Schriftzug «NORD/LB» der Norddeutsche Landesbank Girozentrale im Breiten Weg in Magdeburg
Die Nord-LB steckt in der Krise. Und ein guter Weg aus dieser Krise ist nicht in Sicht. (Archivfoto) Bildrechte: MDR/André Plaul

#MDRklärt Die Nord-LB in der Krise: Die wichtigsten Fragen und Antworten

Die Norddeutsche Landesbank steckt in der Krise. Sie benötigt dringend frisches Geld. Nur: Sachsen-Anhalt und Niedersachsen lehnen es ab, zusätzliches Kapital beizusteuern. Nicht nur das macht die Lage "extrem kompliziert", sagt der Bankenexperte Horst Gischer von der Uni in Magdeburg. Er erklärt, was die Krise bedeutet – und welche Lösungen es gibt.

Luca Deutschländer
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von Luca Deutschländer, MDR SACHSEN-ANHALT

Schriftzug «NORD/LB» der Norddeutsche Landesbank Girozentrale im Breiten Weg in Magdeburg
Die Nord-LB steckt in der Krise. Und ein guter Weg aus dieser Krise ist nicht in Sicht. (Archivfoto) Bildrechte: MDR/André Plaul

Die Lage ist verworren: Die Norddeutsche Landesbank (Nord-LB) steckt in der Krise. Sie braucht 3,5 Milliarden Euro frisches Kapital – und das lieber gestern als heute. Nur: Der Plan, dass private Investoren der Bank aus der Krise helfen, droht zu scheitern. Eine Bieterfrist läuft noch bis Freitag, 25. Januar und bislang sieht es nicht so aus, als würden sich bis dahin private Investoren finden – die dann auch ausreichend Geld zur Verfügung stellen.

Sollte dieser Weg scheitern, sind die Probleme absehbar. Das weiß auch der Bankenexperte Professor Horst Gischer. Gischer leitet den Lehrstuhl für Monetäre Ökonomie und öffentlich-rechtliche Finanzwirtschaft an der Otto-von-Guericke-Universität in Magdeburg – und hat für MDR SACHSEN-ANHALT erklärt, was die aktuelle Krise der Bank bedeutet.

Wozu gibt es die Norddeutsche Landesbank?

Landesbanken wie die NordLB sollen in erster Linie Kapital für größere Kommunen oder Länder beschaffen. Sie übernehmen also Bankgeschäfte für Bundesländer oder helfen bei der Wirtschaftsförderung. Dabei sind sie nach Angaben von Horst Gischer vor allem regional aktiv, um großen mittelständischen Unternehmen oder Konzernen bei Auslandsgeschäften zu helfen. Die Norddeutsche Landesbank ist eine Anstalt öffentlichen Rechts.

Die Norddeutsche Landesbank Als Landesbank für Niedersachsen und Sachsen-Anhalt ist die Nord-LB vor allem für die Finanzierung von Projekten der öffentlichen Hand zuständig. Das Institut mit Hauptsitz in Hannover hat sich aber auch als Kreditgeber im Schiffs-, Flugzeug-, Agrar- und Infrastrukturgeschäft spezialisiert.

Die Nord-LB ist zugleich eine Art Zentralbank für etwa 70 regionale Sparkassen in Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern. Die Länder Niedersachsen und Sachsen-Anhalt sind zusammen mit den Sparkassenverbänden Anteilseigner der öffentlich-rechtlichen Bank.

Kann die Schieflage der Nord-LB nicht abgewendet werden, müssen laut "Handelsblatt" die anderen Landesbanken beispringen – etwa die Bayern-LB oder die Landesbank Baden-Württemberg. Reicht ihr Geld nicht aus, müssen alle deutschen Sparkassen mit ihrem Haftungsverbund helfen. Quelle: dpa, Handelsblatt

Und wem gehört die Nord-LB?

Juristisch betrachtet gehört sie sich selbst. So ist das bei allen Anstalten des öffentlichen Rechts. Faktisch allerdings halten neben Sachsen-Anhalt (knapp sechs Prozent) auch Niedersachsen (knapp 60 Prozent) und mehrere Sparkassen aus Sachsen-Anhalt, Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern Anteile an der Nord-LB.

Das Problem: Wenn eine Anstalt öffentlichen Rechts mehr Schulden hat als Vermögen – so, wie jetzt die Nord-LB –, dann gibt es keinen Eigentümer, der für diese Differenz geradestehen müsste – anders als etwa bei privatwirtschaftlichen Unternehmen. Bedeutet: Wenn eine Anstalt öffentlichen Rechts in einer Lage wie jetzt die Nord-LB steckt, braucht es zusätzliches Eigenkapital. Bei der Nord-LB ist von 3,5 Milliarden Euro die Rede. Das könnte zum Beispiel von den Ländern Sachsen-Anhalt (rund 200 Millionen Euro) und Niedersachsen sowie von den Sparkassen kommen, die an der Nord-LB beteiligt sind. Sachsen-Anhalt und Niedersachsen lehnen das aber bislang ab.

