Interview zu Fridays for Future Psychologin: Schüler mutiger als PolitikerInnen

Die Radikalität, mit der Kinder und Jugendliche gegen die derzeitige Klimapolitik protestieren, ist ihre Stärke – erklärt die Psychologin Ellen Matthies im Interview mit MDR SACHSEN-ANHALT. Sie ist Teil der Gruppe "Scientists for Future", die die Schüler-Proteste unterstützen. Die Professorin für Umweltpsychologie an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg forscht zu Interaktionen von Mensch und Umwelt. Matthies ist Mitglied im Beirat der Bundesregierung zu globalen Umweltveränderungen.

Ellen Matthies
Die Psychologin Ellen Matthies sagt, die Demonstrationen der Schüler zeugten von deren Interesse an der gemeinsamen Zukunft. Bildrechte: MDR/Stefan Berger

MDR SACHSEN-ANHALT: Sie sagen, "die Zeit läuft uns davon". Es müsse dringend gehandelt werden, um eine unkontrollierte ökologische Katastrophe abzuwenden. Was müsste passieren, damit sich wirklich etwas ändert?

Ellen Matthies: Die Klimaschutzziele müssten ernst genommen und zur Grundlage politischen Handelns gemacht werden. Derzeit werden Umsetzungen (z.B. im Sektor Verkehr) blockiert, und Ziele aufgeweicht und zurückgenommen.

Warum ist die Gesellschaft beim Thema Fridays for Future so gespalten?

Ist sie das? Strittig ist doch höchstens das Streiken der Schüler, nicht die Bedeutung des Klimawandels. Über 80 Prozent sind für eine Verstärkung der Anstrengungen des Klimaschutzes.

Warum wird der Klimawandel immer noch von so vielen abgestritten?

Wird er nicht. Leider wird es von schlecht informierten Menschen manchmal so kolportiert. Selbst in den USA ist die Mehrheit der Bevölkerung vom menschengemachten Klimawandel überzeugt.

Viele Kritiker belächeln die jungen Leute und sagen: "Na dann verzichte künftig auf Flugreisen mit deinen Eltern und iss kein Fleisch mehr." Müssen Klimademonstranten alles richtig machen in Sachen Klimaschutz?

Moralisches Auftreten ist glaubwürdiger, wenn auch im restlichen Verhalten alles stimmt. Beim klimarelevanten Handeln ist es anders. Über Jahrzehnte wurde versäumt, Klimaschäden zu internalisieren, klimaschädliche Technologien wurden sogar noch subventioniert. Deshalb liegt klimaschonendes Handeln oft nicht nah, sondern ist anstrengend. Das sollte sich ändern, und darauf hinzuweisen ist richtig, unabhängig vom eigenen Handeln.

Wie empfinden Sie es, dass Sie jetzt ausgerechnet von den Jüngsten unterstützt werden?

Großartig, vermutlich sind die Jungen noch nicht demoralisiert. Das ist eine spannende Frage, es gibt darauf eine inhaltliche und eine psychologische Antwort:

Die Kinder und Jugendlichen sind diejenigen, für die 2050 oder 2070 (und dann wird vieles so oder so entschieden sein) in der Mitte ihres Lebens liegen, sie werden dann selbst erst dreißig oder fünfzig Jahre alt sein und müssen mit den Konsequenzen des (Nicht-)Handelns von heute leben – also mit Klima-Migration, Biodiversitätsverlust.

Kinder und Jugendliche sind noch nicht durch "Machbarkeitsdenken" deformiert, sie reagieren unmittelbar, fundamental, radikal. Das ist ihre Stärke, da helfen sie uns weiter. Für sie ist viel mehr vorstellbar – auch an Wandel – als für uns. Das ist eine Ressource: Erneuerung.

Es macht also Sinn, dass die Kinder jetzt einfordern, worum sich Politik schon die letzten dreißig Jahre hätte kümmern können. Und sie sind offenkundig viel mutiger als die PolitikerInnen, wie gut.

#FridaysforFuture-Demos in Sachsen-Anhalt Schüler in Magdeburg, Halle und Salzwedel beteiligen sich an globalen Klima-Demos

In Sachsen-Anhalt sind insgesamt mehr als 2.000 Schüler für mehr Klimaschutz auf die Straßen gegangen – unter anderem in Magdeburg, Halle und Salzwedel. Anlass war ein weltweiter Klima-Protesttag.

