System der Ausbeutung in der Fleischindustrie? "Wir sind die Sündenböcke der Nation" – wie Tönnies auf die Vorwürfe reagiert

Martin Paul im Funkhaus von MDR SACHSEN-ANHALT
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Akkordarbeit, Massenunterbringung, kaum Sozialleistungen und geringer Lohn: Seit dem Corona-Ausbruch bei Tönnies werden die Probleme der Fleischindustrie wieder offen diskutiert. Nun hatte die Firma die Möglichkeit, sich während einer öffentlichen Gesprächsrunde im Landtag in Magdeburg sich zu äußern – und auf die Kritik von Vertretern der Beschäftigten und Politikern zu reagieren.

Mitarbeiter eines Schlachthofes bei der Fleischzerlegung
Mitarbeiter eines Schlachthofes bei der Fleischzerlegung (Symbolbild) Bildrechte: imago/Westend61

Gibt es ein System der Ausbeutung in der Fleischindustrie? Im Landtag von Sachsen-Anhalt hatte der Sozialausschuss auf Antrag der Grünen zu einer öffentlichen Gesprächsrunde über die Arbeitsbedingungen in Schlachthöfen eingeladen. Und je nachdem, wen man fragt, bekommt man sehr unterschiedliche Antworten – das ist in der Sitzung mehr als deutlich geworden.

  • Tönnies sieht sich zu Unrecht angeklagt und in "eine Ecke gestellt". Trotzdem will das Unternehmen sich verändern.
  • Der Verein, der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vor Ort berät und anspricht, berichtet dagegen von großen Problemen bei Lohn, Arbeitszeit und Unterbringung und Sozialleistungen.
  • Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten sieht Tarifmissstände in der Fleischindustrie. Das Hauptzollamt und das Landesamt für Verbraucherschutz berichten ihre Erkenntnisse aus Kontrollen und Berichten von Arbeitszeiten und Wohnsituation.
  • Und die Politik? Die Landtagsabgeordneten des Ausschusses sind anscheinend nicht gewillt, die Vorwürfe gegen die Fleischindustrie fallen zu lassen. Die Vorsitzende der Landtagsfraktion der Grünen, Cornelia Lüddemann, sagte während der Sitzung, Tönnies reagiere immer nur, wenn die Diskussion in der Öffentlichkeit hoch sei und agiere am unteren Rand der Gesetze. Andreas Steppuhn von der SPD sprach von einem ausbeuterischen System, das sich entwickelt habe.

Martin Bocklage Personalleitung Tönnies
Tönnies-Justiziar und Personalleiter Martin Bocklage (Archiv) Bildrechte: imago images/Noah Wedel

Aber kann man trotzdem Erkenntnisse aus den Antworten ziehen? Interessant sind auf der einen Seite die Fakten und Themen, die angesprochen wurden. Sie stehen dafür, wo Probleme gesehen werden und wo Beteiligte selbst Handlungsbedarf feststellen. Interessant ist auch, was nicht direkt gesagt, sondern in einem Nebensatz mit angedeutet wurde.

So erklärte Tönnies-Justiziar Martin Bocklage zum Schluss der Ausführungen seine unternehmerische Perspektive: "Nach der Phase einer unendlichen Verfügbarkeit von Arbeitskraft durch die Öffnung Osteuropas, sind wir in eine andere Phase eingetreten. […] Die Ressource gute Arbeitskraft ist endlich. Also müssen wir aus wohl verstandenem unternehmerischem Egoismus dafür sorgen, dass sich die Verhältnisse schnell und nachhaltig ins Positive wandeln."

Die Gesprächsteilnehmer

  • Als erstes kamen Vertreter von Tönnies aus Weißenfels und Rheda-Wiedenbrück zu Wort. Der Geschäftsführer des Schlachthofes in Weißenfels, Reinhold Dierkes und sein Prokurist Andreas Töpfner waren persönlich vor Ort. Per Video ließ sich Martin Bocklage zuschalten. Er ist Personalleiter, Justiziar und Geschäftsführer eines Tönnies-Unternehmens in der Konzernzentrale.
  • Außerdem berichteten Projektleiterin Anne Hafenstein und Geschäftsführer Benjamin Gehne vom Projekt "Beratung migrantischer Arbeitskräfte" des Vereins Arbeit und Leben Sachsen-Anhalt über ihre Arbeit mit den Arbeiterinnen und Arbeitern in der Fleischindustrie. Die Mitarbeiterinne und Mitarbeiter des Vereins werden unter anderem von Sachsen-Anhalt finanziell unterstützt und beraten ausländische Arbeitskräfte in Sachsen-Anhalt zu ihren Rechten.
  • Als Vertreter der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten nahm Regionalgeschäftsführer Jörg Most an der Sitzung teil.
  • Auch das Hauptzollamt, zuständig für die Kontrolle zum Beispiel von Schwarzarbeit, und das Landesamt für Verbraucherschutz berichteten in der Sitzung über ihre Arbeit.

