Fridays for Future Magdeburg
Das Logo der "Friday for Future"-Bewegung wird auf das Pflaster des Domplatzes gesprüht. Bildrechte: MDR/Roland Jäger

#MDRklärt Wie Fridays for Future aus dem Nichts entstand

Die Fridays-for-Future-Bewegung ist erst wenige Wochen alt. Auch in Sachsen-Anhalt ist die Schüler-Gruppierung überraschend gut organisiert und vernetzt. Was die Demonstranten antreibt und wie sie ihre Aktionen planen.

MDR-Redakteur Roland Jäger
Bildrechte: MDR/Cornelia Winkler

von Roland Jäger, MDR SACHSEN-ANHALT

Fridays for Future Magdeburg
Das Logo der "Friday for Future"-Bewegung wird auf das Pflaster des Domplatzes gesprüht. Bildrechte: MDR/Roland Jäger

Vom Sozialkunde-Unterricht in die Praxis

Bunt sieht der Domplatz aus, nachdem das Logo der Bewegung dutzende Male auf das Pflaster gesprüht worden ist. "Save the Earth" ist zu lesen – und natürlich der Name der Gruppe selbst: Fridays for Future.

Fridays for Future Magdeburg
Begitta van Deven (l.) und ihre Mitschülerinnen bereiten eine weitere Demonstration vor. Bildrechte: MDR/Roland Jäger

Die Schüler, die gekommen sind, machen keine Demonstration, sondern sie bereiten eine vor. Am Freitag, dem 15. März, wollen sie lautstark protestieren – jetzt werden nur Transparente gemalt. Dazu aufgerufen hat die Gruppe in Sozialen Netzwerken, wie die Schülerin Begitta van Deven sagt: "Ich bekomme die Nachricht über eine WhatsApp-Gruppe, der man beitreten kann." Über Snapchat, Instagram und Facebook mobilisieren die Schüler einander.

Der Klimaprotest ist eine sehr junge Bewegung: Erst Mitte Januar gab es die ersten Google-Suchanfragen aus Sachsen-Anhalt nach "Fridays for Future", kurz darauf den ersten Protest in Halle. Innerhalb dieser kurzen Zeit hat sich unter den Schülern innerhalb und außerhalb des Landes ein dichtes Kommunikationsnetz entwickelt. Darüber spricht MDR SACHSEN-ANHALT mit Johan Schneidewind. Wir treffen ihn nicht auf dem Domplatz, sondern haben uns zu einem Interview verabredet.

Johan Schneidewind
Johan Schneidewind ist einer der Organisatoren der Fridays-for-Future-Bewegung. Bildrechte: MDR/Roland Jäger

Er ist Teil des Teams, das in Magdeburg die Proteste organisiert: "Im Sozialkundeunterricht lernen wir immer nur so grob: Es gibt dieses Demonstrationsrecht, ihr könnt es nutzen. Aber wie man das umsetzt, an welche Behörde man sich wenden muss – das hat mir nie jemand vorher gesagt." Dieses Wissen haben er und die anderen Schüler sich in wenigen Wochen selbst angeeignet. Doch auch Parteien haben daran einen Anteil.

Digitales Kommunikationsnetz ordnet die Bewegung

Zur Organisation der Bewegung sagt auch Johan Schneidewind: "Viel läuft über WhatsApp." Er ist achtzehn Jahre alt und geht auf das Albert-Einstein-Gymnasium in Magdeburg. Er spricht schnell und viel, fasst seine Gedanken zu langen Sätzen zusammen. Am Montag, den 11. März 2019, wird er in der MDR Polittalk-Sendung "Fakt ist" mit Bildungsminister Marco Tullner (CDU) diskutieren.

Es gibt Sozialkundelehrer, die bringen den Schülern das Demonstrationsrecht eine Stunde vorher bei und sagen eine Stunde später: Das ist totaler Blödsinn – was ihr macht, das können wir nicht verstehen.

Johan Schneidewind, Fridays for Future Magdeburg

Die Magdeburger Ortsgruppe von Fridays for Future ist recht klar strukturiert, wie im Gespräch deutlich wird. Der Schüler sagt, regelmäßig komme in Magdeburg ein Plenum von bis zu dreißig Leuten zusammen, um das weitere Vorgehen der Gruppe zu besprechen. Es gebe einmal pro Woche eine Telefonkonferenz, auf der sich die verschiedenen Ortsgruppen der Bewegung austauschten – eine spezielle Arbeitsgruppe kümmere sich darum. Ebenso gebe es Arbeitsgruppen für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, für die Organisation der Demonstrationen und andere Bereiche. Im Internet nutzten sie offene Dokumente zum Austausch und zur Planung ihrer Aktionen, in die jedes Mitglied der Arbeitsgruppen schreiben kann.

