Neue Köpfe, neue Richtung?! Schaulaufen um die neue SPD-Doppelspitze hat begonnen

Die SPD in Sachsen-Anhalt braucht neue Chefs – und bei deren Wahl soll die Parteibasis entscheidend mitbestimmen. Nun hat das Schaulaufen der fünf Bewerber begonnen. Im Interview mit MDR SACHSEN-ANHALT sprechen zwei von ihnen über ihre Ziele, Motive und wie die SPD sich ihrer Meinung nach entwickeln muss.

Karsten Kiesant
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von Karsten Kiesant, MDR SACHSEN-ANHALT

Ein Delegierter stimmt auf dem Landesparteitag mit einer Delegiertenkarte an.
Wer wird der neue Chef, wer die neue Chefin? Sachsen-Anhalts SPD sucht neues Führungspersonal. Bildrechte: dpa

Das Rennen um den Landesvorsitz der SPD in Sachsen-Anhalt hat begonnen: Am Donnerstagabend haben in Magdeburg die fünf Kandidatinnen und Kandidaten für eine Doppelspitze der SPD der Basis Rede und Antwort gestanden. Im Mittelpunkt der Versammlung in Magdeburg standen der Austausch und die Diskussion mit Parteimitgliedern.

Die Sozialdemokraten, die derzeit in einem Dreierbündnis, der "Kenia-Koalition" mit CDU und den Grünen regieren, hatten bei der vergangenen Kommunal- und Europawahl im Mai herbe Verluste eingefahren. Bundesweit hatte der Landesverband als erster mit knapper Mehrheit für einen Ausstieg aus der schwarz-roten Großen Koalition in Berlin gestimmt.

Der scheidende SPD-Landesvorsitzende Burkhard Lischka sitzt bei einer Veranstaltung zwischen SPD-Parteimitgliedern.
Tritt nicht mehr als Landesvorsitzender an: Burkhard Lischka (am Donnerstag bei der SPD-Regionalkonferenz in Magdeburg). Bildrechte: MDR/Karsten Kiesant

Nun also die Regionalkonferenzen in Sachsen-Anhalt. Schon jetzt ist klar, dass die Mitglieder eine Frau und einen Mann für die Doppelspitze auswählen müssen. Das war voriges Wochenende auf einem Sonderparteitag der Genossen in Zerbst beschlossen worden. Da hatte der scheidende SPD-Landeschef Burkhard Lischka betont, er habe sich schon früher eine Doppelspitze gesucht. "Ich glaube, es ist wirklich etwas wichtiges, dass man mit unterschiedlichen Charakteren auch gemeinsam Politik macht und an einem Strang zieht", sagte Lischka MDR SACHSEN-ANHALT.

SPD Sachsen-Anhalt Kandidaten Landesvorsitzender
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Die weiteren SPD-Regionalkonferenzen Die Regionalkonferenz am Donnerstag in Magdeburg war nur der Auftakt: Weitere solcher Treffen sind in Aschersleben (18. September), Bismark (20. September), Weißenfels (1. Oktober), Dessau-Roßlau (17. Oktober) und Halle (18. Oktober) geplant. Die fünf Bewerberinnen und Bewerber werden auf allen Konferenzen Rede und Antwort stehen.

Der erfahrenste Bewerber, die jüngste Kandidatin und ihre Ziele

MDR SACHSEN-ANHALT hat den politisch erfahrensten Kandidaten – den Landtagsabgeordneten Andreas Schmidt aus Halle – und die jüngste Kandidatin – Katharina Zacharias aus Haldensleben – in ihren Heimatstädten getroffen. Beide erzählen, mit welchen Ideen sie die kriselnde Partei aus dem Tief führen und die Mitglieder von sich überzeugen wollen.

