Ein Lemur sitzt auf einer Sprosse einer aus Ästen gebauten Leiter
Zwei Katta-Pärchen leben derzeit im Affengehege des kleinen Tierparks. Bildrechte: MDR/Karsten Kiesant

Mit der FDP im Affenhaus Warum kleine Kommunen und Vereine mehr Hilfe im Förderdschungel brauchen

Europäische Fördermittel sind für den ländlichen Raum eine wichtige Finanzierungsquelle für lokale Projekte. Aber der Weg zum Geldsegen aus Brüssel ist hart und kann für kleine Vereine sogar zum finanziellen Bumerang werden. MDR SACHSEN-ANHALT wollte wissen, was sich da ändern muss und hat Guido Kosmehl, den Spitzenkandidaten der FDP für die Europawahl, mit dem Ortsbürgermeister von Westerhausen ins Gespräch gebracht.

von Karsten Kiesant, MDR SACHSEN-ANHALT

Ein Lemur sitzt auf einer Sprosse einer aus Ästen gebauten Leiter
Zwei Katta-Pärchen leben derzeit im Affengehege des kleinen Tierparks. Bildrechte: MDR/Karsten Kiesant

Der Katta hat einen schwarz-weiß geringelten Schwanz, ist tagaktiv und löst Konflikte gern durch heftiges Anstarren. Unter Affen muss das furchteinflößend sein. Auf Menschen wirken die großen runden Augen des Lemuren eher putzig. Und genau deshalb haben sie ihn hier so gern in Westerhausen – und bauten ihm in dem kleinen Tierpark ein schönes neues Affenhaus.

Ein Lemur klammert sich an die Halterung eines rollbaren Tisches
Bildrechte: MDR/Karsten Kiesant

Bevor sich Eberhard Heintze um seinen Politiker-Gast kümmert, gibt er seinen Affen erst mal ein Stück Brot. Zwei Katta-Pärchen leben derzeit im Affengehege. Und den Mann, der auch noch ehrenamtlicher Vorsitzender des Tierpark-Fördervereins ist, scheinen sie schon zu erkennen.

Das Brot schnappen ihm die sonst eher scheuen Tiere geschickt aus der Hand. Heintze freut sich. Und man spürt, dass ihm das hier wirklich am Herzen liegt. Seit 25 Jahren ist der Mitarbeiter der Stadt Thale bereits ehrenamtlicher Ortsbürgermeister. Da denkt man, man hat alles schon erlebt, sagt er, doch das von der EU geförderte Affenprojekt hat ihn "dolle Nerven gekostet".

Fördermittel, die Nerven fordern

Guido Kosmehl, der für die FDP als Spitzenkandidat bei der Europawahl in Sachsen-Anhalt antritt, weiß, dass es in der Praxis vor allem für Vereine oder kleine Kommunen sehr schwierig ist, an EU-Fördermittel zu kommen.

Guido Kosmehl, FDP Kandidat Europawahl
Guido Kosmehl Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Generell gibt es Vorgaben aus Brüssel und aus den Ländern. Hier ist das Geld und dieses könnt ihr zum Beispiel für die Entwicklung des ländlichen Raumes ausgeben. Dann kommt die regionale Ebene, die konkret sagt, was sie sich da vorstellt. In der Regel ist es so, dass das Land erst Gelder aus Brüssel abfordert, wenn das Projekt genehmigt wurde.

Guido Kosmehl, kandidiert für die FDP bei der Europawahl

Derzeit arbeitet der 43-jährige Bitterfelder für die FDP-Fraktion in Hessen. Als er noch als Abgeordneter im Magdeburger Landtag saß, war er Sprecher für Europa-Angelegenheiten in seiner Fraktion.           

Nun hört er zu, wie der parteilose Ortsbürgermeister über seine Abenteuer im EU-Förderdschungel berichtet. 2015, als man die Gelder beantragen wollte, gab es extra Schulungen mit mehr als 100 Teilnehmern. Dann wurde aussortiert. Am Ende blieben sechs Antragsteller übrig. Westerhausen war nur dabei, weil viele andere, die vor ihnen auf der Liste standen, bei der Antragstellung kapitulierten, berichtet Heintze. Zu kompliziert. Zu bürokratisch. Für den Harzer Verein schien der Zugang zum EU-Förderprogramm LEADER damit aber geebnet.   

Grafik EU-Förderprogramm LEADER
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

210.000 Euro sollte das neue Affenhaus kosten. 20 Prozent Eigenmittel musste der Verein selber nachweisen. Doch dann wurde klar, dass er die komplette Summe erst mal "vorschießen" sollte, denn die Auszahlung der Mittel gäbe es erst am Ende des ganzen Prozesses. 100 Prozent Vorkasse, schimpft der Vereinsvorsitzende, das könne bei der derzeitigen Haushaltssituation in ganz Deutschland doch niemand mehr leisten. Zum Glück sprangen Sponsoren, die Stadt Thale und der Landkreis ein und halfen ihm aus der Patsche.

Ich muss ehrlich sagen, man muss heute schon bekloppt sein, um Bürgermeister werden zu wollen.

