Eine Treppe mit Aufklebern
Die Jugendorganisationen mit den meisten Mitgliedern sind in Sachsen-Anhalt die Jungsozialisten und die Junge Union. Bildrechte: MDR/pixabay, Collage

Partei-Jugendorganisationen Warum junge Sachsen-Anhalter ihre Zukunft mitbestimmen wollen

Klimaschutz, automatische Uploadfilter oder auch Mobilität – die aktuellen politischen Diskussionen bringen den Jugendorganisationen der Parteien in Sachsen-Anhalt neue Mitglieder. Insgesamt sind aber eher wenige junge Leute parteipolitisch aktiv.

Kalina Bunk
Bildrechte: MDR/ Jörn Rettig

von Kalina Bunk, MDR SACHSEN-ANHALT

Eine Treppe mit Aufklebern
Die Jugendorganisationen mit den meisten Mitgliedern sind in Sachsen-Anhalt die Jungsozialisten und die Junge Union. Bildrechte: MDR/pixabay, Collage

Lange Diskussionen, kleinteilige Fortschritte – Politik kann anstrengend sein. Dennoch sorgen die aktuellen politischen Diskussionen für einen Zulauf bei den Jugendorganisationen der Parteien in Sachsen-Anhalt, zumindest bei den meisten. So gewinnt etwa die Grüne Jugend seit einigen Monaten Interessenten und Mitglieder dazu, erzählt Sprecher Samuel Sonderhoff. Seinen Angaben zufolge ist der Landesverband dennoch weiterhin klein. Aktuell gebe es 85 Mitglieder, Ende 2018 seien es 70 gewesen.

Die meisten neuen Mitglieder kämen wegen der Klimafrage. "FridaysForFuture übt ziemlichen Druck aus, habe ich das Gefühl", so der 19-Jährige. Den Grünen werde bei dem Thema die größte Kompetenz zugesprochen. In Halle und Magdeburg sei man dank des Zulaufs derzeit richtig aktiv.

Zuwachs auch bei Linksjugend und Jungen Liberalen

Die Diskussionen um Klima- und Umweltschutz haben allerdings nicht nur der Grünen Jugend mehr Mitglieder gebracht; auch die Linksjugend ['solid] profitiert. Sie hat im Land rund 260 Mitglieder. Seit Dezember wurden 17 Neueintritte verzeichnet – das sei "vergleichsweise viel", meint Linken-Jugendkoordinator Robert Fietzke. Dazu kämen rund 40 unter 35-Jährige, die direkt in die Linkspartei eingetreten seien.

Neben der Klimakrise beschäftigt die Mitglieder der Linksjugend vor allem der Rechtsruck. Dies ist nach Einschätzung von Fietzke gerade auf dem Land das Hauptthema. "In der Schule fühlen sich Jugendliche teilweise alleingelassen mit ihrem weltoffenen Menschenbild", meint der Jugendkoordinator. Ein weiterer Grund, sich bei der Linksjugend zu engagieren, sei für viele der Wunsch nach einer friedlichen Zukunft.

Doch wie werden die Ideen der Jüngeren beim Linken-Landesverband aufgenommen? Fietzke spürt dort seit Jahren eine große Unterstützung für die Jugend. Die Partei sei überaltert, junge engagierte Leute würden daher von den meisten "mit Kusshand umworben". Die Jugendgruppe verstehe sich aber nicht als Kaderschmiede für die Linkspartei. Man könne bei ['solid] auch ohne Parteibuch dabei sein.

So viele junge Leute sind in den Jugendorganisationen aktiv

Jungsozialisten: rund 700 Mitglieder
Junge Union: rund 650 Mitglieder
Linksjugend: rund 260 Mitglieder
Junge Alternative: rund 150 Mitglieder
Junge Liberale: rund 110 Mitglieder
Grüne Jugend: rund 85 Mitglieder

Die Jugendorganisationen richten sich in der Regel an Interessierte bis zum Alter von 35 Jahren. Eintreten kann man meist ab 14 Jahren. In den meisten Parteien ist man unter 35 automatisch Mitglied der Jugendorganisation. Man kann aber auch ohne Parteibuch Mitglied werden.

