Im Kinder- und Jugendhilfezentrum der Heimstiftung Karlsruhe (Baden-Württemberg) gehen unbegleitete minderjährige Ausländer, kurz UMA, einen Flur entlang.
Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge müssen ein Clearingverfahren durchlaufen. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

Ankommen in Sachsen-Anhalt Der Weg eines minderjährigen Flüchtlings: Von der Einreise zum Vormund

Hunderte unbegleitete minderjährige Ausländer haben im vergangenen Jahr in Sachsen-Anhalt Zuflucht gesucht. Bis die Flüchtlinge Jugendhilfe erhalten, liegen einige Behördengänge und Gespräche hinter ihnen. Teil 1 unserer Serie zu unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten erklärt, welches Verfahren ein Flüchtling unter 18 in der Regel bei der Ankunft in Sachsen-Anhalt durchläuft.

Maria Hendrischke
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

von Maria Hendrischke, MDR SACHSEN-ANHALT

Im Kinder- und Jugendhilfezentrum der Heimstiftung Karlsruhe (Baden-Württemberg) gehen unbegleitete minderjährige Ausländer, kurz UMA, einen Flur entlang.
Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge müssen ein Clearingverfahren durchlaufen. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

Sie fliehen aus ihrer Heimat wegen Krieg, Not, einer Zwangsheirat oder Genitalverstümmelung. Manche haben ihre Eltern verloren. Allen gemeinsam ist: Sie kommen allein, ohne Familienangehörige in Deutschland an. Und sie sind noch nicht einmal 18 Jahre alt.

Mehr als 40.000 geflüchtete Kinder und Jugendliche sind 2018 als unbegleitete minderjährige Ausländer (UMA) in Deutschland registriert worden, 727 von ihnen in Sachsen-Anhalt. Das geht aus Zahlen des Landesjugendamts hervor. Die meisten von ihnen kommen demnach aus Afghanistan und Syrien, außerdem aus mehreren afrikanischen Ländern. Zwischen der Ankunft in Deutschland bis zur Betreuung durch die Jugendhilfe in Sachsen-Anhalt liegen für die jungen Geflüchteten in der Regel einige Behördengänge und Gespräche.

Ankunft in Deutschland

In Deutschland muss die erste Behörde, mit der ein Flüchtling Kontakt hat, das Alter erfassen. Wenn dabei festgestellt wird, dass der Migrant minderjährig ist, wird er ans Jugendamt übergeben. Zuständig ist dabei zunächst das Jugendamt der Region, in der sich der Minderjährige als erstes gemeldet hat.

Vorläufige Inobhutnahme durch ein Jugendamt

Das Jugendamt nimmt den Geflüchteten vorläufig in Obhut, kümmert sich also um seine vorübergehende Unterbringung und Versorgung. Und es übernimmt die Altersfeststellung, prüft also nach, ob die Person wirklich minderjährig ist. Sollte der Flüchtling von einem Jugendamt in Sachsen-Anhalt als erstes aufgenommen werden, läuft die Altersfeststellung so ab:

Das Jugendamt teilt außerdem der zuständigen Landesverteilstelle mit, dass es einen jungen Migranten in Obhut genommen hat. Die Landesverteilstelle muss entscheiden, ob das Kind oder der Jugendliche zum bundesweiten Verteilverfahren angemeldet wird. Dadurch könnte er in ein anderes Bundesland kommen.

Eventuell: Bundesweite Umverteilung

Wurde der minderjährige Geflüchtete für eine bundesweite Verteilung angemeldet, entscheidet das Bundesverwaltungsamt, welches Bundesland sich um den Flüchtling kümmern muss. Bereits kurz nach der Festlegung des zuständigen Bundeslands soll klar sein, welches Jugendamt in dem Bundesland den Minderjährigen endgültig betreuen soll. Das könnte in Sachsen-Anhalt beispielsweise das Jugendamt Magdeburg sein. Dieses Jugendamt wird darüber informiert und ihm werden die Daten des Flüchtlings übermittelt. Schließlich wird der junge Migrant zu diesem Jugendamt gebracht.

