SPD-Politiker Arne Lietz im Gespräch mit dem Imker Enrico Kretzschmar und MDR-Reporterin Tanja Ries
Arne Lietz von der SPD (links) im Gespräch mit Imker Enrico Kretzschmar und MDR-Reporterin Tanja Ries Bildrechte: MDR/ Karsten Kiesant

EU-Wahlkampf am Bienenstock Wie steht die SPD in Europa zum Klimaschutz?

Nach einer aktuellen Umfrage, dem ARD-Europatrend, spielen Umwelt- und Klimaschutz bei der Europawahl für die Deutschen die größte Rolle. Allein in der EU ist jeder sechste Arbeitsplatz mit Natur verbunden. Doch welche Rolle spielt die Thematik im laufenden Europawahlkampf? MDR SACHSEN-ANHALT hat diese Frage Arne Lietz, dem EU-Spitzenkandidaten der SPD gestellt – bei einem Ortstermin mit einem Imker in Halberstadt.

von Karsten Kiesant, MDR SACHSEN-ANHALT

SPD-Politiker Arne Lietz im Gespräch mit dem Imker Enrico Kretzschmar und MDR-Reporterin Tanja Ries
Arne Lietz von der SPD (links) im Gespräch mit Imker Enrico Kretzschmar und MDR-Reporterin Tanja Ries Bildrechte: MDR/ Karsten Kiesant

Keine große Sache, wird sich Arne Lietz an diesem Morgen gedacht haben, als er auf auf dem Hof einer Biogasanlage am Ortsrand von Halberstadt eintrifft. 100 Orte in Sachsen-Anhalt will er selbst im Wahlkampf im Land ansteuern. Der 42-jährige Wittenberger sitzt seit fünf Jahren im Europaparlament. Hat dort als "Klimadiplomat" auch die große Weltpolitik in Washington, Paris und bei der UNO gestreift. "Ich habe Umwelt- und Klimaschutz als Kernthema gemacht. Ich bin zwar Außenpolitiker, aber Klimapolitik ist mittlerweile auch Sicherheitspolitik bei den Militärs und Außenpolitikern geworden", zieht er den großen Bogen. Nun also Halberstadt.

Größeres Umweltbewusstsein in der Wirtschaft

Der Imker Enrico Kretzschmar aus Halberstadt
Imker Enrico Kretzschmar spürt ein größer werdendes Umweltbewusstsein in der Wirtschaft. Bildrechte: MDR/ Karsten Kiesant

Die Biogasanlage gehört der Halberstadtwerke GmbH, einem regionalen Energieversorger. Das kommunale Unternehmen ist seit drei Jahren "Bienenhalter". Auch in der Wirtschaft wächst das Bewusstsein, dass mehr für die Umwelt getan werden muss, erzählt Enrico Kretzschmar, der hier fünf Bienen-Völker im Auftrag des Unternehmens betreut. Sie leben in großen grünen Kisten (Kabinen) auf einer Wiese am Rand des Betriebsgeländes.

Kretzschmar ist seit 30 Jahren Wander-Imker. Ein Mann, der in sich ruht, aber sehr leidenschaftlich werden kann, wenn er über den Klimawandel und die Veränderungen in der Umwelt spricht, die er um sich herum beobachtet. Dazu hat er dringende Fragen an den Europa-Politiker Lietz. Und gleich noch eine Warnung an den Besucher. In den letzten Tagen war es zu kühl, das hat Folgen: "Ich sage immer eine Biene ist nicht aggressiv. Sie war ein paar Tage drinnen und jetzt will sie raus. Das ist bei uns Menschen doch auch so. Und wenn dann noch Besuch kommt, dann gucken sie einfach mal und wenn es sein muss, dann wird auch gestochen."

"Ein Gewimmel wie im EU-Parlament"

SPD-Politiker Arne Lietz im Gespräch mit dem Imker Enrico Kretzschmar
SPD-Politiker Arne Lietz im Gespräch mit Wanderimker Enrico Kretzschmar. Bildrechte: MDR/ Karsten Kiesant

Sofort wird der SPD-Politiker umschwärmt. Auch auf den gelben Pullover des Imkers stürzen sich die Bienen. Als das Summen bedrohlicher wird, bekommen alle schnell einen großen Imkerhut zum Schutz verpasst.

