Doku-Serie: "Baseballschlägerjahre" "Ich habe das Gefühl, dass es in Magdeburg frühzeitiger brutaler und verhärteter war"

Johanna Daher
Bildrechte: MDR/Marieke Polnik

"Baseballschlägerjahre" – so bezeichnet Christian Bangel die Zeit nach der Wende. Er ist ZEIT ONLINE-Redakteur und hat diese Jahre mit einem Team in einer Doku-Reihe aufgearbeitet. Magdeburg ist eine der Städte, deren eskalative Situation darin dargestellt wird. Denn: Besonders Ostdeutschland ist geprägt von Hass, Rassismus und Hetzjagden. Was passiert und bis heute geblieben ist: Ein Einblick.

Ein Jugendlicher trägt am 08.02.1998 in Magdeburg bei einer Demonstration gegen rechte Gewalt ein Foto des vor einem Jahr von Skinheads ermordeten Punks Frank Böttcher.
1997 wird der Punk Frank Böttcher von einem Nazi mit mehreren Messerstichen an einer Magdeburger Haltestelle getötet. Bildrechte: dpa

Bis heute begleitet Christian Bangel die Erfahrung aus seiner Vergangenheit: Ihm wird aufgelautert von Nazis, er wird bedroht und zusammengeschlagen. Es sind die Neunziger Jahre, die Zeit nach der Wende und seine Jugend. "Sie wurde verdüstert und durchdrungen durch die ständige Gefahr, dass irgendwo zehn von denen um die Ecke biegen", sagt er. Auch, wenn Bangel gleichzeitig mit seiner Jugend schöne Momente, wie Konzerte und Aktionen mit Freunden verbindet: Dieser Schatten bleibt.

Christian Bangel, heute ZEIT ONLINE-Redakteur, merkt, umso intensiver er sich mit dieser Vergangenheit auseinandersetzt: Er ist damit nicht allein. In ganz Deutschland – vor allem im Osten – gibt es diese brutalen Baseballschlägerjahre, die mit Hass, Rassismus und Hetzjagden durch Nazis einhergehen. Deshalb verfasst Bangel 2019 einen Tweet und ruft seine Mitmenschen auf, ihre Geschichten zu teilen.

Und tatsächlich: Sein Tweet geht viral. Viele Menschen haben solche Situationen erlebt – darunter auch einige Sachsen-Anhalter. Twitter-Nutzerin Silva Arnemann schreibt: "Mitte/Ende der 90er, Wernigerode: Mich fast täglich am Bahnhof an einer Gruppe Nazis vorbeigeschmuggelt. Nen Schaffner hat's mal erwischt – war zum Glück nicht dabei – Flasche über den Schädel gezogen." User Housetier84 wurde Gewalt angetan: "Ich wurde das erste Mal mit 12 (1996) von Nazis K.O. geschlagen, im MC Donalds Magdeburg. Weil ich nicht zugesehen habe, wie sie eine Bekannte bedrängt haben. Mit 15 (1999) wurde ein Bekannter in Dessau durch ein Messer eines Nazis schwer verletzt."

Aus Erinnerungen wird eine Doku-Reihe

Christian Bangel, ZEIT ONLINE-Redakteur
Christian Bangel, ZEIT ONLINE-Redakteur Bildrechte: Christian Bangel

Was Christian Bangel durch den Tweet ebenfalls feststellt: "Das hatte schon etwas Therapeutisches, dass die Leute davon berichten konnten und sich darin wiedererkannt haben, was andere berichtet haben. Und, dass sie endlich mal nicht angezweifelt wurden." Denn, so erlebt Bangel es immer wieder: In den Baseballschlägerjahren werden die Opfer komisch angeschaut und ihnen meistens nicht geglaubt. Keiner will ihnen so richtig zuhören, wie er weiter erzählt: "Es gibt im Film den einen Ex-Punk aus Magdeburg, den Freund von Torsten Lamprecht, der getötet wurde. Der sagt zum Schluss sinngemäß: Man hat uns gesagt, dass wir uns ja etwas anderes anziehen könnten. Aber was das mit uns macht und, dass das bis heute wirkt, etwas anrichtet in einem, das hat keinen interessiert."

Und genau das will Bangel mit seinem Team von ZEIT ONLINE-Kollegen, rbb-Journalisten und der Filmproduktionsfirma Berlin Producers ändern. Deshalb haben sie die sechsteilige Serie "Baseballschlägerjahre" gedreht, die Mittwochabend im rbb-Fernsehen (23:05 Uhr) ausgestrahlt wird und schon jetzt in der ARD-Mediathek angeschaut werden kann.

Es werden darin sechs verschiedene Orte gezeigt. Er selbst erzählt in der ersten Folge über seine Erfahrungen in seiner Heimatstadt Frankfurt (Oder) in Brandenburg. Ebenfalls Teil der Serie: Magdeburg. Auf die Nachfrage, wie sich die damalige Situation in Frankfurt und Magdeburg unterscheidet, erklärt er: "Ich habe das Gefühl, dass es in Magdeburg frühzeitiger brutaler und verhärteter war."

