Stasi-Unterlagen
16 Kilometer Stasi-Akten werden allein in Magdeburg und Halle gelagert. Ihre Aufbewahrung ist teils schwierig. (Archivbild) Bildrechte: imago/epd

Brüchiges Papier, schwierige Digitalisierung Wie weiter mit den Stasi-Akten?

Dreißig Jahre nach dem Ende der DDR wird erneut darüber diskutiert, wie es mit den Akten der Stasi weitergeht. Es geht konkret um 111 Kilometer Akten, die der Geheimdienst hinterlassen hat. Dabei hätte wohl niemand in der Stasi gedacht, dass die Unterlagen mal zu einem Denkmal erklärt würden. Doch nun werden sie für die Nachwelt aufbewahrt. Aber diese Aufbewahrung sorgt inzwischen für einige Probleme.

von Uli Wittstock, MDR SACHSEN-ANHALT

Stasi-Unterlagen
16 Kilometer Stasi-Akten werden allein in Magdeburg und Halle gelagert. Ihre Aufbewahrung ist teils schwierig. (Archivbild) Bildrechte: imago/epd

Wer wissen will, wie Papier fachgerecht gelagert wird, der findet die Experten im Landeshauptarchiv. Dort liegen Akten aus der über eintausend jährigen Geschichte des Landes, Urkunden von Otto dem Großen ebenso wie Bestände aus der Lutherzeit oder Hinterlassenschaften aus dem Zeitalter der Industrialisierung. Das Material sammelte sich über viele hundert Jahre an. 

Die Stasi brauchte für dieselben Papiermengen deutlich weniger Zeit, denn die Stasi-Bezirksverwaltungen in Halle und Magdeburg haben in den rund 40 Jahren ihres Bestehens etwa genauso viele Akten produziert, wie die Schreiber in den eintausend Jahren Landesgeschichte zuvor: In Magdeburg sind immerhin neun Kilometer Stasi-Akten erhalten, in Halle sind es sieben.

Staubige Regale, Fehlanzeige

Das Stasi-Unterlagen-Archiv Magdeburg findet sich in der alten Bezirkszentrale des Geheimdienstes im Magdeburger Stadtteil Sudenburg. Hinter hohen Mauern abgeschirmt kamen hier die Mitarbeiter des Dienstes ihrem Kampfauftrag nach. Einmal im Monat öffnen sich die Räume der ehemaligen Bezirkszentrale zu Archivführungen. Wer einen Blick in düstere Flure mit staubigen Regalen erwartet, wird aber enttäuscht, denn die Akten stehen sorgsam aufgereiht in modernen Rollschränken.

Es gibt derzeit keine Aufbewahrung der Akten, die den Anforderungen eines Archivs entspricht.

Birgitt Neumann-Becker, Beauftragte zur Aufarbeitung des SED-Unrechts

Doch dieser Eindruck ist trügerisch, sagt Birgitt Neumann-Becker, Sachsen-Anhalts Beauftragte zur Aufarbeitung des SED-Unrechts: "Es gibt derzeit keine Aufbewahrung der Akten, die den Anforderungen eines Archivs entspricht. Und das trifft im Prinzip für alle Außenstellen der Stasi-Unterlagenbehörde zu, mit einer Ausnahme, nämlich Halle. Dort allerdings steht das neue Archiv in einem potentiellen Hochwassergebiet."

Droht den Außenstellen das Aus?

Im Herbst soll der Bundestag über die Zukunft der Stasi-Akten entscheiden. Sie werden wahrscheinlich dem Bundesarchiv in Koblenz zugeschlagen und was dann mit den bisherigen Außenstellen geschieht, ist unklar. Schon länger wird mit Verweis auf die Kosten debattiert, die Zahl der Außenstellen zu reduzieren.

Birgit Neumann-Becker hält nichts von solchen Plänen. Dann wären Archivführungen, die Kooperation mit Schulen oder auch die Beratung vor Ort durch erfahrene Mitarbeiter der Stasi-Unterlagenbehörde nicht mehr möglich, davon ist Neumann-Becker überzeugt: "Für Sachsen-Anhalt ist es notwendig, zwei Außenstellen zu haben. Die Menschen aus der Altmark fahren nicht nach Halle wegen einer Akteneinsicht, ebenso wie die aus Zeitz nicht nach Magdeburg kommen, um dort eine Archivführung zu erleben. Hinzu kommt, dass es in den Außenstellen spezielle Kompetenzen gibt. Während die Magdeburger Stasi sich im Wesentlichen auf das Thema Staatsgrenze konzentrierte, so ging es in Halle um die Universität sowie die Chemieindustrie."

Neumann-Becker sieht nicht nur die Akten als ein Denkmal, sondern auch die Orte, in denen sie einst entstanden. Denn inzwischen sind die ehemaligen Kreisdienststellen der Stasi kaum noch bekannt, umso wichtiger sei es nun, die Bezirkszentralen als Erinnerungsort zu bewahren.

Stasi-Akten in keinem guten Zustand

Aber es gibt eine weitere Schwierigkeit mit dem Material so Birgit Neumann-Becker: "Das Papier droht allmählich zu verfallen. Es muss entsäuert werden, wenn es erhalten werden soll und das ist eine Riesenaufgabe." Das Problem des Säurefraßes wird in Archiven seit längerem beobachtet und betrifft vor allem minderwertiges Papier. Hinzukommt, dass diejenigen, die einst die Akten erstellten, nicht davon ausgingen, Bleibendes zu hinterlassen. Und so spiegelt  der Zustand vieler Akten auch die Umstände unter denen sie entstanden.

