Arbeitsplätze vs. Umweltbedenken K+S in Zielitz: Der "Kalimandscharo" soll wachsen

"Kalimandscharo" heißt die riesige Salz-Halde bei Zielitz, die schon von der A2 aus zu sehen ist. Hinter dem Werk des Bergbau-Konzerns K+S stemmt sich die Halde über hundert Meter in die Höhe. Doch sie ist zu klein: Sollen die 1.800 Arbeitsplätze erhalten bleiben, müsste die Halde noch ein ganzes Stück vergrößert werden. Aber Umweltschützer warnen vor den Folgen der Erweiterung für die Natur.

von Roland Jäger, MDR SACHSEN-ANHALT

Ein Gigant aus Salz: 120 Meter recken sich die steilen Wände aus Steinsalz in die Höhe. Wer davor steht, fühlt sich klein – und wer den Salzberg hinaufsteigt, findet sich in einer weiß-grauen, wüstenartigen Umgebung wieder, die von einem Absetzer, einem großen Förderband-Ausleger, beständig weiter aufgeschüttet wird.

Die Halde II des K+S-Werkes in Zielitz ist bereits jetzt über einen Kilometer breit und erstreckt sich in Nord-Süd-Richtung über 1,6 Kilometer – doch das ist zu klein. Weil täglich tausende Tonnen Salz auf die Halde geschaufelt werden, droht der Platz knapp zu werden. Bliebe die Halde auf ihre jetzige Fläche beschränkt, würde 2019 die Produktion eingestellt werden müssen. Etwa 1.800 Arbeitsplätze wären gefährdet.

"Kalimandscharo" heißt die riesige Salz-Halde, die sich bei Zielitz in die Höhe stemmt. In den kommenden Jahren soll sie weiter wachsen.
Die geplante Erweiterung der Halde würde die bisherigen Fläche in nördlicher Richtung mehr als verdoppeln. Bildrechte: GeoBasis-DE / LVermGeo LSA, 2018

Zielitz lebt vom Kalisalz

Schon eine kleine Straßenumfrage zeigt: Der Bergbau-Konzern ist von enormer Bedeutung für den Ort. "K+S in Zielitz bedeutet für mich einen festen Job", erzählt ein junger Mann. Eine weitere Anwohnerin sagt: "Meine Schwiegerkinder haben ihre Arbeit dort, die Familien haben sich Häuser gebaut und brauchen das Einkommen. Und wenn die Haldenerweiterung nicht kommt, sind sie arbeitslos."

Damit dieses Szenario nicht eintritt, hat der Bergbau-Konzern bereits einen Antrag auf die Erweiterung der Halde gestellt – beim Landesamt für Geologie und Bergwesen. Von der Entscheidung der Behörde hängt die weitere Entwicklung der Region ab: in wirtschaftlicher und ökologischer Hinsicht.

Eine Stadt unter Tage

Von 120 Metern über der Erde auf 700 Meter Tiefe: Bei der Seilfahrt in den Schacht rumpelt es, es ist dunkel. Hunderte Mechaniker und Bergleute fahren bei Schichtwechsel tagtäglich in das Bergwerk. Hier arbeiten ebenso viele Handwerker und Mechaniker am Erhalt der schweren Geräte und Fahrzeuge, wie sich Bergmänner um den Abbau des Salzgesteins kümmern.

K+S Zielitz Bergwerk Halde Dünger
21 Tonnen Rohsalz schaufelt allein dieser Lader bei einer einzigen Fahrt in die Förderanlage. Bildrechte: MDR/Roland Jäger

400 Meter tief unter dem Bördeboden ist die Luft von feinem, salzigem Staub erfüllt. Die Temperatur ist schweißtreibend: Sie liegt zwischen 30 Grad Celsius an der Seilfahrt und 24 Grad im westlichen Abbaugebiet. Das Bergwerk nimmt derzeit unter der Erde eine Fläche ein, die der der Stadt Magdeburg entspricht.

