Pro & Contra Weniger Krankenhäuser – bessere Versorgung

In Sachsen-Anhalt gibt es 47 Krankenhäuser – zu viele für ein so kleines und relativ bevölkerungsarmes Bundesland, meint der Gesundheitsökonom Reinhard Busse. Er plädiert für Schließungen kleinerer Standorte und eine bessere Ausstattung der größeren Kliniken. Sozialministerin Petra Grimm-Benne (SPD) kritisiert diese Sicht.

Eingang zum Klinikum Burgenlandkreis in Naumburg
Das Klinikum Burgenlandkreis in Naumburg wurde kürzlich aus kommunaler Hand an die SRH-Gruppe verkauft. Es ist eines von drei Krankenhäusern im Landkreis. Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk

"Wir betreiben überall Gebäude, wo draußen Krankenhaus draufsteht – aber kein echtes Krankenhaus drin ist." Es ist ein vernichtendes Urteil, das der Gesundheitsökonom Reinhard Busse über die Qualität der medizinischen Versorgung in den Krankenhäusern in Sachsen-Anhalt fällt. Nur, weil Patienten gerade in ländlichen Gebieten bisher in relativ kurzer Zeit ein Krankenhaus erreichen konnten, bedeute das noch nicht, dass ihnen dort auch geholfen werden könne: "In den meisten dieser Krankenhäuser ist weder die Ausstattung drin noch das Personal da, das sie erwarten", sagt Busse.

Pro: Weniger Krankenhäuser, bessere Versorgung

Nur, weil Krankenhäuser 'wohnortnah' erhalten werden, ermöglichen sie keine bessere medizinische Versorgung. Im Kern lautet der Vorwurf: Kleine Kliniken sind zu wenig spezialisiert, um Patienten in bestimmten Notfällen angemessen behandeln zu können. Der Gesundheitsökonom Busse war als Gutachter an einer aktuellen Studie der Bertelsmann-Stiftung beteiligt, die zu dem Ergebnis kommt: In Deutschland müsste die Zahl der Krankenhäuser von derzeit 1.400 auf rund 600 reduziert werden. Ein solch drastischer Einschnitt in das medizinische Versorgungsnetz würde nach Ansicht der Experten eine Beseitigung bisheriger personeller und materieller Engpässe ermöglichen.

Busse erklärt seine Position am Beispiel des Burgenlandkreises – und daran, was passiert, wenn dort jemand einen Herzinfarkt erleidet. Im Landkreis gibt es drei Krankenhäuser – in Naumburg, Weißenfels und Zeitz. Sie sind für die medizinische Versorgung von rund 180.000 Menschen zuständig. Statistisch gesehen gibt es, laut Busse, in jeder Woche etwa acht Herzinfarkte, die auf die Klinikstandorte verteilt werden.

Dass da nicht drei Krankenhäuser entsprechend mit Personal und Technik ausgestattet sind, ist doch klar. Und welcher Burgenlandkreis-Bewohner weiß eigentlich, in welches der drei Krankenhäuser er gehen muss? Ist das nicht eigentlich eine schwachsinnige Aktion, drei Krankenhäuser zu haben, die alle drei schlecht ausgestattet sind?

Reinhard Busse, Gesundheitsökonom

Das Problem existiert deutschlandweit: 60 Prozent der Patienten mit Herzproblemen gehen zunächst in ein wohnortnahes Krankenhaus, in dem sie nicht passend versorgt werden können, sagt der Experte. "Bei Schlaganfällen ist es genauso, auch bei Traumaverletzungen."

Wer ist Reinhard Busse

Prof. Dr. Reinhard Busse forscht an der TU Berlin zum Thema Management im Gesundheitswesen. Er ist zudem Fakultätsmitglied der Charité - Universitätsmedizin Berlin. Er untersucht Gesundheitssysteme in Europa, arbeitet im Bereich Versorgungsforschung und Gesundheitsökonomie. Als Gutachter hatte Reinhard Busse auch Einfluss auf die oben zitierte Studie der Bertelsmann-Stiftung aus dem Jahr 2019.