Die zentrale Bedeutung der digitalen Medien für Fridays for Future betont auch die Soziologin Martina Gille, die am Deutschen Jugendinstitut zum gesellschaftlichen Engagement von Kindern und Jugendlichen forscht: "So etwas geht nur über die digitalen Medien, die spielen da eine ganz große Rolle. Die Proteste gibt es ja nicht nur in Deutschland, sondern weltweit." Die globale Wahrnehmbarkeit der Proteste und sei viel besser geworden, so Gille – gerade für junge Menschen, die in Sozialen Medien kommunizierten.

"Protest-Anleitung" aus dem Internet

Wesentliche Tipps für die professionelle Selbstorganisation bekommen die lokalen Fridays-for-Future-Gruppen aus dem Netz, schildert Johan Schneidewind – insbesondere von der Webseite fridaysforfuture.de, die einen 17-Jährigen aus Kiel im Impressum als Administrator nennt: "Da waren dann Anleitungen: Wie kann ich das organisieren? Wir haben uns bei einem Orga-Treffen damit beschäftigt und erkannt, dass das eine gute Idee ist, gerade mit den Arbeitsgemeinschaften."

Diese Struktur sei "von oben" gekommen, sagt der Schüler. Auf die Frage, wer oder was "von oben" sei, antwortet er: "In manchen Städten hat die Bewegung früher angefangen als in anderen Städten. Die hatten mehr Erfahrung, dass es so klappen kann."

Fridays for Future
Diese Webseite ist für viele lokale FFF-Gruppen der Startpunkt. Bildrechte: Ronja Thein

Parteien versuchen, Einfluss zu nehmen

Die Bewegung versteht sich grundsätzlich keiner Partei zugehörig. Das betonen auch diejenigen, die auf dem Domplatz Transparente malen und Logos sprühen.

Fridays for Future Magdeburg
Maren Hildebrand sieht in der eigenen Überparteilichkeit und der Unterstützung durch Parteien keinen Widerspruch. Bildrechte: MDR/Roland Jäger

Maren Hildebrand ist Studentin und ebenfalls Teil des Orga-Teams: "Wir sind eine überparteiliche Bewegung. Klar gibt es Organisationen, die sich mit uns solidarisieren und uns unterstützen – aber wir sind da drüber." Wenn die Magdeburger Schüler auf dem Domplatz protestieren, machen sie das direkt vor dem Landtag Sachsen-Anhalts.

Die Grünen und Die Linke haben laut Johan Schneidewind und Maren Hildebrand Kontakt zu Fridays for Future – beide Parteien bestätigen das auf Nachfrage. "Wir hatten schon Anfragen, ob wir uns Freitag auf den Domplatz stellen können mit Stand und Schirmchen und Kugelschreiber austeilen," sagt Johan Schneidewind. Welche Partei das fragte, wolle er nicht sagen. Das Plenum habe beschlossen, das nicht zu machen: "Fridays for Future ist eine Bewegung von Schülern, die meistens nicht in einer Partei sitzen." Gleichwohl gebe es auch unter den Schülern einige Mitglieder von den Grünen, der Linken und der FDP.

Wie die Parteien reagieren

Robert Fietzke, Jugendkoordinator der Linken, sagte MDR SACHSEN-ANHALT: "Wir haben mitgeholfen beim Mobilisieren über unsere Social-Media-Kanäle, über unsere Verteiler, mehr nicht." Er unterstütze das überparteiliche Anliegen der Schüler und sehe keine politische Einmischung.

Ruben Engel, Pressesprecher des Landesverbandes von Bündnis90/Die Grünen, sagte, es habe Kontakte zwischen der Grünen Jugend, der Grünen Hochschulgruppe und den Schülern gegeben. Es habe ein Treffen in der Landesgeschäftsstelle gegeben. Die Grüne Jugend habe Wissen vermittelt – etwa zum Verfassen von Pressemitteilungen.

Wir wollen überparteilich bleiben.

Johan Schneidewind

Eine direkte Einflussnahme von Grünen und Linken auf die Schülerproteste weist Johan Schneidewind zurück: "Wir können bloß dafür sorgen, dass wir keine Banner von ihnen zeigen wollen, keine Flaggen dulden, keine Parolen von den einzelnen Parteien dulden. Dass wir auf unseren Demonstrationen nichts mit denen am Hut haben."

Fridays for Future Magdeburg
Mit gesprayten Logos werben die Schüler für die nächste Demonstration. Bildrechte: MDR/Roland Jäger

Greta Thunberg als großes Vorbild

Ein weiterer wichtiger Antriebsfaktor für die Bewegung ist Greta Thunberg – die schwedische Schülerin, die als erste protestiert hat und die auch für die Schüler in Sachsen-Anhalt ein wichtiges Vorbild ist. Johan Schneidewind bewundert die Art ihres Auftretens, "so unheimlich selbstsicher."

Sie ist das Feuerzeug an der Zündschnur gewesen, jetzt brennt die Schnur halt weiter.