Wahl im Januar Sie bewerben sich für den Landesvorsitz der SPD

Bewerber um den SPD-Vorsitz, Andreas Schmidt
Andreas Schmidt, Landtagsabgeordneter Bildrechte: MDR/Karsten Kiesant
Bewerber um den SPD-Vorsitz, Andreas Schmidt
Andreas Schmidt, Landtagsabgeordneter Bildrechte: MDR/Karsten Kiesant
Bewerber um den SPD-Vorsitz, Katharina Zacharias
Katharina Zacharias, Köchin Bildrechte: MDR/Karsten Kiesant
Bewerber um den SPD-Vorsitz, Jost Riecke
Jost Riecke, früher Verbandschef der Wohnungswirtschaft Bildrechte: MDR/Karsten Kiesant
Bewerber um den SPD-Vorsitz, Juliane Kleemann
Juliane Kleemann, Pfarrerin Bildrechte: MDR/Karsten Kiesant
Bewerber um den SPD-Vorsitz, Seluan Al-Chakmakchi
Seluan Al-Chakmakchi, Büromitarbeiter von Burkhard Lischka Bildrechte: MDR/Karsten Kiesant
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MDR SACHSEN-ANHALT: Frau Zacharias, Herr Schmidt, warum wollen Sie SPD-Vorsitzende in Sachsen-Anhalt werden? 

Katharina Zacharias: Ganz entscheidend waren die Ergebnisse, die wir bei der Europawahl bei den jungen Wählern eingefahren haben. Die waren desaströs. Um die wieder zurückzugewinnen, braucht die Partei ein junges Gesicht. Ich bin eine junge Mutter, gelernte Köchin, komme also eher aus dem Handwerk. Und ich finde, dass das in einer Arbeitnehmerpartei durchaus mal eine Rolle spielen sollte. Und wenn wir über Erneuerung reden, gehören meiner Meinung nach auch neue Gesichter mit dazu – und nicht nur die, die man schon immer kennt. 

Dieses Amt wird eine Aufgabe, keine Belohnung.

Andreas Schmidt Bewerber um den SPD-Parteivorsitz in Sachsen-Anhalt

Andreas Schmidt: Ich habe eine Weile darüber nachgedacht, als ich gefragt wurde, ob ich es machen möchte. Denn dieses Amt wird eine Aufgabe, keine Belohnung. Die SPD ist nicht nur in Sachsen-Anhalt in äußerst schwierigen Zeiten. Viele Leute wollen gerade jetzt unsere Antworten nicht hören. Wir sind in vielen Gegenden nicht mehr gut mit Mitgliedern vertreten. Ich habe viele Jahre Erfahrung in dieser Partei, auch in der Organisation. Und finde es richtig, dass ich meinen Beitrag dazu leiste, die Partei aus dieser schwierigen Situation wieder herauszuführen.

Kandidaten präsentieren sich bei einer SPD-Veranstaltung auf einer Bühne, davor Publikum
Bei der ersten SPD-Regionalkonferenz am Donnerstag haben sich Katharina Zacharias, Andreas Schmidt und die drei weiteren Bewerberinnen und Bewerber der Parteibasis vorgestellt. Bildrechte: MDR/Karsten Kiesant

Wie kann denn die SPD Ihrer Meinung nach aus dem "Tal der Tränen" kommen? 

Katharina Zacharias: Wir müssen wieder näher an die Menschen. Wir haben an irgendeinem Punkt angefangen, über die Leute zu reden und nicht mehr mit ihnen. Und das ist etwas, was die AfD uns ein Stück weit auch voraushat. Sie spielen den Kümmerer in den Orten. Und es ist total toll, wenn wir als SPD in Magdeburg gute Politik machen. Aber das nutzt nichts, wenn das in den Orten nicht ankommt. Wir erreichen die wenigsten noch über die normalen Medien. Die Jüngeren vielleicht noch übers Internet. Aber die mittlere Generation – da müssen wir hingehen, mit ihnen reden und von ihnen hören, was sie eigentlich von uns wollen. 

Wir haben an irgendeinem Punkt angefangen, über die Leute zu reden und nicht mehr mit ihnen.

Katharina Zacharias Bewerberin um den SPD-Parteivorsitz in Sachsen-Anhalt

Andreas Schmidt: Wir sind jetzt in einer Situation, in der ganz viele Menschen Antworten, die etwas mit Solidarität und Gerechtigkeit zu tun haben, gar nicht hören wollen. Sondern glauben, es ist besser, sich hinter einem noch höheren Zaun zu verstecken. Und sagen, ich muss zuerst an mich denken. Die Gesellschaft beginnt, auseinanderzubrechen. Das zu beheben, funktioniert nicht, indem man einfach Themen besetzt und Wählern hinterherläuft. Sondern, indem man Probleme löst und Menschen überzeugt. Wir müssen nicht Wählerstimmen sammeln, sondern Köpfe und Herzen von Menschen erreichen. Da müssen wir Geduld haben.  