Mitgliedszahlen der Partei-Landesverbände:
SPD: rund 3.600 Mitglieder
CDU: rund 6.600 Mitglieder
Linkspartei: rund 3.600 Mitglieder
AfD: rund 1.000 Mitglieder
FDP rund 1.300 Mitglieder
Grüne: rund 900 Mitglieder

Auch die Jungen Liberalen (Julis) haben zuletzt Mitglieder dazugewonnen. Gut 110 seien es derzeit insgesamt. Sie interessierten sich vor allem für die Zukunft des ländlichen Raumes, Bildung und Mobilität, erzählt Kai Krause, der Chef des FDP-Nachwuchses. Es gehe ganz vielen gegen den Strich, dass man außerhalb der Städte kaum noch die Möglichkeit habe, selbstständig von A nach B zu kommen. "Es gibt viele Leute, die politische Fragen differenziert betrachten wollen und nicht nur plump von einem Standpunkt aus", bemerkt der 23-jährige Medizinstudent aus Halle. Viele kommen demnach zu den Julis, weil sie diskutieren und Meinungen austauschen wollen. Man lerne, Prozesse zu verstehen.

Parteiarbeit für viele unattraktiv

Krause bemerkt ebenfalls, dass sich das Standing der Jugendorganisation innerhalb der Partei verbessert. Parteiarbeit sei für viele junge Menschen dennoch nicht attraktiv. Sie sei sehr zeitaufwendig und derzeit noch von einem sehr alten Politikstil geprägt.

Junge Menschen müssen sich einbringen, um Zukunftsthemen auf die Agenda zu kriegen.

Kai Krause, Chef der Jungen Liberalen Sachsen-Anhalt

Der SPD-Nachwuchs im Land hat nach Angaben von Juso-Landeschefin Franca Meye zuletzt ebenfalls einen Zulauf verzeichnet. Die Proteste gegen die EU-Urheberrechtsreform und die Sorge um eine Zensur des Internets durch automatische Upload-Filter hätten den landesweit rund 700 Jungsozialisten seit Jahresbeginn gut 20 neue Mitstreiter eingebracht. Auch die Organisatoren der Klima-Demos in Sachsen-Anhalt suchen den Angaben zufolge den Kontakt. Sie fragten nach Informationen zu Klima- und Umweltschutz, wollten wissen, wie sie am besten mit den Berufspolitikern in Kontakt treten können, so Meye.

Die zuletzt viel diskutierten Äußerungen des Juso-Bundeschefs Kevin Kühnert zur Kollektivierung von Großunternehmen seien bei den Jungsozialisten in Sachsen-Anhalt unterschiedlich aufgenommen worden. Viele fänden es aber gut, dass dadurch eine Debatte über die Wirtschaftspolitik angestoßen wurde.

Vorurteile gegen junge Politiker

Bei den Jugendorganisationen von AfD und CDU sind die Mitgliederzahlen in den letzten Monaten nicht gestiegen. Der Nachwuchs der AfD, die Junge Alternative, hat im Land rund 150 Anhänger. Eintrittsgründe seien hier beispielsweise Unzufriedenheit mit der Asyl- aber auch mit der EU-Politik, erklärt Jan Wenzel Schmidt. Er ist Chef der Jungen Alternative in Sachsen-Anhalt und sitzt außerdem für die AfD im Landtag. Als junger Mensch in der Politik sieht er sich manchmal mit Vorurteilen konfrontiert. Die Jugend habe noch nicht so viel Lebenserfahrung, heiße es da etwa. Das stimme zum Teil zwar, meint Schmidt. Man könne sich aber auch als junger Mensch politisch engagieren. In der AfD werden junge Leute nach Ansicht des 27-Jährigen insgesamt aber stärker gehört als in anderen Parteien.

Die Junge Union gehört neben den Jusos zu den größten Partei-Jugendorganisationen im Land und hat nach Angaben der Vorsitzenden Anna Kreye rund 650 Mitglieder. Da die CDU in Sachsen-Anhalt viele Regierungsmitglieder habe, sei der Weg bei der Jungen Union kurz, wenn man sich politisch einbringen wolle.

Wissenschaftler: Parteien müssen sich öffnen

Sich politisch einbringen – dass dies gerade in Wahljahren verstärkt in den Fokus rückt, beobachtet Benjamin Höhne vom Institut für Parlamentarismusforschung in Berlin. Die Parteien könnten dann stärker mobilisieren. Aber: Wenn Parteien künftig nicht attraktiver für die Mitarbeit werben, werde es zu einem "dramatischen Aderlass" kommen, meint Höhne.