Hätte Sachsen-Anhalt überhaupt das Geld, um der Nord-LB zu helfen?

Der Vorsitzende des Finanzausschusses im Landtag, Olaf Meister, sagt: Nein – zumindest nicht im laufenden Landeshaushalt. Nach den Worten des Grünen-Politikers müsste Sachsen-Anhalt auf Rücklagen zurückgreifen, um 200 Millionen Euro für die Rettung der Bank beizusteuern. "Das wollen wir aber nicht." Mit dem Rücklagen sollten schließlich zusätzliche Lehrer und Polizisten eingestellt werden. Auch Sachsen-Anhalts Finanzminister André Schröder (CDU) hatte zuletzt mehrfach deutlich gemacht, dass es vom Land kein zusätzliches Kapital für die Bank gibt.

Wie ist die Nord-LB überhaupt in die Krise geraten?

Die Krise hat mehrere Gründe, sagt Horst Gischer. Einer davon: die misslungene Finanzierung von Schiffen. Dabei ist dieses Geschäftsfeld eigentlich eine "relativ naheliegende Angelegenheit", erklärt der Experte. Das Schiff werde betrieben, einer Reederei zur Verfügung gestellt. Die Reederei übernehme Transporte von Gütern und dann diene das Schiff selbst ja auch noch als Kredit.

Das klinge erst einmal gut.

Porträtaufnahme von Prof. Dr. Horst Gischer von der OvGU in Magdeburg
Prof. Dr. Horst Gischer lehrt an der Fakultät für Wirtschaftswissenschaft an der Uni in Magdeburg. Bildrechte: Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg

Das Geschäftsmodell setzt allerdings voraus, dass der Wert eines Schiffes nicht rapide sinkt. "Das ist ähnlich wie bei der Baufinanzierung: Der Wert des Hauses darf sich während der Laufzeit des Kredits nicht massiv verschlechtern", erklärt der Experte. Nur: Genau das ist im Schiffsbau passiert. In den vergangenen 20 Jahren habe es in der Branche großen technischen Fortschritt gegeben, sagt Gischer. Die Schiffe wurden größer, können mehr Güter transportieren. Das habe dazu geführt, dass alte Schiffe mehr oder weniger wertlos geworden sind. Bei der Finanzierung von Flugzeugen sei die Lage ähnlich. Auch dies gehört zum Geschäftsmodell der Nord-LB.

Und dann sind da noch die Auflagen der Europäischen Bankenaufsicht. Die sind nach den Worten des Experten nach der Finanzkrise wesentlich strenger geworden. Heißt: Wenn eine Bank wie die Nord-LB ohnehin angeschlagen ist und dann auch noch strengere Auflagen erfüllen muss, dann "kann das unter Umständen große Probleme bereiten".

Nord-LB und Investitionsbank Sachsen-Anhalt Zur Nord-LB gehört auch die Investitionsbank (IB) Sachsen-Anhalt. Sie soll dafür sorgen, Sachsen-Anhalt voranzubringen – etwa, indem sie innovative Vorhaben von Unternehmen finanziert oder fördert. Die Investitionsbank ist quasi eine Bank in der Bank. Sollte die Nord-LB zerschlagen werden, müsste die IB herausgelöst werden – und zugleich eine separate Bankenlizenz erwerben.

Was passiert, wenn Niedersachsen und Sachsen-Anhalt der Nord-LB nicht aus der Patsche helfen?

Der wohl gravierendste Schritt wäre, dass die Nord-LB abgewickelt würde – dann jedenfalls, wenn sich zusätzlich keine privaten Investoren finden. Bedeutet: Die Bank könnte geschlossen werden – und zwar für immer. "Die Bankenaufsicht ist da rigoros", sagt Gischer. Der Nord-LB könnte also ein ähnliches Schicksal drohen wie der Westdeutschen Landesbank, die in ihrer damaligen Form 2012 abgewickelt wurde. "Die Nord-LB als Institution würde dann von der Bildfläche verschwinden", sagt Gischer.

Hätte eine Abwicklung der Nord-LB Folgen für Sparkassen-Kunden?

Wie erwähnt, halten viele Sparkassen Anteile an der Nord-LB. Dass bei deren Abwicklung unmittelbare Konsequenzen für Sparkassen-Kunden drohen, hält Horst Gischer aber für unwahrscheinlich. Denn: Die Nord-LB selbst macht keine Geschäfte mit Privatpersonen. "Sparkassen-Kunden wären nur dadurch betroffen, dass ihnen im Produktangebot keine Anlagemöglichkeiten der Nord-LB zur Verfügung stehen würden", sagt Gischer.

