Mülltrennung auf Polnisch Warum Europa in Weißenfels ein Alltagsthema ist

MDR SACHSEN-ANHALT macht sich auf den Weg nach Europa – und die Bürger sind mittendrin. Zum Start der neuen Reihe hat sich Sachsen-Anhalts CDU-Spitzenkandidat für die Europawahl, Sven Schulze, in der Neustadt von Weißenfels mit Bürgern getroffen. Im Mittelpunkt: die zunehmende Migration osteuropäischer Arbeiter nach Sachsen-Anhalt.

Karsten Kiesant
Bildrechte: MDR/Karsten Kiesant

von Karsten Kiesant, MDR SACHSEN-ANHALT

Journalisten und Politiker stehen mit Anwohnern von Weißenfels auf einer Straße
Im Gespräch: Sachsen-Anhalts CDU Spitzenkandidat Sven Schulze (von links), MDR-Reporterin Tanja Ries und die Weißenfelser Peter Müller und Gosia Gomolka Bildrechte: MDR/Karsten Kiesant

Es ist kühl an diesem Vormittag im Mai in der Weißenfelser Weinbergstraße. Sven Schulze, Spitzenkandidat der CDU Sachsen-Anhalt, ist gekleidet, wie man es von einem Politiker erwartet: leichter dunkler Anzug, blaues Hemd. Falls er friert, lässt er es sich nicht anmerken. Auch nicht, dass er nicht genau weiß, was ihn an diesem Vormittag erwartet.

MDR SACHSEN-ANHALT hat ihn eingeladen, mit Anwohnern über Europa ins Gespräch zu kommen. Nun steht der 39-Jährige gemeinsam mit Gosia Gomolka und Peter Müller auf dem Kopfsteinpflaster vor einer bröckeligen Altbaufassade. Die junge Polin und der gebürtige Weißenfelser werden dem EU-Abgeordneten ihr Stadtviertel zeigen – mitsamt seiner Probleme. Die Neustadt ist das vielleicht europäischste Wohngebiet des Landes. Im größten Stadtteil von Weißenfels leben derzeit 9.300 Einwohner, der Ausländeranteil liegt bei 37,3 Prozent. Ein Spitzenwert in Sachsen-Anhalt.

Kreisdiagramm, das die Herkunft der Einwohner im Weißenfelser Stadtteil Neustadt zeigt
Die Neustadt von Weißenfels ist das vielleicht europäischste Wohnviertel Sachsen-Anhalts. Hier kommen knapp 38 Prozent der Einwohner aus anderen Ländern. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Zugezogene vor allem aus Polen

Die meisten Menschen, die hier zugezogen sind, kommen aus Osteuropa: Sie sind aus Polen zugewandert (61 Prozent), aus Ungarn (12 Prozent) oder aus Rumänien (knapp fünf Prozent). Weißenfels steht für einen landesweiten Trend, den auch die Bundesagentur für Arbeit bestätigt.

Porträtaufnahme einer Frau, die mit verschränkten Armen vor einem Gebäude steht
Gosia Gomolka kam vor neun Jahren aus Polen nach Weißenfels. Bildrechte: MDR/Karsten Kiesant

In Weißenfels sind es die großen Lebensmittelbetriebe und das Auslieferungslager von Kaufland, die seit Jahren mehr und mehr Arbeitskräfte benötigen. Das lockte auch Gosia Gomolka vor neun Jahren aus Südpolen nach Weißenfels. Ihr Mann arbeitete zu dem Zeitpunkt bereits drei Jahre auf dem Schlachthof der Firma Tönnies. Irgendwann wurde das Pendeln in die über 1.000 Kilometer entfernte Heimat zu viel. Jetzt leben die Gomolkas gemeinsam hier. Eines ihrer beiden Kinder ist in Weißenfels geboren, erzählt die junge Mutter.

