Traktor-Kolonne und Kundgebung Hunderte Landwirte protestieren in Magdeburg gegen Agrarpolitik

Landwirte in ganz Deutschland sehen ihre Existenz gefährdet. Grund ist das Agrarpaket der Bundesregierung, das unter anderem den Einsatz von Glyphosat verbieten soll. Auch in Sachsen-Anhalt haben sich am Dienstag hunderte Landwirte auf den Weg gemacht, um gegen die Pläne zu demonstrieren. Zeitweise legten sie den Verkehr lahm.

Traktoren fahren der Reihe nach über eine Straße.
Zur Demo in Magdeburg sind hunderte Landwirte mit Traktoren angerollt. Bildrechte: MDR/Tom Wunderlich

Landwirte aus vielen Teilen Sachsen-Anhalts haben sich am Dienstag mit etwa 400 Traktoren auf den Weg nach Magdeburg gemacht. Dort demonstrierten sie gegen die Agrarpolitik der Bundesregierung. Bei einer Kundgebung auf dem Domplatz machten Landwirte aus vielen Teilen Sachsen-Anhalts ihrem Unmut Luft. Sie kritisierten insbesondere das sogenannte Agrarpaket, das Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) und Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) vor einer Zeit eingebracht hatten.

Dazu hatte die Gruppe "Land schafft Verbindung" aufgerufen, der sich via Facebook in den vergangenen Tagen tausende Landwirte aus ganz Deutschland angeschlossen hatten.

Hunderte Traktoren rollen durch Magdeburg

Traktoren fahren der Reihe nach über eine Straße.
Landwirte aus vielen Teilen Sachsen-Anhalts haben sich am Dienstag auf den Weg nach Magdeburg gemacht. Bildrechte: MDR/Tom Wunderlich
Traktoren fahren der Reihe nach über eine Straße.
Landwirte aus vielen Teilen Sachsen-Anhalts haben sich am Dienstag auf den Weg nach Magdeburg gemacht. Bildrechte: MDR/Tom Wunderlich
Mehrere Traktoren fahren in einer Kolonne auf einer Landstraße, am vorderen hängt ein Schild mit der Aufschrift -Grüner als wir ist keiner-.
Ziel ihrer Sternfahrt war der Domplatz am Landtag. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Traktoren stehen auf dem Domplatz vor dem Dom.
Dort protestierten die Landwirte gegen das Agrarpaket der Bundesregierung. Bildrechte: MDR/Tom Wunderlich
An einem Traktor hängt ein Schild mit der Aufschrift "Grüner als wir ist keiner".
Viele Bauern sehen darin eine Gefahr für landwirtschaftliche Familienbetriebe. Das Paket von Bundeslandwirtschaftsministerin Klöckner (CDU) und Bundesumweltministerin Schulze (SPD) sieht unter anderem vor, Herbizide und einzelne Insektizide zu verbieten. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Mehrere Traktoren fahren in einer Kolonne auf einer Landstraße.
Bundesweit gab es am Dienstag deshalb Protestaktionen. Zur zentralen Kundgebung in Bonn waren im Vorfeld rund 10.000 Demonstranten erwartet worden. In Sachsen-Anhalt gab es wegen der Traktoren-Kolonne Behinderungen auf einzelnen Straßen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Mehrere Traktoren mit Bannern fahren stadteinwärts in Richtung Magdeburg.
Geduld brauchten Auto- und Lkw-Fahrer zum Beispiel stadteinwärts auf der Bundesstraße 1 in Richtung Magdeburg. Ein Reporter von MDR SACHSEN-ANHALT berichtete von einer mehrere Hundert Meter langen Kolonne aus Traktoren. Bildrechte: MDR/André Plaul
Traktoren auf dem Schleinufer in Magdeburg
Auch auf dem Schleinufer in Magdeburg gab es Probleme. Dort rollten die Traktoren ein, um später auf den Domplatz zu fahren. Bildrechte: MDR/Alisa Sonntag
Ein Traktor fährt über eine Kreuzung. An ihm ist ein Schild mit der Aufschrift "Redet mit uns statt über uns. Wir machen euch satt."
Mit Sprüchen wie "Farmers for Future" oder "Redet mit uns statt über uns, wir machen euch satt" verschafften sich die Landwirte Gehör. Meike Schulz-Broers vom Organisationsteam sagte, Ziel sei, dass Landwirte wieder als Gesprächsteilnehmer wahrgenommen würden. Bildrechte: MDR/Tom Wunderlich
Traktoren fahren der Reihe nach über eine Straße.
Hinter der Sternfahrt steckt die Facebook-Community "Land schafft Verbindung", der sich innerhalb weniger Tage Tausende Landwirte aus ganz Deutschland angeschlossen haben. In WhatsApp-Gruppen sind bundesweit mehr als 100.000 Menschen Teil der Community. Insgesamt wurden in Sachsen-Anhalt im Vorfeld rund 180 landwirtschaftliche Fahrzeuge zu der Kundgebung in Magdeburg erwartet. Allein aus der Altmark und dem Elb-Havel-Winkel wollten mehr als 60 Landwirte anreisen. Bildrechte: MDR/Tom Wunderlich
Traktoren stehen am Schleinufer in Magdeburg
Vor Ort war auch Landwirt Frank Böcker aus Emden im Landkreis Börde. Er sagte MDR SACHSEN-ANHALT, vom Agrarpaket der Bundesregierung seien alle Landwirte betroffen. In Magdeburg haben die Teilnehmer der Kundgebung vor, die Bevölkerung über moderne Landwirtschaft aufzuklären. Es geht laut Landwirt Böcker nicht darum, die Bürger zu ärgern. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer
Auf einer Kreuzung stehen Polizisten und Polizeiautos. Um die Kreuzung herum stehen Pkw und Traktoren.
Im Stadtzentrum von Magdeburg gab es lange Staus. Bildrechte: MDR/Tom Wunderlich
Durch einen Autospiegel fotografiert ist ein Stau zu sehen.
Auch am Nachmittag war noch der eine oder andere Traktor in Magdeburg zu sehen.

