Bennets Reisetagebuch: Unterwegs in Europa "Dankbar für jeden Moment dieser Reise"

Ein junger Mann sitzt mit einem Rucksack auf dem Rücken vor einem Gebäude, im Hintergrund sind Bäume.
Bildrechte: Bennet Rietdorf

Bennet Rietdorf aus Zerbst reist mit dem Zug vier Wochen lang durch Europa. Er will in dieser Zeit Ideen sammeln, um die Mobilität junger Menschen im ländlichen Raum voranzutreiben. Für MDR SACHSEN-ANHALT wird der 18-Jährige in den kommenden Wochen von seinen Erfahrungen berichten. Hier kommt der erste Teil von Bennets Reisetagebuch.

Ein junger Mann sitzt mit einem Rucksack auf dem Rücken vor einem Gebäude, im Hintergrund sind Bäume.
Auf Tour: Bennet Rietdorf aus Zerbst ist seit einer Woche mit dem Zug durch Europa unterwegs. Bildrechte: Bennet Rietdorf

Am 24. August ging es los: Da begann für mich in Passau, nach zehn Tagen Urlaub im wunderschönen Grenzgebiet zu Österreich, meine 30-tägige Reise durch Europa. Meine Eltern, mein Onkel und meine Tante brachten mich zum Bahnhof, verabschiedeten sich von mir und wünschten mir alles Gute für die Tour. Es war ein aufregendes, aber auch etwas mulmiges Gefühl – vor dem Ungewissen, was nun kommt.

Ich bin zwar schon allein gereist, diese Reise aber ist meine erste lange Reise durch Europa. Meine Mutter hatte mir noch eine Geschenktüte mitgegeben. Darin: ein Tagebuch mit Platz für persönliche Ziele und für Bilder. In dieses Buch schreibe ich die Eindrücke, die ich jeden Tag sammele – zum Beispiel vom Treffen mit Annick aus den Niederlanden. Sie habe ich in Wien getroffen. Annick brachte mich auf die Idee, dass sich die Menschen, die ich auf meiner Reise treffe, in diesem Buch verewigen sollen. Eine schöne Idee.

Per Facebook verabredet

Dass ich Annick überhaupt getroffen habe, war übrigens kein Zufall. Ich hatte mich schon zuvor über eine Interrail-Facebookgruppe mit ihr verabredet. Über die Gruppe fanden wir auch heraus, dass weitere Interrailer gerade in der Stadt sind. Also trafen wir uns am ersten Abend mit elf weiteren Interrailern getroffen, die bereits quer durch Europa gereist waren und aus Luxemburg, Frankreich, Polen oder auch aus Deutschland kommen.

Dieser erste Abend gab mir ein gutes Gefühl für das, was in den kommenden Wochen auf mich zukommen wird. Alle berichteten voller Freude über ihre Erfahrungen. Und ich dachte mir, dass meine Reise nur gut werden könne. 

Ein Mann hält ein Papier mit der Aufschrift -My Interrail Pass- in der Hand.
Mit dem Interrail-Ticket durch Europa: Von seiner Reise wird Bennet Rietdorf regelmäßig bei MDR SACHSEN-ANHALT berichten. Bildrechte: Bennet Rietdorf

Vier Wochen unterwegs in Europa Die Mobilität junger Menschen im ländlichen Raum verbessern – das ist das Ziel des Programms "Youmobil", an dem sich MDR SACHSEN-ANHALT-Gastautor Bennet Rietdorf aus Zerbst beteiligt. Vier Wochen lang ist der 18-jährige Zerbster unterwegs, um mit dem Zug Europa zu erkunden. In dieser Zeit wird er in den sozialen Netzwerken über seine Reise berichten – und einmal wöchentlich den Leserinnen und Lesern von MDR SACHSEN-ANHALT von seinen Erlebnissen erzählen.