Was können Parteien also tun, um für junge Menschen attraktiver zu werden? Der Politikwissenschaftler hat dazu einige Ideen. So würde es ihnen generell gut tun, sich mehr zu öffnen, eine Willkommenskultur zu etablieren. Zudem müsse Mitbestimmung etwas bewirken können. Parteien sollten Höhne zufolge mutiger werden, neue Schritte zu gehen und auch mal etwas Neues ausprobieren – und zum Beispiel auf Mitgliedsbeiträge verzichten. Sie seien ein unnötiges Beitrittshemmnis.

Ich kann nur an Jugendliche appellieren, in die Jugendorganisationen der Parteien zu gehen, neue Ideen einzubringen, verkrustete Strukturen aufzubrechen und sich nicht entmutigen lassen, wenn es mal langsamer vorangeht als erwartet.

Politikwissenschaftler Benjamin Höhne
Porträtaufnahme von Politikwissenschaftler Dr. Benjamin Höhne vom Institut für Parlamentarismusforschung in Halle
Politikwissenschaftler Dr. Benjamin Höhne ist der stellvertretende Leiter des Instituts für Parlamentarismusforschung in Berlin. Bildrechte: Institut für Parlamentarismusforschung

Dass Jugendliche und junge Erwachsene heutzutage weitgehend unpolitisch seien, will Höhne so nicht unterschreiben. Er habe Zweifel, ob die Parteizugehörigkeit dafür der richtige Gradmesser sei. Jugendliche äußern demnach auch durch Teilnahme an Demonstrationen – wie etwa FridaysForFuture – oder durch Einträge in den sozialen Netzwerken ihre Meinung.  

"Es ist sogar nicht auszuschließen, dass es angesichts des Zulaufs für Populisten zu einer Re-Politisierung kommt", sagt Höhne. Konflikte, die einen wichtigen Antrieb für politische Teilhabe bilden, nehmen seiner Meinung nach zu – und das betreffe nicht nur die Klimapolitik.

Die Kommunalwahl als Chance

In der Politik mitwirken – das wollen einige Mitglieder der Partei-Jugendorganisationen besonders. Ob Jungsozialisten, Junge Union, Junge Alternative, Junge Liberale, die Linksjugend oder die Grüne Jugend: Sie alle haben Mitglieder, die für die Parteien bei der anstehenden Kommunalwahl antreten – damit in den Stadträten und Kreistagen künftig mehr Jüngere mitentscheiden, wenn es um die Zukunft geht.

Kalina Bunk
Bildrechte: MDR/ Jörn Rettig

Über die Autorin Kalina Bunk arbeitet seit 2015 für MDR SACHSEN-ANHALT – in der Online- und in der Hörfunkredaktion. Sie schreibt für mdrsachsenanhalt.de, verfasst und spricht die Nachrichten im Radio und ist als Reporterin im Land unterwegs. Aufgewachsen ist sie in Bremen. Dort und in Madrid studierte sie Kulturwissenschaft und Germanistik. Danach war sie für mehrere private Radiosender in Bremen und Berlin tätig. An der Arbeit als Redakteurin fasziniert sie, dass jeder Arbeitstag anders aussieht und dass man täglich etwas Neues dazu lernt.

Quelle: dpa, MDR/kb

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 24. Mai 2019 | 05:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 24. Mai 2019, 08:46 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

7 Kommentare

25.05.2019 13:19 goffman 7

@ winfried 5: Klimaschutz, freies Internet und eine gute Infrastruktur (heißt: bezahlbarer, gut ausgebauter, klimaneutraler Öffentlicher Nahverkehr und Fernverkehr; digitale Vernetzung; etc.) - Genau das sichert und schafft Arbeitsplätze. Und wenn Sie eine gerechte "auskömmliche Bezahlung & bezahlbare Wohnungen" wollen - CDU & SPD haben da nicht geliefert und AFD & FDP haben Forderungen, die das Problem sogar verschärfen würden.

24.05.2019 15:12 C.T. 6

"...Aber alle unabhängigen, seriösen Wissenschaftler sind sich einig, dass es unsere Welt gravierend verändern wird - und das nicht zu unserem Vorteil..."

Jedes mögliche Zukunftsszenario ohne die Spezies Mensch ist eine gute Zukunft für den Planet Erde. Wo ist also das Problem?

24.05.2019 10:50 winfried 5

>>Klimaschutz, automatische Uploadfilter oder auch Mobilität<< ... braucht der Eliten-Nachwuchs.
Einen sicheren Arbeitsplatz, auskömmliche Bezahlung, bezahlbare Wohnung und
funktionierende Infrastruktur brauchen die Anderen, die "Normalen".

Mehr aus Sachsen-Anhalt