Magdeburg: Der Kampf zwischen Punks und Nazis

Worauf sich Bangel dabei ebenfalls bezieht: Dass es in Magdeburg während der Neunziger Jahre einige Tote gab. Zum Beispiel den Punker Torsten Lamprecht, der eine zentrale Rolle im Film spielt. Er stirbt 1992 durch rechte Gewalt, die Situation zwischen Punks und Nazis ist zu der Zeit durchweg hasserfüllt. Lamprecht war auf einem Geburtstag in den Elbterassen in Magdeburg, als Nazis die Party stürmen. Kritik gibt es in dem Fall auch an der Polizei, die die Autos der Nazis damals wegfahren sahen, aber beispielsweise keine Nummernschilder notierten. Der Überfall führte später zu Verurteilungen einzelner Personen. Zwei Jahre später kommt es in der Magdeburger Innenstadt zu Himmelfahrtskrawallen. 40 Nazis griffen fünf Afrikaner an, die sich draußen im Park gesonnt haben. 1997 wird der Punk Frank Böttcher von einem Nazi mit mehreren Messerstichen an einer Magdeburger Haltestelle getötet.

Aus seiner eigenen Erfahrung weiß Christian Bangel: "Hätte ich einen Bürstenhaarschnitt, enge Jeans und eine Lederjacke getragen, wäre mir das wahrscheinlich nicht passiert. Ich hatte aber lange Haare, Baggy-Pants, Chucks und einen Hip-Hop-Hoodie. Das reichte zu der Zeit schon, dass man in deren Fadenkreuz geriet." Was Bangel dabei betont: Das traf schon auf ihn als weißen Mann zu. Personen mit einer anderen Hautfarbe und Herkunft, genau wie sozialbenachteiligte Menschen, hätte es noch schlimmer getroffen.

Das wird auch am Beispiel von Juliana Gombe aus Magdeburg deutlich, die im Film zu Wort kommt. Sie kommt gebürtig aus Angola, hat eine dunkle Hautfarbe. Sie wurde von Nazis angegriffen, rief um Hilfe, doch die kam nicht. Gombe erzählt: "Die Sache verfolgt mich bis jetzt. Ich kann nicht im Dunkel draußen alleine sein, ich brauche immer jemanden. Alleine gehe ich nicht raus."

Was ist geblieben?

Bei Betroffenen wie Juliana Gombe ist die Angst bis heute geblieben. Und auch Christian Bangel erklärt: "Ich bin deshalb manchmal ein Angst getriebener Mensch. Ich bin im öffentlichen Raum bei angespannten Situationen sehr schnell sehr wach." Der Filmemacher resümiert: "Der Rassismus muss verschwinden. Ich hoffe, dass unser Film einigen Menschen einen Anstoß gibt."

Denn auch, wenn die Neunziger vorbei sind: Heutzutage sind Rassismus und Ausländerfeindlichkeit ebenso präsent. Das wird in vielen Momenten deutlich: Sei es das Halle-Attentat, das sich explizit gegen Juden gerichtet hat. Oder durch die Ereignisse rund um "Black lives matter".

Ob es wieder zu Baseballschlägerjahren kommen könnte? "Das ist schwer zu vergleichen. Was wir aktuell sehen, ist, dass die rechtsextreme Szene Teil von anderen Szenen wird, zum Beispiel das Querdenker-Milieu. Wohin sich das entwickelt, das ist im Moment schwer abzusehen. Ein großer Unterschied: Früher konnte man die Fascho-Trupps überall in den Städten sehen, sie waren dauerhaft präsent. Und das ist heute zum Glück nicht mehr so."

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Punker in der 1980er-Jahren in der DDR. Bildrechte: MDR/Mahmoud Dabdoub

Quelle: MDR/jd

Dieses Thema im Programm: rbb Fernsehen | 02. Dezember 2020 | 23:05 Uhr

4 Kommentare

Magdeburg1963 vor 6 Wochen

Ich weiß nicht in welchem Magdeburg ich groß geworden bin, aber es war zumindest nicht das in dem Artikel beschriebene Magdeburg.
Sicher gab es Auseinandersetzungen zwischen rechten und linken Jugendlichen und sicher gab es auch drei sehr traurige und dramatische Ereignisse, die es nicht zu beschönigen gilt. Aber die latente Angst ständig verfolgt zu werden, hatte ich nicht. Anzumerken ist auch, dass der Rädelsführer beim Elbterassenüberfall nicht aus MD sondern Wolfsburg kam. Viele rechte Brandstifter kamen nach der Wende insbesondere aus dem Westharz zur „Nachwuchsarbeit“. Es sei auch darauf hingewiesen, dass es eine nicht zu verachtende linke Gewalt und einen völlig rechtsfreien Raum in der „Ulrike“ gab.
Und ganz nebenbei fühle ich mich heute nicht sicherer.

Denkschnecke vor 6 Wochen

Nur das "diese Typen" bis vor wenigen Jahren immer noch einmal im Januar durch die Innenstadt gezogen sind und Angst und Schrecken verbreitet haben. Bis Stadt und Bürgerinnen und Bürger den Hintern hochbekommen und etwas ins Leben gerufen haben, was manche als "Bratwurst-Antifaschismus" lächerlich machen. Bis es schließlich eine Partei, der solche Umtriebe sowieso ein Dorn im Auge waren, es geschafft hat, diese wirkliche Aktion besorgter Bürger (mal ohne Ironie) zu zerstören.

faultier vor 6 Wochen

Stimmt diesen Bericht kann ich nur Beipflichten ,Angst und Schrecken herrschte in den 90 Jahren , Die Typen hiessen aber Skinheads welche jedes Wochende vor den Diskos Stress gemacht haben und nicht nur Ausländer und Punks wurden bedroht auch Normalos wurden angegangen ,es waren einfach nur völlig verohte
Jugendliche die den Habitus von Bomberjacke und Springerstiefeln nutzen um Angst und Schrecken zu verbreiten ich glaube auch es ging damals oft um Schutzgeld kann mich noch gut daran erinnern.

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