Blick auf zugewachsene Bahnschienen im tschechischen Hevlin
Die Überreste der Bahnstrecke in Hevlin Bildrechte: Bennet Rietdorf

Am Morgen danach ging es nach dem Frühstück mit meinen Zimmerkollegen Ritvik aus Mumbai und Pia aus Hamburg zum ersten Ort auf meiner Liste: Hevlin. Der kleine Ort, der auf Deutsch Höflein heißt, liegt knapp 80 Kilometer von Wien entfernt hinter der Grenze zu Tschechien. Einst trug er den Namen Hoeflein von Laa, diese Bezeichnung entfiel allerdings nach dem Zweiten Weltkrieg – und nachdem die überwiegend deutschsprachige Bevölkerung vertrieben worden war.

Zwischen Laa an der Thaya und Hevlin gab es früher mal eine Bahnstrecke. Sie wurde nach dem Krieg gekappt. Davon übrig ist – zumindest auf tschechischer Seite – ein Bahnhof am Stadtrand. In seiner ursprünglichen Form gibt es ihn zwar noch, das Gelände verwildert allerdings. Solche Bahnhöfe haben wir in Deutschland ja auch reichlich.

Bennets Reiseroute: Von Österreich nach Polen Die Reise durch Europa hat für Bennet Rietdorf in Passau begonnen. Von dort ist er am 24. August nach Wien gereist. Die weiteren Stationen: Schweiz (Zürich, Brig, Matterhorn), Italien (Modena, Mailand, Venedig, Florenz, Rom, Brindissi), Griechenland (Patras, Kiato, Athen, Thessaloniki), Serbien (Belgrad), Ungarn (Budapest), Slowakei (Bratislava, Zilinia, Rajecke Teplice) und Polen (Katowice, Krakau, Warschau, Plock, Danzig).

Für die Reise von Wien bis Laa an der Thaya hab ich 16,50 Euro gezahlt, ab Woltersdorf ging es dann mit dem Bus weiter. Im Moment werden die Schienen ausgetauscht, sonst wäre die Reise mit der S-Bahn ohne Umstieg problemlos möglich. Im Bus kam ich dann mit einer Frau aus Wien ins Gespräch. Sie erzählte mir, dass sie nach Laa gezogen ist, weil es so schön ländlich sei in der Region.

Auf die Österreichische Bundesbahn (ÖBB) könne man sich meist verlassen, sagte sie – von gelegentlich zwei Minuten Verspätung mal abgesehen. Für alle, die wie ich oft den Zug in Deutschland nutzen, wäre das ein Traum.

Sicherlich sind 16,50 Euro für diese Strecke eine Menge Geld. Wenn man sich aber darauf verlassen kann, dass der Zug am Ende auch fährt, dann bringt das Planungssicherheit – und nebenbei noch ein Stück Gelassenheit auf dem Weg zum Bahnhof. Da gibt es in Deutschland ohne Zweifel Nachholbedarf.

Über das Programm "Youmobil"

Ziel des internationalen Programms "Youmobil" ist, die Mobilität junger Menschen im ländlichen Raum zu verbessern. Denn nicht nur in Sachsen-Anhalt ist bekannt, dass viele Menschen in ländlichen Gegenden ohne Auto aufgeschmissen sind. Die Folge: Vor allem junge Menschen zieht es in Städte und deren direkte Umgebung, in kleinen Ortschaften wird die Bevölkerung immer älter. Probleme wie diese gibt es auch in anderen europäischen Ländern.

Zwar gibt es Ideen und Wege dagegen – Carsharing zum Beispiel –, oft allerdings nicht im ländlichen Raum. Das Projekt "Youmobil" möchte das ändern und die Mobilität junger Menschen auf dem Land ausbauen. Um dafür Ideen zu sammeln und Vorschläge zu erarbeiten, reisen junge Erwachsene zwischen 18 und 26 diesen Sommer mit dem Zug durch Europa. Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen sollen nämlich in die Projekte und ihre Umsetzung einbezogen werden. Möglich macht das die sogenannte Interrail-Kampagne.

