Erfahrungen im Bereich der Kinder- und Jugendarbeit gesammelt: 2017 leitete er er die Geschäftsstelle der Jugend- und Familienministerkonferenz der Länder, dann übernahm er das Referat "Frühe Hilfen und Kinderschutz". MDR SACHSEN-ANHALT hat ihn gefragt, was er in seinem neuen Posten vorhat.

MDR SACHSEN-ANHALT: Was ist als Kinder- und Jugendbeauftragter Ihre Aufgabe?

Ein etwa 50-jähriger Mann schaut in die Kamera
Holger Paech will, dass die Wünsche von Kindern Eingang in die Politik finden. Bildrechte: MDR/Holger Paech

Holger Paech: Ich bin quasi der Fürsprecher der Kinder und Jugendlichen und manchmal auch der Eltern. Ich höre den jungen Leuten zu, was sie brauchen und sie motiviere sie, aktiv zu werden, sich einzumischen und ihr Leben selbst mitzugestalten. Aber ich bin auch die mahnende Stimme, die dafür sorgt, dass die Stimmen der Kinder in Politik und Gesellschaft überhaupt ernst genommen werden. Außerdem bin ich der Ansprechpartner für den den Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs der Bundesregierung. Wir sind eines der ersten Bundesländer, die einen solchen Posten geschaffen haben.

Was können denn die Eltern von Ihnen erwarten?

Zwar bin ich zuvorderst Ansprechpartner für Kinder und Jugendliche, aber natürlich können sich auch Eltern an mich wenden. Ich leite ja auch die Geschäftsstelle der Landeselternvertretung der Kindergärten und unterstütze damit auch die Eltern dabei, sich in den Kitas einzubringen. Ich möchte auch Ratgeber für die Eltern sein. Wenn wir Kinder besser vor sexueller Gewalt schützen wollen, müssen wir auch die Erziehungskompetenzen der Eltern stützen. Die müssen ihren Kindern beibringen, wie sie in schwierigen Situationen reagieren und sich wehren können.

Was sind die wichtigsten Themen, die Sie angehen wollen?

Mir sind vor allem die gesellschaftliche Teilhabe von Kindern und Jugendlichen und der Kampf gegen sexuelle Gewalt an Kindern wichtig. Die Zeit, in der über den Kopf von Kindern hinweg über sie entschieden wurde, ist vorbei, dafür stehe ich. Auch beim Thema Kindesmissbrauch will ich dazu beitragen, dass wir permanent aktiv dagegen kämpfen – nicht nur, wenn gerade öffentlich darüber diskutiert wird. Es ist nach wie vor eine Tatsache, dass ein betroffenes Kind im Schnitt sechs bis sieben erwachsene Personen ansprechen muss, bis sie ihm glauben. Das ist zu lang. Wir müssen da sensibler hinsehen.

Was wollen Sie denn konkret dagegen tun?

Ich will dafür sorgen, dass alle Fachkräfte, die mit Kindern zu tun haben, jeder Erzieher, jede Chorleiterin, jeder Trainer, bei dem Thema fit ist. Sie sollen wissen, wie sie erkennen, wenn ein Kind missbraucht wird, sie sollen wissen, wo sie das melden müssen und vor allem, wie sie dem Kind bestmöglich helfen können.

Was wollen Sie noch ändern?

Auch rechtlich, finde ich, sollte sich einiges ändern. Ich wünsche mir, dass sexueller Kindesmissbrauch nicht länger ein bloßes Vergehen ist, sondern eine Straftat. Meiner Meinung nach dürfte er auch nicht verjähren, so wie Mord. Die Opfer sind teilweise fürs Leben gebrochen. Gern würde ich Betroffenen auf ersparen, immer wieder vor Gericht befragt zu werden und alles wiederholen zu müssen. Beispielsweise könnte ein Videoschnitt von der polizeilichen Befragung auch vor Gericht gelten.

Sie sind ja gelernter Journalist. Können Sie das Amt des Kinder- und Jugendbeauftragten denn gut besetzen?

Ich habe in allen Berufsetappen Rüstzeug und neues Wissen für diese Aufgabe hier mitgenommen. In den letzten Jahren habe ich im Referat "Frühe Hilfen und Kinderschutz" einige Projekte auf den Weg gebracht, unter anderem in der Täterarbeit in Zusammenarbeit mit der Charité und der Hochschule Merseburg. Ich bin tief in das Thema Kinderschutz eingetaucht. Außerdem habe ich in den letzten 15 Jahren auch ehrenamtlich eine Zeitung an einer Grundschule betreut. Es ist ein herausforderndes Amt und ich nehme es mit Respekt, aber auch Freude an.

Quelle: MDR/aso

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 09. Juli 2020 | 14:00 Uhr

4 Kommentare

part vor 5 Wochen

Dabei sind es doch besonders die Jobcenter, die Politik mit ihrer Gesetzgebung, die Kommunen und Gemeinden, die über die Köpfe von Kindern und Jgl. Entscheidungen treffen , oder lebt der gelernte Journalist in Wolken-Kuckus-Heim, obwohl einige seiner Forderungen durchaus Sinn ergeben? Es geht eben nicht nur allein um den Kindesmißbrauch, der zwar vordergründig großes Aufklärungsthema sein sollte in der Gesellschaft, denn es geht auch darum was unsere Gesellschaft Kinder und Jugendlichen an Fördermöglichkeiten, Freizeitgestaltung und außerschulischer pädagogischer Beschäftigung vorenthält oder An Infrastruktur durch geschlossene Schwimmhallen und privatisierte Baggerseen oder einer Gesellschaft mit vielen kleinen Mauern und Zäunen.

jackblack vor 5 Wochen

Ich muss Sie enttäuschen, habe sogar 2 Kinder, die gut und umfassend erzogen wurden, zum Glück ohne soziale Medien sondern mit Fürsorge, Vorlesen, gemeinsamen Erlebnissen usw. , aber was heute passiert ist ziemlich krank.

Kritische vor 5 Wochen

So ein Blödsinn, lieber jackblack. Sie haben wohl keine Kinder, oder liege ich da falsch? Die meisten Kinder gehen sehr gern zur Schule und wenn nicht hat das Gründe wie Mobbing oder andere Missstände. Dass Kinder mitentscheiden dürfen, heißt nicht, dass sie entscheiden, ob sie zur Schule gehen. Es heißt, dass sie als MENSCHEN wahrgenommen werden mit ihren Bedürfnissen und ihrer Schutzbedürftigkeit. Alle Erwachsenen waren mal Kinder, auch Sie. Sie sind auf uns angewiesen und wir sind dafür verantwortlich, dass sie körperlich und seelischen Schutz erfahren, Raum für eine gesunde Entwicklung und dass sie eine schöne Kindheit haben. Da sie nicht wahlberechtigt sind, werden sie von der Politik zu wenig beachtet. Deshalb braucht es engagierte Erwachsene, die ihre Interessen vertreten. Was ist daran so schwer zu verstehen? Schlimm, wie viele ältere und verbiesterte Leute fast zu Kinderhassern werden, ohne welche zu kennen. Sie tun mir Leid.

Mehr aus Sachsen-Anhalt