Peter Müller wohnt seit zehn Jahren in der Weinbergstraße. Wilde Zeiten waren das damals, erinnert sich der 56-jährige gelernte Maurer: "Am Anfang war es schwierig. Es war laut, es gab viel Wechsel in der Bevölkerung. Jetzt haben die meisten feste Wohnungen. Und werden gut betreut vom Fleischwerk. Es ist ein friedliches Miteinander."

"Von nix kommt nix…"

Vor allem die Polen sind eine große, aber eher unauffällige Community in der Stadt, so hört man es immer wieder. Sichtbar vor allem durch die fremden Nummernschilder ihrer Autos. Hörbar auf der Straße, vor der Sparkasse oder im Supermarkt. Dass so viele EU-Bürger aus Osteuropa nach Weißenfels kommen, sieht der CDU-Europaabgeordnete Schulze grundsätzlich als Erfolg für die europäische Idee: "Ich habe als Europäer die Möglichkeit, in jedem Land zu arbeiten. Es gibt aber auch Regeln. Ich darf dem Land normalerweise nicht zur Last fallen und muss für mein Auskommen selber sorgen."

Jeder kann sich hier die Arbeit selbst suchen. Ich mache das ja auch selbst.

Gosia Gomolka, Weißenfelserin aus Polen

Aber auch EU-Bürger mit einem festen Job haben es schwer, im deutschen Alltag richtig anzukommen, berichtet Gomolka. "Beim Einkaufen zum Beispiel. Wenn Verkäuferinnen extra langsam sprechen, weil sie denken, die Ausländerin kann sowieso kein Deutsch." Wenn sie den Vorwurf hört, dass die Polen den Deutschen die Arbeitsplätze wegnehmen, ist ihre Antwort: "Jeder kann sich hier die Arbeit selbst suchen. Ich mache das ja auch selbst." Während ihr Mann in einer deutschen Firma als Schlosser arbeitet, steht sie jeden Morgen um 4 Uhr auf, um in einem Hotel das Frühstück vorzubereiten. Am Wochenende arbeitet sie abends noch in einem Restaurant als Kellnerin. Sie lacht: "Ich weiß genau: Von nix kommt nix, den Satz habe ich gleich gelernt."

CDU will keinen europäischen Mindestlohn

Im Europaparlament in Brüssel hat Schulze in den vergangenen fünf Jahren in zwei Ausschüssen mitgearbeitet, die sich mit Wirtschaft und Sozialpolitik beschäftigen. Er versucht zu erklären, warum Unternehmen wie Tönnies vom Lohngefälle in Europa profitieren: "Dass bei solchen Jobs nicht die höchsten Gehälter bezahlt werden können, hängt damit zusammen, dass die Produkte, die hier gefertigt werden, dann auch zu Preisen verkauft werden, die sehr umkämpft sind. In Europa haben wir sehr große Lohngefälle. Wir haben in Rumänien einen durchschnittlichen Lohn von um die 400 Euro. Und dass das dann für Menschen interessant ist, hier zu arbeiten und mehr zu verdienen, das kann man sich gut vorstellen."

Grafik, die die gesetzlichen Mindestlöhne in verschiedenen Ländern der Europäischen Union zeigt
Der gesetzliche Mindestlohn variiert in Europa deutlich. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Eine direkte Einmischung der Politik in die Lohnfindung lehnt der CDU-Politiker jedoch ab. "Aber", sagt Schulze, "wir müssen Wege finden, dass dieses Lohngefälle irgendwie schrumpft. Wenn wir es schaffen, eine Angleichung zu bekommen, wenn es ein paar Euro mehr zu verdienen gibt in Rumänien, dann werden mehr Menschen in ihrer Heimat bleiben und das ist auch wichtig für diese Länder."

Ab wann ist man in Europa "Arbeitnehmer"?  