Unter den acht Partnern aus Italien, Tschechien, der Slowakei, Polen, Kroatien und Deutschland ist auch das Ministerium für Landesentwicklung und Verkehr aus Sachsen-Anhalt. Insgesamt stehen für das Programm "Youmobil" 1,8 Millionen Euro zur Verfügung. Partner in Sachsen-Anhalt sind das Netzwerk "Go Europe!" und die Europäische Jugendbildungsstätte Magdeburg.

Selfie von Bennet Rietdorf vor einem Länderschild von Tschechien
Angekommen in Tschechien: Bennet Rietdorf an der Grenze Bildrechte: Bennet Rietdorf

Weil ich an einem Sonntag nach Laa an der Thaya gereist bin, fahren die Busse nach Tschechien nur im Zwei-Stunden-Takt. Mir blieb also nichts anders übrig, als die drei Kilometer von Laa bis nach Hevlin zu laufen. Wenigstens ist der kleine Ort mit seinen knapp 1.400 Einwohnern allerdings an den Nahverkehr angeschlossen. In Sachsen-Anhalt ist das ja nicht immer der Fall. In Hevlin angekommen, sah ich bereits am Ortseingang die Förderschilder der EU-Programme. Viele Häuser dort sind dennoch nur halb fertig oder etwas marode, auch die Kirche ist – jedenfalls von außen betrachtet – in keinem guten Zustand.

Im Ort traf ich nur wenige Menschen, vereinzelt ein paar Hunde, die das Haus ihres Herrchens bewachten. Der Bahnhof ist in einem schlechten Zustand. Es wirkt nicht so, als würde hier überhaupt noch ein Zug fahren. Ich folgte dem Verlauf der Schienen und ging zum Ortskern. An der Touristeninfo sah ich dann das Projekt-Schild von "Interreg". Leider sprach der junge Mann in der Information weder Deutsch noch Englisch. Naja. Ich blieb dann noch ein paar Minuten am Weiler und ging zu Fuß zurück nach Laa.

Nur drei Kilometer voneinander entfernt – und völlig verschieden

Blick auf eine Straße im tschechischen Hevlin
In Hevlin leben rund 1.400 Menschen. Bildrechte: Bennet Rietdorf

Auf dem Rückweg kam ich an dem Casino und Einkaufsmarkt vorbei. Von dem hatte mir die Frau im Bus schon berichtet. Auf meine Frage, ob es denn Verbindungen zwischen den Bewohnern von Laa und Hevlin gebe, sagte sie, dass man nur zum Einkauf ab und an rüber fahre. Sonst allerdings gebe es keinen Grund, in das jeweilige andere Dorf zu fahren.  

Ich finde das bemerkenswert. Obwohl die beiden Orte Laa und Hevlin gerade einmal drei Kilometer voneinander sind, betritt man in Hevlin doch eine komplett andere Welt. In meiner Heimatstadt Zerbst ist es normal, auf die Dörfer zu fahren seine Freunde zu besuchen. Dort hingegen wird durch den Schengenraum tagtäglich der Kontakt zwischen zwei unterschiedlichen Ländern ermöglicht – und dennoch fehlt die persönliche Bindung beider Orte. Während Laa eine sehr moderne Gemeinde darstellt, wirkt Hevlin auf mich, als wäre die Zeit dort stehengeblieben. 

Touristisch hatte Hevlin zwar nichts zu bieten, dennoch war es eine interessante Erfahrung, wie unterschiedlich zwei Orte sein können, wobei sie doch in nächster Nachbarschaft zueinander liegen. Ich kenne es anders aus meiner Heimat und das zeigt, dass Grenzen nicht nur geografische Barrieren sein können, sondern auch gesellschaftliche.