Ähnlich sieht das auch Jürgen Fox, Vorstandsvorsitzender der Saalesparkasse. Fox sagt: "Die Frage nach Auswirkungen auf Sparkassen-Kunden stellt sich nicht." Zwischen Nord-LB und dem Kreditinstitut gebe es keine "Abhängigkeit in dem Sinne, dass man sagt: A kann nicht ohne B."

Passanten laufen an einer Filiale der Sparkasse vorbei.
Bei einer Abwicklung der Nord-LB blieben Sparkassen-Kunden nach Meinung von Horst Gischer von Auswirkungen verschont. (Archivfoto) Bildrechte: dpa

Falls sich rechtzeitig private Investoren finden – sind die Probleme dann gelöst?

Bankenexperte Gischer sagt: Nein. An den ökonomischen Problemen selbst ändere auch eine Rettung der Bank erst einmal nichts. Dazu kommt, dass es nach den Worten des Experten nicht ganz einfach ist, private Investoren in eine Anstalt öffentlichen Rechts zu integrieren. Selbst wenn das gelingt, könnten weitere Probleme dazukommen: Schließlich haben Länder wie Sachsen-Anhalt in der Regel andere Interessen als Investoren, die auf wirtschaftlichen Gewinn ausgerichtet sind. Solche Interessenskonflikte müssten geklärt werden – ebenso die Frage, wer denn künftig eigentlich das Sagen über die Nord-LB hätte.

Dazu kommt: Die Nord-LB hätte selbst bei einer Rettung kaum Zeit, sich von den Strapazen der Rettung zu erholen.

Wenn man einen Marathon hinter sich hat und trotzdem 100 Meter auf Zeit laufen soll, ist das schwierig. Wenn man sich zwei bis drei Stunden erholen könnte, würde man den 100-Meter-Lauf auch wieder schaffen. Das Problem ist, dass die Nord-LB keine Zeit hat, um sich zu erholen.

Horst Gischer, Bankenexperte

Gischer sagt: Die Nord-LB muss diese lange Durststrecke jetzt durchmachen. Einfache Lösungen sind nicht in Sicht. Prinzipiell aber ist er vom Modell einer Landesbank noch immer überzeugt. Nur: "Es muss sich rechnen." Genau das aber ist in diesen Tagen bei der Nord-LB nicht der Fall.

Luca Deutschländer
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über den Autor Luca Deutschländer arbeitet seit Januar 2016 bei MDR SACHSEN-ANHALT – meist in der Online-Redaktion, außerdem für den Hörfunk. Seine Schwerpunkte sind Themen aus Politik und Gesellschaft. Bevor er zu MDR SACHSEN-ANHALT kam, hat der gebürtige Hesse bei der Hessischen/Niedersächsischen Allgemeine in Kassel gearbeitet. Während des Journalistik-Studiums in Magdeburg Praktika bei dpa, Hessischem Rundfunk, Süddeutsche.de und dem Kindermagazin "Dein Spiegel". Seine Lieblingsorte in Sachsen-Anhalt sind das Schleinufer in Magdeburg und der Saaleradweg – besonders rund um Naumburg.

Quelle: MDR/ld

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 24. Januar 2019 | 17:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 25. Januar 2019, 06:07 Uhr

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9 Kommentare

26.01.2019 13:18 böse-zunge 9

Alternative - Cerberus
Echt? Ne Heuschrecke darf den letzten Tropfen melken?
Warum ruft der MP nicht bei Parteifreund März an und fragt was Blackrock sagt?
Oder hat er schon und die haben abgewunken?
Und "Projekte der öff. Hand" sind ja auch Tunnel- und Brückenbau - glänzende Aussichten was die Bauzeit anbelangt..

25.01.2019 20:36 Kopfschütteln 8

Was hat letztendlich zur Krise geführt, doch die Kunden, die Rendite von mehr als 5 Prozent erwarten, wenn einer mehr Geld bekommt, muss einer was verlieren, dass vermehrt sich nicht wie Mäuse. Kunden, die keine Gebühren und Bearbeitungsentgelte zahlen wollen, sich dann wundern, wenn Filialen geschlossen werden ... Ihr schafft alles selbst ab und nicht nur bei den Banken, und nein Geiz ist nicht geil, Geiz frisst Hirn

25.01.2019 19:45 frank r. 7

Also ist die Nord/LB eigentlich nur eine Institution, die solche Finanzgeschäfte abwickeln kann, die Sparkassen nicht dürfen, mit der Hoffnung auf Gewinn. Weg damit, schade um die Gelder die verpulvert wurden.