Stadtratssitzung in Bitterfeld-Wolfen. An im leichten halbkreis angeordneten Tischen sitzen viele Männer.
Wer eine Frau im Bitterfeld-Wolfener Stadtrat sucht, muss genau hinsehen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Politik Kaum Frauen in der Kommunalpolitik

Politik ist noch immer oft eine Männerdomäne – auch in Sachsen-Anhalt. Ein Vergleich der 15 größten Städte des Landes zeigt: In der Kommunalpolitik sind Frauen rar, vor allem in Bitterfeld-Wolfen. Im Stadtrat dort ist der Frauenanteil besonders gering. Woran liegt das?

Marie-Kristin Landes
Bildrechte: MDR/Jacqueline Schulz

von Marie-Kristin Landes, MDR SACHSEN-ANHALT

Stadtratssitzung in Bitterfeld-Wolfen. An im leichten halbkreis angeordneten Tischen sitzen viele Männer.
Wer eine Frau im Bitterfeld-Wolfener Stadtrat sucht, muss genau hinsehen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Brandenburg hat es bereits eingeführt, Sachsen-Anhalt diskutiert zumindest über die Frage: Brauchen wir ein Parité-Gesetz? Ein Gesetz, das Parteien dazu verpflichtet, auf Wahllisten Männer und Frauen abwechselnd aufzustellen und somit für mehr Gleichberechtigung und mehr Frauen auf den Listen sorgt. Denn in Sachsen-Anhalt muss man Frauen in der Politik suchen.

Im Landtag sind gerade einmal 20 Prozent der Abgeordneten weiblich. Auf Kommunalebene sieht es nicht viel besser aus. Von den 15 größten Städten des Landes wird keine von einer Oberbürgermeisterin regiert. Der Frauenanteil in diesen Stadträten liegt bei rund 26 Prozent. Oder anders gesagt: In den 15 größten Städten Sachsen-Anhalts ist durchschnittlich nur jedes vierte Stadtsratsmitglied eine Frau.

Große Unterschiede zwischen den Städten

Dabei gibt es große Unterschiede zwischen den einzelnen Städten. Besonders hervorzuheben ist Aschersleben. Mit gerade einmal 27.525 Einwohnern (Stand Juni 2018) belegt die Stadt aus dem Salzlandkreis in der Rangfolge nach Einwohnerzahl in Sachsen-Anhalt zwar den 15. Platz. Was den Frauenanteil im Stadtrat betrifft, ist Aschersleben mit 15 Frauen bei 34 Stadtratsmitgliedern jedoch Spitzenreiter.

Im Kontrast dazu stehen vor allem Halberstadt und Bitterfeld-Wolfen. Dort sind gerade einmal 17,5 Prozent der Stadtratsmitglieder weiblich. Woran liegt das?

Zwei Frauen an der Spitze in Bitterfeld-Wolfen

Von 40 Stadtratsmitgliedern sind in Bitterfeld-Wolfen gerade einmal sieben weiblich. Warum? Darauf findet keines der Stadtratsmitglieder so richtig eine Antwort. Mal heißt es, dass sich bei der vergangenen Kommunalwahl nicht genug Frauen haben aufstellen lassen. Mal heißt es, dass Frauen durchaus auf der Liste standen, aber nicht gewählt wurden. Die befragten Stadträte sind sich aber einig: Schwerer als Männer haben es Frauen in der Kommunalpolitik eigentlich nicht.

Porträtaufnahme einer Frau mit sehr kurzen dunklen Haaren und Brille im Büro.
Dagmar Zoschke ist seit 1993 Mitglied im Bitterfeld-Wolfener Stadtrat. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Eine etwas andere Meinung vertritt die Stadtratsvorsitzende Dagmar Zoschke. Sie sitzt für ihre Partei "Die Linke" im Stadtrat von Bitterfeld-Wolfen und auch im Landtag. Sie sagt: "Nicht nur im Bereich Kommunalpolitik, überall in der Politik haben es Frauen schwerer. Weil ich glaube, Frauen haben nicht solche Vernetzungsgrade wie Männer sie haben. Frauen haben ne ganze Menge mehr Belastungen auch in der Familie zu tragen und sie wägen ständig ab, ob sie sich eher um Familie kümmern oder eher um Demokratie und Politik."

