Nach Anschlägen von Halle und Hanau Rechte Gewalt: Was Opferberatungsstellen in Ost und West voneinander lernen

Thomas Vorreyer
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Seitdem im hessischen Hanau ein rechtsextremer Attentäter neun Menschen erschoss, kümmert sich die Beratungsstelle "response" um Hinterbliebene und Betroffene. Hilfe bekam sie dabei von der Mobilen Opferberatung aus Sachsen-Anhalt – seit dem Anschlag von Halle selbst am Rande ihrer Kapazitäten. MDR SACHSEN-ANHALT hat mit beiden über gemeinsame Probleme und Lösungen gesprochen.

Eine Person hält bei einer Demonstration ein Schild hoch, auf dem steht: "Beendet diesen Hass"
Nach Halle und Hanau demonstrierten deutschlandweit Tausende – Beratungsstellen kümmern sich bis heute um Betroffene beider Anschläge. Bildrechte: imago images/Christian Spicker

Die letzten zwölf Monate haben Antje Arndt so gefordert wie nur wenige zuvor. "Eigentlich haben wir nicht am Limit gearbeitet, sondern darüber", sagt sie. Die 43-jährige Arndt ist Sozialarbeiterin und leitet die Mobile Opferberatung in Sachsen-Anhalt. Die Beraterinnen unterstützen Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt – seit einem Jahr auch Überlebende und Hinterbliebene des Anschlags von Halle.

Rund 20 der Betroffenen lassen sich derzeit von den Beraterinnen helfen, bei der Kommunikation mit Behörden etwa oder mit Krankenkassen. Zuletzt, rund um den Jahrestag am 9. Oktober, war man mit vielen täglich in Kontakt. Dabei habe man schon vom ersten Tag an aufpassen müssen, dass die Beratungsstelle nicht zusammenbricht.

Roman Jeltsch kennt diese Situation. Der 39-jährige Pädagoge arbeitet für response, die Beratung für Betroffene rechter und rassistischer Gewalt in Hessen. Seit dem 19. Februar dieses Jahres gehören zu seinen Klienten auch mehrere Überlebende und Hinterbliebene des Anschlags von Hanau.

Zwei Taten von offenkundigen Rechtsextremisten, die das Land erschüttert haben. Die aber auch Beratungsstellen in Ost und West noch einmal näher zusammengebracht haben. Denn bei der Arbeit in Hanau habe man sehr von dem Austausch mit der Mobilen Opferberatung profitiert, sagt Jeltsch in einem gemeinsamen Gespräch mit MDR SACHSEN-ANHALT und Antje Arndt.

Diese Hinweise gab die Mobile Opferberatung response

So habe response aus Halle wertvolle Hinweise bekommen, wie eine Beratungsstelle nach einem Anschlag funktionieren müsse. So sei es wichtig gewesen, vor Ort präsent zu sein und sich bekannt zu machen. Jeltschs Team sei deshalb gezielt in ein Jugendzentrum in Hanau gegangen. Einige Opfer des Anschlags hatten hier mit ihren Freunden abgehangen.

Zudem wurden in Halle wie in Hanau auch Ladengeschäfte angegriffen: hier ein Kiez-Döner, dort zwei Kioske und eine Shisha-Bar. "Was bedeutet das für eine selbständige Person, der jetzt der Laden weggesprengt wurde? Wie geht das existenziell weiter?" Über solche Fragen habe man sich oft ausgetauscht, sagt Jeltsch. Auch bei solchen Fragen hilft eine Beratungsstelle.

Der wichtigste Erfahrungswert aus Sachsen-Anhalt sei aber gewesen, dass die normalen Kapazitäten nicht ausreichen würden, um richtig auf so eine Situation reagieren zu können. Antje Arndt bestätigt das.

Zum Zeitpunkt des Anschlags hatten sich im Büro der Mobilen Opferberatung in Halle zwei Personen ausschließlich um die Beratung gekümmert: insgesamt 60 Stunden pro Woche plus 20 Stunden Online-Beratung, Letztere aber für ganz Sachsen-Anhalt. "Nach so einem Terroranschlag ist das ein Witz", sagt Arndt.

Deshalb haben response und die Mobile Opferberatung im März, kurz nach Hanau, gemeinsam Sondermittel beim Bund beantragt, um den Fortbetrieb beider Stellen auch im Ausnahmezustand zu gewährleisten. Arndt und Kolleginnen hatten bis dahin keinen freien Kopf für so einen Antrag gehabt. Das Bundesfamilienministerium stellte Sachsen-Anhalt und Hessen schließlich einmalig jeweils 50.000 Euro zur Verfügung.