Schüler und Jugendliche ziehen am 15.03.2019 anlässlich einer Fridays-for-Future-Demonstrationen durch Halle (Saale) – hier am Leipziger Turm
Weltweit haben Schüler am Freitag für mehr Klimaschutz demonstriert. In mehreren Städten in Sachsen-Anhalt, hier in Halle, beteiligten sich insgesamt mehr als 2.000 Schüler an den Protesten. Mit Sprechchören wie: "Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut", machten die Schüler lautstark auf ihr Anliegen aufmerksam: einen besseren Klimaschutz. Bildrechte: MDR/Martin Paul
Schüler und Jugendliche ziehen am 15.03.2019 anlässlich einer Fridays-for-Future-Demonstrationen durch Halle (Saale) – hier am Leipziger Turm
Weltweit haben Schüler am Freitag für mehr Klimaschutz demonstriert. In mehreren Städten in Sachsen-Anhalt, hier in Halle, beteiligten sich insgesamt mehr als 2.000 Schüler an den Protesten. Mit Sprechchören wie: "Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut", machten die Schüler lautstark auf ihr Anliegen aufmerksam: einen besseren Klimaschutz. Bildrechte: MDR/Martin Paul
Schüler und Jugendliche ziehen am 15.03.2019 anlässlich einer Fridays-for-Future-Demonstrationen durch Halle (Saale) – hier auf dem Hansering
In Halle kamen am Freitagmittag laut Polizei etwa 1.000 Schüler zusammen. Bildrechte: MDR/Martin Paul
Ein Mann hat einen Globuskopf aus Pappmaché
In Magdeburg beteiligten sich nach Angaben eines Reporters vor Ort rund 950 Menschen an den Protesten... Bildrechte: MDR/Tom Wunderlich
Jugendliche demonstrieren in Magdeburg gegen die Kilmapolitik
... deutlich mehr Demonstrierende als sonst. Bildrechte: MDR/Alexander Polte
Schüler auf der Demonstration ''Fridays fur Future'' in Salzwedel.
Erstmals wurde auch in Salzwedel im Norden Sachsen-Anhalts demonstriert. Bildrechte: MDR/Doreen Jonas
Schüler auf der Demonstration ''Fridays fur Future'' in Salzwedel.
Die Schüler sprechen von insgesamt 300 Teilnehmern, die Polizei von 180. Bildrechte: MDR/Doreen Jonas
Schüler und Jugendliche ziehen am 15.03.2019 anlässlich einer Fridays-for-Future-Demonstrationen durch Halle (Saale) – hier am Leipziger Turm
In Halle zogen am Freitagmittag die Schüler vom Riebeckplatz am Bahnhof... Bildrechte: MDR/Martin Paul
Schüler und Jugendliche ziehen am 15.03.2019 anlässlich einer Fridays-for-Future-Demonstrationen durch Halle (Saale) – hier am Leipziger Turm
…über den Leipziger Turm… Bildrechte: MDR/Martin Paul
Schüler und Jugendliche ziehen am 15.03.2019 anlässlich einer Fridays-for-Future-Demonstrationen durch Halle (Saale) – hier auf dem Markt vor dem Rathaus
…zum Marktplatz. Bildrechte: MDR/Martin Paul
Eine Lehrerin beteiligt sich mit ihren Schülern am 15.03.2019 an den Fridays-for-Future-Demonstrationen in Halle (Saale) – hier am Leipziger Turm
Auch Lehrerin Franziska Molkethin von der Saaleschule in Halle war mit einigen Schülern aus der 6. Klasse vor Ort – ganz offiziell und ohne Schulschwänzen. Bildrechte: MDR/Martin Paul
Schüler und Jugendliche ziehen am 15.03.2019 anlässlich einer Fridays-for-Future-Demonstrationen durch Halle (Saale) – hier am Leipziger Turm
Denn Schulleitung und Eltern haben zugestimmt, die Teilnahme an der Demonstration als Exkursion zu werten – wenn es eine Vor- und Nachbereitung dazu gibt. Bildrechte: MDR/Martin Paul
Schüler und Jugendliche ziehen am 15.03.2019 anlässlich einer Fridays-for-Future-Demonstrationen durch Halle (Saale) – hier am Leipziger Turm
Am Ende der Demonstration erklärte Peter von Lampe die Ziele der Schüler: "Wir stehen hier, um den Politikern klar zu machen, dass sie jetzt handeln müssen." Bildrechte: MDR/Martin Paul
Jugendliche demonstrieren in Magdeburg gegen die Kilmapolitik
Unter den Streikenden waren aber nicht nur Schüler. Bildrechte: MDR/Alexander Polte
Jugendliche demonstrieren in Magdeburg gegen die Kilmapolitik
Auch einige Eltern und Wissenschaftler waren bei den Protesten dabei. Bildrechte: MDR/Alexander Polte
Jugendliche demonstrieren in Magdeburg gegen die Kilmapolitik
Die Schüler und Studenten versammelten sich mit Transparenten und lauter Musik vor dem Landtag in Magdeburg. Bildrechte: MDR/Alexander Polte
Junge Menschen demonstrieren in Magdeburg gegen die Kilmapolitik
Anschließend zogen die Demonstrierenden durch die Magdeburger Innenstadt. Bildrechte: MDR/Alexander Polte
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Wie fühlen Sie sich ansonsten in Sachen Klimaverbesserungen bisher von der Politik beachtet/behandelt?