Dieses Thema im Programm:
MDR um 11 – 22.10.2019 | 11:00 Uhr

Quelle: MDR/ld
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Bauern kritisieren "Verschärfung der Lage"

Der Landwirt Frank Böcker aus Emden im Landkreis Börde sagte MDR SACHSEN-ANHALT, das Agrarpaket betreffe alle Landwirte. "Wir werden immer mehr reglementiert. Wir dürfen nicht mehr so viel Dünger ausstreuen, dass wir vernünftige Erträge erzielen können", sagte Böcker. Das Agrarpaket sehe eine weitere Verschärfung der Lage vor. "Wie sollen wir unsere Betriebe fit machen, wenn wir immer weniger Dünger streuen dürfen und wenn wir nicht das an Erträgen erzielen können, was wir brauchen?"

Ziel des Protests ist Böcker zufolge, die Bevölkerung mitzunehmen. Man wolle die Magdeburger nicht ärgern, betonte er. "Wir wollen aufklären und zeigen, was moderne Landwirtschaft kann."

Sachsen-Anhalts Landwirtschaftsministerin Claudia Dalbert (Bündnis 90/Die Grünen) äußerte Verständnis für die Proteste der Landwirte. Sie sprach am Dienstagnachmittag von einer Demonstration, die nach Respekt rufe. Dalbert forderte die Bundespolitik auf, für eine auskömmliche Landwirtschaft unter verlässliche Bedingungen zu sorgen.

Wegen der vielen Traktoren auf den Straßen kam es in Richtung Magdeburg am Vormittag und am Mittag zu Verkehrsbehinderungen. Auf dem Schleinufer etwa stand der Verkehr zwischenzeitlich komplett still, weil die vielen Traktoren darauf warteten, auf den Domplatz fahren zu können.

Insgesamt waren im Vorfeld der Kundgebung rund 180 landwirtschaftliche Fahrzeuge in Magdeburg erwartet worden. Eine Reporterin von MDR SACHSEN-ANHALT berichtet von vor Ort, dass zeitweise 400 Traktoren auf den Domplatz standen. Allein aus Altmark und Elb-Havel-Winkel hatten mehr als 60 Landwirte in die Landeshauptstadt reisen wollen.

Der Naturschützer und Ökologe Ernst Paul Dörfler aus Bad Schmiedeberg bekräftige im Gespräch mit MDR SACHSEN-ANHALT die Bedeutung der Landwirtschaft. "Wir brauchen Bauern", sagte Dörfler. Und wenn Bauern sich in ihrer Existenz bedroht fühlten, müssten sie sich auch zu Wort melden. Dörfler betonte aber auch, dass die Landwirte für eine geringere Nitratbelastung im Grundwasser sorgen müssten.

Naturschützer: Finanzielle Anreize für Landwirte schaffen

Zu einem großen Teil seien landwirtschaftliche Flächen "überdüngt", sagte Dörfler. Überschüssige Dünger gelange ins Grundwasser. "Und dahin gehört er nicht." Dörfler schlug deshalb vor, dass die Europäische Union Landwirte finanziell stärker unterstützen müsse, wenn sie für sauberes Trinkwasser sorgten. Dieser Anreiz fehle aktuell. Die EU verteile jährlich 55 Milliarden Euro an Landwirte – und unterscheide nicht zwischen Landwirten, die zu viel düngten oder bei denen alles im Rahmen ist.

