Landeszentrum Jugend + Kommune Sie wollen die Ideen von Kindern ernst nehmen

Sie wollen, dass Kinder und Jugendliche stärker in kommunale Entscheidungen eingebunden werden – die Macher des Landeszentrums Jugend + Kommune, das vor gut zwei Wochen in Stendal seine Arbeit aufgenommen hat. Im besten Fall, so die Überzeugung, kann das ein wirksames Instrument gegen Landflucht sein. MDR SACHSEN-ANHALT hat nachgefragt, wie das funktionieren soll.

von Luca Deutschländer, MDR SACHSEN-ANHALT

Zwei Frauen stehen nebeneinander vor einer gemauerten Wand und lächeln in die Kamera.
Maria Burkhardt (links) und Anja Demme sind die Köpfe des Landeszentrums Jugend + Kommune in Stendal. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Wenn alles optimal läuft, ist die Arbeit von Maria Burkhardt und Anja Demme in zehn Jahren überflüssig. Das jedenfalls sagen die beiden Frauen, als sie in ihrem Büro in der Innenstadt von Stendal zum Gespräch laden. Sie wünscht sich, sagt Maria Burkhardt, dass es in zehn Jahren selbstverständlich ist, Kinder und Jugendliche in kommunalpolitische Entscheidungen einzubeziehen. Dahin aber sei es noch ein weiter Weg. Burkhardt und Demme finden aber, dass es sich lohnt, diesen Weg zu gehen – insbesondere jetzt, da sich auch das Land Sachsen-Anhalt in der Frage bewegt.

Nahaufnahme eines Logos mit der Aufschrift –KinderStärken-
Kinderstärken will – na klar – die Rechte von Kindern und Jugendlichen stärken. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Maria Burkhardt und Anja Demme sind die Köpfe des Landeszentrums Jugend + Kommune. Das hat vor zwei Wochen in Stendal seine Arbeit aufgenommen – und hat zum Ziel, Kinder und Jugendliche stärker an der Mitgestaltung ihrer Heimat zu beteiligen. Oder, um es im Behördenjargon auszudrücken: "Die dezentrale Anlaufstelle hat die Aufgabe, den über 250 Kommunen des Landes Sachsen-Anhalts professionelles Fach- und Methodenwissen zur Verfügung zu stellen, um Kinder und Jugendliche in Entscheidungsprozesse der kommunalen Mitgestaltung einzubinden."

Dass das noch recht theoretisch klingt, wissen auch Maria Burkhardt und Anja Demme. Die Frauen machen aber deutlich, dass die Theorie schon in naher Zukunft ganz praktisch werden soll – besonders in fünf Modellregionen, die eine Jury ausgewählt hat.

Sie sind dabei Das sind die Ideen
Gemeinde Muldestausee Weiterentwicklung des Jugendgemeinderates, Einrichten und Proben von Online-Tools für Abstimmungen, Umfrage unter Jugendlichen zu einer jugendfreundlichen Gemeinde
Gemeinde Gutenborn Gründung eines Jugendrates, Beteiligung sichtbar machen, Jugendaktionstag, Ideen der Jugend mit der Kommunalpolitik umsetzen
Landkreis Mansfeld-Südharz Jugendkreistag ausbauen, Infoveranstaltungen in Schulen, Beschlussvorlagen für den Kreistag entwickeln
Hansestadt Stendal Kinder- und Jugendkonferenz mit den Ergebnissen aus Workshops, Einsetzen einer städtischen Kinderinteressenvertretung
Verbandsgemeinde Seehausen Ausbau der Arbeitsgruppe "Kinder- & Jugendbeteiligung", Stimm- und Antragsrecht für Jugendliche, Sommercamp mit Jugendlichen

100.000 Euro vom Land

Die Modellregionen sollen mit der Zeit "Best practice"-Beispiele werden. Von ihrem Wissen und ihren Erfahrungen, so der Plan, sollen alle Kommunen in Sachsen-Anhalt profitieren können. Das wünscht sich das Land, das das Landeszentrum Jugend + Kommune mit vorerst 100.000 Euro fördert.

Sachsen-Anhalt hat als ländlich geprägtes Bundesland besonders mit Landflucht und dem demographischen Wandel zu kämpfen. Was aber macht man gegen Landflucht? Maria Burkhardt und Anja Demme überlegen kurz. "Ich denke, Familien müssen sich willkommen fühlen", sagt Burkhardt. "Dafür", ergänzt ihre Kollegin, "müssen wir das Zusammenleben gemeinsam gestalten". Wenn Burkhardt und Demme über das gemeinsame Gestalten sprechen, meint das immer auch die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen. Ihnen müsse es vor Ort ja gefallen, damit sie in Sachsen-Anhalt oder sogar der Heimatgemeinde bleiben, argumentieren sie. "Die Kinder müssen merken, dass sie gehört werden; dass ihre Ideen erst genommen werden", sagt Anja Demme.

Es gibt keine Politikverdrossenheit. Die Politikerverdrossenheit ist das Problem.