Wie werden Flüchtlinge in Deutschland verteilt?

Die bundesweite Umverteilung von Geflüchteten basiert auf dem sogenannten Königsteiner Schlüssel, der sich nach Steuereinnahmen und Bevölkerungszahl eines Bundeslands richtet. Der Anteil wird jährlich neu berechnet. Sachsen-Anhalt muss nach diesem Verteilungsschlüssel in diesem Jahr 2,8 Prozent aller Geflüchteten in Deutschland aufnehmen. Die Quote gilt auch für minderjährige Migranten.

Endgültige Inobhutnahme durch ein Jugendamt

Wenn der unbegleitete minderjährige Flüchtling im zuständigen Jugendamt ankommt, gibt es laut Caritas zunächst mithilfe eines Dolmetschers ein erstes Gespräch zum Alter und Personalien. Der Geflüchtete wird dann von dem Jugendamt endgültig in Obhut genommen. Das bedeutet: Er bekommt eine Unterkunft und wird versorgt, unter anderem auch mit Kleidung oder nötigen ärztlichen Untersuchungen. Das Clearingverfahren wird angestoßen.

Das Clearingverfahren

Das Jugendamt informiert die Clearingstelle. Dort wird der Geflüchtete während der Zeit des sogenannten Clearingverfahrens vorübergehend untergebracht. In dem Verfahren wird unter anderem versucht, die Lebens- und Fluchtumstände der Minderjährigen zu klären. Außerdem sollen weitere Schritte entweder zur Vorbereitung des Asylverfahrens oder aber zur Rückführung ins Heimatland angestoßen werden.  

Was ist eine Clearingstelle?

Eine Clearingstelle ist ein erster Anlaufpunkt für minderjährige Ausländer, die ohne Sorgeberechtigte wie beispielsweise Eltern nach Deutschland einreisen, beschreibt der Caritasverband des Bistums Magdeburg. Die jungen Migranten leben während der Dauer des Clearingverfahrens in der Einrichtung.

Von 1994 bis Ende 2015 gab es für minderjährige Flüchtlinge in Sachsen-Anhalt nur eine Clearingstelle – in Magdeburg. Seit Mai 2016 gibt es eine weitere in Halle. In beiden Einrichtungen können je 16 Minderjährige untergebracht werden. Ihnen soll dort ein familiäres Umfeld geboten werden.

Der Aufenthalt in der Einrichtung sollte höchstens drei Monate dauern. Der Caritasverband Magdeburg erklärt, dass den Kindern und Jugendlichen in der Einrichtung ein familiäres Umfeld geboten werden solle, sodass sie nach der Fluchterfahrung wieder Vertrauen aufbauen. Es werden beispielsweise Feste wie Geburtstage gefeiert. Für viele Migranten ist es die erste Geburtstagsfeier, da sie ihren Geburtstag gar nicht kennen. Nicht alle Geflüchteten können während der Zeit in der Clearingstelle schon zur Schule gehen. In Magdeburg erhalten sie daher vor Ort Deutschunterricht.

Von einem jugendlichen Flüchtling wird der Fingerabdruck genommen
Die jungen Flüchtlinge müssen unter anderem bei der Polizei ihre Fingerabdrücke abgeben. Bildrechte: dpa

Für die Geflüchteten stehen im Rahmen des Clearingverfahrens einige Behördengänge an: Sie werden bei der zuständigen Ausländerbehörde gemeldet. Dort erhalten sie zunächst eine zeitbegrenzte Duldung, die verlängert werden kann.

Außerdem müssen die Minderjährigen bei der Polizei ihre Fingerabdrücke abgeben. Diese werden vom Bundeskriminalamt analysiert. Ein weiterer Pflichttermin ist der Besuch beim Gesundheitsamt für eine ärztliche Untersuchung.

