Stadtpanorama mit Kreml von Kasan/Russland
Kasan ist rund 2.800 Kilometer von Magdeburg entfernt und malerisch an der Wolga gelegen. Bildrechte: MDR/Mandy Ganske-Zapf

Studentenaustausch Magdeburg/Kasan Nach Russland und zurück

Regelmäßig fliegen Professoren und Dozenten aus Magdeburg in die russische Stadt Kasan, die 800 Kilometer östlich von Moskau liegt. Sie ist kultureller Schmelztiegel und Studentenstadt. Im Gegenzug kommen russische Gaststudenten für ein Semester nach Magdeburg. Die Otto-von-Guericke-Universität hat mit Kasan drei gemeinsame Ingenieursstudiengänge aufgebaut. Längst trägt das Engagement weitere Früchte.

von Mandy Ganske-Zapf, MDR SACHSEN-ANHALT

Stadtpanorama mit Kreml von Kasan/Russland
Kasan ist rund 2.800 Kilometer von Magdeburg entfernt und malerisch an der Wolga gelegen. Bildrechte: MDR/Mandy Ganske-Zapf

Ihre Heimatstadt gilt als "dritte Hauptstadt Russlands" und ist mit ihren 1,2 Millionen Einwohnern eine Metropole in kleinem Maßstab. Witalij Charkow und Rinat Klenkow kommen aus Kasan. Die beiden jungen Männer verbringen ein Gastsemester in Magdeburg.

An diesem Tag gehen sie gerade zur nächsten Vorlesung, vorbei am charakteristischen Buchstabenzug "Universität", dem metallenen Willkommensgruß am Unigelände. Die beiden Studenten sind entspannt, sie lachen. Kurz vorm Jahreswechsel lässt der Unistress nach.

Kurze Wege

Seit drei Monaten sind Witalij und Rinat an der Otto-von-Guericke-Universität (OVGU). Sie studieren Chemie-Ingenieurwesen im Master. Gut hätten sie sich an der Elbe eingelebt, sagen sie, mögen die Stadt, die kurzen Wege, "ideal für Studenten", sagt Witalij.

Die Brücke zwischen Magdeburg und Kasan bildet das Universitätsprojekt GRIAT, "German-Russian Institute of Advanced Technologies".  Was etwas umständlich klingt, bringt den Studenten einen deutsch-russischen Doppelabschluss ein.

Zwei junge Männer vor einem Gebäude auf dem Uni-Campus der OVGU in Magdeburg
Witalij Charkow (l.) und Rinat Klenkow unterwegs auf dem Campus in Magdeburg. Bildrechte: MDR/Mandy Ganske-Zapf

Beide haben bereits Berufserfahrung: Witalij an der Uni, Rinat im Flugzeugbau. Nun sind sie mit dem Studium am GRIAT in einen international ausgerichteten Lehrraum eingetaucht: An der Elbe wird er mit Veranstaltungen der OVGU bestückt, in Kasan ist er an der Technischen Forschungsuniversität KAI angedockt. Alles läuft auf Englisch.

"Es war ein ziemlicher Kraftakt"

Reena Schliephake vom Akademischen Auslandsamt an der OVGU hat den Aufbau des Projekts von Anfang an begleitet. "Ein ziemlicher Kraftakt", sagt sie. Die ersten beiden Studiengänge seien innerhalb eines Jahres fit gemacht worden, der dritte kurz darauf. "Wir exportieren unseren Lehrplan dabei praktisch nach Kasan."

Sprich: Die Module von drei Ingenieursstudiengängen, die bisher für eine internationale Studentenschaft am Standort Magdeburg konzipiert waren, sollten von nun an auch ein paar tausend Kilometer weiter in Russland funktionieren.

Wie Schliephake erklärt, fliegen Professoren und Dozenten seitdem einmal pro Semester nach Kasan, um ihre Fächer in Blockseminaren zu lehren. Da können dann schon mal neun Tage hintereinander anorganische Chemie oder Elektrotechnik anstehen.

GRIAT – Daten & Fakten Das GRIAT ist ein gemeinsames Institut, das länderübergreifend von der Internationalen Forschungsuniversität in Kasan und zwei deutschen Universitäten gestartet wurde: der OVGU und der TU Ilmenau. Die TU Kaiserslautern ist mittlerweile ebenfalls an Bord.

Rund 180 Studenten haben das Studium bereits durchlaufen oder sind noch dabei. Gefördert wird unter anderem vom Deutschen Akademischen Austauschdienst.

Insgesamt gibt es bisher sieben englische Master-Studiengänge, davon drei über die Kooperation mit Magdeburg: Elektrotechnik und Informationstechnik, Chemieingenieurwesen, Systemtechnik und Technische Kybernetik.

