Notizen in unruhigen Zeiten Prima – retten wir das Klima und fliegen nicht nach Lima

"Wenn Dein starker Arm es will, stehen alle Räder still" – das ist ein alter Spruch der Arbeiterbewegung. Für den Klimastreik gilt das leider nur bedingt, denn selbst mit vielen starken Armen lässt sich der Erderwärmung kurzfristig kaum Einhalt gebieten. Nach zwei heißen Sommern und dem historischen Tiefstand der Elbe scheint auch in Sachsen-Anhalt eine Mehrheit der Menschen die Wirkung des Klimawandels ernst zu nehmen. MDR SACHSEN-ANHALT-Kolumnist Uli Wittstock war bei den Klima-Protesten in Magdeburg dabei.

Portrait-Bild von Uli Wittstock
Bildrechte: Uli Wittstock/Matthias Piekacz

von Uli Wittstock, MDR SACHSEN-ANHALT

Teilnehmer der Fridays for Future Kundgebungen versammeln sich auf dem Domplatz in Magdeburg
Die jungen Leute sollen erst einmal was leisten? Haben sie, sagt unser Kolumnist: Sie haben einen Protesttag fürs Klima organisiert, in 165 Ländern weltweit. Demonstriert wurde auch in Magdeburg. Bildrechte: dpa

Riechen kann man das Klima nicht, man kann es nicht schmecken oder spüren, wie etwa das Wetter. Klima sind Daten und Zahlen, über einen langen Zeitraum zusammengetragen. Das macht die Sache nicht einfach. Denn Politiker gehen davon aus, dass man Kompliziertes stark vereinfachen muss, um den Wähler nicht zu verwirren, was insbesondere dann gilt, wenn Entscheidungen anstehen, die mit unliebsamen Veränderungen einhergehen.

Das scheint beim Thema Klimaschutz klar der Fall zu sein.

Erst unter dem Eindruck der Europawahlergebnisse und den hohen Zustimmungsraten für die Grünen vor allem bei jüngeren Wählern entdeckten die Regierungsparteien ihr grünes Herz. Aber es ist ein riskantes Thema. Denn wer von Klimaneutralität redet, bekommt diese nicht kostenneutral. Letztendlich führt die Klimadebatte sehr schnell zu einer Verteilungsdebatte. Das wurde auch in den Kommentarspalten von MDR SACHSEN-ANHALT nach der Berichterstattung über die jüngste "Fridays for Future"-Aktion deutlich. So schrieb der Nutzer "faultier":

"Ich bin gar nicht einverstanden, das sich der MDR Sachsen Anhalt als Sprachrohr und Werber für diese Aktionen hergibt. Wir sind keine wohlhabenden Menschen in unserer Familie wir können und diesen Ökowahn finanziell nicht leisten wie viele ander Familien auch. Nehmen Sie Abstand und lassen Sie uns in Ruhe Leben. Wir können uns weder ein E-auto oder sogar mehrere oder eine Wärmepumpe zum Heizen leisten, am Ende landen wir wegen dem Ökowahn alle auf der Strasse wollen Sie das?"

Die Gegenthese lieferte eine ältere Frau, die mir am Freitag auf dem Magdeburger Domplatz sagte: "Unsere Generation hat es verbockt, jetzt müssen wir die Jungen unterstützen." Hier zeigt sich eine der Konfliktlinien und zwar die zwischen den Generationen. Wer heute 20 Jahre alt ist, hat sehr gute Chancen, das Jahr 2080 zu erleben. Für die meisten Menschen in Sachsen-Anhalt ist das relativ egal, denn sie werden früher sterben.

Klimaschutz muss alle Politikbereiche bestimmen

Globaler Klimastreik
Zum globalen Klimastreik waren Freitag weltweit Millionen Menschen auf die Straße gegangen. Bildrechte: imago images/Jannis Große

Wenn nun die Jüngeren den Älteren verantwortungsloses Handeln vorwerfen, dann reagieren die "Erwachsenen" mit den üblichen Vorwürfen: "Leistet erst mal was, bevor ihr Euch eine Meinung leisten könnt." Dabei haben die jungen Leute tatsächlich etwas geleistet, nämlich ein Protesttag organisiert und das in 165 Ländern weltweit. Anderen Aktionen, wie etwa Pegida, gelang das nicht. Dass es den Kindern mal besser gehen solle, das war einst ein Spruch, den man in sehr vielen Familien hörte.

