Ein Mann steht vor acht Bildschirmen und überlegt
Der Zugverkehr in Sachsen-Anhalt wird zentral koordiniert. In der Leitstelle zählen Überblick und Schnelligkeit. Bildrechte: MDR/André Plaul

Arbeit in der Leitstelle der Deutschen Bahn Pünktlichkeit per Mausklick

Hunderte S-Bahnen und Regionalzüge der Deutschen Bahn sind täglich in Sachsen-Anhalt unterwegs. Der Verkehr wird zentral koordiniert. Wenn mal etwas nicht nach Plan läuft, schlägt die Stunde der Disponenten. Was im Hintergrund geschieht, damit Verspätungen aufgeholt und Fahrgäste möglichst gut informiert werden, zeigt ein Besuch in der zentralen Leitstelle (ZLS) der Bahn für den mitteldeutschen Raum.

von André Plaul, MDR SACHSEN-ANHALT

Ein Mann steht vor acht Bildschirmen und überlegt
Der Zugverkehr in Sachsen-Anhalt wird zentral koordiniert. In der Leitstelle zählen Überblick und Schnelligkeit. Bildrechte: MDR/André Plaul

Das Schloss surrt, eine schwere Metalltür macht den Weg frei: Das Herz des Zugverkehrs in Sachsen-Anhalt ist ein Raum, halb so groß wie ein Fußballfeld. Das Licht ist gedimmt. Nur vereinzelt blitzen Sonnenstrahlen durch die schmalen Schlitze der Jalousien vor den Fenstern. Sie dürfen ohnehin nicht geöffnet werden. Überhaupt ist es ein kleines Geheimnis, wo sich dieser Ort befindet. Das Gebäude unweit des Leipziger Hauptbahnhofs, diese Information ist freigegeben, darf nicht fotografiert werden. Und den Hochsicherheitsbereich darf auch nur betreten, wer am Eingang seinen Ausweis vorzeigt, einen Anstecker mit rotem Punkt anlegt – das steht für externe Besucher – und sein Mobiltelefon in den Flugmodus verabschiedet. Tür zu, willkommen! Hier im Inneren darf auch wieder fotografiert werden. MDR SACHSEN-ANHALT ist schließlich angemeldet.

Verspätung: "Wir werden den Zug brechen"

Ein Mann mit Trainingsjacke sitzt vor sechs verschieden großen Bildschirmen, hat zwei Mäuse und zwei Tastaturen vor sich
Das Reich von Torsten Nieb: Viele Monitore am Platz, viele Fenster vor sich, viele Zahlen im Kopf. Bildrechte: MDR/André Plaul

In Waben angeordnet stehen abgerundete Schreibtische, jeder bestückt mit einer Hand voll Bildschirmen. Wäre dies ein Raumschiff, hätte es viele Cockpits. An einem dieser modernen Schreibtische sitzt Verkehrsdisponent Torsten Nieb. Auf seinen Bildschirmen zappeln Zahlen auf Linien entlang. Viele kleine Programmfenster sind geöffnet. Es wird getippt und geklickt. Routine? Nicht ganz. Eine Strecke seines Bereichs genießt seit einigen Minuten Torsten Niebs Aufmerksamkeit. Der Regionalexpress 26764 Erfurt-Magdeburg hat mehr als eine Stunde Verspätung. "Den werden wir in Schönebeck brechen", erklärt Nieb mit ruhiger Stimme. Für die Reisenden in diesem Zug bedeutet der Satz übersetzt: Ihre Bahn wird ihr Ziel nie erreichen, also die Fahrt vorzeitig beenden. Warum? "Es würde sich sonst zu viel Verspätung auf den nächsten Zug übertragen." Der Zeitpuffer ist gering. 18 Minuten Aufenthalt hätte der Zug in Magdeburg gehabt, bevor er zurück nach Thüringen fährt. Zu wenig, um eine Verspätung dieser Größenordnung zu tilgen.

Auf einem Bildschirm erscheinen aufgelistet Bahnhofs- Abkürzungen und Uhrzeiten
Einblick in Zahlen und Abkürzungen eines Verkehrsdisponenten: "LSB" steht für den Bahnhof Schönebeck(Elbe), die "70" markiert die Verspätung. Bildrechte: MDR/André Plaul

Jetzt ist der Disponent Nieb, der seit 1989 Züge koordiniert, in seinem Element. "Aufregend, aufregend", murmelt er und klickt durch die Programmfenster, tippt Zugnummern aus dem Gedächtnis in die Tastatur. Mehrere Fenster mit der Aufschrift "EDP" ploppen auf. Es ist nur eine der vielen Bahn-Abkürzungen, die durch den Raum fliegen. Aber die Erklärung ist leicht: Es handelt sich um E-Mails. "Lese ich später", sagt Nieb und klickt sie weg. Jetzt müssen wichtige Fragen geklärt werden: Kommen die Reisenden von Schönebeck weiter nach Magdeburg? Ja, die S-Bahn fährt vier Minuten später. Kommen die Reisenden für den Gegenzug von Magdeburg noch rechtzeitig nach Schönebeck? Ja. Und gibt es in Schönebeck ein freies Gleis? Ja, den laut Fahrplan für Halte nicht genutzten Hausbahnsteig 2. Nieb greift zum Telefon. Die Informationskette beginnt.