Bei der Finanzierung kommt es immer wieder zu Problemen

In Deutschland gibt es in jedem Bundesland mindestens eine Beratungsstelle. Fast alle sind in einem gemeinsamen Verband organisiert. Zusammen haben sie einheitliche Qualitätsstandards für ihre Beratungen festgelegt und tauschen sich regelmäßig über ihre Arbeit aus. Der Verband hat die Mobile Opferberatung und response auch bei dem Antrag auf die Sondermittel unterstützt.

Gefördert werden die Stellen jeweils aus Bundes- und Landesmitteln. Eine verlässliche und flächendeckende Förderung war eine Erkenntnis aus dem ersten NSU-Untersuchungsausschuss im Bundestag 2013 gewesen. "Viele der Beratungsstellen in den westdeutschen Bundesländern sind noch nicht so alt und erfahren wie die in Sachsen, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin", sagt Roman Jeltsch.

Das erste Bundesprogramm hatte 2001 ab noch gezielt solche Strukturen in den "Neuen Bundesländern" gefördert. Mit diesen Geldern wurde auch die Mobile Opferberatung aufgebaut. response gibt es seit 2016.

Wenngleich sich die Förderung von Bund und Ländern seit Jahren verstetigt hat, so müssen Antje Arndt und ihre Kolleginnen dennoch bis heute doch Jahr für Jahr einen neuen Projektförderantrag stellen. Sicherheit schaffe das nicht. Auch und gerade dann, wenn sich die politische Situation ändert.

In den letzten Jahren griff vor allem die AfD-Fraktion im Landtag von Sachsen-Anhalt den Trägerverein der Mobilen Opferberatung, den Magdeburger Miteinander e.V., an. Auch Teile der CDU stellten die Förderung zwischenzeitlich in Frage.

Roman Jeltsch und response kennen ähnliche Probleme. Anders als in Sachsen-Anhalt fördert in Hessen kein Arbeits- bzw. Sozialministerium die Stelle, sondern das Innenministerium – und damit auch die Aufsicht über die Polizei Hessen und das Landesamt für Verfassungsschutz. Er spricht von einem "strukturellen Konflikt" der deshalb in der Finanzierung bestehe.

Das Thema "Rassismus in und um die Sicherheitsbehörden herum" sei in Hessen "ein großes", sagt Jeltsch. 

Unter anderem wurden Adressdaten, die der sogenannte NSU 2.0 für Drohschreiben genutzt haben soll, von hessischen Polizeicomputern abgerufen. Und in Beratungen kommen laut Jeltsch immer wieder ähnliche Fragen auf: Wie sehr wird in Sicherheitsbehörden Rassismus gesehen? Wird entsprechend agiert und damit umgegangen?

Das sei zwar ein gesamtgesellschaftliches Problem, doch response müsse das benennen. "Und dann", so Jeltsch, "äußern wir natürlich mitunter Kritik an unseren finanzierenden Strukturen." Im Gegenzug müsse sich response immer wieder für einzelne Aussagen rechtfertigen. 

Einen vorläufigen Höhepunkt erreichte der Konflikt im Juni dieses Jahres. Das Innenministerium hielt die 50.000 Euro Sondermittel des Bundes zurück, die response für Betreuungen nach dem Anschlag von Hanau eingeplant hatte. Laut dem Ministerium sind die Gelder aber nur für Sachmittel gedacht. response trug den Disput in die Öffentlichkeit, das Ministerium lenkte ein.

Mittlerweile befinde man sich in "konstruktiven Gesprächen", sagt Roman Jeltsch. Ihre Kapazitäten können beide Seite ohnehin besser anderswo einsetzen. Denn beim Thema Rechtsextremismus wurde jahrzehntelang zuerst in den Osten geschaut. "Aber im Moment wird auch aus ostdeutschen Bundesländern nach Hessen geblickt", sagt Jeltsch, "mit Sorge und mit einem 'Verdammt noch mal, da ist gerade echt ein Brennpunkt'."

Die Beratungsstellen betreiben auch eigene Recherchen

Einen solchen Brennpunkt richtig zu erfassen, ist auch Aufgabe einer Beratungsstelle. Die Einrichtungen betreuen und unterstützen nicht nur Menschen, die sich von allein an sie wenden. Sie recherchieren auch aktiv Betroffene, erfassen Angriffe statistisch und stellen eine Öffentlichkeit für diese Fälle her, indem sie ein Sprachrohr der Betroffenen werden.