Von dieser Idee scheint sich nun jedoch so mancher verabschiedet zu haben, wenn man die Reaktionen auf die Klimaproteste verfolgt. Während die jungen Leute ihre Zukunftschancen schwinden sehen, wollen die Älteren ihren Lebensstil nicht überdenken. Deshalb war es ein wichtiges Zeichen, dass in Magdeburg wie auch in den anderen Städten diesmal sehr viele Menschen marschierten, die längst dem Schulalter entwachsen waren. Und alle die da unterwegs waren, einte eine Forderung: Klimaschutz müsse alle anderen Politikbereiche bestimmen. Das ist auch der Grund, warum für den Klimaschutz demonstriert wurde und nicht für soziale Gerechtigkeit oder gegen die Niedrigzinspolitik. Denen, die das lautstark beklagen, steht es im Übrigen frei, selbst solche Aktionsbündnisse zu gründen.

An der Demonstrationsspitze riefen die jungen Leute "Hop Hop Hop – Kohlestopp" und ein paar hundert Meter weiter hinten im Demonstrationszug flatterten die Fahnen der IG Metall. Auch an dieser Beobachtung lässt sich eine weitere Konfliktlinie ausmachen: Sieht man nämlich auf die CO2-Reduktion seit 1990, dann ist Sachsen-Anhalt – wie alle anderen ostdeutschen Bundesländer auch – ein echter Vorreiter in Sachen Klimaschutz, mit einer Kohlendioxyd-Reduktion von rund 50 Prozent. Allerdings stagniert diese Entwicklung dann in den 2000er Jahren – zum Glück, möchte man fast meinen.

Es geht um Arbeitsplätze

Denn am Rückgang der CO2-Emissionen kann man den Niedergang der ostdeutschen Industrie ablesen und nur dieser Umstand hat dazu geführt, dass Deutschland überhaupt Klimaweltmeister wurde. Es geht also auch um Arbeitsplätze und zwar um vergleichsweise gut bezahlte, wie zum Beispiel in den Kohlerevieren. Bislang ist der Politik nicht gelungen, den Kumpeln die Befürchtungen zu nehmen. Hinzu kommt ein weiteres Gefühl, nämlich Sündenbock zu sein. Flugkapitäne oder Stewardessen sind als Teil der Luftfahrtindustrie ebenfalls in einer klimaschädlichen Branche tätig, werden aber bislang von Protesten verschont.

Die größte Gefahr sehe ich allerdings in der moralischen Überdehnung der Debatte. Die einen kleben einen Sticker mit "FCK Greta" an ihr SUV, die andern einen mit "FCK SUV" an ihr Lastenrad, ähnlich wie Fußballfans, die ihren jeweiligen Klubs zujubeln. Aber wie im Fußball gibt es auch beim Klima nicht nur Fans, sondern auch Ultras – und das auf beiden Seiten der Debatte. Erschwerend kommt hinzu, dass es sich um einen Glaubenskrieg handelt. Ich persönlich denke zwar nicht, dass die Welt kurz vor dem Abgrund steht, glaube aber schon, dass die Klimawissenschaftler Recht haben. Andere glauben, es handele sich bei den Wissenschaftlern entweder um eine Sekte oder um bezahlte Büttel einer dunklen Macht, die hinter den Kulissen der Weltpolitik agiert.

Wir brauchen eine rationale Auseinandersetzung 

Da ich aber selbst kein Klimawissenschaftler bin, kann ich nur glauben, was andere erzählen und das dürfte bei all diesen "alternativen Welterklärern" ähnlich sein. So also tobt ein Glaubenskrieg, wobei allerdings der Gegenseite nicht Unglauben, sondern Irrglauben vorgeworfen wird – nämlich wirren Lehren ohne Realitätsbezug anzuhängen. Eine rationale Auseinandersetzung erschwert das ungemein. Aber genau eine solche brauchen wir. 

Portrait-Bild von Uli Wittstock
Bildrechte: Uli Wittstock/Matthias Piekacz

Über den Autor Geboren ist Uli Wittstock 1962 in Lutherstadt Wittenberg, aufgewachsen in Magdeburg. Nach dem Abitur hat er einen dreijährigen Ausflug ins Herz des Proletariats unternommen: Arbeit als Stahlschmelzer im VEB Schwermaschinenbaukombinat Ernst Thälmann. Anschließend studierte er evangelische Theologie. Nach der Wende hat er sich dem Journalismus zugewendet und ist seit 1992 beim MDR-Hörfunk. 2016 erschien sein Roman "Weißes Rauschen oder die sieben Tage von Bardorf" im Mitteldeutschen Verlag Halle.

Quelle: MDR/ld

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 20. September 2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 22. September 2019, 13:30 Uhr

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