Ein Radiologe schaut sich im Röntgenbild die linke Hand eines 13-Jährigen an.
Wenn Jugendämter am Alter eines minderjährigen Geflüchteten Zweifel haben, kann zum Beispiel auch das Röntgen der Handwurzel angesetzt werden. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

#MDRklärt Wie das Alter von Flüchtlingen bestimmt wird

Nicht alle Geflüchteten kennen ihr genaues Geburtsdatum. Für das Asylverfahren ist das aber wichtig – insbesondere, wenn ein Flüchtling noch minderjährig sein könnte. Wie die Behörden versuchen, das Alter trotz fehlender Dokumente festzustellen. Teil 2 unserer Serie zu unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten.

Maria Hendrischke
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

von Maria Hendrischke, MDR SACHSEN-ANHALT

Ein Radiologe schaut sich im Röntgenbild die linke Hand eines 13-Jährigen an.
Wenn Jugendämter am Alter eines minderjährigen Geflüchteten Zweifel haben, kann zum Beispiel auch das Röntgen der Handwurzel angesetzt werden. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

Warum ist es wichtig, das genaue Alter von Geflüchteten zu kennen?

Unbegleitete minderjährige Geflüchtete sind besonders schutzbedürftig. Denn diese Kinder und Jugendlichen haben ihre Familie verloren oder mussten ohne sie ihre Heimat verlassen. In der UN-Kinderrechtskonvention wird festgelegt, dass ihnen "derselbe Schutz zu gewähren [ist, Anm. d. Red.] wie jedem anderen Kind, das aus irgendeinem Grund dauernd oder vorübergehend aus seiner familiären Umgebung herausgelöst ist".

Diese Schutzaufgabe übernehmen in Deutschland die Jugendämter. Die geflüchteten Kinder und Jugendlichen werden in einer Jugendhilfeeinrichtung untergebracht. Volljährige Flüchtlinge müssen sich in Sachsen-Anhalt dagegen in der Zentralen Anlaufstelle für Asylbewerber (ZASt) in Halberstadt melden und sind grundsätzlich verpflichtet, in einer Aufnahmeeinrichtung zu wohnen.

Vor Abschiebung besonders geschützt

Passergiere betreten eine Chartermaschine am Flughafen Halle/Leipzig
Unbegleitete Minderjährige sind vor Abschiebungen besonders geschützt. (Archivbild) Bildrechte: MDR/Stephan Schulz

Unbegleitete Minderjährige sind vor einer Abschiebung besonders geschützt. Rechtlich ist sie zwar möglich. Aber: Dafür müsste gewährleistet werden, dass sie in dem Land, in das sie abgeschoben werden sollen, von einem Sorgeberechtigten oder einer geeigneten Aufnahmeeinrichtung betreut würden, schreibt das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Das sei in der Praxis so schwer zu erfüllen, dass Abschiebungen von unbegleiteten Minderjährigen kaum vorkämen. Eine freiwillige Rückkehr mit einer finanziellen Förderung ist dagegen möglich.

Warum wissen manche Asylsuchende nicht, wie alt sie genau sind?

Das Innenministerium teilte MDR SACHSEN-ANHALT auf Anfrage mit, dass gemutmaßt werden könne, dass einige Asylsuchende ihr Alter tatsächlich nicht kennen würden. Die Integrationshilfe Sachsen-Anhalt erklärt dazu, dass eine taggenaue Altersangabe in wenig entwickelten Staaten oder ländlichen Regionen nicht notwendig sei. Außerdem werde in einigen Ländern der Geburtstag nicht gefeiert, sodass auch innerhalb der Familie das genaue Alter keine Rolle spiele. In etlichen afrikanischen Staaten sei das genaue Geburtsdatum nur bei offiziellen Verwaltungsvorgängen wie der Schulanmeldung nötig, so die Integrationshilfe Sachsen-Anhalt.

Das Innenministerium führt zudem an, dass es sein könne, dass einige Geflüchtete ihr Alter bewusst nicht oder falsch angeben, um als unbegleitete minderjährige Asylsuchende registriert zu werden und so den besonderen Status dieser Gruppe in Anspruch nehmen zu können.

Wie wird das Alter festgestellt?

Der Schriftzug "Jugendamt" ist auf einem Schild zu lesen.
Das Jugendamt ist für unbegleitete Minderjährige zuständig. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

Ein unbegleiteter minderjähriger Ausländer kommt zunächst in die Obhut eines Jugendamts. Das Jugendamt ist dann auch dafür zuständig, zu erfassen, ob diese Person tatsächlich minderjährig ist.

Das Landesinnenministerium hat in einem Erlass geregelt, nach welchem Verfahren das Alter unbegleiteter ausländischer Personen festgestellt werden soll:

Schritt 1: Ausweise kontrollieren

Laut Erlass soll das Jugendamt als erstes Ausweise oder ähnliche Dokumente des Geflüchteten kontrollieren. Wenn das Jugendamt nicht sicher ist, dass die Papiere echt sind, kann es die zuständige Ausländerbehörde oder Polizei um Amtshilfe bitten.

Schritt 2: Qualifizierte Inaugenscheinnahme

Wenn der Asylsuchende keine Papiere hat, wird in Sachsen-Anhalt das Alter durch eine sogenannte "qualifizierte Inaugenscheinnahme" geschätzt. Das bedeutet, dass zwei sozialpädagogisch qualifizierte Mitarbeiter der Jugendhilfe im Vieraugenprinzip versuchen, das Alter des Schutzsuchenden herauszufinden.

