Programm "Bärenführer" Wie alte und junge Ermittler bei der Polizei in Burg voneinander lernen

Die Kluft zwischen Jung und Alt wird immer größer – auch bei der Polizei in Sachsen-Anhalt. Fast die Hälfte der Ermittler ist älter als 50 Jahre. Aber: Die Polizei geht dagegen vor, zieht mehr und mehr junge Leute in die Ausbildung. Ein Beispiel für die Zusammenarbeit der Generationen gibt es in Burg – mit dem Programm "Bärenführer". Ein Besuch.

Porträt Alexander Polte
Bildrechte: MDR/Simon Köppl

von Alexander Polte, MDR SACHSEN-ANHALT

Ein Kommissar und eine Kommissar-Anwärterin der Polizei laufen nebeneinander zu einem Tatort.
Sind ein Team: Kommissar-Anwärterin Darleen Spiegel und der erfahrene Kommissar und "Bärenführer" Hans Zabel Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Jung, ehrgeizig, tough: Darleen Spiegel ist Kommissar-Anwärterin. Die 22-Jährige kommt eigentlich aus Schleswig-Holstein und durchläuft in Sachsen-Anhalt eine Ausbildung zur Polizistin: "Ich finde den Job interessant und spannend", sagt sie. Spiegel gehört zum 53. Jahrgang der Polizei-Fachhochschule in Aschersleben. Alle halbe Jahre beginnt dort ein neuer Jahrgang. In zig Lehrgängen wurde Darleen Spiegel vermittelt, wie sie Zeugen verhört, an Tatorten Spuren sichert und Anzeigen aufnimmt. Doch nur in der Praxis kann sie das Gelernte anwenden.

Im K-Dienst in Burg

In Burg ist sie aktuell im K-Dienst eingesetzt, dem Kriminaldienst. Hier wird zu Einbrüchen, Bränden, Drogendelikten oder Körperverletzungen ermittelt. Eine Einheit, in der Sensibilität und Fingerspitzengefühl gefragt sind. Hier kommt es auf Genauigkeit an. Fehler können schwere Folgen haben. Seit Anfang September steht Spiegel in Burg deshalb Kriminaloberkommissar Hans Zabel zur Seite.

Zwei Menschen sitzen in einem Büro in einer Polizeidienststelle.
Besprechung auf Augenhöhe: Hans Zabel und Kommissar-Anwärterin Darleen Spiegel bei einer Besprechung Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der Bärenführer und seine Praktikantin

Seit mehr als 32 Jahren ist Hans Zabel bei der Polizei, seit 1994 arbeitet er in Burg. Dort ist er der Waffenexperte. Wird beispielsweise eine Waffe in einem Fluss gefunden, wie neulich in der Ihle, kommt sie auf seinen Tisch. Durch sein Fachwissen ordnet er ein, ob es sich um eine scharfe Waffe oder nur eine Schreckschusspistole handelt. Der 56-Jährige betreut Praktikanten als fachpraktischer Ausbilder im K-Dienst. Seit vergangenem Jahr ist er ein sogenannter Bärenführer. Der Begriff kommt aus der Tierwelt: Der erfahrene Bär zeigt dem Jungtier, wie es in der Welt klarkommt. Und so soll es auch zwischen dem Oberkommissar und der Kommissar-Anwärterin ablaufen, aber immer auf Augenhöhe.

Ein Mann wird interviewt.
Hans Zabel Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Für mich ist Darleen eine Kollegin. Sie hat ein entsprechendes Niveau erworben durch ihre Ausbildung und ich weiß, sie ist meine Partnerin und auf diesem Niveau bewege ich mich mit ihr. Sie ist kein Anhängsel, sie begleitet mich im täglichen Dienst.

