Zukunftstechnologie Vom Trabbi zum Elektro-Auto

Daniel George
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Als Ulrich Plank vor 31 Jahren Fuhrparkleiter im Altmarkkreis Salzwedel wurde, "da sind wir noch Wartburg und Trabant gefahren". Nun setzt der 56-Jährige auf E-Autos – auch wenn das gerade in ländlichen Gegenden noch zahlreiche Herausforderungen mit sich bringt. Ob E-Autos wirklich eine Lösung sein können und welche Probleme sie mit sich bringen – das diskutieren am Montag um 22.05 Uhr bei "Fakt ist!" Politiker, Wissenschaftler und Experten.

E-Auto
Laden statt Tanken: Viele sehen in E-Autos die Zukunft. Bildrechte: imago/photothek

Die Gefahr war auch an diesem Morgen im April wieder da. Ulrich Plank wollte zur Post. Doch als sich der 56-Jährige mit seinem Fahrzeug näherte, blieben die Fußgänger vor der Ausfahrt einfach stehen. Sie hörten ihn nicht. "Ich musste erst hupen, damit sie zur Seite gehen." Und das ging ihm nicht zum ersten Mal so: "Leute starren im Straßenverkehr auf ihr Handy, verlassen sich auf ihr Gehör und rennen dann ins stehende Auto – alles schon vorgekommen." Denn Ulrich Plank fährt Elektroauto.

Seit 2016 setzt die Kreisverwaltung des Altmarkkreis Salzwedel auf E-Autos. Drei befinden sich aktuell im Fuhrpark. Ulrich Plank leitet ihn – und freut sich in dieser Woche über ein weiteres Fahrzeug: Im Rahmen der Kampagne "mission:e" verleihen die Landesenergieagentur (LENA) und der Nahverkehrsservice Sachsen-Anhalt (NASA) kostenfrei E-Autos an Firmen und Behörden. Jeweils eine Woche lang darf getestet werden. Wie lange muss geladen werden? Wie fahren sich Elektro-Autos? "Für uns", sagt Ulrich Plank, "ist das eine tolle Möglichkeit, noch mehr Erfahrungen mit E-Autos zu sammeln."

Wie funktioniert ein E-Auto?

Die Fahrzeuge werden mit Strom betrieben. Der wird in vielen Akkus gespeichert. In der Regel in Lithium-Ionen-Akkus. Das Metall Lithium kann nämlich viel Energie aufnehmen. Das ist allerdings sehr kostspielig. Deshalb sind E-Autos wesentlich teurer als normale Autos.

Der Strom fließt zum Elektromotor, dem Antrieb des Autos. Dort befinden sich zwei Arten von Magneten: statische und ein rotierender. Dieser wird ständig von den statischen Magneten angezogen. Diese Rotation bringt die Räder des Wagens in Bewegung. Gleichzeitig wird Energie genutzt, die beim Bremsen entsteht.

Der Elektroantrieb besteht aus weniger Bauteilen als ein Benzin- oder Dieselmotor. Deshalb muss er seltener gewartet werden. Laut Herstellerangaben reichen die Akkus aktuell bis zu 200 Kilometer. Das Elektroauto kann an gewöhnlichen Steckdosen aufgeladen werden. Das dauert allerdings mehrere Stunden. An Schnelladestationen haben die Akkus nach 30 Minuten wieder nahezu ihre volle Leistung.

Wer sein E-Auto daheim lädt, bezahlt den normalen Strompreis. Der durchschnittliche Preis pro kWh Haushaltsstrom beträgt 29,4 Cent. Bei einer Batteriekapazität von 41 kWh wie beim Renault Zoe wären 12,05 Euro zum Volladen fällig. Viele öffentliche Ladestationen sind derzeit noch kostenlos.

"Das Ladenetz muss ausgebaut werden"

Die Politik setzt auf E-Autos. Doch so recht kommt die Zukunftstechnologie noch nicht voran – was vor allem an fehlenden Ladestationen liegt. Verkehrsminister Andreas Scheuer erklärte deshalb am vergangenen Sonntag in BILD: "Wir brauchen Lademöglichkeiten zu Hause, am Arbeitsplatz und am Supermarkt. Wir wollen den Bürgern Ladepunkte und deren Einbau in der eigenen Garage zur Hälfte fördern. Dafür brauchen wir sofort eine Milliarde Euro." Bis Juli soll das Förderprogramm in Kraft treten.

Auch Sachsen-Anhalt setzt sich für Elektromobilität ein. Aktuell werden hier 406 Ladepunkte betrieben. Bis zum Jahr 2020 werden noch 900 weitere benötigt. Denn: "Sachsen-Anhalt hat sich mit dem Ladeinfrastrukturkonzept das Ziel gesetzt, das Elektrofahrzeuge alle 30 Kilometer einen öffentlich zugänglichen Ladepunkt vorfinden sollen", erklärt Andreas Tempelhof, Pressereferent des Verkehrsministeriums, auf Anfrage von MDR SACHSEN-ANHALT. "Von jedem beliebigen Ort aus sollte innerhalb von 15 Minuten Fahrt mit dem PkW ein Ladepunkt erreichbar sein."

Laut Kraftfahrt-Bundesamt waren im Dezember 2018 insgesamt 1.798 Elektrofahrzeuge in Sachsen-Anhalt zugelassen, davon 889 reine E-Fahrzeuge und 909 Hybridfahrzeuge.

Wo befinden sich die Ladestationen?

In Halle (54 Ladepunkte) und Magdeburg (46) befinden sich die meisten Ladepunkte. Dessau-Roßlau verfügt über die gleiche Ausstattung wie der Landkreis Stendal, der 13 Ladepunkte verzeichnet.