Die Themen und Positionen

Zu Beginn des Gesprächs wurde klargestellt: Es geht um die Arbeitsbedingungen von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in der Fleischerzeugungsindustrie – nicht um das Tierwohl. Gibt es Arbeitsausbeutung zu Lasten von denjenigen, die unter anderem im Akkord schlachten, zerlegen, verpacken, reinigen?

Sitzung des Sozialausschusses des Landtags in Magdeburg zum Thema Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie
Der Sozialauschuss des Landtages hat zum Gespräch über Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie eingeladen. Bildrechte: MDR/Martin Paul

Die Kritik

Am deutlichsten hat das Projekt "Beratung migrantischer Arbeitskräfte" über die Einzelheiten mit Bezug auf Ausbeutung in der Fleischindustrie berichtet. In der Ausschussitzung erklärten Projektleiterin Anne Hafenstein und Benjamin Gehne vom Verein Arbeit und Leben, Hauptthemen aus der Beratungspraxis am Standort Weißenfels seien:

  • Erfassung und Überschreitungen der Arbeitszeiten, Rufbereitschaft und Pausenzeiten – so dass es oft zu zehn bis zwölf Stunden Arbeit komme,
  • Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, unbezahlter Urlaub oder Androhung von Kündigung,
  • fristlose Kündigung oder in großer Zahl abgeschlossene Aufhebungsverträge,
  • den Arbeiterinnen und Arbeitern würden die Kosten für die Unterbringung, die Arbeitsmaterialien, Vertragsstrafen und für den Transport zwischen Arbeitsorten vom Lohn abgezogen.

Zur Verdeutlichung stellten die Vertreterinnen des Projektes ein typisches Fallbeispiel eines Arbeiters in der Fleischindustrie vor:

"Wir nennen ihn Roman. Er ist 38 Jahre alt. Er ist 2018 nach Sachsen-Anhalt gekommen. Ursprünglich hatte er in Rumänien bei einer Agentur angeheuert, mit dem Ziel in Italien als Mechaniker zu arbeiten. Er hat einen Berufsabschluss als Mechaniker. Er bezahlt 400 Euro dafür, dass er in die Jobvermittlung kommt. Er steigt mit 40 anderen in einen Bus und kommt wenige Tage später in einer kleinen Stadt in Sachsen-Anhalt an. Vor Ort wird ihm ein Unterlagenstapel ausgehändigt, Arbeitsverträge und andere Papiere, die blanko gezeichnet werden. Sein Schulenglisch reicht nicht aus, das genau zu verstehen. Mit sechs weiteren Personen bezieht er eine 50 Quadratmeter Wohnung. Er arbeitet insgesamt anderthalb Jahre, hat in dieser Zeit drei verschiedene Arbeitsverträge. Es tauchen Probleme auf, als er versetzt werden soll, in einen anderen Betrieb der fleischverarbeitenden Industrie. Vom Lohn werden ihm zusätzliche Unterkunftskosten, Fahrkosten und nicht alle Stunden abgezogen. Als er versucht, das Problem zu klären, wird er fristlos gekündigt."

Die Arbeitsgeberseite – Tönnies:

Thema Werkverträge

Das Unternehmen legte dar, dass rund 2.200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Weißenfels arbeiten. 550 seien direkt bei einer der Tönnies-Firmen angestellt. 1.700 haben Werkverträge.

Grundsätzlich seien Werkverträge eingeführt worden, weil nicht ausreichend deutsche Arbeitskräfte zur Verfügung stehen. Andreas Töpfer von Tönnies in Weißenfels sagte: "Uns war es nicht möglich, Arbeitskräfte auf dem deutschen Arbeitsmarkt zu rekrutieren."

Reinhold Dierkes, Geschäftsführer des Weißenfelser Werkes sagte: "Eine Konstruktion von Sub-Sub-Sub-Unternehmen gibt es definitiv nicht."

In Zukunft werde man auf Werkverträge verzichten: "Wir werden ab kommendem Jahr die Werksvertragspartner in unser Unternehmen integrieren."

Personalleiter und Justiziar Martin Bocklage sagte: "Wir fühlen uns so in die Schmuddelecke hineingestellt, dass ein dauerhaftes Arbeiten und ein Rekrutieren von Mitarbeitern so nicht mehr möglich sein wird, wenn es diese gesellschaftliche Kritik gibt. Der Wille des Souveräns ist da, Werkverträge in der Fleischindustrie nicht mehr fortzuführen und diesen Willen müssen wir uneingeschränkt akzeptieren."

Es sei aber wichtig, dass diese Regelung alle in der Branche treffe.

Thema Arbeitsbedingungen

Aus dem Weißenfelser Unternehmen hieß es: "Wir halten die Kritik für maßlos übertrieben. Wir arbeiten sehr partnerschaftlich mit den Werkvertragsunternehmen zusammen. Das heißt auf dem Gebiet der Entlohnung, der Arbeitszeit, der Unterkünfte, der Arbeitssicherheit und des Gesundheitsschutzes. Das machen wir permanent", so Andreas Töpfer.