Das Agrarpaket der Bundesregierung

Das Agrar-Paket der Bundesregierung hat im Wesentlichen die folgenden Schwerpunkte:

Insektenschutzprogramm
Es umfasst unter anderem die schrittweise Begrenzung und den Ausstieg aus der Glyphosat-Nutzung sowie den Schutz von Streuobstwiesen. Außerdem sieht es einen Mindestabstand zu Gewässern von 10 Metern bei Anwendung von Pflanzenschutzmitteln vor. Ab 2021 sollen Herbizide und bestimmte Insektizide in Schutzgebieten verboten werden.

Tierwohllabel
Ein Tierwohllabel soll Standards garantieren, die über dem gesetzlichen Minimum liegen. Seine Verwendung ist freiwillig.

Umschichtung der Direktzahlungen
Aus dem Budget der Direktzahlungen an Landwirte sollen im Jahr 2020 sechs Prozent in Subventionen, die an Agrarumweltprogramme gekoppelt sind, umgeschichtet werden.

In der Vergangenheit hatten bereits die Bauernverbände aus Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen Ablehnung gegen das Agrarpaket der Bundesregierung geäußert. Erik Hecht, Sprecher des Bauernverbands in Sachsen-Anhalt, sprach davon, dass das Agrarpaket bei vielen Landwirten für "absolutes Unverständnis" sorge. Es gehe an der landwirtschaftlichen Realität vorbei. Die Diskussion werde vor dem Hintergrund der extrem trockenen Jahre 2018 und 2019 geführt, die bei vielen Landwirten ohnehin schon für große Probleme und eine schlechte Erntebilanz gesorgt hatten.

Um ihren Protest deutlich zu machen, hatten vor einigen Wochen zahlreiche Landwirte grüne Kreuze auf ihren Äckern aufgestellt.

Ein grünes Holzkreuz auf einem Feld.
Mit grünen Kreuzen wie diesem protestieren Landwirte seit einigen Wochen gegen die Agrarpolitik der Bundesregierung. (Archivfoto) Bildrechte: imago images/Arnulf Hettrich

Quelle: MDR/ld

Dieses Thema im Programm: MDR um 11 | 22. Oktober 2019 | 11:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 22. Oktober 2019, 17:32 Uhr

6 Kommentare

nilux vor 3 Wochen

Ich stehe gegenwärtig an jedem Arbeitstag eine Stunde im Stau in Magdeburg (ÖPNV habe ich erfolglos ausprobiert und aufgegeben).
Heute stand ich noch länger und das gern! Ich habe Verständnis für die Sache der Bauer und fand den "Aufmarsch der Traktoren" sehr beeindruckend. Hut ab, Leute!

Wenzel vor 3 Wochen

Wow! 400 Traktoren auf dem Domplatz in Magdeburg: Was für ein Bild!!!! Wie viel PS haben da die Stadt lahmgelegt? Das war sehr beeindruckend!
Aber worum ging es eigentlich den Demonstanten?
Um das Agrarpaket der Bundesregierung? Das verstehe ich nicht.
Was ist schlecht an Insektenschutz, Tierwohl und Grundwasserschutz?
Wollen wir nicht alle, dass unsere Lebensmittel umweltverträglich und regional hergestellt werden und dafür einen fairen Preis an die Erzeuger zahlen, Insekten Blüten bestäuben, Vögel auch auf dem Land überleben können, auch Babys unbeschadet das Trinkwasser trinken können, Tiere artgerecht gehalten werden, keine krebserregenden Mittel in die Umwelt gelangen ... ?
Oder geht es hier einfach um den Profit der großen Hersteller von Herbiziden, Pestiziden, Medikamenten für die Massentierhaltung, Saatgut und Düngemittel?
... und wir lassen uns wieder mal wie der Ochs am Nasenring durch's Dorf führen ... oder stehen eben im Riesenstau in Magdeburg.

blaumeise69 vor 3 Wochen

"Wir machen Euch satt!" Na ja, pappesatt bestimmt! Ich zumindest ernähre mich nicht von den riesigen Raps- und Maismonokulturen der Agrarwüste. Da werden riesiege Flächen verpestet um dort jegliches Leben abseits der Monokuktur auszulöschen. Dafür gibt's dann auch noch Milliarden Subventionen aus Brüssel.
Und kaum scheint sich jetzt etwas in die richtige Richtung zu ändern, schon tut man so, als würde man zu Grabe getragen. Nur haben mittlerweile viele Menschen diese Scheinheiligkeit erkannt.
"Die Sonne lacht, der Regen fällt, der Bauer schreit nach Steuergeld."
Und mit dem Verkehrschaos zum Berufsverkehr hat man sicher ganz viele Freunde dazu gewonnen, Freunde der längst überfälligen Agrarwende!

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