Deutlich würde das schon daran werden, dass sie als Frau drei Anläufe gebraucht habe, um zur Stadtratsvorsitzenden gewählt zu werden.

Frauen in der Familie stärker eingespannt

Porträtaufnahme einer blonde Frau mit Zopf und Brille in einem Optikergeschäft.
Annett Westphal ist seit 2017 Mitglied im Bitterfeld-Wolfener Stadtrat. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ihre Stellvertreterin Annett Westphal (CDU) kann dem nicht ganz zustimmen. Sie fühle sich nicht benachteiligt in der Kommunalpolitik und glaube auch nicht, dass es Frauen prinzipiell schwerer hätten. Annett Westphal vermutet: "Dass die Frauen eben andere Interesse haben. Dass sie halt sagen: Ich kümmere mich um die Familie, ich habe einen Beruf – und dadurch eben auch die Zeit nicht finden, zu sagen: Ich mache noch Kommunalpolitik."

Sie selbst habe auch erst die Zeit für ihr politisches Engagement gefunden, nachdem ihre Kinder aus dem Kindergarten und der Schule raus waren.

Parité-Gesetz als Brücke

Doch was könnte getan werden, damit sich das Bild im Stadtrat von Bitterfeld-Wolfen und vielen anderen in Sachsen-Anhalt ändert? Bei dieser Frage sind sich Annett Westphal und Dagmar Zoschke einig. Beide plädieren für eine Quotenregelung. Denn die würde insofern Druck auf Parteien ausüben, dass sie gezielt Frauen ermutigen, werben und unterstützen müssten.

Letztlich liegt die Entscheidung dann bei den Wählern. Sie entscheiden, wem sie auf der Wahlliste ihr Kreuz geben. Der bevorstehenden Kommunalwahl sehen die beiden Spitzenfrauen vom Bitterfeld-Wolfener Stadtrat mit gemischten Gefühlen entgegen. Sie sind sich uneins, ob es 2019 ein paar mehr Frauen in den Stadtrat schaffen. Immerhin sollen etwas mehr Frauen als 2014 auf den Wahllisten stehen.

Frauen in Stadträten nach Parteizugehörigkeit

Marie-Kristin Landes
Bildrechte: MDR/Jacqueline Schulz

Über die Autorin Marie-Kristin Landes ist in Dessau-Roßlau geboren und aufgewachsen. Nach dem Abitur zog es sie für ein Politikstudium erst nach Dresden, dann für den Master Journalistik nach Leipzig. Praktische Erfahrungen sammelte sie bei der Sächsischen Zeitung, dem ZDF-Auslandsstudio Wien und als freie Mitarbeiterin für das Onlineradio detektor.fm. Nach ihrem Volontariat beim Mitteldeutschen Rundfunk arbeitet sie jetzt vor allem für MDR Kultur und das Landesfunkhaus Sachsen-Anhalt. Wenn sie nicht gerade für den MDR unterwegs ist, ist sie am liebsten einfach draußen. Zwischen Meer oder Berge kann sie sich dabei genauso wenig wie zwischen Hund oder Katze entscheiden.

Quelle: MDR/mkl

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 29. April 2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 29. April 2019, 20:17 Uhr

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5 Kommentare

30.04.2019 06:54 Marc Kießling 5

@Leser Ich lerne immer gern dazu. Daher bitte ich um konkrete Information, an welcher Stelle in welchem Gesetz steht, dass Journalistinnen bzw das männliche oder diverse Pendant kein Mandat (nicht mal ein kleines Kommunalwahlmandat in einer Gemeinde) annehmen dürfen.

29.04.2019 21:24 Christa 4

So schlimm kann es mit der Belastung bei diesen gewählten Ämtern nicht sein.
Wie sonst könnten sich Vertreter von Behörden (Agentur für Arbeit u.ä.) zur
Wahl stellen? Haben Sie mit Ihrer Arbeit nicht genug zu tun?

29.04.2019 16:56 Leser 3

@2. Für Journalisten gilt, dass sie unabhängig und überparteilich zu berichten haben. Es gibt dafür Gesetze. Daher müssen sie neutral berichten und sich nicht politsch betätigen. Und Journalisten arbeiten förmlich rund um die Uhr. Fragen?

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