Pro: Wohnortnähe allein zählt nicht

Reinhard Busse degradiert 'Wohnortnähe' zu einem Schein-Argument: Gewissermaßen gaukelt ein schlecht ausgestattetes, kleines Krankenhaus den Bewohnern speziell in strukturschwachen Regionen nur vor, in Notfällen Hilfe zu bekommen.

Reinhard Busse
Prof. Dr. Reinhard Busse forscht zum Thema Gesundheitswirtschaft. Bildrechte: Technische Universität Berlin

Hinzu komme die Unwirtschaftlichkeit der vielen kleinen Standorte: "Wir haben nicht genug Kranke, um die ganzen Krankenhäuser zu betreiben", so Busse. Größere, aber dafür spezialisierte Kliniken würden nicht nur mehr Patienten pro Krankenhaus bedeuten – sondern auch interessantere Fälle für das ebenso spezialisierte ärztliche und pflegerische Personal. In letzter Konsequenz würden so auch die Arbeitsplätze in den verbleibenden Kliniken attraktiver, meint Busse.

In anderen europäischen Ländern werden deutlich weniger Krankenhäuser auf 100.000 Einwohner unterhalten als in Deutschland. In Dänemark etwa hat ein Krankenhaus die medizinische Versorgung von rund 250.000 Einwohnern abzudecken. Busse glaubt, mit weniger als 200.000 Menschen im Einzugsgebiet, sei auch in Deutschland dauerhaft kein Krankenhaus wirtschaftlich zu betreiben. Auch für sein Beispiel, den Burgenlandkreis, hält Busse einen einzigen Krankenhaus-Standort für ausreichend: "Wenn ich drei Krankenhäuser habe, wie jetzt, dann sind überall nur Ärzte in Bereitschaftsdiensten, es ist überall zu wenig Pflegepersonal und es haben alle dieselben Schwierigkeiten. Und keiner realisiert, dass die Lösung ist, weniger und besser ausgestattete Krankenhäuser zu haben."

Contra: 47 Standorte in Sachsen-Anhalt erhalten

Eine stärkere Zentralisierung in der Krankenhauslandschaft zu erreichen und somit auch die Spezialisierung von Kliniken zu ermöglichen, ist auch das erklärte Ziel von Sozialministerin Petra Grimm-Benne (SPD). Die finanzielle Lage und der Fachkräftemangel würden Sachsen-Anhalt zur Zentralisierung der Klinik-Landschaft zwingen. Doch der von ihr favorisierte Weg ist ein ganz anderer als der, den Reinhard Busse fordert. Die Ministerin sagte MDR SACHSEN-ANHALT: "Vielleicht können wir nicht 47 Krankenhäuser erhalten", womit sie die Kliniken als eigenständige Betriebe meint, "aber ich will die 47 Standorte erhalten."

Ambulanter und stationärer Betrieb sollten in den kleinen Häusern besser miteinander abgestimmt werden, um die medizinische Grundversorgung sicherzustellen. Eine medizinische Grundversorgung setzt sich laut Ministerin aus Innerer Medizin, Chirurgie und Notfallmedizin zusammen – hierbei handele es sich um Bundesvorgaben.

Die Menschen brauchen eine gute Versorgung auch im ländlichen Raum.

Petra Grimm-Benne (SPD), Sozialministerin

Contra: Investitionsprogramm soll Kliniken modernisieren

Zuletzt hatte die Sozialministerin ein Investitionsprogramm über insgesamt 700 Millionen Euro für die Krankenhäuser im Land gefordert. Es gibt dafür allerdings keine Zustimmung vom Regierungspartner CDU.