Sicher ist sicher. Denn der Imker will seinen Besucher ganz nah an die Bienenstöcke führen. "Ein Gewimmel wie im Europaparlament", ist Lietz erster Eindruck. In Brüssel würde das Thema sehr ernst genommen. "Wir haben teilweise bis zu 75 Prozent Rückgang bei Insekten in bestimmten Gebieten in den letzten 30 Jahren. Das ist so dramatisch." Respektvoll bleibt er ein paar Meter entfernt stehen. Für Kretzschmar ist das hier Routine. Die Wanderimkerei betreibt seine Familie seit 70 Jahren. Als eine der Letzten in der Region:

Wir haben nicht nur ein Bienensterben, wir haben auch ein "Imkersterben". Die Alten müssen irgendwann aufhören. Und es gibt kaum Nachwuchs.

Enrico Kretzschmar, Wanderimker aus Hessen bei Osterwieck

Eine Grafik zeigt die Zahl der Imker in Sachsen-Anhalt
Bildrechte: Grafik/Mitteldeutscher Rundfunk

Kretzschmar klettert auf eine der Kisten und öffnet behutsam den Deckel. Behutsam löst er mit dem Stockmeissel eine Wabe. Hunderte Bienen krabbeln über das Netz in dem leichten Holzrahmen. "Jetzt fressen sie den Honig selber, weil es so kalt war," erklärt der Imker.

Da ist alles tot!

Mehrere Bienen sind in einem Bienennest und sitzen auf ihren Waben
Die Bienen leiden unter dem Einsatz von Chemie in der Umwelt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Und er beschreibt, was er empfindet, wenn er an einem Feld vorbeifährt, das gerade mit dem Pflanzengift Glyphosat behandelt wurde: "Die Leute denken, das blüht. Weil es so gelb aussieht. Das ist tot, da ist alles tot!" Lietz hat sich im EU-Parlament gegen das meistverkaufte Unkrautvernichtungsmittel der Welt ausgesprochen, die SPD will in der nächsten Legislaturperiode für eine Abschaffung von Glyphosat stimmen.

Wir dürfen nicht auf Lobbygruppen hören, die nur an ihre Maximalprofite denken. Wir müssen an Artenschutz denken. Deshalb brauchen wir Europa, damit wir das gemeinsam machen. Und da müssen wir mit Agrarlobby und Chemielobby direkt reden.

Arne Lietz, Spitzenkandidat der SPD für die Europawahl

Für Kretzschmar ist es nicht nachvollziehbar, dass das alles so lange dauert. "Wir stoßen da gegen eine Mauer bei den Mitgliedsstaaten", erklärt Lietz das Kräfteverhältnis zwischen Parlament und Regierungen in Europa am Beispiel Klimaschutz. Die Regierungen einzelner Staaten würden blockieren. Und das sei gefährlich, wenn sich nicht schnell etwas tut: "Wir haben selbst einen großen Klimabericht vorgelegt, wo gesagt wurde, wir können in den nächsten zehn bis zwölf Jahren tatsächlich noch viel verändern, wenn wir das Ruder rechtzeitig herumreißen."

Bienen sammeln sich an Bienenstöcken
Die Kabinen sind Teil des Betriebsgeländes. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Blühstreifen-Bürokratie ist bienenfeindlich

Doch die hohe Klimadiplomatie, das wird bei diesem Treffen schnell deutlich, interessiert den Imker nicht besonders. Er will die Dinge in der öffentlichen Debatte lieber "erden". Und über Blühstreifen reden. Viele Landwirte sind bereit, diese insektenfreundlichen Wiesen an den Rändern ihrer Äcker anzulegen. Dafür gibt es sogar Fördergeld.

