Großbrand in Egeln 1961 "Und die Fische schwammen oben"

Ende Januar wurde bekannt: Das Flüsschen Ehle im Salzlandkreis ist mit giftigen Chemikalien belastet. Momentan untersuchen Experten, wie die Giftstoffe beseitigt werden können. Die Chemikalien sollen aus einer Chemiefabrik stammen. Dort ereignete sich in den 1960er-Jahren ein Großbrand. MDR SACHSEN-ANHALT hat mit Zeitzeugen gesprochen.

von Tom Gräbe, MDR SACHSEN-ANHALT

Schwarz-Weißaufnahme: Menschen stehen vor riesiger Rauchwolke
Über dem Gelände der Chemiefabrik stieg eine riesige Rauchwolke auf. Bildrechte: MDR/Hans-Burkhardt Feldmann

Bitterkalt war der Januarmorgen 1961, als die Sirenen gingen. Klaus-Peter Meier, damals junger Feuerwehrmann, rückte aus. "Schweinekalt war es. Circa 20 Grad Kälte", sagt der langjährige Leiter der Egelner Feuerwehr. "Wir haben das Wasser über eine lange Schlauchstrecke verlegt."

Heute erinnern nur noch die verwitterten Ruinen des ehemaligen Gleisanschlusses daran, dass hier früher das Alkali-Werk Westeregeln stand. Die Werksfläche selbst wurde asphaltiert. Die Gebäude abgerissen.

Schwarz-Weißaufnahme: Feuerwehrleute stehen mit Schlauch in der Hand neben Auto
Bei minus 20 Grad mussten die Kameraden der Egelner Feuerwehr damals ausrücken. Bildrechte: MDR/Hans-Burkhardt Feldmann

Am Morgen des 15. Januar 1961 brannte hier eine Halle. Darin: Fahrzeuge, Chlorgasflaschen und weitere Chemikalien. Unter anderem Naphthalin. Eine Chlorverbindung, früher Bestandteil von Holzschutzmitteln. Ein giftiger Stoff. "Das Naphthalin ist dann flüssig geworden und ist über die Rampe der Halle nach außen gelaufen." Vor der Halle befand sich ein Eisenbahngleis. "Das hat sich durch die Hitze regelrecht hochgewunden wie ein Korkenzieher." Über dem Gelände stieg eine riesige Rauchwolke auf.

Altlasten beschäftigen die Egelner

Grafik zum Alkaliwerk Westeregeln
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Jetzt, mehr als 50 Jahre später, ist klar: Das Flüsschen Ehle ist mit Schadstoffen belastet. PCB, eine andere giftige Chlorverbindung wurde dort nachgewiesen. Dazu auch Spuren von Naphthalin. Dass das Flusswasser belastet sein könnte, ahnten die Egelner. Viele können sich noch an Verfärbungen im Wasser erinnern. Ein Anwohner sagte MDR SACHSEN-ANHALT:

Wenn die Produktion (des Chemiewerks) von einem Produkt aufs andere umgestellt wurde, dann musste man die Behälter auch spülen. Dann war jedes Mal das Wasser gefärbt. Und die Fische schwammen oben.

Anwohner
Schwarz-Weißaufnahme: Riesige Rauchwolke über Gebäuden
Eisenbahngleise vor der Halle hätten sich regelrecht verformt. Bildrechte: MDR/Hans-Burkhardt Feldmann

Momentan untersucht eine Task Force aus Umweltministerium, Landesamt für Altlastenfreistellung und den Kommunen, wie die Ehle saniert werden kann. Berichte von Zeitzeugen wären dabei hilfreich, stellt Umweltstaatssekretär Klaus Rheda fest. "Damit man weiß, um welche Mengen es sich handelt. Auch, mit welchen konkreten Stoffen umgegangen wurde und wie die dann in das Gewässersystem gelangt sein könnten." So könne man gezielter untersuchen.