Jugendamt beantragt Vormundschaft

Schließlich werden im Clearingverfahren weitere Gespräche mit dem Flüchtling geführt. Über einen Dolmetscher werden Fragen zur Situation im Heimatland, Fluchtgründen und Fluchtweg, zur Schulbildung und Gesundheit gestellt. Eine der ersten Fragen ist außerdem: "Wo sind deine Eltern?" Im Clearingverfahren wird versucht, Verwandte des Kindes oder Jugendlichen in Deutschland ausfindig zu machen und – wenn gewünscht – die Familie zusammenzuführen. Alle Informationen aus den Gesprächen werden dokumentiert.

Gibt es keine Angehörigen in Deutschland, beantragt das Jugendamt in der Regel eine Vormundschaft für den minderjährigen Geflüchteten beim zuständigen Gericht.

Unterstützung nach dem Clearingverfahren

Asylantrag und Richterhammer
Im Asylverfahren für Minderjährige gelten besondere Regeln. (Symbolbild) Bildrechte: imago/Christian Ohde

Wenn das Clearingverfahren abgeschlossen ist, ziehen die Migranten in eine andere Jugendhilfeeinrichtung um. Außerdem übernimmt ein Vormund ihre rechtliche Vertretung. Der Vormund entscheidet beispielsweise, ob er für den minderjährigen Flüchtling einen Asylantrag stellt. Denn erst mit 18 kann ein Geflüchteter den Asylantrag selbst stellen.

Da unbegleitete Minderjährige laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) eine "besonders schutzbedürftige Personengruppe" sind, gelten besondere Regeln, wenn sie einen Asylantrag stellen. Zum einen werden ihre Asylverfahren demnach von Sonderbeauftragten geführt, die speziell für die Anhörung dieser Flüchtlingsgruppe geschult sind. Sie berücksichtigen auch, ob es sogenannte kinderspezifische Fluchtgründe gab, laut BAMF zum Beispiel die Zwangsrekrutierung als Kindersoldat.

Zum anderen dürfen Anhörungen Minderjähriger nur im Beisein des Vormunds und gegebenenfalls noch eines weiteren Betreuers stattfinden. Vormund und Betreuer dürfen dabei auch selbst für das Asylverfahren relevante Fragen an den Flüchtling stellen.  

Maria Hendrischke
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über die Autorin Maria Hendrischke arbeitet seit Mai 2017 als Online-Redakteurin für MDR SACHSEN-ANHALT - in Halle und in Magdeburg. Ihre Schwerpunkte sind Nachrichten aus dem Süden Sachsen-Anhalts, Politik sowie Erklärstücke und Datenprojekte. Ihre erste Station in Sachsen-Anhalt war Magdeburg, wo sie ihren Journalistik-Bachelor machte. Darauf folgten Auslandssemester in Auckland und Lissabon sowie ein Masterstudium der Kommunikationsforschung mit Schwerpunkt Politik in Erfurt und Austin, Texas. Nach einem Volontariat in einer Online-Redaktion in Berlin ging es schließlich zurück nach Sachsen-Anhalt, dieses Mal aber in die Landeshauptstadt der Herzen – nach Halle. Ihr Lieblingsort in Sachsen-Anhalt sind die Klausberge an der Saale. Aber der Harz ist auch ein Traum, findet sie.

Quelle: MDR/mh

Zuletzt aktualisiert: 29. August 2019, 18:50 Uhr

4 Kommentare

Hotzenplotz vor 15 Wochen

Minderjährige gehören zu ihren Eltern, also gnadenlos ausweisen. Die dienen nur als Standbein in Deutschland zum Familiennachzug, meist um die 30 Personen!!

Nordharzer vor 15 Wochen

Die Anerkennung als Minderjähriger ist oft höchst zweifelhaft. In Baden-Württemberg wird seit kurzem mit einem neuen Mut-Verfahren getestet. Bei den bisher durchgeführten Untersuchungen wurde bei mehr als der Hälfte, das Alter deutlich nach oben korrigiert.

Nordharzer vor 15 Wochen

Zu meinem Beitrag: Ich meinte natürlich MRT-Verfahren.

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