Aber nur, wenn die Wiese bis zum 31. Märze ausgesät werden, regt sich Kretzschmar über die Blühstreifen-Bürokraten auf. "Da gibt die Natur für die Bienen aber eigentlich noch genug her. Wir brauchen die Blühstreifen nachher, wenn das Getreide abgeerntet ist. Wenn die Kartoffeln geerntet sind. Damit die Bienen und andere Insekten die Pollen finden, weil dann bereiten die sich auf den Winter vor." Arne Lietz notiert sich die Frage. Eine "Hausaufgabe" für Brüssel, wie er es nennt.

Eine Grafik, die das Förderbudget für Maßnahmen der Imkerschaft zeigt
Bildrechte: Grafik/Mitteldeutscher Rundfunk

Die Bienen haben sich mittlerweile beruhigt, dafür kommt der Imker immer mehr in Fahrt. Es sei ja schön, dass die Hobby-Imker im Land jetzt auch europäische Förderung bekämen. Aber das Geld sei schnell aufgebraucht. Zu DDR-Zeiten hätte es sogenanntes "Bestäubungsgeld" von den Landwirten gegeben. Das wurde abgeschafft. Heute können nur noch zwei Prozent der deutschen Imker von ihrem Beruf leben.     

Ein Glas gefüllt mit Honig
Nur zwei Prozent der deutschen Imker können von ihrem Beruf leben. Bildrechte: MDR/ Karsten Kiesant

Ob denn Imker überall in Europa ähnliche Probleme hätten, hakt der Politiker nach. "In Frankreich Portugal und Italien", so Kretzschmar, "gibt es das noch. Unsere Berufsimker wandern deshalb nach Italien, weil es da Bestäubungsgeld gibt."

Honigverkauf sei derzeit die einzige Einnahmequelle der Hobbyimker. Für den erwirtschafteten volkswirtschaftlichen Nutzen "müssen wir aber was zurückbekommen", gibt der Imker der SPD mit auf den Weg. Dann könne er auch die Stiche verschmerzen, die er sich auch heute wieder eingefangen habe.

Arne Lietz hatte mehr Glück – die Bienen waren ihm gnädig. Die Botschaft der Imker wird er voraussichtlich aber nur weitergeben können. Denn der Listenplatz 24, auf den seine Bundespartei den engagierten Europa-Politiker aus Sachsen-Anhalt gesetzt hat, gilt als eher aussichtslos für einen Wiedereinzug ins europäische Parlament.

Über den Autor Karsten Kiesant wurde in Sachsen geboren und ist in Brandenburg aufgewachsen. Seit 2002 arbeitet er bei MDR Sachsen-Anhalt in Magdeburg. Heute ist er Ressortleiter Politik für Hörfunk, Fernsehen und Online.

Als Reporter und Redakteur hat er für die Frankfurter Rundschau, den NDR und den rbb gearbeitet.
Seine Lieblingsorte in Sachsen-Anhalt haben entweder gutes WLAN oder hören auf die Namen Schierke, Naumburg oder Jerichow.

Quelle: MDR/fl

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 16. Mai 2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. Mai 2019, 20:13 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

5 Kommentare

18.05.2019 17:52 Imker 5

-"Sie leben in großen grünen Kisten (Kabinen)"
-"Bienen krabbeln über das Netz"
-"Kretzschmar klettert auf eine der Kisten und öffnet behutsam den Deckel"

Ob der Imker wirklich auf eine "Kabine" "klettert" um sie zu öffnen und die Bienen über das "Netz" krabbeln, bezweifle ich...

Anmerkung MDR SACHSEN-ANHALT Es mag nicht die korrekte Imkerterminologie sein... ¯\_(ツ)_/¯

17.05.2019 13:03 Anita 4

SPD / Grüne und Linke haben garnichts mehr zu melden, diese 5 % Parteien, diese haben numehr in D. alles, alles versaut.

17.05.2019 10:56 Gert 3

SPD und Klimaschutz. Kein Wunder, wenn diese Partei immer mehr abrutscht. Dabei war doch früher der Steinkohlekumpel aus NRW doch ihr Lieblingsklientel.

Mehr aus Sachsen-Anhalt