Johan Schneidewind über Greta Thunberg

Auch Soziologin Martina Gille misst der Vorbildwirkung der Schwedin große Bedeutung bei: "Es ist sehr beeindruckend, weil sie diesen Protest erst einmal für sich allein gestartet hat. Sie ist erst sechzehn Jahre alt, wirkt zumindest fast wie ein Kind." Die Hartnäckigkeit, mit der sie ihren Protest verfolge, habe ihr geholfen nach und nach Follower aufzubauen, sagt die Forscherin.

Nachhaltige Politisierung der Jugend möglich

All diese Gründe haben dafür gesorgt, dass die Bewegung extrem schnell wachsen und sich organisieren konnte. Laut Martina Gille ist der wichtigste Antrieb jedoch das thematische Kernanliegen der Schüler: "Wir wissen, dass in jüngerer Zeit eine Politisierung stattgefunden hat und das Themen wie Umwelt, Gesundheit, Klimawandel die jungen Leute eher interessieren."

Eine Menschenmasse vor einem Dom, eine Person trägt ein Eisbärenkostüm
Am Domplatz startete die "Fridays for Future"-Demonstration um 15.30 Uhr. Bildrechte: MDR/Michael Gerdes

Konkrete Forderungen hat Fridays for Future noch nicht formuliert. Für Johan Schneidewind ist es wichtig, dass die Politik größere Anstrengungen unternimmt, die Erderwärmung zu begrenzen – ein Ziel, das im Pariser Klimavertrag bereits festgeschrieben ist: "Wir denken, man kann es erreichen. Wir sind Schüler. Unser Job ist es nicht, die perfekten Vorschläge zu machen, wie erreiche ich dieses Ziel. Sondern: Wir wollen der Politik zeigen, dass wir wollen, dass sie ihre Hausaufgaben machen. Dann machen wir auch unsere."

Wie sich die Bewegung in den nächsten Wochen entwickeln wird – ob sie an Strahlkraft für junge Menschen gewinnt oder verliert – ist nicht vorherzusagen. Aber die politische Mobilisierung an sich hat Folgen für die Jugendlichen, beschreibt Soziologin Martina Gille: "Die Jugend ist eine sehr wichtige Phase, in der man politische Orientierung erwirbt."

Die Proteste hätten bei den Schülerinnen und Schülern bewirkt, sich auch künftig mehr mit Politik und politischen Themen auseinanderzusetzen und sich generell mehr politisch zu beteiligen. Insofern entfalten die Klimaproteste bereits jetzt eine nachhaltige Wirkung – völlig unabhängig davon, ob die Schüler, die auf dem Domplatz in Magdeburg und in anderen Städten Sachsen-Anhalts demonstrieren, ihre Ziele letztendlich erreichen werden oder nicht.

MDR-Redakteur Roland Jäger
Bildrechte: MDR/Cornelia Winkler

Über den Autor Roland Jäger arbeitet seit 2015 für den Mitteldeutschen Rundfunk – zunächst als Volontär und seit 2017 als Freier Mitarbeiter im Landesfunkhaus Magdeburg. Meist bearbeitet er politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Themen – häufig für die TV-Redaktionen MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE und Exakt - Die Story, auch für den Hörfunk und die Online-Redaktion. Vor seiner Zeit bei MDR SACHSEN-ANHALT hat Roland Jäger bei den Radiosendern Rockland und radioSAW erste journalistische Erfahrungen gesammelt und Europäische Geschichte und Germanistik mit Schwerpunkt Medienlinguistik an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg studiert. In seiner Freizeit ist Roland Jäger gern mit dem Fahrrad im Huy nahe Halberstadt unterwegs.

Quelle: MDR/rj

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR SACHSEN-ANHALT | 11. März 2019 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. März 2019, 17:47 Uhr

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14 Kommentare

12.03.2019 16:12 von Pappe 14

Hallo REXt 10
„Während die westlichen Länder in ihrer Selbstverpflichtung das Klima retten wollen ( kann man das überhaupt?),“
Haben sie sich auch mal darüber informiert welche Länder diese Selbstverpflichtung unterschrieben haben? Ich denke das sollten sie mal ganz schnell nachholen.

12.03.2019 15:37 Fakt 13

>>Ureinwohner, #11:
"Also los jetzt nicht nur quasseln sondern handeln."<<
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Und woher nehmen Sie die Erkenntnis, dass diejenigen Schülerinnen und Schüler, die Freitags auf die Straße gehen, nicht handeln?
Die von Ihnen - und auch vielen anderen - immer wieder, wie auch hier, gebrachten Scheinargumente zeigen, dass wirkliche Argumente offenbar fehlen.

12.03.2019 15:35 Klaus Schubert 12

Immer die Kinder! Die Grossen haben keine Zeit fuer diesen Unfug. Es ist einfacher die Kinder zu beeinflussen, die koennen noch nicht von Luege und Wahrheit zu unterscheiden!!