Treuhand-AufarbeitungDer teilweise verwitterte Schriftzug - Gemeinschaftswerk Aufschwung Ost -
"Was IWH Chef Gropp an wirtschaftlicher Spaltung skizziert, ist schon jetzt real klar erkennbar." Kolumnist Uli Wittstock macht sich Gedanken über die Wirtschaftsentwicklung in Sachsen-Anhalt Bildrechte: dpa

Notizen in unruhigen Zeiten Verteilungskampf – was wird aus den ländlichen Regionen des Ostens?

Das Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) wäre vor einigen Jahren beinahe abgewickelt worden, denn dem Institut wurde mangelnde Forschungsleistung bescheinigt. Die Kritik war so fundamental, dass der damalige IWH-Präsident gehen musste. Nun feierte das IWH 27. Geburtstag – und Präsident Rent Gropp sorgte bereits im Vorfeld für bundesweite Schlagzeilen. Einen Rücktritt muss er nicht fürchten, doch politische Freunde hat Gropp sich nicht gemacht. Uli Wittstock mit ein paar Anmerkungen zur Debatte.

von Uli Wittstock, MDR SACHSEN-ANHALT

Treuhand-AufarbeitungDer teilweise verwitterte Schriftzug - Gemeinschaftswerk Aufschwung Ost -
"Was IWH Chef Gropp an wirtschaftlicher Spaltung skizziert, ist schon jetzt real klar erkennbar." Kolumnist Uli Wittstock macht sich Gedanken über die Wirtschaftsentwicklung in Sachsen-Anhalt Bildrechte: dpa
MDR-Reporter Uli Wittstock kniet sich 2015 in seine Reporter-Arbeit beim Besuch von Vizekanzler Sigmar Gabriel vor der neuen Flüchtlingsunterkunft in Magdeburg im Beisein des Magdeburger Oberbürgermeisters Lutz Trümper
MDR-Reporter Uli Wittstock: "Probleme verschwinden nicht dadurch, dass man sie aufwändig beschweigt." Bildrechte: dpa

Auch wenn sich so mancher bemüßigt fühlte, die Wissenschaftlichkeit der umstrittenen IWH-Studie in Frage zu stellen, so wird man IWH Chef Gropp zumindest eines zugestehen müssen: Erstmals seit langer Zeit hat das Forschungsinstitut überhaupt mal wieder für Aufsehen außerhalb von Fachkreisen gesorgt. Und das wohl auch deshalb, weil die bittere Pille nicht wohldosiert mit wirtschaftspolitischen Allgemeinplätzen verabreicht wurde, sondern ganz klar als Schreckensbotschaft platziert war: Keine Fördermillionen mehr für die ländlichen Regionen in Ostdeutschland.

Kein Geld für Hettstedt oder Mücheln, stattdessen für Halle und Magdeburg

Mit dieser Forderung gelang es IWH Chef Gropp eine ganz große Koalition der Empörten in mehrtägige Schwingungen zu versetzen. So fühlten sich Ministerpräsidenten von Linkspartei bis CDU genötigt, die Forderung entschieden zurückzuweisen, ebenso wie Sachsen-Anhalts Arbeitgeberverband oder auch der Städte- und Gemeindebund. Die Aufregung war auch deshalb so groß, weil der IWH Chef seine Forderung listig mit dem Hinweis auf die Einkommensunterschiede zwischen Ost und West verknüpfte.

Um diese Lohnlücke zu schließen sei es notwendig, hochqualifizierte Fachkräfte, überwiegend aus dem Dienstleistungssektor, in die Ballungszentren zu locken und zwar mit Hilfe von Investitionen. Also in Zukunft kein Geld mehr für Hettstedt oder Mücheln sondern stattdessen nur noch Schecks für Halle und Magdeburg.

Lohnunterschied ist Folge der kleinteiligen Wirtschaftsstruktur

Reint E. Gropp, Präsident des Leibniz-instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), steht vor dem Sitz des Instituts in Halle/Saale.
Reint E. Gropp, Präsident des Leibniz-instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) Bildrechte: dpa

Wer die Kommentarspalten des MDR verfolgt, der weiß, dass die Ost-West Lohnlücke Anlass vielfältiger Debatten ist, nicht selten mit der Aufforderung verbunden, die Politik möge dieser Ungerechtigkeit ein Ende setzen. Dort, wo die Politik dies kann, im öffentlichen Dienst, ist das auch weitestgehend erfolgt. In der Privatwirtschaft hingegen hat sich der Lohnabstand offenbar zementiert.