Tönnies werde alles unternehmen, wenn man etwas von Missständen wisse: "Denn wenn wir dem nicht nachgehen würden, hätten wir keine Mitarbeiter in der Unternehmensgruppe."

Martin Bocklage sagte: "Es ist kein fleischspezifisches Problem. Wir sind aktuell die Sündenböcke der Nation. Bitte weiten sie ihren Blickwinkel." Es könne nicht sein, dass die fleischverarbeitende Industrie am Pranger stehe und der Mitarbeiter, der dann nicht mehr Wurst verpackt bei Amazon im Lager steht.

Wenn man schon vor zehn Jahren begonnen hätte, Leuchturm bei Arbeitsbedingungen zu werden, dann wäre man nicht mehr wettbewerbsfähig gewesen.

"Für uns ist wichtig, dass es alle trifft. Wir haben in der Branche eine Selbstverpflichtung unterschrieben, die systematisch von einigen Unternehmen auch umgangen wird. So dass es bis heute möglich ist, Mitarbeiter ohne Sozialversicherung einzusetzen und es gibt Auswüchse in der Wohnungswirtschaft, die verachtenswert sind."

Thema Wohnbedingungen

Tönnies hat angekündigt, in Zukunft als Mieter für Wohnungsunternehmer aufzutreten und dann den Wohnraum an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter weiterzuvermieten. Dadurch wolle man Preiswucher eindämmen.

Außerdem sei man mit den Kommunen in Gesprächen über die Errichtung von Werkssiedlungen. Martin Bocklage sagte, mit Ausnahme von Herrn Risch (Oberbürgermeister der Stadt Weißenfels, Anmerk. d. Red.), sei aber niemand bisher bereit, mit Tönnies über Werkssiedlungen zu sprechen – wohl unter anderem aus Sorge vor einer möglichen Ghettoisierung.

Wie geht es weiter?

Das Ziel der Ausschusssitzung am Mittwoch in Magdeburg war, Vertretern aus Politik, Wirtschaft, Verwaltung und Gesellschaft die Gelegenheit zu geben, ihre Sicht auf die Arbeitsbedingungen in den Schlachthöfen in Sachsen-Anhalt darzustellen – und die Ergebnisse der Gespräche zur Grundlage beispielsweise einer Parlamentsdebatte zu machen.

So kündigten die Grünen nach der Sitzung an, die Zustände in der Fleischindustrie in der Landtagssitzung vom 8. Juli bis 10. Juli mit einer Aktuellen Debatte zum Thema machen.

Martin Paul im Funkhaus von MDR SACHSEN-ANHALT
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Über den Autor Martin Paul ist Teil des Online-Teams von MDR SACHSEN-ANHALT und begeistert von den Möglichkeiten und Ausdrucksformen des digitalen Journalismus – Daten und Code, Visualisierung und Video, Longread und Ticker, Social-Media und Dialog. Was ihn umtreibt? Besonders die Frage, wie man das Netz frei und offen gestalten und Teilhabe garantieren kann.

Quelle: MDR/mp

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 01. Juli 2020 | 12:00 Uhr

23 Kommentare

Sensibel vor 21 Wochen

Es gäbe und gibt schon jetzt diverse Möglichkeiten, Fleisch von "vernünftig" gehaltenen Tieren - ohne "Antibiotikagabe" unmittelbar vor der Schlachtung der Tiere zu kaufen!

Und wenn der Verbraucher das täte, wären nicht so viele Menschen übergewichtig und sehr viele Zivilisationskrankeiten könnten vermieden werden!

Sensibel vor 21 Wochen

Dass sich die Ausführungen sowie die Handhabung z.B. - der Leiharbeiterverträge bzw. Werkverträge ändern müssen, ist wohl die wichtigste Forderung.
Allerdings hat der Verbraucher die Macht, - und er könnte sich z.B. gegen den täglichen Fleischkonsum entscheiden.

So verhält es sich aber leider eben gerade nicht. BILLIG, Billig muss es sein, das ist die Realität.
Und das Tierwohl ?

Es ist schon eigenartig,- da werden Hund und Katze "vermenschlicht", und bei der Nutztierhaltung ist den allermeisten das "Tier" egal!
Der Bauer, der diese Tiere züchtet, - sollte für seine Arbeit einen vernünftigen Preis erzielen können, und für eine argerechte Haltung sorgen.
Alles andere ist Augenwischerei!

Fleisch muss teurer werden, damit es wieder etwas Besondes ist!

Eulenspiegel vor 21 Wochen

Also ich denke man kann sich Stundenlang über diese Missstände aufregen und darüber lamentieren wer dafür verantwortlich ist. Aber was ändert das an den Missständen? Nichts!
Ja die Politik hat Fehler gemacht wie jeder andere arbeitende Mensch auch. Ich denke das wird immer wieder geschehen, unabhängig von der Partei.
Worauf es hier ankommen sollt ist immer wieder die Fehler der Vergangenheit zu korrigieren. Und genau darin tut sich unsere Republik sehr schwer. Ich denke da muss man unseren Politikern, unabhängig von der Partei, mal ein bisschen Feuer unter dem Arsch machen.

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