Maria Burkhardt, Leiterin des Landeszentrums Jugend + Kommune in Stendal

Wer über das Verhältnis von Jugendlichen zur Politik spricht, wird oft mit dem Vorurteil konfrontiert, die Jugend interessiere sich doch gar nicht für Politik. Maria Burkhardt weist das zurück: "Ich denke, es gibt keine Politikverdrossenheit." Die Menschen seien von Politikern verdrossen, sagt sie und verweist auf die Auftaktveranstaltung des Landeszentrums vor gut zwei Wochen. Da, erklärt die Leiterin des Landeszentrums, sei ins Gespräch gebracht worden, dass der Begriff Politik neu definiert werden müsse. "Das beginnt ab der Familie", sagt Maria Burkhardt. Politik werde nicht nur in Berlin oder Magdeburg gemacht. Das in den Mittelpunkt zu rücken, sehen Burkhardt und Demme als eine ihrer Aufgaben.

Das ist KinderStärken Der Verein KinderStärken hat sich vor etwa zehn Jahren in Stendal gegründet und ist heute ein An-Institut der Hochschule Magdeburg-Stendal. Zu den Zielen der Mitglieder gehört nach eigenen Angaben, die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen zu verstehen und aus ihnen "ermutigende Projekte" aufzubauen. KinderStärken will die Lebensbedingungen von Kindern verbessern und ihre Kompetenzen stärken. Dazu arbeite man auf Grundlage neuester kindheitswissenschaftlicher Erkenntnisse, heißt es vom Verein.

Realisieren wollen sie das unter anderem mit Workshops. Ein immer wiederkehrendes Thema: Kinderrechte. Bedeutet in der Praxis: In Gemeinden kann zum Beispiel eine Verfassung entwickelt werden, die die Rechte von Kindern und Jugendlichen im Blick hat.

Maria Burkhardt und Anja Demme sagen, dass sich in den vergangenen Jahren bereits einiges getan habe in Sachen Kinderrechten. "Es ist stärker in die Köpfe vieler Menschen gekommen, dass es wichtig ist, verschiedene Wege auszuprobieren", sagt Maria Burkhardt. Sie und ihre Kollegin haben festgestellt, dass solche Impulse zu einem großen Teil aus Verwaltungen kommen, in denen junge Menschen das Sagen haben – oder aber aus solchen, in denen Bürgernähe noch eine besondere Rolle spielt.

Kein pinkes Traumschloss bauen

Wenn sie in ihrem Büro sitzen und über das sprechen, was sie antreibt, kommt den Frauen in den Sinn, was sie in der Vergangenheit bereits erreicht haben. "Ganz am Anfang", räumt Maria Burkhardt ein, "sind wir belächelt worden, als wir uns für mehr Kinderrechte eingesetzt haben." Da sei ihnen vorgeworfen worden, sie wollten kostenloses WLAN, einen Skatepark und ein McDonalds in jedem Dorf. Das sei natürlich Unsinn, sagt die Leiterin des Landeszentrums Jugend + Kommune. Es brauchte Durchhaltevermögen, ehe sie ernstgenommen wurden. Bei Kinder- und Jugendkonferenzen haben sie in der Vergangenheit festgestellt, dass Kinder und Jugendliche sich an denselben Dingen stören wie Erwachsene. Stichwort Müll auf dem Spielplatz. Stichwort Hundehaufen in der Innenstadt. Es gehe nicht darum, ein quietschig-pinkes Traumschloss zu bauen.

Wenn die Menschen in den Verwaltungen das verstehen, sind Maria Burkhardt und Anja Demme schon einmal glücklich. In Halle etwa habe man verstanden, wie wichtig es sei, Kinder und Jugendliche einzubinden. In Magdeburg, Stendal und Seehausen ebenso. Und in der Gemeinde Muldestausee sowieso – dort gibt es inzwischen einen Gemeinderat für Kinder und Jugendliche. Wer weiß, vielleicht ist die Arbeit von Maria Burkhardt und Anja Demme in Sachsen-Anhalt in zehn Jahren tatsächlich überflüssig. Die Frauen hätten sicher nichts dagegen.

Über den Autor Luca Deutschländer arbeitet seit Anfang 2016 bei MDR SACHSEN-ANHALT – meist in der Online-Redaktion, außerdem für den Hörfunk. Seine Schwerpunkte sind Themen aus Politik und Gesellschaft. Bevor er zu MDR SACHSEN-ANHALT kam, hat der gebürtige Hesse bei der Hessischen/Niedersächsischen Allgemeine in Kassel gearbeitet. Während des Journalistik-Studiums in Magdeburg Praktika bei dpa, Hessischem Rundfunk, Süddeutsche.de und dem Kindermagazin "Dein Spiegel". Seine Lieblingsorte in Sachsen-Anhalt sind das Schleinufer in Magdeburg und der Saaleradweg - besonders rund um Naumburg.

Mehr zum Thema

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | Studio Stendal | 12.04.2018 | 16:30 Uhr

Quelle: MDR/ld

Zuletzt aktualisiert: 17. April 2018, 14:01 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

Mehr aus Sachsen-Anhalt