Dagmar Hovestedt, Sprecherin der Unterlagenbehörde, möchte nicht von einem desolaten Zustand sprechen, doch aus Sicht der Archivare sind die Akten in keinem guten Zustand: "Eine Zeitlang wurde Thermopapier verwendet, das verblasst zunehmend. Dann gibt es Kohlepapierdurchschläge im zehnten Durchschlag, da können sie die Buchstaben inzwischen kaum noch entziffern. Es gibt in den Unterlagen ganz unterschiedliche Papiere, verschiedene Größen und Formaten und das alles unter den Bedingungen der DDR-Mangelwirtschaft, von welcher ja auch die Stasi betroffen war."

Nur ein Bruchteil des Materials ist digitalisiert

Hinzukommt, dass Papier nur ein Teil der Hinterlassenschaft ist, denn noch stärker vom Verfall betroffen sind Tonbänder und Kassetten, sowie Videomaterial und Fotos. Bislang wurden immerhin über 100.000 Fotos digitalisiert sowie mehr als 11.000 Tondokumente. Zudem wurden fast drei Millionen Seiten Papier digitalisiert. Das klingt nach einer großen Menge, umfasst aber gerademal 0,2 Prozent des gesamten Materials.

Vieles muss von Hand gescannt werden. Manches Papier ist aber so brüchig, dass es vorher erstmal restauriert werden muss.

Dagmar Hovestedt, Sprecherin der Unterlagenbehörd

Aber nicht nur die schiere Menge ist das Problem, sondern auch der physische Zustand der Akten. Vieles ließe sich gar nicht maschinell digitalisieren, sagt Dagmar Hovestedt von der Unterlagenbehörde: "Wenn es sich um ein Teil des nationalen Erinnerns handelt, sollte das Material natürlich digitalisiert werden, doch in der Praxis ist das schwierig. Denn vieles muss von Hand gescannt werden. Manches Papier ist aber so brüchig, dass es vorher erstmal restauriert werden muss."

Immerhin handelt es sich insgesamt um 5.300 Tonnen Papier, beschrieben von mehreren tausend Menschen. Die Absurdität des realen Sozialismus lässt sich kaum sinnfälliger darstellen. So gesehen handelt es sich wohl weltweit um ein sehr einzigartiges politisches Denkmal, über dessen Interpretation allerdings gestritten wird. Der Blick in die Stasi-Akten ergibt ein bestimmtes Bild der DDR, allerdings kein vollständiges. Wer nach der einen großen Wahrheit sucht, muss wohl auch an den Stasi-Akten scheitern, denn jeder Geheimdienst schafft sich seine eigene Wahrheit.

Eine Erinnerung an die analoge Zeit

Also stellt sich die Frage, wozu dann dieser ganze Aufwand? Dagmar Hovestedt erklärt es so: "Die Akten bieten die Möglichkeit, das Verhältnis von Staat und Bürger zu erkunden. Man kann sehen, wie Bespitzelung und Überwachung eines ganzen Landes funktioniert. Das kann dann auch Anlass sein, darüber nachzudenken, wie wir Gesellschaft heute organisieren."

Und es gibt wohl einen weiteren Grund, die Akten zu erhalten. Sollte nämlich in Zukunft noch einmal ein Geheimdienst aufgelöst werden, dann wird man allenfalls ein paar Server besichtigen können, denn inzwischen hat ja die Digitalisierung auch die Art der Überwachung verändert. Insofern erinnern die 111 Kilometer Akten nicht nur an den Kalten Krieg, sondern auch an eine Zeit, als die Welt noch überwiegend analog organsiert war.

Quelle: MDR/sp

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 06. April 2019 | 12:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. April 2019, 17:42 Uhr

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29 Kommentare

16.04.2019 16:44 Gert 29

An W.Merseburger. Danke für die Einschätzung als Idealisten. Da ehrt mich sehr.

16.04.2019 11:44 W. Merseburger 28

@ 31 Gert,
sie gehen da, was die historische Fundgrube ist, sehr idealistisch heran. Ich war eine Zeit lang in einer Abteilung von ca. 100 Werktätigen für die staatliche Jugend- und FDJ-Arbeit zuständig. Nach kurzer Einarbeitung habe ich die gesamte Jugendarbeit der Abteilung erfunden und zwar so, dass wir keine Rüge "von Oben"bekamen, aber ja nicht besonders Gut waren. Besonders gut hieß nämlich für höhere Aufgaben vorgesehen. Und die IM haben doch auch laufend Berichte absondern müssen, auch wenn es nichts zu berichten gab. Das war doch die gesamte Schizzophrenie des Systems, und jeder hat es versucht, so gut als möglich zu umgehen. Sie sehen, die Stasi ist ein endloses Thema.

15.04.2019 23:43 Gert 27

An W. Merseburger. Auch wenn man solche Fakten, wie den Skodabericht, als unnütz abtun will, so sind diese Berichte doch eine wahre Fundgrube für Historiker, die das Leben in der DDR genauer uner die Lupe nehmen wollen. So kann auch sschreiiben: Die Stasi ware die Cheonisten der DDR. Denn wo kann man detalliert das Äeben in der DDR nachvollziehen. Nicht mal heutige Ortschronisten würden so was schaffen. Daher schätze ich, daß bestimmte Historiker da mit mir einer Meinung sind, wenn sie die DDR-Geschichte richtig aufarbeiten wollen, diese Daten und Berichte zu konservieren.