Was würden Sie denn persönlich anders machen, wenn Sie gewählt werden?

Eine Frau spielt mit ihrem Kind an einem Brunnen und wird von einer Kamera gefilmt.
Katharina Zacharias und eines ihrer Kinder bei den Dreharbeiten von MDR SACHSEN-ANHALT Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Katharina Zacharias: Ein großes Projekt, das ich mir auf die Fahnen geschrieben habe, ist die Ortsvereins-Partnerschaft. Es gibt Ortsvereine, die funktionieren sehr sehr gut. Und bei anderen funktioniert das aus verschiedenen Gründen nicht. Die haben dann vielleicht andere Qualitäten.

Wir haben hier im Kreis einen Ortsverein, alles ältere Herren um die 70. Dass bei denen die Online-Arbeit nicht so der Hit ist, das liegt in der Natur der Sache. Aber die brennen immer noch für ihre Partei und haben so viel Wissen angehäuft, was sie mit Freuden weitergeben wollen. Da müssen wir jetzt Generationen und auch Stadt und Land zusammenbringen. Drei Viertel der Wählerschaft wohnen im ländlichen Raum. Sachsen-Anhalt besteht fast nur aus ländlichem Raum. Und ich verstehe nicht, warum das meiste auch an parteiinternen Veranstaltungen bei uns sich dann in den Städten abspielt. 

Ich würde mir wünschen, dass wir künftig wieder über die wichtigen und richtigen Probleme des Landes in der Politik sprechen. Wenn ich die Zeitung aufschlage, habe ich manchmal den Eindruck, das Land besteht aus Wölfen und Seilbahnen.

Andreas Schmidt Bewerber um den SPD-Parteivorsitz in Sachsen-Anhalt

Andreas Schmidt: Ich würde mir wünschen, dass wir künftig wieder über die wichtigen und richtigen Probleme des Landes in der Politik sprechen. Wenn ich die Zeitung aufschlage, dann habe ich manchmal den Eindruck, das Land besteht aus Wölfen und Seilbahnen. Und das ist nicht der Fall. Das sind Randprobleme, die das Schicksal des Landes nicht entscheiden. Es existiert auch eine große Mauer zwischen denen, die in Parteien mitarbeiten und denen, die von außen auf Parteien schauen und oft gar nicht wissen, wie es in Parteien zugeht. Das will ich durchlässiger machen. Das kann man nicht in Medienkampagnen erledigen. Da muss man mit den Leuten selber sprechen. 

Konferenz, Mitgliederbefragung, Parteitag: Der Weg zur neuen SPD-Landesspitze    

Nach Ende der SPD-Regionalkonferenzen beginnt am 25. Oktober die landesweite Mitgliederbefragung. Sie dauert bis 28. November. Jedes Mitglied hat zwei Stimmen, je eine für die beiden Landesvorsitzenden. Männer und Frauen kandidieren getrennt für je einen Platz. Der Mann und die Frau mit den meisten Stimmen werden als neue Doppelspitze dem ordentlichen Landesparteitag am 24. und 25. Januar 2020 in Aschersleben vorgeschlagen.

Falls niemand die absolute Mehrheit erreicht, werden dem Parteitag die beiden Kandidaten mit den meisten Stimmen vorgeschlagen. Die Wahl durch einen Parteitag ist vom Parteiengesetz vorgeschrieben.

Mit welchen drei Eigenschaften würden Sie sich selbst beschreiben? 

Katharina Zacharias: Engagiert. Energisch. Und durchsetzungsfähig. 

Andreas Schmidt: Stur. Meistens freundlich und ausgleichend. Und ich hoffe, dass ich an den richtigen Stellen schon bestimmend sein kann. 

Was bringen Sie aus Ihrer Heimatregion mit in den großen Politikbetrieb in Magdeburg? 

Katharina Zacharias: Ich habe in Haldensleben Bürgernähe praktiziert. Dadurch bin ich als eines von zwei SPD-Mitgliedern jetzt bei der Kommunalwahl in den Stadtrat gekommen – obwohl ich erst zweieinhalb Jahre vorher zugezogen bin. Dazu beigetragen hat sicher eine Petition, die wir hier gemacht haben, zum Thema Wiedereinführung des kinderärztlichen Notdienstes bei uns im Landkreis. Dadurch bin ich mit so vielen Menschen ins Gespräch gekommen. Ich habe mehr als 3.000 Unterschriften persönlich gesammelt und mit vielen Leuten persönlich gesprochen. Allein für die Leute da zu sein, ihnen zuzuhören und ihre Ängste ernst zu nehmen, das hat diesen Menschen so unglaublich viel bedeutet. Und das ist etwas, was der Partei in Magdeburg ein Stück weit aus dem Fokus geraten ist.

