Jobs in Sachsen-Anhalt So lebt es sich im "Niedriglohn-Land" – Teil 2

Vor der Bundestagswahl startet MDR SACHSEN-ANHALT eine Reportage-Serie über Menschen, die Niedriglohn verdienen und sich oft nur mit mehreren Jobs oder staatlicher Hilfe über Wasser halten können. Teil 2 der Serie

Morgens um 7 Uhr in Schönebeck: Angelika Finger hat zum ersten Mal seit ihrer Kündigung vor zwei Monaten wieder Hoffnung: Sie hat ein Vorstellungsgespräch in Magdeburg. Es geht um eine Stelle in einer großen Reinigungsfirma. Natürlich sei sie aufgeregt, sagt sie. Aber mal abwarten, was draus wird.

Angelika Finger will weg vom Hartz IV. Kein Minijobben und Aufstocken mehr. Was sie sucht: Arbeit, von der man leben kann. Im Niedriglohnbereich geht das nur mit einem Vollzeit-Job von 40 Stunden pro Woche. Nach dem Vorstellungsgespräch ist sie zuversichtlich. Für sie sei es optimal gelaufen, sagte sie MDR SACHSEN-ANHALT. "Ich habe auf ein Praktikum gehofft, da ich einen Arbeitsvertrag habe, besser kann es nicht laufen, finde ich." Das Ergebnis: 9 Euro Stundenlohn, 30 Stunden die Woche, zwar nicht ganz Vollzeit. Aber immerhin: ein Neustart.

Wer ist Angelika Finger? Angelika Finger, 55 Jahre alt, ist Reinigungskraft aus Schönebeck. Sie hat die letzten fünf Jahre nachts Büroräume bei Thyssen Krupp geputzt. Dann wurde sie entlassen. MDR SACHSEN-ANHALT wird sie bis zur Bundestagswahl auf ihrem Weg begleiten.

Ernüchterung nach dem Kassensturz

Ein paar Wochen später ist die Euphorie bereits vorbei. Der Chef der Reinigungsfirma, Egbert Röwer, ist enttäuscht: Nach nur zwei Tagen hat seine neue Mitarbeiterin Angela Finger ihren Job hingeschmissen. Dabei hat Röwer ihr sogar eine Perspektive auf eine Vollzeit-Beschäftigung angeboten.

Röwer sagte MDR SACHSEN-ANHALT: "Sie war willig und hat auch eine gute Arbeit gemacht. Aber sie hat sich gesagt: 'Ich pack das nicht.' Wenn das so die Tendenz ist, das ist nicht gut."

Was Angelika Finger gemacht hat, war ein Kassensturz. Gemeinsam mit ihrer besten Freundin Heike hat die 55-Jährige alles noch mal durchgerechnet. Ihr Putzgehalt: 1.086 Euro Brutto. Davon gehen die Sozialabgaben, Miete und die Kosten für das Auto ab. Am Ende blieben ihr gut 300 Euro im Monat. Mit Hartz IV sieht das anders aus: Weniger Ausgaben und am Ende bleibt sogar mehr Geld in der Tasche. Geld, das zum Leben reicht.

Fehlender Führerschein wird zum Problem

Genug Geld zum Leben, das kann auch Logistik-Unternehmer Mike Höfer in der Regel nicht zahlen. Er beschäftigt im Sozialkaufhaus "Help" überwiegend Teilzeit-Mitarbeiter: jung, willig, aber eben ohne die richtige Qualifikation.

So wie Steven Schwarz. Gerne würde sein Chef ihm mehr Verantwortung geben, aber es fehlt – wie so oft – der Führerschein. "Damit haben wir wirklich ein Problem", sagt Höfer MDR SACHSEN-ANHALT. "Leute zu finden, die einen Führerschein haben, damit wir auch bisschen flexibler arbeiten können."

Wer ist Steven Schwarz? Steven Schwarz, 29 Jahre alt, arbeitet im Sozialkaufhaus "Help" in Magdeburg. Eigentlich hat er Maler und Lackierer gelernt. Arbeiten auf dem Bau, das war nichts für ihn. Das Logistik-Geschäft dagegen schon. MDR SACHSEN-ANHALT wird ihn bis zur Bundestagswahl auf seinem Weg begleiten.

