Bennets Reisetagebuch: Unterwegs in Europa "Kaum möglich, all die Emotionen in Worte zu fassen"

Bennet Rietdorf aus Zerbst ist mit dem Zug vier Wochen lang durch Europa gereist. Er wollte in dieser Zeit Ideen sammeln, um die Mobilität junger Menschen im ländlichen Raum voranzutreiben. Für MDR SACHSEN-ANHALT hat der 18-Jährige in den vergangenen Wochen von seinen Erfahrungen berichtet. Hier kommt der vierte und letzte Teil von Bennets Reisetagebuch.

Ein junger Mann sitzt mit einem Rucksack auf dem Rücken vor einem Gebäude, im Hintergrund sind Bäume.
Bildrechte: Bennet Rietdorf

von Bennet Rietdorf, Gastautor

Ein junger Mann steht vor großen Buchstaben in der Stadt Gdansk, im Hintergrund ein Riesenrad
In der letzten Woche seiner Interrail-Reise durch Europa war Bennet Rietdorf in Polen unterwegs. Das Bild entstand in Danzig. Bildrechte: Bennet Rietdorf

Diesen Text schreibe ich bei der letzten Zugfahrt meiner Reise. Sie geht von Danzig nach Berlin. Dann sind vier Wochen Interrail einmal durch Europa zu Ende. Rund 6.300 Kilometer habe ich zurückgelegt, überwiegend mit dem Zug, teilweise mit Schiff und Bus. 29 Tage lang war ich unterwegs, habe zehn Länder besucht und mehr als 20 Städte. Und: Ich habe unzählige Begegnungen auf dieser Reise gehabt. Interrail war definitiv eine der besten Erlebnisse, die ich bislang machen durfte.

Es ist die eine Sache, über all das Erlebte zu schreiben. Trotzdem: All die Momente, die Treffen mit all den wundervollen Menschen, die Atmosphäre der Orte und meine Emotionen in Worte zu fassen, das ist kaum möglich. In vielerlei Hinsicht hat mich diese Reise geprägt und vorbereitet auf kommende Abenteuer. Ich habe Freundschaften geschlossen und von Menschen, die weiter sind als ich, gelernt.

Die letzte Interrail-Woche war anders als die vorherigen. Eine ganze Woche habe ich ausschließlich in Polen verbracht (Pless, Warschau und Danzig). Das gab mir die Möglichkeit, einen tieferen Blick in das Land und die Menschen werfen. Janek, ein Freund, den ich bei einem politischen Event in Berlin kennengelernt habe, lud mich schon vor einiger Zeit ein, ihn besuchen zu kommen. Gesagt getan, da Pszczyna sowieso auf meinem Weg nach Warschau lag, hat das gepasst.

Frauen in Trachten stehen zwischen zwei jungen Männern
Erntedankfest in Pszczyna: Bennet Rietdorf (Dritter von links) war dabei. Bildrechte: Bennet Rietdorf

Kaum angekommen, wurde ich sehr warmherzig von ihm und seinen Eltern empfangen. Am nächsten Tag erhielt ich Einblicke in ein traditionelles schlesisches Erntedankfest. Es wurde getanzt, auf Schlesisch gesungen und natürlich gab es Spezialitäten aus der Region. Gekommen sind alle Leute aus den umliegenden Dörfern und auch viele Politiker. Dort trafen wir auch die Schulleiterin der Schule in Pszczyna, die ich mit meinen paar Brocken Polnisch Ansprach, um sie zu fragen, ob ich am nächsten Tag als Gast die Schule besuchen darf.

Durfte ich. Also ging es am nächsten Morgen in die Schule. Auf dem Stundenplan standen Englisch, Sozialkunde, Mathe und Deutsch. Zu meinem Glück konnte ich Mathe gegen Deutsch und Englisch tauschen. Als ich mich bei den jeweiligen Lehrern vorgestellt hatte, durfte ich von meiner Interrail-Reise berichten und von dem Projekt, an dem ich teilnehme. In Deutsch wurde mir kurzer Hand der Unterricht in der 1. Klasse (in Polen ist das in etwa die 10. Klasse) übergeben, denen ich dann ein paar schwierige deutsche Wörter beibrachte und etwas über Landeskunde. Mehrfach wurde mir die Frage zum deutschen Schulsystem gestellt, wie es denn sei. Alle waren recht verwundert, als ich von 16 verschiedenen Bildungssystemen berichtete – auch, dass wir unsere Abiturprüfungen wählen dürfen und Mathe dadurch nicht verpflichtend ist.

Lieber laufen, statt mit dem Bus fahren

Die Schüler sprachen mit mir auch über die Busbeförderung. Dort gibt es nur für die Grundschule extra Schulbusse, für die übrigen Schulformen gibt es nur wenige Linien. Da ist es meist besser, nach Hause zu laufen, als den Bus zu nutzen. In meiner Heimat rund um Zerbst haben wir neben langen Wartezeiten für die Busse auch lange Fahrzeiten, da der Bus jedes Dorf abklappert. So sind die meisten Schüler erst sehr spät Zuhause oder müssen sehr zeitig aufstehen, um überhaupt den Bus in die Stadt nutzen zu können.