Für die Leute da zu sein, ihnen zuzuhören und ihre Ängste ernst zu nehmen, das hat diesen Menschen so unglaublich viel bedeutet. Und das ist etwas, was der Partei in Magdeburg ein Stück weit aus dem Fokus geraten ist

Katharina Zacharias Bewerberin um den SPD-Parteivorsitz in Sachsen-Anhalt
Andreas Schmidt sitzt in einem Raum und gibt ein Interview.
Andreas Schmidt im Gespräch mit MDR SACHSEN-ANHALT Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Andreas Schmidt: Ich habe in zehn Jahren als Stadtrat in Halle das kommunale Handwerk von der Pike auf gelernt und das auch mitgenommen in den Landtag. Ich habe im Wahlkampf um ein Bundestagsmandat im Landkreis Mansfeld-Südharz auch den ländlichen Raum kennengelernt. Und meine wichtigste Erfahrung ist, dass alles keinen Sinn hat, wenn man nicht mit den Leuten über seinen Lösungen und Antworten spricht.  

Wohin geht es mit Ihnen und der SPD? Wie ist Ihre Position zur GroKo im Bund und zum Kenia-Bündnis im Land?  

Katharina Zacharias: Ich denke, dass wir andere Mehrheiten suchen müssen. Das hängt natürlich davon ab, was uns die Wähler geben und damit müssen wir eine möglichst stabile Regierung auf die Beine stellen. Aber ich denke, dass es weder der CDU noch uns gut tut, weiter zusammen zu gehen. Die Schnittmengen sind aufgebraucht. Und da müssen wir uns auch selbst treu bleiben und uns nicht vor lauter Staatsverantwortung selbst verlieren. 

SPD-Logo auf Würfeln
Wohin geht's mit der SPD? Angesichts der zuletzt schwachen Wahlergebnisse müssen auch in Sachsen-Anhalt Antworten auf diese Frage gefunden werden. (Archivfoto) Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Also nach der nächsten Landtagswahl raus aus "Kenia"?

Katharina Zacharias: Mein Wunsch wäre Ja. Aber dafür müssen wir auch mehr Arbeit leisten, damit die Leute uns das Vertrauen wieder schenken und wir bessere Werte einfahren. Mit um die zehn Prozent stellt sich diese Frage nicht wirklich.  

Andreas Schmidt: Wir werden das mit der Großen Koalition in Berlin im Herbst in der Partei besprechen. Ich gehe davon aus, dass das in Form einer Mitgliederbefragung geschieht. Das alleine wird aber unsere Probleme nicht lösen. Das gilt auch für die "Kenia-Koalition" in Magdeburg, die an manchen Tagen ziemlich schwierig sein kann. Nur die Koalition zu verlassen, sorgt noch nicht dafür, dass wir bessere Konzepte haben. Aber wenn sich die CDU nicht als verlässlicher Partner erweist und nicht auf Dauer klarstellen kann, dass sie zu dieser Koalition auch als Bollwerk der Demokraten steht, dann wird die "Kenia-Koalition" in Schwierigkeiten kommen und das Ende nicht erleben. 

Frau Zacharias, Herr Schmidt, vielen Dank für das Gespräch.

Die Gespräche führten Karsten Kiesant und Heiko Kunzmann. 

Karsten Kiesant
Bildrechte: MDR/Karsten Kiesant

Über den Autor Karsten Kiesant wurde in Sachsen geboren und ist in Brandenburg aufgewachsen.
Seit 2002 arbeitet er bei MDR Sachsen-Anhalt in Magdeburg. Heute ist er Ressortleiter Politik für Hörfunk, Fernsehen und Online.
Als Reporter und Redakteur hat er für die Frankfurter Rundschau, den NDR und den rbb gearbeitet.
Seine Lieblingsorte in Sachsen-Anhalt haben entweder gutes WLAN oder hören auf die Namen Schierke, Naumburg oder Jerichow.

Quelle: MDR/ld

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 06. September 2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. September 2019, 14:55 Uhr

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