Eberhard Hentze, parteiloser Ortsbürgermeister in Westerhausen

Vorschlag der FDP: Fördermittel vorschießen

Ein Schild mit einem Hinweis auf eine EU-Förderung
Gefördert, ja, aber zu einem hohen Preis. Bildrechte: MDR/Karsten Kiesant

Eberhard Heintze ist jetzt auf 180. Um sich zu beruhigen, führt er Guido Kosmehl erstmal nach draußen vor das Außengehege. Dann redet er weiter: "Bevor wir die Anträge beim Landesverwaltungsamt abgeben konnten, mussten diese komplett und vollständig sein. Planung und Baugenehmigungen kosteten zusammen 20.000 Euro. Diese Kosten wurden mir am Ende abgezogen, weil sie nicht förderfähig waren. Das war der nächste Genickschlag für mich."

Wie die Fördermittel konkret bewilligt und verteilt werden, ist Sache des jeweiligen Bundeslandes. Der FDP-Politiker findet, dass es sinnvoll wäre, in der Projekt-Phase bereits eine Pauschale auszureichen. Das löst aber noch nicht das Problem mit der Vorfinanzierung. Diese sollte auf ein Minimum reduziert werden, fordert die FDP:

Das Land könnte alle zur Verfügung stehenden Leader-Fördermittel abrufen, sie bei der Investitionsbank oder dem Finanzministerium "bunkern" und den Projekt-Machern relativ zeitig zur Verfügung stellen, um der Vorfinanzierung weitgehend zu entgehen.

Guido Kosmehl, FDP-Wahlkandidat
Vier Personen stehen in einem überdachten Gehege
Eberhard Heintze (rechts) spricht mit dem FDP-Kandidaten Guido Kosmehl Klartext. Bildrechte: MDR/Karsten Kiesant

Der Vorsitzende des Tierparkvereins will nicht missverstanden werden: "Ich habe volles Verständnis dafür, dass man solche Projekte kontrolliert, weil dort sehr viel geschenktes Geld dahintersteckt. So ehrlich muss man schon sein." Dennoch sei der Verwaltungsaufwand zu hoch. Es würde doch genügen, dem Landesverwaltungsamt zu melden, wenn der erste Bauabschnitt fertig ist. Dann folge die Abnahme und das Geld könne Stück für Stück fließen.

Zwei Drittel meiner Nerven und Kraft habe ich bei unserem Tierpark-Projekt in die Bürokratie gesteckt. Das würde ich nie wieder machen.

Eberhard Heintze, Vorsitzender des Tierparkfördervereins in Westerhausen

Kann die Verwaltung bei der Förderung kooperativer sein?

Je länger er redet, desto klarer wird, dass in diesem Fall nicht Brüssel das Problem war, sondern eher das Land. Landesverwaltungsamt und Finanzministerium hätten sich die Verantwortung gegenseitig zugeschoben, erinnert sich der Mann aus Westerhausen. Guido Kosmehl nickt: "Unser hausgemachtes Problem ist, dass wir auf die schon sehr detaillierten Vorgaben aus Brüssel noch einen draufsetzen." Sinnvoll wäre es aus seiner Sicht, die Verwaltung der Fördermittel zu zentralisieren.

Eine Ziege streckt ihr Maul durch das Gitter eines Geheges
Der Weg zu Fördermitteln führt über manche Hürde. Bildrechte: MDR/Karsten Kiesant

Da sind sich beide einig: Der Aufwand, um Projekt zu beantragen, müsse künftig geringer werden. Sonst bestehe die Gefahr, dass die potentiellen Empfänger im Land abgeschreckt werden und am Ende viele EU-Millionen für Sachsen-Anhalt ungenutzt bleiben. Beim größten Fördertopf für das LEADER Programm wurde zum Beispiel bisher nur ein knappes Viertel ausgezahlt. Und die Förderperiode endet in eineinhalb Jahren.

Grafik EU-Förderprogramm LEADER
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Für die Kattas ging die Sache am Ende aber gut aus. Sie haben ihr schickes Haus und chillen in der Mai-Sonne.

Das Handy klingelt, der Vereinschef muss schon wieder los. Es bleibt noch so viel zu tun hier im Tierpark. Vielleicht brauchen sie dafür auch noch mal Hilfe von der EU. Aber bevor Eberhard Heintze sich noch mal in den Förderdschungel wagt, so sein Fazit, müssten sie den in Brüssel und Magdeburg noch mächtig auslichten.

Der Autor: Karsten Kiesant Karsten Kiesant wurde in Sachsen geboren und ist in Brandenburg aufgewachsen. Seit 2002 arbeitet er bei MDR Sachsen-Anhalt in Magdeburg. Heute ist er Ressortleiter Politik für Hörfunk, Fernsehen und Online.

Als Reporter und Redakteur hat er für die Frankfurter Rundschau, den NDR und den rbb gearbeitet. Seine Lieblingsorte in Sachsen-Anhalt haben entweder gutes WLAN oder hören auf die Namen Schierke, Naumburg oder Jerichow.

Quelle: MDR/ap

Dieses Thema im Programm: MDR S-ANHALT | MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 17. Mai 2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 17. Mai 2019, 19:35 Uhr

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