Hans Zabel Oberkommissar

Die Kriminalpolizei in Burg ist, wie Hans Zabel sagt, nicht "Cobra 11" oder "CSI". Der Großteil der Arbeit ist die sachbearbeitende Tätigkeit, also Bürokratie. Alles muss zu Protokoll gebracht werden. Trotzdem wird auch rausgefahren – so wie heute. In einer Arztpraxis in Burg haben Unbekannte versucht, einzubrechen. Weil das in der Vergangenheit öfter passiert ist, sind tiefergehende Ermittlungen erforderlich. Der K-Dienst rückt an. Hans Zabel zeigt seiner jungen Kollegin, wie sie Fingerabdrücke an Türrahmen abnimmt. Einbruchsspuren werden vermessen und Fotos von allen Einzelheiten am Tatort gemacht. Dazu werden Zeugen vernommen – das darf Spiegel übernehmen, Oberkommissar Zabel mischt sich nur ein, wenn etwas fehlt, sonst ist er zufrieden.

Kommissare der Polizei sichern an einem Tatort Fingerabdrücke.
Fingerabdrücke sichern: Darleen Spiegel lernt im Team mit Hans Zabel vieles über den Polizeialltag. Aus der Theorie wird hier Praxis. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Oberkommissar profitiert vom aktuellen Schulwissen

Obwohl es zwischen Darleen Spiegel (22) und Hans Zabel (56) einen großen Altersunterschied gibt, klappt laut den beiden die Zusammenarbeit hervorragend. Spiegel meint:

Eine junge Frau in Polizeiuniform
Darleen Spiegel Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ich finde, es klappt gut, denn ich komme direkt aus der Schule, habe praktisch null Erfahrung. Und wenn ich einen Ausbilder habe, der für mich da ist, dann weiß ich: Wenn ich eine Frage habe, nimmt er sich die Zeit. Außerdem kann ich Neues mit einbringen. Dann nimmt mein Ausbilder das natürlich auch gerne an und das finde ich gut.

Darleen Spiegel Kommissar-Anwärterin

Das neueste Wissen aus der Schule, vermittelt durch die Praktikantin, wendet Zabel gerne an. Sein Wissen gibt er ebenso weiter, auch wenn er bei seiner Arbeit alleine oft schneller wäre. Die Funktion als "Bärenführer" bedeutet für ihn auch einen Mehraufwand. Trotzdem macht er es gern: "Es macht mir Spaß, mit den jungen Kollegen zu arbeiten. Mein Vorteil ist vielleicht auch, dass ich eine Tochter ungefähr in dem Alter von Darleen habe. Das funktioniert."

Zabel wird noch mehrere Anwärterinnen und Anwärter betreuen. Für Spiegel geht es in ein paar Wochen zur nächsten Station, zur Bereitschaftspolizei in Magdeburg. Vielleicht bekommt sie dort auch einen "Bärenführer".

So alt ist die Polizei in Sachsen-Anhalt

Das Durchschnittsalter der Polizei in Sachsen-Anhalt liegt laut Innenministerium bei 45,8 Jahren. Allerdings sind mit 47,9 Prozent fast die Hälfte der Polizistinnen und Polizisten älter als 50 Jahre. Nur jeder Zehnte (11,8 Prozent) ist demnach jünger als 30 Jahre. In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Zahl der Bewerber von 6.300 auf etwas mehr als 3.000 halbiert. Deshalb wurde in diesem Jahr das Höchstalter für Bewerber auf 37 Jahre angehoben. Auch das trägt zum höheren Alter der Polizei in Sachsen-Anhalt bei.

Porträt Alexander Polte
Bildrechte: MDR/Simon Köppl

Über den Autor Alexander Polte arbeitet seit März 2019 als freier Mitarbeiter bei MDR SACHSEN-ANHALT. Meist arbeitet er für das Fernsehen, gelegentlich gibt es aber auch Hörfunk- und Online-Beiträge von ihm. Alexander Polte wurde in Dessau geboren und ist in der Nähe von Frankfurt am Main aufgewachsen. Nach zehn Jahren zog es seine Familie zurück in die alte Heimat. Er hat eine Ausbildung zum Mediengestalter für Bild und Ton beim MDR in Leipzig gemacht und an der Universität Leipzig Kommunikations- und Medienwissenschaften studiert. Seit Ende seines Volontariats beim MDR arbeitet er in Magdeburg und Leipzig.

Quelle: MDR/ld

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 21. Oktober 2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. Oktober 2019, 16:48 Uhr

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