Wenn man sich als Wissenschaftlerin kundig macht, IPCC-Berichte liest (die darauf hinweisen, dass es wichtig ist früh zu handeln, weil der nach hinten verschobene Ausstieg aus dem fossilen Zeitalter dann viel radikaler ausfallen muss und uns die Zeit zum Handeln dann noch mehr fehlt), demoskopische Studien zur Kenntnis nimmt, die ein hohes Problembewusstsein und starken Willen zum Klimaschutz und zum Kohleausstieg für Deutschland zeigen, dann sollte Politik doch handeln. Strategien und Konzepte entwickeln, wie das gut und gerecht bewältigt werden kann. Ich fühle mich da fast hilflos.

Führen die Demos und die Kritik eher zu Politikverdrossenheit, oder passiert genau das Gegenteil?

Wenn die Kinder und Jugendlichen demonstrieren, dann zeugt das von Engagement, von Interesse an der gemeinsamen Zukunft. Ich glaube, das spricht uns alle an. Mir gibt es Hoffnung.

Quelle: MDR/rj

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | MDR SACHSEN-ANHALT | 15. März 2019 | 17:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. März 2019, 15:18 Uhr

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47 Kommentare

17.03.2019 15:22 Fakt 47

>>Hans Frieder Leistner, #46:
"Oder glauben sie , was Herr Lafit in Kiel erzählt? Nach dessen Erkenntnissen gäbe es in Mitteleuropa schon keinen Schnee mehr."<<
--------
Nö, dass es schon heute keinen Schnee mehr geben würde, hat er so nie gesagt.
Ich zitiere einfach mal einen Beitrag von mir aus einem anderen Thread hier zum gleichen Thema:

Dann sollten Sie den Artikel bei Spiegel Online aus dem Jahr 2000 lesen und werden feststellen, dass viel von dem, was Latif seinerzeit sagte, langsam aber sicher eintritt, teilweise schon eingetreten ist. Wenn das nächste Mal in Sachsen die Elbe über die Ufer tritt und eure Keller absaufen, werde ich Sie daran erinnern. Abgesehen davon, hat er nicht gesagt, wann das eintritt, nur dass es nach Modellen und Berechnungen über lang oder kurz aller Wahrscheinlichkeit nach eintreten wird.

Latif zählt übrigens zu den renommiertesten Klimaforschern Deutschlands - nur mal so am Rande.

17.03.2019 11:33 Hans Frieder Leistner 46

@ fakt. Können sie mir einen ausgewiesenen Klimaforscher mit Namen nennen? Es gibt eine Reihe Leute, die zwar Physik studiert haben aber nicht speziell Klima oder Geophysik. Es gab da mal einen Inder bei der UNO als Experte, der hatte Lokomotivbau studiert. Oder glauben sie , was Herr Lafit in Kiel erzählt? Nach dessen Erkenntnissen gäbe es in Mitteleuropa schon keinen Schnee mehr.

17.03.2019 10:57 Hilde 45

Meine Enkelin, 15, war nicht zur Demo und sagte mir, es ist ja Unterricht gewesen. Schon mal ein guter Ansatz. Ich sagte, wie sie die Aktion findet. Gut, war die Antwort. Ich fragte, warum. Da hatte sie keine Argumente, obwohl sie in einem bioorientierten Haushalt lebt. Und ich fragte, wie sie und ihre Eltern von einer Großstadt in die andere zu Arbeit und Schule käme. Selbst dort geht's nicht ohne Auto und öffentliche Verkehrsmittel. Und was diese brauchen zum Fahren....da wurde ihr der Unterschied klar. Auch ihre Sachen sind nicht frei von Chemie. Ich sagte, da müssten wir zurück in die Steinzeit. Nun weiß sie mehr. Wir müssen mit der Jugend reden und nicht nur per Whatsapp kommunizieren.

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