Zwei junge Menschen stehen vor einem Nachtzug.
Bennet Rietdorf trifft bei seiner Reise mit dem Zug auch viele andere, die per Interrail unterwegs sind. Bildrechte: Bennet Rietdorf

Bei sieben Grad gefrühstückt, bei 30 Grad Mittag gegessen

Am nächsten Tag habe ich mit zwei Amerikanern Wien angeschaut, hatte einen Photowalk, bei dem einige schöne Aufnahmen entstanden sind, und habe meine Reisepartnerin Lisa aus Würzburg getroffen. Lisa und ich reisen zusammen bis Rom. In dieser Woche ging es für uns mit dem Nachtzug von Wien nach Zürich. Spontan sind wir außerdem nach Bern gefahren und am Abend in Zermatt angekommen. Am nächsten Tag waren wir 15 Kilometer in der Region rund um Zermatt auf einer Höhe von 2.500 Metern wandern und sind in einem Gletschersee schwimmen gegangen.

Blick auf einen Gletschersee in Zermatt
Ziemlich kühl: Beim Frühstück in Zermatt waren es gerade einmal 7 Grad Celsius. Bildrechte: Bennet Rietdorf

Zudem haben uns ein paar Schweizer uns etwas über die Schweizer Eidgenosschaft erzählt, das Platzproblem und den massiven Verlust von rund einem Drittel des Gletschereises in den vergangenen 40 Jahren, bedingt durch die zunehmende Klimaerwärmung. Am Morgen noch bei kalten 7 Grad Celsius in Zermatt, haben wir am Mittag bei 30 Grad Celsius Pasta in Mailand gegessen und sind wenige Stunden später nach Venedig aufgebrochen. 

So viele Eindrücke in so wenigen Tagen

Es ist unfassbar schwierig alle Einrücke zusammenzufassen und das erlebte wiederzugeben. Aber ich denke, so langsam bekomme ich das Gefühl, das Interrail vermittelt. Große Distanzen in kurzer Zeit zurücklegen, frühstücken mit Menschen aus verschiedenen Ländern, Einblicke in andere Traditionen und Sichtweisen zu erhalten – und letztendlich meinen Horizont zu erweitern. In der Woche gab es nur wenig Schlaf, ich fühle mich etwas erschöpft bin. Allerdings bin ich unendlich dankbar für jeden Moment meiner Reise und die Menschen, die ich bislang treffen durfte. 

Ein junger Mann sitzt mit einem Rucksack auf dem Rücken vor einem Gebäude, im Hintergrund sind Bäume.
Bildrechte: Bennet Rietdorf

Über den Autor Bennet Rietdorf ist 18 Jahre alt und kommt aus Zerbst. Dieses Jahr hat er sein Abitur gemacht, nun reist er vier Wochen lang durch Europa. Von der Reise berichtet er auch auf seinem Instagram-Account @xbhainx und immer am Wochenende bei MDR SACHSEN-ANHALT. In seiner Freizeit fotografiert Bennet Rietdorf viel. Nach seiner Reise wird er für drei Monate in Russland an einem Freiwilligenprogramm teilnehmen. Im Anschluss will Rietdorf Internationale Beziehungen studieren.

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Quelle: MDR/ld

1 Kommentar

wing vor 44 Wochen

muss ich also wenn der junge Mann nicht wahnsinnig viel taschengeld von seinen Eltern bekommen hat kann er diese Reise faktisch vergessen! Ich selbst habe die letzten 14 Tage versucht mit interrail Europa zu bereisen. Es wird ja angepriesen wie sauerbier das interrail so toll sein soll! Was einem jedoch nicht gesagt wird ist dass die meisten sinnvollem Züge reservierungspflichtig sind und die Reservierung so viel kostet oder zum Teil noch mehr kostet als ein Standard Zugticket auf der gleichen Linie. Interrail ist Nepp veraltet, unverschämt teuer!
die Menge an Ärger die mir dieses Interrail-Ticket und der kundendienst verursacht hat ist es wirklich nicht wert sich den Urlaub zu verderben! Ich lese hier gespannt mit wie der junge Mann denn so umher kommt in Europa!

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