Blickt man nun auf Sachsen-Anhalts Wirtschaft dann fällt schnell auf, dass aber nicht nur die Beschäftigten vergleichsweise wenig verdienen, auch Sachsen-Anhalts Unternehmer gehören nicht zu den Reichsten im bundesdeutschen Vergleich. Unternehmerischer Geiz oder ein Rückfall in frühkapitalistische Verhältnisse kann also den Lohnunterschied in den allermeisten Fällen wohl nicht erklären. Vielmehr ist das Ganze wohl eine direkte Folge der kleinteiligen Wirtschaftsstruktur des Landes.

Der Teufel scheißt auf den größten Haufen

Wer Sitze oder Lenkräder für ein Auto herstellt, der verdient eben nicht so viel, wie derjenige, der das komplette Auto entwickelt, herstellt und verkauft. Sachsen-Anhalts Firmen liefern also zu viele Teile und entwickeln zu wenig Endprodukte. Und in den Bereichen, wo im Land nicht nur Grundstoffe hergestellt werden, sondern auch komplette Endprodukte wie etwa bei Bayer Bitterfeld, da sitzt die Konzernmutter im Westen, in diesem Fall in Leverkusen. Deshalb spielen auch die Fußballer des FC Bitterfeld-Wolfen in der Verbandsliga und die Kicker von Bayer Leverkusen in der Bundesliga, auch wenn die Kollegen in der Bitterfelder Tablettenproduktion hoch produktiv sind. Der Teufel scheißt eben auf den größten Haufen.

Allerdings weniger die Ursachen für diesen dauerhaften Lohnunterschied waren der Anlass für die aktuelle Debatte, als vielmehr die Forderung nach einer Neuorientierung der Förderpolitik. Ministerpräsident Haseloff verwies auf die achtzig Prozent der Einwohner im ländlichen Raum Sachsen-Anhalts, die man ja nicht einfach ihrem Schicksal überlassen könne und da hat er sicherlich auch recht. Doch die notwendige tiefergehende Diskussion ist leider ausgeblieben, nämlich die über die Zukunft des ländlichen Raums.

Mansfeld-Südharz: schöne Autobahnen, wenig Industrie

Nach dreißig Jahren Förderpolitik fällt die Bilanz nämlich ziemlich ernüchternd aus, vor allem für jene Regionen, die nicht im näheren Umfeld der Ballungszentren liegen. So hat der Landkreis Mansfeld-Südharz zwar schöne Autobahnen, doch die großen Industrieansiedlungen sind ausgeblieben. Und der Blick in die Zukunft verheißt wenig Gutes: Nur jeder zehnte (!) im Landkreis ist derzeit jünger als 18 Jahre und wenig deutet daraufhin, dass dieser Trend sich in absehbarer Zeit ändert. Was sich in diesem Landkreis zweifelsohne sehr dramatisch zeigt, trifft aber auch für alle anderen Landkreise zu.

Landflucht oder Dorflehrer, Landarzt oder Pfarrer werden

Die Landflucht hat inzwischen aber nicht nur Menschen sondern auch Tiere erfasst. Füchse, Wildschweine, Waschbären und anderes Getier verlegen ihren Wohnsitz in die Städte, weil es sich dort auch als Vierbeiner leichter Leben lässt. Selbst ein Wolf wurde unlängst in Magdeburg Buckau gesichtet.

Es ist dies aber kein Sachsen-Anhalt Problem. Das Dorf als Lebensraum hat in den letzten Jahrzehnten erhebliche Veränderungen erlebt deren Folgen nun spürbar sind. Denn es fehlt nicht unbedingt an Jobangeboten auf dem Land, nicht mal an attraktiven Jobanageboten. Wer Dorflehrer, Landarzt oder Pfarrer werden will, dem öffnet sich ein bunter Strauß an Angeboten, oft sogar verbunden mit einigen Vergünstigungen. Doch selbst mit einer finanziellen Zulage bleibt das Interesse überschaubar. Und das hat auch etwas mit den Veränderungen der dörflichen Struktur zu tun.