Dabei geht es zum einen darum, dass sie einordnen, wie jung oder alt der Geflüchtete äußerlich wirkt. Die Vorsitzende des Magdeburger Vereins refugium für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, Monika Schwenke, weist dabei aber darauf hin, dass Geflüchtete durch die Belastungen der Flucht oft Jahre älter aussähen, als sie seien.   

Daher schätzen die beiden Mitarbeiter das Alter zum anderen aufgrund des geistigen Entwicklungsstands. Dieser wird in einem Gespräch mit dem Flüchtling erhoben, das mit einem Dolmetscher geführt wird. Das Gespräch soll schriftlich festgehalten werden und dreht sich um biografische Informationen wie Geschwister, einen Schulbesuch oder Arbeitstätigkeit oder darum, ob die Person bereits eigene Kinder hat.

Schritt 3: Ärztliche Untersuchungen

Wenn auch nach der Inaugenscheinnahme nicht klar ist, ob der Ausländer minderjährig oder volljährig ist, kann eine ärztliche Untersuchung durch eine Zahnuntersuchung, Röntgen der Handwurzel oder des Schlüsselbeins angeordnet werden. Die Untersuchungen sollen in genau dieser Reihenfolge gemacht werden, um die Strahlenbelastung durch das Röntgen möglichst gering zu halten.

Den Untersuchungen muss der Geflüchtete aber zuvor zustimmen. Sollte er sich weigern, muss das Jugendamt das Alter aufgrund der bereits gewonnenen Erkenntnisse festlegen.

Wie verlässlich ist die Altersbestimmung durch diese Verfahren?

Die Handlungsempfehlung der Bundesarbeitsgemeinschaft der Landesjugendämter zum Umgang mit unbegleiteten Minderjährigen erklärt, dass es keine Möglichkeit gibt, das Alter ganz genau sicher zu bestimmen. In der Handlungsempfehlung steht:

Eine exakte Bestimmung des Lebensalters ist weder auf medizinischem, psychologischem, pädagogischem noch auf anderem Wege möglich. Alle Verfahren können allenfalls Näherungswerte liefern.

Die Integrationshilfe Sachsen-Anhalt erklärte dazu, dass in ärztlichen Stellungnahmen das Alter häufig mit einer möglichen Abweichung von bis zu zwei Jahren angegeben wird.  

Was passiert, wenn das Alter nicht genau bestimmt werden kann?

Es kann vorkommen, dass selbst nach ärztlicher Untersuchung nicht klar ist, ob der Geflüchtete ganz sicher noch minderjährig ist. In solchen nicht eindeutig klärbaren Fällen muss das Jugendamt davon ausgehen, dass der Asylsuchende minderjährig ist. So legt es die EU-Asylverfahrensrichtlinie fest. Der Grund: Das Wohl des Kindes hat Vorrang, so steht es beispielsweise in der UN-Kinderrechtskonvention. Im Zweifel wird daher davon ausgegangen, dass die betreffende Person noch minderjährig ist.

Um das Alter noch etwas genauer einordnen zu können, empfiehlt die Bundesarbeitsgemeinschaft der Landesjugendämter, bei ärztlichen Untersuchungen nicht nur nach dem wahrscheinlichsten Alter zu fragen, sondern auch nach dem Mindestalter. So kann festgelegt werden, wann ein Geflüchteter in jedem Fall volljährig ist.

Maria Hendrischke
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über die Autorin Maria Hendrischke arbeitet seit Mai 2017 als Online-Redakteurin für MDR SACHSEN-ANHALT - in Halle und in Magdeburg. Ihre Schwerpunkte sind Nachrichten aus dem Süden Sachsen-Anhalts, Politik sowie Erklärstücke und Datenprojekte. Ihre erste Station in Sachsen-Anhalt war Magdeburg, wo sie ihren Journalistik-Bachelor machte. Darauf folgten Auslandssemester in Auckland und Lissabon sowie ein Masterstudium der Kommunikationsforschung mit Schwerpunkt Politik in Erfurt und Austin, Texas. Nach einem Volontariat in einer Online-Redaktion in Berlin ging es schließlich zurück nach Sachsen-Anhalt, dieses Mal aber in die Landeshauptstadt der Herzen – nach Halle. Ihr Lieblingsort in Sachsen-Anhalt sind die Klausberge an der Saale. Aber der Harz ist auch ein Traum, findet sie.

Quelle: MDR/mh

Zuletzt aktualisiert: 29. August 2019, 18:50 Uhr

1 Kommentar

ralf meier vor 3 Wochen

In Hildesheim versuchte ein Afghane, sich als 18 jähriger auszugeben. Mit einer schnellen und sichere Methode zur Altersbestimmung per DNA Analyse konnte festgestellt werden, das er zu 99,999 % älter war.

Siehe dazu: n-tv 10.01.2018 : Altersbestimmung bei Flüchtling Landkreis überprüft Afghanen mit DNA-Test.

Gegen solche Tests gibt es Widerstand und das gilt auch für das oben genannte Röntgen der Handwurzel. Der Präsident der Bundesärztekammer Montgomery bevorzugt aus Gründen, über die man spekulieren mag, z.B. ein von Kinder- und Jugendärzten vorgeschlagenes ' mehrwöchiges Clearingverfahren, bei dem in geschützter Umgebung auch die psychische Reife der Betroffenen beachtet wird. '
Siehe dazu MDR Artikel 'CSU verlangt medizinische Altersprüfung bei jungen Flüchtlingen' vom 30.12.2017 .
Noch schneller wäre natürlich die notwendige Vorlage eines Personalausweises bei der Einreise. Das wird jedoch von den Vertretern der 'Altparteien' kategorisch abgelehnt.

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