Wenig wertvolles Kali, viel wertloses Steinsalz

Die Bergmänner beuten eine Salzschicht aus, die schief in der Erde liegt und sich von der Elbe in 1.200 Meter Tiefe bis unter Calvörde und weiter in Richtung Wolfsburg erstreckt. Felsgestein, das den Bergleuten und ihren Bohrern, den Sprengmeistern und Laderfahrern im Weg liegt, wird beiseite geräumt und in aufgegebene Streckenabschnitte gefahren. Es wird nicht an die Oberfläche gebracht.

K+S Zielitz Bergwerk Halde Dünger
Der Dünger, den die Firma produziert, wird etwa nach Australien und Südamerika verschifft. Bildrechte: MDR/Roland Jäger

Nach oben befördert wird nur Salz aus der Kali-Schicht, zwölf Millionen Tonnen Rohsalz pro Jahr. Doch das wertvolle Kali ist auch in dieser Schicht selten. In einem technischen Verfahren werden im Werk Kalisalz und Steinsalz voneinander getrennt. K+S produziert so jährlich zwei Millionen Tonnen Dünger und andere Kali-Produkte – und außerdem eine gewaltige Menge Steinsalz-Abfall, der auf der Halde landet: zehn Millionen Tonnen.

Ohne die Haldenerweiterung droht das Aus

Ulrich Göbel steht auf der Halde. Der K+S-Unternehmenssprecher deutet nach Norden, über die wellenförmigen Salzkämme auf den Wald hinter der Halde. Wenn die Halde auf die beantragten Ausmaße anwächst, würde eine große Fläche gerodet und anschließend mit einer wasserdichten Schicht aus Ton bedeckt. Darauf wird sich im Laufe der Jahre Salz stapeln – 150 Meter hoch. Die vergrößerte Halde würde ihre Fläche mehr als verdoppeln, auf drei Kilometer in Nord-Süd-Richtung und 1,6 Kilometer in der Ost-West-Ausdehnung.

Zwei Männer in Arbeitskleidung vor Förderanlage
K+S-Sprecher Göbel (l.) sagt, aktuell reicht die Haldenkapazität bis 2019. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Wenn diese Möglichkeit nicht besteht – oder nicht rechtzeitig zur Verfügung steht – dann hat das einschneidende Folgen für die Kaliproduktion, für die Arbeitsplätze hier am Standort, aber auch für die ganze Region: Das heißt nämlich dann, dass wir sehr schnell die Produktion einstellen müssen", sagt Göbel.

Umweltschützer warnen vor Folgen

Mann gestikuliert vor Fluss
Versalztes Wasser belaste die gesamte Region, warnt Stephan Gunkel. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Doch nicht alle sind mit den Erweiterungsplänen einverstanden – weder mit der beantragten Rodung des Waldes, noch mit der Ablagerung, die zur Versalzung des Grundwassers führen könnte. Das sind die Befürchtungen des Umweltverbandes BUND. Umweltschützer Stephan Gunkel beobachtet die Folgen, die schon die jetzige Halde auf die nahe Elbe und den angrenzenden Wald hat: "Es gibt dort ganze Flächen im Wald, wo die Bäume absterben, weil sie das Salz nicht vertragen", warnt Gunkel.

K+S: Drainage und Abdichtung angekündigt

Der Bergbau-Konzern kennt die Bedenken der Umweltschützer. Ulrich Göbel spricht von Drainage-Anlagen, die verhindern sollten, dass versalztes Regenwasser das Grundwasser verunreinige. Außerdem verspricht das Unternehmen, eine größere Waldfläche aufzuforsten, als durch die Haldenerweiterung vernichtet werde. Doch ob die Umweltverbände sich mit diesen Maßnahmen zufrieden geben werden, bleibt abzuwarten. Der BUND ist skeptisch: "Es ist zu befürchten, dass auch die neue Halde, ähnlich wie alle anderen Halden, die existieren, nicht vollkommen dicht sein wird", sagt Stephan Gunkel.

