Porträtreihe Warum Köpfe für den Erfolg von Bürgerinitiativen wichtig sind

Daniel Tautz vor einer grauen Wand
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Wer etwas verändern möchte, muss aktiv werden. Diesem Leitsatz folgen auch in Sachsen-Anhalt immer mehr Menschen. Im Interview erklärt Soziologe Christoph Schubert, was die Bürgerinitiativen erfolgreich macht.

Soziologe Christoph Schubert
Die Führungsköpfe sind entscheidend für den Erfolg einer Bewegung, glaubt Soziologe Christoph Schubert. Bildrechte: MDR/ Daniel Tautz

MDR SACHSEN-ANHALT: Herr Schubert, die Proteste von Pegida, die Fridays-For-Future-Demonstrationen – in Deutschland und in Sachsen-Anhalt gehen in den letzten Jahren wieder mehr Menschen auf die Straße. Woran liegt das?

Christoph Schubert: Da spielt das Internet natürlich eine große Rolle dabei, Menschen zu einem Ereignis aufzurufen und dann zu mobilisieren. Insofern würde ich von einem Schneeballeffekt sprechen. Wenn man generell wahrnimmt, dass vermehrt Menschen auf die Straße gehen, dann ist das natürlich auch ein Vorbild für andere Bewegungen, zu sagen: ‚Okay, wir haben auch ein Anliegen, für das es sich lohnen würde, auf die Straße zu gehen.'

Bei einigen Bewegungen steht ja ein sehr präsenter Kopf vorn. Viele Bürgerinitiativen und Ortsgruppen organisieren sich aber, ohne dass jemand klar im Vordergrund ist. Braucht eine Bewegung einen Kopf, um erfolgreich zu sein?

Bei Bürgerinitiativen und Protesten, da geht es darum, tatsächlich ein Problem zu bewältigen. Und dafür sind Initiatoren und Köpfe ganz wichtig. Bei Greta Thunberg ist das ganz offensichtlich. Sie wird global als die eine Führungsfigur einer gesamten Bewegung wahrgenommen. Ich würde sehr stark davon ausgehen, dass es auch in den Ortsgruppen dann wiederum Personen gibt, die als Motivatoren und Multiplikatoren funktionieren müssen, um diese kleineren Einheiten handlungsfähig zu halten und permanent zur Aktion aufzurufen. Also von daher braucht es nicht den einen großen Kopf, die eine große Identifikationsfigur, aber es braucht immer Initiatoren im Kleinen.

Und was zeichnet diese Initiatoren aus, gibt es den klassischen Kopf einer Bewegung?

Die brauchen nicht nur die Fähigkeit, das Thema zu artikulieren und Personen zu rekrutieren. Sondern die müssen auch eine Expertise auf diesem Gebiet haben. Wenn man sich anschaut, von wem Bürgerinitiativen häufig ausgehen, dann kann man sagen, dass das häufig Menschen sind, die städtisch sozialisiert sind. Und man merkt auch, dass ein großer Teil dieser Initiatoren irgendwie akademisch sozialisiert ist, also mal studiert hat. Nichtsdestotrotz – und das ist das Wichtigste – ist persönliche Betroffenheit immer ein starker Ausgangspunkt für so ein Engagement. Das kann dann auch eine abstraktere Betroffenheit sein.

Nun ist es ja so, dass gerade Bewegungen aus dieser abstrakten Betroffenheit heraus – also zum Beispiel wegen des Klimawandels – besonders viel Resonanz in der Gesellschaft erzeugen. Warum sind gerade die Umweltproteste so präsent?

Es gibt viele Wissenschaftler, die sich sehr stark dafür aussprechen dass dieser Klimawandel ein Problem ist. Und das steigert die Relevanz des Themas. Bei dem Straßenausbau oder auch einer Giftmülldeponie ist das viel schwerer, andere Multiplikatoren zu finden. Dazu äußern sich Wissenschaftler nicht so oft so prominent wie bei dem Klimawandel.

Zur Person

Christoph Schubert ist Soziologe an der Universität Halle-Wittenberg. Der Wissenschaftler hat unter anderem zu Bürgerbeteiligung in Sachsen-Anhalt geforscht.

Quelle: MDR/olei

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