Das Löschwasser wäre beim Brand 1961 teilweise herausgelaufen, aber bei Minus 20 Grad sofort gefroren, erinnert sich Klaus-Peter Meier. Ob es kontaminiert gewesen sei, das habe zu der Zeit niemand überprüft.

Gleich daneben war eine Halle mit Chlorkalk. Da ist auch Wasser mit reingekommen. Und der Chlorkalk wurde auch mit aufgelöst. Ob das nun schädlich war, hat keiner überprüft.

Klaus-Peter Meier, Feuerwehrmann von damals

Fest steht aber wohl: Das Erbe der Chemieproduktion wird die Anwohner in Egeln noch lange beschäftigen.

Was ist PCB und was PCN? Im Januar wurde bekannt: Das Flüsschen Ehle in Egeln im Salzlandkreis ist unter anderem mit PCB belastet. Die ölige Chemikalie wurde bis in die 1980er-Jahre verwendet, vor allem in Transformatoren und Hydraulikanlagen, aber auch als Weichmacher in Lacken und Kunststoffen oder als Fugendichtungen in Plattenbauten. Seit 2001 ist der Stoff weltweit verboten.

Beim Großbrand in Westeregeln ist vermutlich Naphthalin (PCN) verbrannt. Verwendet wurde die Chemikalie unter anderem in Holzschutzmitteln.

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Quelle: MDR/agz

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 09. Februar 2018 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. Februar 2018, 17:20 Uhr

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4 Kommentare

10.02.2018 10:16 Freiheit 4

Es passiert so viel in D. was das deutsche Volk auch nicht zu hören bekommt.

10.02.2018 10:06 W. Leonhard 3

Die SED hat nicht nur ihre zwangsinhaftierten Buerger am "antikapitalistischen Schutzwall" abschiessen lassen, sondern sie hat ihre Leute im Land auch noch vergiften lassen.
40 Jahre lang.

10.02.2018 10:04 Krause - "lieber nackt als rechtsextremistisch!" 2

Gefährliches Halbwissen!
Man kann mit Techniken unbedarft 'herumspielen', solange man noch kein umfassendes Wissen von den Wechselwirkungen der verwendeten Substanzen hat oder sich selbst beruhigt, daß 'das alles nicht so schlimm sei' oder 'einer höheren Sache diene'.

Das Beste, was man daraus lernen kann, ist, daß irgendjemand den 'Scheiß unserer Großeltern' aufräumen muß - und damit eben auch Verantwortung für den begangenen Scheiß übernimmt - und das auch für den 'von uns begangenen Scheiß' gilt.

In dieser Verantwortung liegt eben auch die Entscheidung, ob man mit 'vergiftenden Angewohnheiten' weitermacht, weil man sie als 'systemimmanent' ansieht, oder ob man reif genug ist, einen Rückschritt in der Entwicklung zu akzeptieren, wenn man die Entwicklung als falsch beurteilt hat.

Stichwort individuelle Mobilität:
mit ca. 300.000 'gemeinsam genutzten Autos' könnte man den Berliner Bedarf an Mobilität decken - derzeit gibt es ca. 1,3 Mio in Berlin zugelassene Fahrzeuge.

10.02.2018 09:43 Eisbader 1

Diese Berichte über Schadstoffe in der Ehle sind alle übertrieben,als Kind bin ich beim Eislaufen öfter in die Ehle gefallen, ich lebe immer noch, viel schlimmer finde ich das Glyphosat in der Landwirtschaft weiterhin eingesetzt werden darf und damit in Lebensmitteln landet! Wenn die Schadstoffe in der Ehle gelandet sind, dann auch in der Bode und dann in der Saale,wohin diese Flüsse strömen,leider wird heutzutage aus einer Mücke ein Elefant gemacht um so viele Schlagzeilen zu produzieren,es fehlt eine objektive Berichterstattung,alle eifern der BILD nach.