Porträtaufnahme eines Mannes mit Bart, der vor einem Auto steht
Peter Müller kritisiert die Zustände in der Neustadt. Bildrechte: MDR/Karsten Kiesant

Viele Wohnungen in den unsanierten Gründerzeithäusern in der Neustadt stehen leer, die Eingänge sind zugenagelt. Aber das täuscht, erklärt Müller. "Da gibt es Bürger, die sich hier nur kurzzeitig aufhalten. Ein paar Tage oder Wochen. Das sind Roma. Ehe die Stadt mitbekommen hat, dass da in einer Wohnung zehn oder 15 Leute untergekommen sind, sind die schon wieder weg oder haben sich was Neues gesucht. Und keiner weiß, wovon die eigentlich leben."

Ein Problem, das CDU-Politiker Schulze auch aus anderen Städten in Sachsen-Anhalt kennt. Dass Menschen, wie er sagt, "das Sozialsystem ausnutzen", hält er für eine große Herausforderung, die man nur europäisch lösen könne. "Ich bin ja im EU-Parlament im Sozialausschuss dafür mit zuständig und mache Vorschläge. Wir haben ein Riesenproblem mit dem Arbeitnehmerbegriff. Arbeitnehmer ist jemand, der einer Arbeit nachgeht, der dafür Lohnfortzahlung im Krankheitsfall bekommt, der Urlaubsgeld bekommt. Das sagen auch die Gerichte. Es wird aber nicht definiert, wie lange man eigentlich pro Woche arbeiten muss, um ein richtiger Arbeitnehmer zu sein.

Wenn dann jemand nur fünf Stunden in der Woche arbeite und den Staat bitte, ihn finanziell zu unterstützen, dann habe man ein Problem. Schulze will sich nach der Wahl in Brüssel für eine Lösung einsetzen: Jemand, der von einem Land ins andere seinen Wohnsitz verlegt, solle nachweisen, dass er genügend Geld hat, um erst mal zu starten.

Weißenfels benötigt mehr Unterstützung

Vor einem Plattenbau steht eine blaue Mauer, auf die verschiedene Worte geschrieben sind
Auch diese Mauer ist in Weißenfels zu sehen. Bildrechte: MDR/Karsten Kiesant

Schulze ist auch mit seiner harten Position zur Auszahlung des Kindergeldes in Europa bundesweit bekannt geworden. Kinder, die nicht in Deutschland leben, aber deren Eltern hier arbeiten, bekommen deutsches Kindergeld. Schulze fordert, das Geld könne kann man hier auszahlen – aber nur in der Höhe des Satzes des Landes, in dem die Kinder auch leben. Überraschend für ihn, dass er dafür auch von einer Polin Zustimmung bekommt. "Ich meine das auch", sagt Gomolka. "Die Mutter ist hier und die Kinder sind in Polen und die kriegen auch das ganze deutsche Kindergeld, das stimmt nicht. Das muss man danach berechnen, wo die Kinder wirklich leben", meint sie.

Zurück nach Weißenfels, zu den drängenden Problemen in der Stadt. Müller ärgert es, wenn Müll und Lärm überhand nehmen. Ordnungsamt und Polizei kämen oft nicht mehr hinterher, schildert er seinen Eindruck.

Ein Auto ohne Nummernschild steht auf einem Parkplatz, auf dem Boden wächst Unkraut.
In vielen Straßen stehen abgestellte Autos ohne Nummernschilder. Die Entsorgung kostet die Stadt Weißenfels viel Geld. Bildrechte: MDR/Karsten Kiesant

Fehler einzelner Zuwanderer werden allen zugeschrieben

Gomolka ärgert es, wenn die Fehler Einzelner auf alle EU-Migranten übertragen werden. Beispiel: Seit geraumer Zeit gebe es in der Neustadt Schilder auf Polnisch, die auf die Mülltrennung hinwiesen. "Bei uns in Polen ist es ja wie hier. Wir müssen doch auch den Müll sortieren. Wir müssen in der Nacht ruhig sein. Meine Kinder gehen in den Kindergarten und die Schule, das ist doch selbstverständlich für uns."