Ein Mann hält ein Papier mit der Aufschrift -My Interrail Pass- in der Hand.
Mit dem Interrail-Ticket durch Europa: Von seiner Reise wird Bennet Rietdorf regelmäßig bei MDR SACHSEN-ANHALT berichten. Bildrechte: Bennet Rietdorf

Vier Wochen unterwegs in Europa Die Mobilität junger Menschen im ländlichen Raum verbessern – das ist das Ziel des Programms "Youmobil", an dem sich MDR SACHSEN-ANHALT-Gastautor Bennet Rietdorf aus Zerbst beteiligt. Vier Wochen lang ist der 18-jährige Zerbster unterwegs, um mit dem Zug Europa zu erkunden. In dieser Zeit wird er in den sozialen Netzwerken über seine Reise berichten – und einmal wöchentlich den Leserinnen und Lesern von MDR SACHSEN-ANHALT von seinen Erlebnissen erzählen.

Auf zur Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau

Am nächsten Tag sind wir zeitig aufgestanden, um die Gedenkstätte von Auschwitz-Birkenau zu besichtigen. Mein Kumpel Janek war schon mehrere Mal dort und sagt, dass es ihn jedes Mal noch stärker nachdenklich und traurig macht. Sein Großvater sei gezwungen worden, an Auschwitz mitzubauen, sagt er. Wer sich die Gedenkstätte nur ansehen will, zahlt dafür nichts. Eine Führung kostet dagegen Geld. Vor drei Jahren zahlte Janek dafür noch knapp 25 Złoty (etwa 5,70 Euro), dieses Jahr werden für eine Führung schon 60 Złoty (etwa 13,70 Euro) verlangt. Die Frau am Schalter erklärte, dass aufgrund zunehmender Besucherzahlen auch die Preise angehoben wurde. Das hat Janek und mich etwas schockiert und geärgert.

Wir haben dann auf eigene Faust das Gelände besichtigt und uns die Ausstellungen der verschiedenen Nationen angeschaut. Spätestens, als man in einen Raum voller Schuhe, Koffer und Kleidung kommt, wird einem sehr bewusst, an was für einem schrecklichen Ort man sich befindet. In der israelischen Ausstellung werden die Zeichnungen von Kindern gezeigt, welche das Erlebte aus ihrer Sicht an die Wände zeichneten. Zum Schluss warfen wir einen Blick auf das Buch der Ermordeten, das alle Namen der dort getöteten Menschen in sich trägt. Das Buch ist so lang wie ein großer Raum. Es ist schlicht gigantisch. Im negativen Sinne.

Über das Programm "Youmobil"

Ziel des internationalen Programms "Youmobil" ist, die Mobilität junger Menschen im ländlichen Raum zu verbessern. Denn nicht nur in Sachsen-Anhalt ist bekannt, dass viele Menschen in ländlichen Gegenden ohne Auto aufgeschmissen sind. Die Folge: Vor allem junge Menschen zieht es in Städte und deren direkte Umgebung, in kleinen Ortschaften wird die Bevölkerung immer älter. Probleme wie diese gibt es auch in anderen europäischen Ländern.

Zwar gibt es Ideen und Wege dagegen – Carsharing zum Beispiel –, oft allerdings nicht im ländlichen Raum. Das Projekt "Youmobil" möchte das ändern und die Mobilität junger Menschen auf dem Land ausbauen. Um dafür Ideen zu sammeln und Vorschläge zu erarbeiten, reisen junge Erwachsene zwischen 18 und 26 diesen Sommer mit dem Zug durch Europa. Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen sollen nämlich in die Projekte und ihre Umsetzung einbezogen werden. Möglich macht das die sogenannte Interrail-Kampagne.

Unter den acht Partnern aus Italien, Tschechien, der Slowakei, Polen, Kroatien und Deutschland ist auch das Ministerium für Landesentwicklung und Verkehr aus Sachsen-Anhalt. Insgesamt stehen für das Programm "Youmobil" 1,8 Millionen Euro zur Verfügung. Partner in Sachsen-Anhalt sind das Netzwerk "Go Europe!" und die Europäische Jugendbildungsstätte Magdeburg.

Begeistert von Warschau

Blick auf die Skyline von Warschau
Beeindruckend: der Blick auf die Skyline von Warschau Bildrechte: Bennet Rietdorf

Am nächsten Tag brachte mich Janek dann zum Bahnhof regelte für mich die Reservierung des Pendolinos (polnischer ICE). Im Zug traf ich einen Investmentbanker aus Warschau. So vergingen die vier Stunden bis nach Warschau wie im Flug. Dort half er mir noch bei der Orientierung und sorgte für den ersten imposanten Einblick auf Warschau. Am Seitenausgang des Bahnhofs steht man direkt vor den Wolkenkratzern der Stadt. Da ich ohne Erwartungen an Warschau rangegangen bin, war ich umso überraschter, wie modern und jung die Stadt ist.

