Corona-Krise und Psyche "Depression ist mehr als ein Gefühl, es ist ein riesengroßes Krankheitsbild"

In Sachsen-Anhalt gibt es im Bundesvergleich die wenigsten Psychotherapeuten-Plätze. Dabei würden die dringend gebraucht – gerade auch während der Corona-Krise. Eine Betroffene aus Wittenberg erzählt.

Alicia Budrian aus Wittenberg
Alicia Budrian aus Wittenberg hat seit ihrer Jugend psychische Erkrankungen. Sie wünscht sich, dass diese nicht tabuisiert werden, sondern offen über Depressionen und Co. gesprochen wird. Bildrechte: MDR/Stefan Bernschein

Gerade für Menschen, die mit Depressionen und mit anderen psychischen Erkrankungen zu kämpfen haben, ist sie lebenswichtig: die Psychotherapie. Die Erfahrung hat auch Alicia Budrian aus Wittenberg gemacht, die lange Zeit in Behandlung war: "Diesen Menschen dort kann man alles erzählen, und dann geht man seine Probleme an. Man findet Verständnis bei einem anderen Menschen, der das nicht verharmlost."

Allerdings – und das ist die Schwierigkeit –, ist es gar nicht so einfach, so einen Therapieplatz zu bekommen. "In einem kleinen Ort wie in Wittenberg, haben wir einfach zu wenig. Weil man ist ja nicht nur fünf Tage in Therapie. Und dann sind da locker mal so 30, 40 Patienten auf einen Therapeuten. Aber für den Rest ist kein Platz mehr da", erzählt Budrian weiter.

Dieses Problem wird auch in der Statistik deutlich: Im bundesweiten Durchschnitt kommen 38 Psychotherapeuten auf 100.000 Einwohner. In Regionen, wie Hamburg und Berlin, sind es deutlich mehr – Sachsen-Anhalt belegt im Bundesländervergleich den letzten Platz. Hier sind es 22 Psychotherapeuten auf 100.000 Einwohner.

Eine Frau mit roten Haaren schaut in einen Spiegel. 3 min
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Mo 25.01.2021 10:49Uhr 03:21 min

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Ländliche Regionen: Nicht alle Stellen sind besetzt

Dessen ist sich auch Axel Wiedemann, Landesgeschäftsführer der BARMER Sachsen-Anhalt, bewusst. Er sagt: "Es gelingt insbesondere in ländlichen Regionen noch nicht, alle Therapeutenstellen zu besetzen. Deshalb müssen Videosprechstunden und Gruppentherapien ausgebaut werden." Apps und Online-Möglichkeiten kennt Alicia Budrian auch, am meisten hätte ihr bisher aber über Jahre die Psychotherapie im ambulanten Bereich geholfen.

Depression ist mehr als ein Gefühl, das ist ein riesengroßes Krankheitsbild. Das ist auch nicht bei allen Leuten gleich. Und nicht, weil man jetzt traurig ist, hat man gleich Depressionen. Das ist auch ein riesiger Unterschied.

Alicia Budrian

Alicia leidet schon seit ihrer Kindheit an verschiedenen psychischen Erkrankungen. Verstärkt wurde die Depression, nachdem sie mit 13 Jahren von einer Internetbekanntschaft vergewaltigt wurde. Es folgte ein etwa dreijähriger Prozess gegen den Täter, der ebenfalls seine emotionalen Spuren hinterlassen hat. "Man hat einen bestimmten Kontingentsatz von der Krankenkasse. Und wenn der aufgebraucht ist, ist sozusagen Schluss", erklärt die Wittenbergerin. Zwei Jahre sei sie jetzt gesperrt, wolle danach aber wieder in therapeutische Behandlung gehen: "Ich bin eben jemand, der nicht so leicht mit dem Leben umgehen kann. Ich kann das noch nicht. Noch nicht."

Psychische Erkrankungen dürfen kein Tabu-Thema sein

Was Budrian unabhängig vom Therapieplatz wichtig ist: dass psychische Erkrankungen kein Tabu-Thema mehr sind. "Ich würde mir wünschen, dass es irgendwann so normal ist zum Psychologen zu gehen, wie wenn man zum Zahnarzt geht." Deshalb spricht sie offen über ihre Probleme und Gedanken zum Thema in den sozialen Netzwerken.

Ich würde mir wünschen, dass es irgendwann so normal ist zum Psychologen zu gehen, wie wenn man zum Zahnarzt geht.

Alicia Budrian

Weitere Anlaufstellen, die auch aktuell in der Corona-Pandemie von Betroffenen genutzt werden: Sorgentelefone. Deren Nummern werden seitdem noch häufiger gewählt. "Bei uns rufen viele psychisch Kranke an, die sehr alleine sind. Gerade durch die Situation im Lockdown", erzählt Anette Carstens, Leiterin der Telefonseelsorge Magdeburg.

Für psychisch Erkrankte: Hier bekommen Sie Hilfe

  • Telefonseelsorge (erreichbar 24 Stunden täglich): 0800 11 10 111 und 0800 11 10 222
  • Elterntelefon (Mo – Fr von 9 – 17 Uhr; Di + Do von 17 – 19 Uhr): 0800 11 10 550
  • Kinder- und Jugendtelefon (Mo – Sa von 14 – 20 Uhr): 0800 11 10 333
  • Info-Telefon Depression (Mo, Di, Do von 13 – 17 Uhr; Mi + Fr von 8.30 – 12.30 Uhr): 0800 33 44 533
  • Corona-Hotline "Psyche in der Krise" (Mo – Fr von 8 – 16 Uhr): 0341 86 42 400
  • "Silbertelefon" Corona für ältere Menschen (Mo – So von 8 – 22 Uhr): 0800 47 08 090
  • Nummer gegen Kummer (Mo – Sa von 14 – 20 Uhr): 116 111
  • Weißer Ring Opfertelefon (Mo – So von 7 – 22 Uhr): 116 006
  • Pflegetelefon für pflegende Angehörige (Mo – Do von 9 – 18 Uhr): 030 20 17 91 31

Belastete Psyche in der Corona-Pandemie

Auf der einen Seite belastet die Corona-Pandemie Menschen, die bereits eine psychische Erkrankung haben, zusätzlich. Budrian fehlt beispielsweise vor allem der soziale Kontakt während der Krise, die Menschen, mit denen sie über ihre Probleme reden kann. Auf der anderen Seite führt die Pandemie bei manchen erst zu Problemen mit der Psyche. Deshalb betont Sabine Ahrens-Eipper von der Ostdeutschen Psychotherapeutenkammer: "Trotz und gerade aufgrund von Corona: Unsere psychotherapeutischen Praxen bleiben offen. In Kontakt bleiben ist so wichtig wie nie zuvor."

Diskussion bei "FAKT IST!" am Montag In der Sendung "FAKT IST!" wird im MDR-Fernsehen am Montag, 25. Januar, ab 22.10 Uhr, über das Thema "Lockdown und kein Ende –Psyche in Not" geredet.

Recherche & Redaktion: MDR

Dieses Thema im Programm: FAKT IST! | 25. Januar 2021 | 22:10 Uhr

1 Kommentar

peter1 vor 4 Wochen

Der oder das Virus ist die eine Seite.
Psychische Erkrankungen bei Kindern, Eltern, Erwachsenen, Kranken und Alten sind die andere Seite. Das wird alles schwere Auswirkungen nach sich ziehen und meist nicht mehr gut zu machen sein. Leider ist das kein Spass, nur es scheint wenig Interesse zu wecken.

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