Waren es zu Kaisers Zeiten der Dorflehrer, der Großgrundbesitzer, der Pfarrer und der Bürgermeister, welche die Geschicke des Gemeinwesens bestimmten, so übernahm später dann die LPG diese Aufgabe. Sie sorgte für die Kulturhäuser mit Dorfdisko und Kino und beschäftigte die Einwohner, die ihren Lohn in Konsum und Kneipe trugen. Diese Sozialstruktur brach mit dem Ende der DDR zusammen. Genaue Zahlen sind schwer zu finden, aber seriöse Schätzungen gehen davon aus, dass 4 von 5 LPG-Beschäftigten ihren Job verloren. Die Lebensumstände auf dem Land ändern sich möglicherweise viel dramatischer als in den Städten. Es mag zwar Pioniere und Entdecker geben, die der günstigen Preise wegen aufs flache Land ziehen doch darin eine Trendumkehr zu sehen, ist wohl übertrieben.

Kein politische Interesse am demografischen Wandel

All dies ist eigentlich bekannt und wird dennoch hierzulande politisch selten diskutiert. Zum Jahrtausendwechsel startete Sachsen-Anhalt mit einem viel beachteten Projekt zum demografischen Wandel. Die traurigen Reste dieser Ideen kann man noch beispielhaft an den blätternden Fassaden in der Lutherstadt Eisleben sehen. Doch seit langem scheint das politische Interesse an dem Thema vollständig erlahmt zu sein. Sachsen-Anhalts Landtag debattiert stattdessen über Wölfe und Biber, über Eichenprozessionsspinner und die Anerkennung von Computerspielen als neue Sportart.

Immerhin schlugen die Regierungsfraktionen im vergangenen Jahr die Entwicklung einer Wertschöpfungsstrategie vor, um den ländlichen Raum zu fördern. Ziel ist es offenbar, regionale Produkte besser zu vermarkten. Mögen also Milch und Honig aus dem Umland fließen, doch die Grundfrage bleibt ohne Antwort: Welche Perspektive haben die ländlichen Räume?

Probleme verschwinden nicht dadurch, dass man sie aufwändig beschweigt

Auch in diesem Jahr trafen sich in Sangerhausen wieder die Bürgermeister der Region zum politischen Aschermittwoch, um auf ihre schwierige Lage zu verweisen, ein politisches Echo blieb jedoch aus. Nahezu zeitgleich vermeldete die Stadt Magdeburg einen neuen Gewerbesteuerrekord. Was IWH Chef Gropp an wirtschaftlicher Spaltung skizziert hat, ist also schon jetzt als reale Entwicklung klar erkennbar.

Sachsen-Anhalt steht nur wenige Wochen vor einer Kommunalwahl. Das wäre eigentlich ein guter Zeitpunkt, um in die Debatte einzusteigen. Und sollte das verpasst werden, dann wird es halt Thema bei nächsten Kommunalwahlen, denn die Probleme verschwinden ja nicht allein dadurch, dass man sie aufwändig beschweigt.

Quelle: MDR/mp

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 04. März 2019 | 17:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. März 2019, 19:47 Uhr

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36 Kommentare

13.03.2019 09:16 gerd 36

Diesem Artikel wurde gleich noch ein zweiter Nach-
geschoben mit dem Titel ,Hohe Mieten werden zur Gefahr des Jobwunders ,Vor allem Normalverdiener (Handwerker ,Krankenschwestern ja auch Polizisten können sich das Leben in den Städten nicht leisten und bleiben weg oder ziehen weg ,wo ziehen sie hin aufs Land und bauen da ihre Häuser und bauen aus
und ich kann das als Handwerker nur bestätigen ,auf dem Land(Umland) liegt die Zukunft in der Stadt
wohl eher nur Enge und eine bescheidenes Leben um dort zu arbeiten.

13.03.2019 09:08 gerd 35

Diese Studie kommt übrigens vom IW Köln und widerspricht Groops Thesen fundal.

13.03.2019 09:04 gerd 34

Zu dieser Diskussion passend ist heute ein Beitrag bei Welt -Online erschienen der auf Studien der Zu und Abwanderung der Städte sich bezieht und was steht dort . Es gibt einen Zuwachs an Bevölkerung in den Städten der Hauptsächlich auf Berufseinsteigern,Singles und Migranten inkl Asylbewerbern herrührt, Deutsche Familen mit Kindern ziehen aus der Stadt weg ins ,Umland.Umland wird dort im Beispiel Berlin bis Leipzig benannt .Gründe Unbezahlbare Mieten für Familien und Lebensqualität
.Die Überschrift dieses Beitrages heisst im übrigen Deutsche Familien verlassen die Städte und nun Sie Mediator.

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