Geht es nach Jens Strackeljan, Uni-Rektor in Magdeburg und GRIAT-Vizepräsident, soll das Projekt schnell weiter wachsen: "In fünf Jahren wollen wir idealerweise 20 Studiengänge anbieten." Das schultert Magdeburg nicht allein, sondern mit weiteren deutschen Partnern, wobei Russland "kein Selbstläufer" sei, sagt Strackeljan. Andere Unis dafür zu gewinnen, brauche Überzeugungskraft.

Wider die politische Eiszeit

In Magdeburg habe die Idee von Anfang an gefallen. Für Hochschulkooperationen sei der Osten traditioneller Schwerpunkt, sagt Strackeljan. Sei es für Forschung und Lehre, Studentenaufenthalte oder kulturellen Austausch – Partner-Unis gibt es bereits in Polen, Rumänien und der Ukraine.

Kasan sei ein weiteres Puzzlesteil, um sich international aufzustellen, so Strackeljan. Wenn auch einer, der in schwierigen Zeiten gelegt wurde: Kaum war die Tinte unter den Partnerverträgen aus dem Jahr 2013 getrocknet, brachen wenige Monate später auf politischer Ebene neue Eiszeiten an. Ost und West wechselten durch die Krim-Annexion und den Krieg im Donbass in den Modus der Krisendiplomatie. Die Universitäten lassen sich davon in ihrem Austausch bisher wenig beirren, so auch in Magdeburg und Kasan.

Für die GRIAT-Studenten läuft das dritte Semester planmäßig in Magdeburg. Witalij Charkow und Rinat Klenkow sind im Moment gemeinsam mit acht Kommilitonen hier.

Eine neue Erfahrung, wie Witalij findet, schon weil Prüfungen anders als zuhause meist schriftlich laufen. Rinat als Luftfahrtexperte schätzt die Lehre zur Strömungstechnologie, will das Thema weiter vertiefen. Magdeburg, mit einer Stadt wie Berlin nebenan, das sei schon jetzt ein Gewinn: "Das erste Mal in Europa", sagt er.

Finanziert wird der Aufenthalt in Magdeburg über ein Staatliches Stipendium der russischen Teilrepublik Tatarstan, deren Hauptstadt Kasan ist.

Menschen laufen an einer Moschee entlang (Kasan/Russland)
Die Mardschani Moschee in Kasan, wo ein weltoffener Islam herrscht. Die Tataren, neben Russen die zweite große Volksgruppe in der Stadt, sind muslimischen Glaubens. Bildrechte: MDR/Mandy Ganske-Zapf

Englisch in Magdeburg? Eher nicht.

Tatarstan – das ist eine finanziell gut ausgestattete Region im europäischen Teil Russlands mit vielversprechenden Wirtschaftsprognosen, mit reichen Öl- und Gasvorkommen. Kasan zeigt sich als weltoffene Stadt.

Viel befahrene Straße vor Häuserkulisse
Kasan ist die Hauptstadt der Region Tatarstan. Bildrechte: MDR/Mandy Ganske-Zapf

Es ist ein flirrendes kulturelles Zentrum, in dem orthodoxe Christen und Muslime historisch bedingt sehr nah und friedlich nebeneinander leben. Die Jobchancen seien für die Absolventen gut, versichern die russische und die deutsche Seite. Strackeljan: "Vielleicht erinnert sich der ein oder andere aber auch an Magdeburg."

Wer einmal in Kasan war, dem fällt auf, dass gerade junge Leute schnell mit Englisch bei der Hand sind, um ausländischen Besuchern weiterzuhelfen. Jenseits von Moskau und St. Petersburg ist das noch kein allzu weit verbreitetes Phänomen. Rinat Klenkow und Witalij Charkow hätten das für Magdeburg noch als viel üblicher angenommen. "Vielleicht war das naiv", sagt Rinat, und ein Lächeln huscht über sein Gesicht.

Weiteres gemeinsames Projekt: Sommerschule

Unerwartet hat sich der universitäre Austausch über die vergangenen drei Jahre mit Kasan noch viel weiter entwickelt, als ursprünglich geplant. "Durch die vielen Kontakte kommt eins zum anderen", sagt Reena Schliephake vom Auslandsamt.

So entwickelte sich ein Sommerschul-Projekt für Studenten der Europastudien aus Magdeburg mit der zweiten großen Uni in Kasan. Für 20 junge Leute ging es 2017 bereits von der Elbe an die Wolga. Das erste Auslandssemester für eine ausgewählte Studentin soll zudem im April 2018 starten.

Witalij Charkow und Rinat Klenkow werden sich dann schon auf der Zielgeraden zum Master-Abschluss befinden und zur Zeugnisübergabe im Herbst in Kasan sicher auch altbekannte Gesichter aus Magdeburg wiedertreffen – zum Gratulieren.

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Quelle: MDR/mg,as

Zuletzt aktualisiert: 03. Januar 2018, 18:50 Uhr

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