Hinweise in polnischer Sprache kleben auf einer Mülltonne
Mülltrennung auf Polnisch – in Weißenfels gibt es dafür Hinweisschilder. Bildrechte: MDR/Karsten Kiesant

Neustadt-Büro: Freiwillige leisten Integrationsarbeit

Gemeinsam mit Müller, der sich dort ehrenamtlich engagiert, zeigt Gomolka dem Politiker noch den Bürgertreffpunkt im Erdgeschoss eines Plattenbaus. Wenn sie Fragen oder Probleme haben, dann finden die Neustädter Unterstützung hier im "Neustadt-Büro". Seit einem Jahr gibt es das jetzt, finanziert von der Stadt. Katja Henze, die Integrationsbeauftragte von Weißenfels, betreibt hier "Lobbyarbeit für einen Stadtteil mit komplizierter Gemengelage". Beratung zum Arbeitsrecht, Wohnungsfragen oder Pflege gehören dazu. Auch Polizei und Ordnungsamt bieten hier Sprechstunden an.

Nahaufnahme eines Plattenbaus in Weißenfels
Das "Neustadt-Büro": Hier bekommen Migranten Tipps. Bildrechte: MDR/Karsten Kiesant

Vor allem die Osteuropäer klopfen hier an, erzählt Henze. Die Deutschen nehmen das noch nicht so wahr, obwohl sie sich die Anlaufstelle bei einer Bürgerbefragung ausdrücklich gewünscht hätten. Was sie dem Politiker mit auf den Weg geben möchte? "Dass gerade eine Stadt wie Weißenfels die Integrationsleistung als freiwillige Leistung machen muss und dafür gar kein Geld hat." Es gebe viele Freiwillige, aber viel zu wenig Mittel.

Geld für Sozialarbeiter aus Brüssel?

Auch Gomolka wünscht sich, dass die Politik mehr tut, um den Kontakt zwischen Deutschen und Ausländern zu verbessern. Eine Hausaufgabenstube für die Kinder wäre gut, wo sich ausgebildete Sozialpädagogen um die neuen Kinder der Neustadt professionell kümmern. "Es gibt viele Familien, wo die Eltern kein Deutsch sprechen. Und die Kinder verstehen die Hausaufgaben nicht und die Eltern können nicht helfen."

Der CDU-Politiker Schulze hört nachdenklich zu. Es sei schon denkbar, dass die Stadt hier Geld aus Brüssel bekommen könnte, um dafür Sozialarbeiter anzustellen. "Aber nach einer gewissen Zeit müssen auch die Eltern hier Deutsch lernen."

Karsten Kiesant
Bildrechte: MDR/Karsten Kiesant

Über den Autor Karsten Kiesant wurde in Sachsen geboren und ist in Brandenburg aufgewachsen. Seit 2002 arbeitet er bei MDR SACHSEN-ANHALT in Magdeburg. Heute ist er Ressortleiter Politik für Hörfunk, Fernsehen und Online. Als Reporter und Redakteur hat er für die Frankfurter Rundschau, den NDR und den rbb gearbeitet.

Seine Lieblingsorte in Sachsen-Anhalt haben entweder gutes WLAN oder hören auf die Namen Schierke, Naumburg oder Jerichow.

Quelle: MDR/ld

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 13. Mai 2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. Mai 2019, 19:46 Uhr

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2 Kommentare

15.05.2019 14:03 forsa 2

@1 Stimmen Ihnen inhaltlich zu. Allerdings will der Großteil der Deutschen eben nur billig und ist nicht bereit für gute Erzeugung unter guten Lohn- und Arbeitsbedingungen entsprechend zu zahlen. Das gehört zur Wahrheit dazu.

14.05.2019 21:28 Wolfgang 1

Was für ein Schwachsinn, Tönnies ist wie alle Firmen nur auf Gewinnmaximierung aus, da passen die Arbeitnehmer aus den ehemaligen Ostblockländern super dazu. Erst Ungarn und Polen, nun Rumänen und sonstige....Diese Branche ist Kapitalismus Pur