Führerschein muss warten

Für den Führerschein hatte Steven Schwarz das Geld eigentlich schon fast zusammen. Im Moment könne er ihn aber wegen finanzieller Probleme nicht weiter machen, erklärt Schwarz MDR SACHSEN-ANHALT. So habe zum Beispiel die Katze Kinder bekommen. Die Kosten beim Tierarzt: 580 Euro. "Und die möchte man ja auch nicht sterben lassen, die Katze." Ausgaben außer Plan kann Steven Schwarz nicht ohne weiteres schultern. Für ihn bedeutet das: Wieder eine Verzögerung auf dem Weg zum Vollzeit-Job.

Angela Finger plant jetzt einen richtigen Neustart, weg aus der Reinigungsbranche. Am liebsten möchte sie als Betreuungsassistentin in der Altenpflege arbeiten. Ein Job im Niedriglohnbereich – das wird bleiben.

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 24.06.2017 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 25. Juni 2017, 09:50 Uhr

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12 Kommentare

26.06.2017 09:18 Susan 12

Und sonst: Tja, liebe ehemalige DDR-Bürger (ich gehöre dazu), ihr habt 1990 die Bananen gewählt und gekriegt. Für 90 Cent das Kilo werfen euch die Kapitalisten diese aus den ausgebeuteten ehemaigen (?) Kolonien hinterher. Ihr habt zugesehen, wie die Apologeten des "heiligen Marktes" euer Land ausgeplündert, eure Betriebe geraubt und eure Wirtschaft platt gemacht haben. Ihr habt das trotz aller diktatorischen Elemente (die weg mussten) Wichtigste, das ihr erreicht habt, aufgegeben: Die vergesellschafteten Produktionsmittel. Jetzt müsst ihr halt wieder für den Profit von Kapitalbesitzern arbeiten, anstatt für das Gemeinwohl. Jetzt müsst ihr halt eure einzige Ware Arbeitskraft auf ihrem Markt verkaufen, eure Steuern auch an die imperialistische sehr profitable Kriegswirtschaft abdrücken... Hättet ihr mal besser aufgepasst in der Schule. Auch an "Propaganda" ist manchmal was Wahres dran. Aber freut euch nur tüchtig: Ihr habt eure Bananen. ;-)

26.06.2017 07:54 Susan 11

Oh Himmel, der Verteilungskampf tobt mal wieder hier unten, anstatt seinen Frust mal auf die "da oben" sitzenden Absahner zu fokussieren. Dazu kursieren mal wieder "alternative Fakten" in den Köpfen. Laut Asylbewerberleistungsgesetz erhält ein Flüchtling ein Bett in einer Unterkunft mit zwei, drei Unbekannten im selben Zimmer. Muss er sich selbst versorgen, gibt es für Alleinstehende 354 Euro (55 weniger als bei H4), ein Paar erhält für zwei Personen 636 Euro (100 Euro weniger als bei H4), 14-17jährige 276 Euro (35 Euro weniger als bei H4), 6-13jährige 242 Euro (49 Euro weniger als bei H4) und Kinder unter sechs 214 Euro (23 Euro weniger als bei H4) im Monat. Wer drei Mahlzeiten am Tag und Klamotten aus der Altkleidersammlung kriegt, erhält nur "Taschengeld", je nach Alter 76 bis 135 Euro. Flüchtlinge werden wie H4-Bezieher sanktioniert. Wollen Sie etwa die Menschen verrecken lassen auf den Straßen, oder was?

25.06.2017 14:13 Barbara 10

@ 4 du hast zwar recht, aber was ist dann mit den Flüchtlingen die 3 8 0 .-Euro im Monat erhalten und Unterkunft sowie noch vieles andere finanziell
bekommen ohne einer arbeit nach zu gehen ? was eigentlich denen garnicht zu stehen würde.
Zuerst kommen unsere Bürger dran eh andere, und das werden sich diese auch selber sagen.