Antje Arndt und ihre Kolleginnen fahren etwa aufs Land und in die Kleinstädte – zu Geflüchtetenunterkünften, Begegnungsstätten und Jugendzentren. "Von den allermeisten Angriffen erfahren wir erst so", sagt sie. Und genau für solche Recherchen fehle seit Halle die Zeit.

In Flächenländern wie Sachsen-Anhalt und Hessen könne eine Beratungsstelle nicht immer vor Ort sein, sagt Roman Jeltsch. response hat deshalb im Januar eine eigene Meldestelle gestartet: das Online-Portal "Hessen schaut hin".

Menschen können hier mit wenigen Klicks melden, wenn sie rassistisch beleidigt, körperlich angegangen oder im Internet bedroht worden sind. Über 60 Personen haben das Angebot allein in den ersten vier Wochen genutzt.

In Deutschland ist die Plattform nahezu einzigartig, sagt Jeltsch. Die Art und Weise, wie diese Fälle dann dokumentiert werden, basiere aber auf Erfahrungen, die in den letzten 20 Jahren vor allem in den ostdeutschen Bundesländern und Berlin gesammelt wurden.

Die Langzeitversorgung der Überlebenden und Hinterbliebenen ist das nächste große Thema

Aktuell liegt der Fokus für Roman Jeltsch und Antje Arndt jedoch auf der Langzeitversorgung von Betroffenen. Die bewilligten Sondermittel für die Beratungen rund um Hanau und Halle laufen nur bis zum 31. Dezember dieses Jahres.

"Wir fragen uns jetzt schon, wie wir den Kapazitäten und dem Bedarf dann ab Januar gerecht werden können", sagt Jeltsch. Im Februar steht zudem der erste Jahrestag des Anschlags von Hanau bevor.

Es ist die mit Überlebenden und Angehörigen von Todesopfern rechter Gewalt die Finanzierungsprobleme der Beratungsstellen am deutlichsten machen, so Antje Arndt. Denn die juristische Aufarbeitung zieht sich in nicht wenigen Fällen, nicht immer kommt es für die Betroffenen zu einem befriedigendem Abschluss. Und bis Angehörige den Papierkram bewältigt haben und einen Entschädigungsanspruch durchsetzen können, vergehen oft nicht Monate, sondern Jahre. Aber auch danach werden die Beratungsstellen gebraucht.

Die Mobile Opferberatung gebe in einem Fall seit fast 20 Jahren psychosoziale Beratung. Nach den Anschlägen von Halle und Hanau müssen sich Antje Arndt, Roman Jeltsch und ihre Kollegen deshalb auf über viele Jahre dauernde Unterstützungsarbeit einstellen. 

"Die Gespräche müssen dann nicht mehr jede Woche stattfinden", sagt Arndt, "aber man muss da sein."

Thomas Vorreyer
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Über den Autor Thomas Vorreyer arbeitet seit Herbst 2020 für die Online-Redaktion von MDR SACHSEN-ANHALT. Seine Schwerpunkte sind Politik, Gesellschaft und investigative Recherchen. Er ist in der Börde und in Magdeburg aufgewachsen, begann anschließend ein Politikstudium in Berlin.

Zuletzt hat er als Redakteur und Reporter beim Online-Magazin VICE.com gearbeitet. In Sachsen-Anhalt ist er am liebsten an Elbe, Havel oder Bode unterwegs.

Quelle: MDR/tv

11 Kommentare

Eulenspiegel vor 6 Wochen

Also das ist für mich nachvollziehbar wenn die Leute die diese rechte Gewalt und Hetze ausüben oder gut heißen nicht um die Erfolge ihrer Arbeit gebracht werden wollen und mit allen Mitteln gegen dies Opferberatungsstelle hetzen.

Karl Schmidt vor 6 Wochen

Dann gehen Sie doch einfach in ein Land, in dem Hass und Hetze keinen Straftatbestand darstellt. Dort können Sie den ganzen Tag über Ihrem Hobby frönen. Ihnen fällt doch sicher sofort ein Land ein, oder?
Es steht Ihnen frei.

Der Matthias vor 6 Wochen

@ Suedvorstadt

"Das klingt sehr kurzsichtig, unsolidarisch und weltfremd."

Ich befürchte fast, dass Sie mit dieser Analyse falsch liegen. Aus Sicht der Foristen, die sich derart äußern, ist das nur konsequent. Vor allem, wenn man nach entsprechenden parteipolitischen Selbstbekenntnissen dieser Kommentierenden weiß, wie diese Leute politisch ticken.

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