Das Jerichower Land ist mit zehn Ladepunkten der am schlechtesten ausgestattete Landkreis. Von den 406 öffentlich zugänglichen Ladepunkten in Sachsen-Anhalt befinden sich 18 entlang der Bundesautobahnen an Tank- und Raststellen.

Der Altmarkkreis Salzwedel will im Sommer eine Schnelladesäule am Standort der Kreisverwaltung installieren. "Die wird dann 24 Stunden sieben Tage die Woche öffentlich zugänglich sein", erklärt Martin Schindler, der beim Altmarkkreis für das Energiemanagement zuständig ist. "Wir möchten den Bürgern die Möglichkeit geben, sich dieser Technologie zu bedienen und es ihnen erleichtern, auf Elektromobilität umzusteigen." Die neue Ladesäule wird mit insgesamt 17.000 Euro vom Bund gefördert. Am Ende ist schätzungsweise mit mehr als doppelt so hohen Gesamtkosten zu rechnen.

"E-Autos sind die Zukunft. Deshalb wollen wir Vorreiter sein", sagt Sandra Balkow, Sachgebietsleiterin beim Altmarkkreis Salzwedel. "Wir wollen der Umwelt etwas Gutes tun. Unser Fuhrpark wird Stück für Stück umstrukturiert, aber von heute auf morgen geht das nicht. Gerade, was die Lade-Infrastruktur angeht, haben wir noch einen Weg vor uns." Vor allem in einer ländlichen Gegend wie der Altmark. Auch Ulrich Plank sagt: "Das Ladenetz muss ausgebaut werden."

Gefahr für Fußgänger und Radfahrer

Die Autos des Fuhrparks werden derzeit an zwei landkreiseigenen Ladesäulen "aufgetankt". Etwas mehr als drei Stunden dauert das. Ulrich Plank muss also genau planen. "Wenn ein Mitarbeiter zurückkommt, kann nicht einfach der Nächste gleich mit dem Fahrzeug weiterfahren, da muss erst geladen werden", sagt er.

Genutzt werden die Elektro-Fahrzeuge für Kurzstrecken. "Weiter als 50 Kilometer eine Strecke fahren wir nicht", sagt Plank. Gerade zu Beginn fahre die Angst, nicht mehr voranzukommen, immer mit. Die Reichweite der Autos läge bei ungefähr 150 Kilometern. Und: "Wir wollen ja nicht, dass sie stehenbleiben und es nicht weitergeht." Denn: "Dann bliebe nur der Abschleppdienst." Plank lacht: "Einfach einen Kanister Benzin holen und reinkippen, das klappt da nicht mehr."

Als der heute 56-Jährige vor 31 Jahren den Fuhrpark des Altmarkkreises übernahm, "sind wir noch Wartburg oder Trabant gefahren, Zweitakter waren das", erinnert sich Plank. "Die machten damals noch richtig Lärm." Wenn Plank heute sein E-Auto anlässt, dann hört er: nichts.

Und Radfahrer oder Fußgänger hören das Auto auch nicht. Deshalb fordert Plank: "Soundmodule sollten gesetzlich vorgeschrieben sein. Du brauchst zur Sicherheit eine gewisse Geräuschkulisse." Und diese wird durch solche Module künstlich erzeugt. Ein E-Auto des Altmarkkreises besitzt bereits ein Soundmodul.

"Wer E-Auto gefahren ist, steigt mit einem Lächeln aus"

Noch kosten die meisten E-Autos doppelt so viel wie ein normaler Diesel-Pkw, erzählt Ulrich Plank. Die Preise würden sich in Zukunft jedoch reduzieren. "Wir wollen jetzt schon Erfahrungen sammeln", sagt Plank. Vorstellbar sei, dass der Fuhrpark künftig zu 20 bis 30 Prozent mit Elektrofahrzeugen ausgestattet wird.

Der Altmarkkreis will etwas für die Umwelt tun. Und nebenbei "macht das Beschleunigen in dem Auto auch richtig Spaß", sagt Ulrich Plank mit einem Lächeln im Gesicht. "Das ist wie Go-Kart-Fahren, nur angenehmer. Man muss aber sehr aufpassen, dass man die Geschwindigkeitsbegrenzungen einhält, denn man hört in dem Auto nicht, wie schnell man ist."

Anfängliche Skepsis habe sich bei den Mitarbeitern jedenfalls schnell aufgelöst. "Bei der Einweisung, die ich ihnen gebe, sind sie alle erstmal zurückhaltend", erzählt Ulrich Plank. "Aber wenn sie dann von der Fahrt zurückkommen, grinsen sie und wollen nie wieder ein anderes Auto fahren." Plank ist sich sicher: "Wer E-Auto gefahren ist, steigt mit einem Lächeln aus."

Daniel George
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über den Autor Daniel George wurde 1992 in Magdeburg geboren. Nach dem Studium Journalistik und Medienmanagement zog es ihn erst nach Dessau und später nach Halle. Dort arbeitete er für die Mitteldeutsche Zeitung als Sportredakteur und berichtete hauptsächlich über die besten Fußballklubs Sachsen-Anhalts: den 1. FC Magdeburg und den Halleschen FC.

Vom Internet und den neuen Möglichkeiten darin ist er fasziniert. Deshalb zog es ihn im April 2017 zurück in seine Heimatstadt, in der er seitdem in der Online-Redaktion von MDR SACHSEN-ANHALT arbeitet – als Sport-, Social-Media- und Politik-Redakteur, immer auf der Suche nach guten Geschichten, immer im Austausch mit unseren Nutzern. George fährt einen Benziner.

Quelle: MDR/dg

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