Petra Grimm-Benne
Sozialministerin Petra Grimm-Benne wirbt für ein Investitionsprogramm. Bildrechte: Ministerium für Arbeit, Soziales und Integration des Landes Sachsen-Anhalt

"Wir sind unserer Investitionspflicht seit 2006 nicht mehr nachgekommen", sagte Grimm-Benne MDR SACHSEN-ANHALT. Das Programm soll nach den Vorstellungen der Ministerin dafür sorgen, dass die bisherige Träger-Struktur der Kliniken erhalten bleibt: Etwa ein Drittel der Häuser ist in der Hand von Kommunen und Landkreisen,  circa ein weiteres Drittel in der Hand von kirchlichen und anderen gemeinnützigen Organisationen und das letzte Drittel in privatwirtschaftlichem Besitz. Insgesamt gibt es mehr private als öffentliche Krankenhäuser.

Contra: Krankenhäuser sind Standortfaktoren

Der Landrat des Burgenlandkreises, Götz Ulrich (CDU), erinnert daran, dass Krankenhäuser auch wirtschaftlich wichtige Faktoren sind: Sie bieten Arbeitsplätze und spielen auch in diesem Sinn für die Attraktivität des ländlichen Raumes eine wichtige Rolle. Daher täten sich kommunale Krankenhaus-Träger schwer damit, Klinik-Abteilungen oder -Standorte zu schließen, sagte Ulrich. Er bemängelt fehlende Unterstützung der kommunalen Krankenhäuser durch Land und Bund: "Das passt nicht zum Versprechen, den ländlichen Raum unterstützen zu wollen."

Die Schließung von Krankenhäusern gefährdet den sozialen Frieden vor Ort.

Götz Ulrich (CDU), Landrat Burgenlandkreis

Der Landrat ist erleichtert, dass durch die Übernahme des Klinikums im Burgenlandkreis durch den frei-gemeinnützigen Träger SRH nun eine Lösung für die insolventen Kliniken in Zeitz und Naumburg gefunden ist. Dass an beiden Standorten auch eine Geburtshilfe angesiedelt, wünscht der Landrat. Wenn nötig, will er das auch mit Mitteln aus dem Kreishaushalt unterstützen.

Quelle: MDR/rj

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | FAKT IST! aus Magdeburg | 03. Februar 2020 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 02. Februar 2020, 18:03 Uhr

30 Kommentare

ElBuffo vor 9 Wochen

Das ist ja Propaganda in bester kommunistischer Manier. In 10 Tagen ist doch noch nicht mal der Mörtel. Das ist vielleicht ein Not-Lazarett. Sowas haben wir hier auch in 10 Tagen aufgebaut und dann werden eben alle nicht lebensbedrohlichen Sachen aufgeschoben und ein paar Leute aus anderen Bereichen abgezogen, um genug Personal zu haben. Aber ich denke mal, auch das hat sich die KPCh über Nacht gebacken.

Monazit vor 9 Wochen

Vielleicht sollte man zwischen medizinischen Notfalleinrichtungen und "Routine-Krankenhäusern" unterscheiden.

Muss in der Fläche eine medizinische Vorsorgung gewärleistet sein, die jederzeit schnell Herzinfarkte und Schlaganfälle behandeln kann? Ich denke auf jeden Fall.

Muss in der Fläche jedes Krankenhaus künstliche Knie- und Hüftgelenke operieren können? Ich denke, eher nicht. Da wären ein bis zwei Spezialkliniken billiger und vor allem besser, weil das gebündelte Know-How viel besser mit Komplikationen umgehen kann.

Vielleicht kann man die Zahl der Kliniken als Kompromiss halbwegs hochhalten, aber recht drastisch aussortieren, was wo gemacht wird.

ElBuffo vor 9 Wochen

Interessant sind für Ärzte Fälle, wo sie nochwas lernen können. Dieses Lernen ist bei Ärzten nicht mit der Approbation beendet. Da wird ständig gelernt und geübt. Geht gar nicht anders.
Das größere Risiko ist nunmal in einem Krankenhaus nicht optimal versorgt zu werden. 10 Minuten später sind demgegenüber das wesentlich kleinere Übel. Es nützt einfach nichts 10 Minuten eher schlecht behandelt zu werden. Dann ist man hinterher trotzdem tot oder trägt für den Rest des Lebens irreparable Folgen mit sich rum.

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