Viele Bahnen, ein Gleis und ein Entscheider

Mehrere Männer sitzen an abgerundeten Schreibtischen mit mehreren Bildschirmen
Die Verkerhsdisponenten der Leitstelle sind für verschiedene Strecken zuständig. Bildrechte: MDR/André Plaul

Über 1.800 Züge der Deutschen Bahn in ganz Mitteldeutschland werden von Torsten Nieb und seinen Kollegen pro Tag koordiniert. Jeder Disponent in der Zentralen Leitstelle hat einen eigenen Abschnitt mit den jeweiligen Linien und Zügen vor sich auf den Bildschirmen. Wenn etwas nicht nach Plan läuft, liegt das Schicksal von rund 200.000 Reisenden täglich in ihren Händen. Kurze Verspätungen sind Alltag. Einen Anschlusszug warten zu lassen, das erledigen sie in kleinen Fällen per Mausklick. Bei großen Verspätungen muss jedoch die Netz-Zentrale angefragt werden, denn die Deutsche Bahn teilt sich die Gleise mit anderen Eisenbahnverkehrsunternehmen, wie Abellio, Transdev und ODEG. Da Betrieb und Netz rechtlich getrennt sind, hat letztere die Entscheidungshoheit im Sinne aller Beteiligten.

Bahnsprache – Deutsch ZLS = Zentrale Leitstelle (z.B. Leipzig)
UZ = Unterzentrale
EVU = Eisenbahnverkehrsunternehmen
EDP = Elektronische Datenpost

Finger gleiten über eine weiße Tastatur
Jede Planänderung muss im System vermerkt und begründet werden. Auch Informationen für die Reisenden werden hinterlegt. Bildrechte: MDR/André Plaul

Die Minuten vergehen. Torsten Nieb hat noch immer den Telefonhörer am Ohr. Der Triebfahrzeugführer weiß bereits, dass er seinen Zug nur noch bis Schönebeck fahren muss. Die Kollegen in der Außenleitstelle Magdeburg sind auch informiert, dass in dieser Mittagsstunde der Zugverkehr etwas anders laufen wird. Und noch ein Detail steht auf der Liste: "In Magdeburg hätte eigentlich ein anderer Lokführer übernommen", so Nieb. Aber auch der ist längst im Bilde und fährt seinem Zug entgegen – per Zug. Der Verkehrsdisponent wirkt zufrieden. Ein letzter Anruf geht an die Servicekräfte im Magdeburger Hauptbahnhof. Schließlich sollen auch die Reisenden wissen, wie sie nun mit dem Zug nach Erfurt kommen. "Die können einfach mit dem 16321, also dem Hallenser, mitfahren", spricht Nieb ins Telefon. Das sei auch der Zug, mit dem der neue Lokführer anreise. Der Rest ist Protokoll.

Kleine Ursache, stundenlange Auswirkung

15 Minuten sind vergangen, von der Entscheidung des Disponenten, über die Organisation, bis zur Information der Fahrgäste am Bahnsteig. "Man kann gar nicht schnell genug sein", kommentiert Nieb das geglückte Manöver. Immerhin: Der Regionalexpress 26767 tritt seine Rückreise mit halbierter Verspätung – 31 Minuten – an. Erst später wird entschieden: Auch dieser Zug soll sein Ziel nicht erreichen, sondern die Fahrt im Thüringischen Sömmerda beenden und dort kehrt machen. Die Verspätung aber ist aufgeholt. Worin hatte sie eigentlich ihren Ursprung? Nieb tippt, klickt und wird fündig: Der Regionalzug bestand ursprünglich aus zwei Triebwagen, aber einer versagte am Vormittag den Dienst. "Der wurde in Hettstedt rausrangiert", erklärt Nieb. Ihn einfach im Bahnhof stehen zu lassen wäre keine Option gewesen. "Da wir in Hettstedt nur einen Bahnsteig haben, hätten wir sonst gar nicht mehr fahren können."

MDR SACHSEN-ANHALT Autor Reporter Radio Online André Plaul
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Der Autor Aus der Altmark in die Landeshauptstadt: André Plaul gehört seit 2010 zum Team von MDR SACHSEN-ANHALT. Zuvor konnte sich der gebürtige Stendaler bereits ein Journalistik-Studium und ein multimediales Volontariat beim MDR in Leipzig in den Lebenslauf schreiben. Bei MDR SACHSEN-ANHALT betreut André mit Leidenschaft das Frühprogramm im Radio – und die Nachrichtenseiten im Netz. Seine Freizeit widmet er mit Vorliebe dem Thema Eisenbahn. So ist er auch im Funkhaus in diesen Dingen Ansprechpartner Nummer eins.

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 31. Juli 2018 | 13:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 31. Juli 2018, 16:17 Uhr

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2 Kommentare

31.07.2018 22:27 G. Czernicki 2

Liebes MDR Team, wie wäre es denn mit einem ähnlichen Artikel über die Arbeit in der Leitstelle der MVB Magdeburg zu berichten? Sicherlich auch ein sehr interessantes Thema.

Anmerkung MDR SACHSEN-ANHALT:
Das ist eine sehr schöne Idee. Wir schauen mal, ob wir das zeitnah hinbekommen.

31.07.2018 17:12 Leser 1

lieber mdr. sicher sehr interessanter artikel. aber die meisten lesen die app und dafür sind solche überlangen artikel nicht wirklich geeignet. da möchte man kurz und bündig informiert sein.

ANMERKUNG MDR SACHSEN-ANHALT:
Danke für den Hinweis.