Janek organisierte mir eine Unterkunft bei einer Freundin von ihm und am nächsten Tag ging es dann von Warschau nach Danzig. Die Reise näherte sich dem Ende.

Nachdem ich mir in Danzig die alte Hansestadt mit ihren Altbauten und den markant verzierten Giebeln anschaute, wurde ich am Abend von Iwona, ebenfalls einer Freundin von Janek, abgeholt. Sie gab mir direkt einen Schlüssel. Wir sprachen über die Zukunft, Bücher von Tim Ferris und Tony Robbins. Sie und ihr Mann gehen nächstes Jahr nach für ein Jahr nach Afrika, um sich dort einzubringen und etwas Gutes zu tun, so sagt sie.

Die ehemals freie Hansestadt Danzig ist stets eine geschichtsträchtige Stadt gewesen. Seit diesem Jahr gibt es dort auch ein Museum über die Geschichte des Zweiten Weltkriegs, in dem ganze Straßenzüge nachgebaut wurden und multimedial der Krieg in verschiedenen Aspekten thematisiert wird. Am nächsten Morgen haben Iwona und ich zusammen meditiert, anschließend hat sie mich zum Bahnhof gefahren. 

Fazit: Was sich Sachsen-Anhalt im Nahverkehr abgucken kann

Nun sitze ich also im Zug und reflektiere die Ereignisse der vergangenen Tage. Nach Sachsen-Anhalt nehme ich meine Erfahrungen aus den verschiedenen Zugsystemen mit. Zum einen haben die meisten Länder ein sehr großes Rabattangebot für benachteiligte Personen sowie Studenten, bestimmte Berufsgruppen und Jugendliche. Generell ist das ÖPNV-Netz überwiegend preiswerter als in Deutschland und funktioniert nach meiner Erfahrung der vergangenen Wochen wesentlich besser.

Ein Boot liegt in einem Hafen, im Hintergrund Häuser
Impressionen von Bennets Reise durch halb Europa Bildrechte: Bennet Rietdorf

Bis auf Griechenland und Serbien kamen meine Züge immer pünktlich und auch auf die Straßenbahnen war stets Verlass. Ebenfalls hatte man in beinahe allen Grenzgebieten und ländlichen Regionen sehr gute Anbindungen zu den nächsten Städten. Dort sind die Züge meistens sehr voll, da mir die Leute berichteten, dass es angenehmer ist, mit dem Zug zu fahren, als mit dem Auto – und zudem preiswerter. Auch die Regionalzüge in Ungarn und Polen sind sehr modern und mit WLAN ausgestattetet. Man merkt, dass man dort versucht ist, den ÖPNV wirklich attraktiv zu gestalten und daher auch so viele Menschen diesen Nutzen.

Was Bennet von seiner Reise mitnimmt

Für mich selbst hat die Reise ebenfalls viele Erkenntnisse gebracht. Die wichtigsten möchte an dieser Stelle teilen:

  • Man sollte stets flexibel sein und nie ausschließlich auf eine Sache bauen.
  • Mehr Gelassenheit, wenn etwas nicht so läuft, wie man es sich vorstellt
  • Noch offener auf Leute zugehen. Es gibt nichts, wovor man Angst haben sollte
  • Die Reise hat mir Menschen und vielleicht auch den einen oder anderen Freund gezeigt, die mich inspirieren und die ich hoffentlich eines Tages erneut treffen werde.

Ich bedanke mich für die Möglichkeit, Teil dieses Projektes gewesen sein zu dürfen. Danke an das Ministerium für Landesentwicklung Sachsen-Anhalt, bei GOEUROPE! und an MDR SACHSEN-ANHALT, wo ich als Gastautor meine Reiseerlebnisse teilen durfte. 

Auf Bennet Rietdorfs Instagram-Account @xbhainx werden in den kommenden Tagen zahlreiche Fotos der Reise erscheinen.

Ein junger Mann sitzt mit einem Rucksack auf dem Rücken vor einem Gebäude, im Hintergrund sind Bäume.
Bildrechte: Bennet Rietdorf

Über den Autor Bennet Rietdorf ist 18 Jahre alt und kommt aus Zerbst. Dieses Jahr hat er sein Abitur gemacht, nun ist er vier Wochen lang durch Europa gereist. In seiner Freizeit fotografiert Bennet Rietdorf viel. Nach seiner Reise wird er für drei Monate in Russland an einem Freiwilligenprogramm teilnehmen. Im Anschluss will Rietdorf Internationale Beziehungen studieren.

Quelle: MDR/ld

Zuletzt aktualisiert: 22. September 2019, 16:12 Uhr

Mehr aus Sachsen-Anhalt