K+S Zielitz Bergwerk Halde Dünger
Der Wald hinter der Halde ist von oben kaum zu sehen. Dort soll die neue Fläche entstehen. Bildrechte: MDR/Roland Jäger

Der Umweltschützer fordert außerdem, das Steinsalz zurück unter die Erde zu schaffen und in aufgegebenen Strecken abzulagern, um das Bergwerk zu stabilisieren. Doch K+S-Sprecher Göbel winkt ab und warnt vor dieser Idee: Zum einen nehme das gelockerte Steinsalz schlichtweg mehr Volumen ein als vor der Förderung. Zum anderen sei es im Trennverfahren mit einer Salzlösung angefeuchtet worden. Würde das feuchte Steinsalz nun zurück in das Bergwerk gebracht, würde die Feuchtigkeit dort die noch intakten Stützen aus Salz angreifen. So würde die Stabilität des Bergwerkes und der ganzen Region gefährdet, weshalb die Aufhaldung alternativlos sei.

Zielitzer teilen Umweltbedenken nicht

Dem Ort Zielitz ist leicht anzusehen, dass die Wirtschaftskraft groß ist. Neue Einfamilienhäuser, neue Straßenbeleuchtung – und sogar eine alte Lore mit dem Bergmanns-Gruß "Glück auf!" in einem Vorgarten prägen das Bild in einem nahe gelegenen Wohnviertel. Entsprechend deutlich ist die Meinung der Zielitzer: Die Bedenken der Umweltschützer teilt niemand. Eine Anwohnerin berichtet, einen Brunnen auf dem Grundstück zu haben: "Wir haben das Wasser mal testen lassen, es war eigentlich okay." Ein junger Mann, der gerade aus der Schicht im Werk kommt meint: "Man sollte natürlich bei solchen Entscheidungen die Umwelt auch immer berücksichtigen." Er kenne aber keine Alternativen dazu, eine Halde aufzubauen: "Man kann das Zeug ja nicht wieder unter Tage schaffen."

Wenn das Landesamt für Bergwesen das ebenso sieht, wird der "Kalimandscharo" weiter wachsen – bis zum Jahr 2050, wenn die Salz-Lagerstätte erschöpft sein soll.

Grafik Kalimandscharo
Bildrechte: MDR/Max Schörm

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Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 13.04.2018 | 19:0 Uhr
MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 13.04.2018 | 12:00 Uhr

Quelle: MDR/rj

Zuletzt aktualisiert: 13. April 2018, 11:33 Uhr

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9 Kommentare

15.04.2018 09:51 DiDi 9

Wie ich eben gelesen habe sind es meist die Befürworter von K+S.Ich bin der gleichen Meinung wie die Nigripper da ich ein Nachbar von ihnen bin liegt nur die Elbe dazwischen. Die alten Bauten sind den Erschütterungen nicht gewachsen da sie dafür garnicht gebaut sind. 50 Jahre Erschütterungen halten die Alten Häuser nicht stand (120 Jahre ) K+S schließen den Rest da hin wo er herkommt

14.04.2018 15:01 Gert 8

An Folgegeneration: Dieser Einschätzung kann ich nicht folgen. Klar ist, daß man sich in der Region Magdeburg sich im klaren sein soll oder schon ist, schon lange vor 2050 diese Umstrukturierung einzuleiten. Obwohl es bis dahin noch von heute an ca. 31,5 Jahre sind. Und Zielitz gehört ja zur Region Magdeburg.

14.04.2018 10:47 Folgegeneration 7

Gewinnstreben und Arbeitsplätze bis 2050. Was ist danach? Die dort arbeitende Generation in Rente und die Halde für die Ewigkeit. Es ist leider das Gleiche Spiel wie in der Lausitz, die Nachhaltigkeit wird kurzfristigen Arbeitsplätzen geopfert. Wir sägen an dem Ast auf dem wir sitzen.