Mehrere Menschen sitzen um einen Frühstückstisch.
Der Tag der Rentner beginnt mit einem gemeinsamen Frühstück. Bildrechte: MDR/Annette Schneider-Solis

Betreuung und Beschäftigung Ein Ort für Rentner mit Behinderung

Zusammen frühstücken, spazieren gehen, Kuchen backen: Die Lebenshilfe Haldensleben ist eines von etwa 30 Projekten in Sachen-Anhalt, das Rentner mit Behinderungen betreut. Doch für die Finanzierung des Angebots gibt es noch keine gesicherte Regelung.

von Annette Schneider-Solis, MDR SACHSEN-ANHALT

Mehrere Menschen sitzen um einen Frühstückstisch.
Der Tag der Rentner beginnt mit einem gemeinsamen Frühstück. Bildrechte: MDR/Annette Schneider-Solis

Frische Brötchen, duftender Kaffee und ausnahmsweise auch eine Flasche Sekt stehen auf dem Tisch. Stefan Pluta feiert seinen 66. Geburtstag. Den Sekt gibt es nur zu besonderen Anlässen, das Frühstück jeden Tag. In einer Wohnung der Lebenshilfe Ostfalen treffen sich jeden Morgen fünf Rentner. Sie alle haben vorher in Werkstätten für geistig behinderte Menschen der Lebenshilfe gearbeitet. Pluta war dort Koch.

Bis zum Eintritt ins Rentenalter war für alle die Arbeit in einer Werkstatt ihr Lebensmittelpunkt. Einige wohnen nun im Heim, andere bei Verwandten oder in einer eigenen Wohnung – so wie Pluta. Jetzt, da die Arbeit wegfällt, haben sie viel freie Zeit. Aber nicht jeder hat jemanden, der sie mit ihm teilen könnte. Die Träger der Behindertenwerkstätten nehmen sich dem an. Inzwischen gibt es in Sachsen-Anhalt laut Sozialministerium 31 Projekte, die geistig behinderte Menschen im Rentenalter betreuen. Ein Beispiel ist das Angebot der Lebenshilfe in Haldensleben, das auch Pluta nutzt.

Gemeinsame Unternehmungen

Drei Männer und ein Kind stehen an einem Hochbeet
Im Mehrgenerationenhaus treffen Stefan Pluta (2.v.l.) und seine ehemaligen Kollegen auf Kindergartenkinder. Bildrechte: MDR/Annette Schneider-Solis

Jeden Morgen treffen sich die fünf Rentner mit dem Ergotherapeuten Daniel Krasper zum Frühstück. In gemütlicher Runde wird beschlossen, was man im Laufe der Woche gemeinsam unternehmen will – beispielsweise Zoobesuche, Spaziergänge, gemeinsames Kuchenbacken, Gedächtnistraining. Heute geht die kleine Gruppe zusammen mit Krasper zum Mehrgenerationenhaus. Dort haben die Rentner die Pflege von Hochbeeten übernommen.

Für Pluta ist diese Beschäftigung eine willkommene Abwechslung. Dort treffen die Rentner die Knirpse aus dem Kindergarten. "Ich mache meine Wohnung alleine. Und wenn ich Probleme habe, habe ich die Lebenshilfe und meine Kollegen", sagt er.

Behinderte leben dank moderner Medizin länger

Viele Jahre gab es nur wenige Menschen im Rentenalter, die vorher in geschützten Werkstätten gearbeitet haben. "Das war ein Erbe der Nazizeit", erklärt Kirstin Lampe, die bei der Lebenshilfe Ostfalen Pädagogische Leiterin für die Wohnprojekte ist. "Während der Nazizeit wurden Behinderte euthanisiert." Noch bis vor einigen Jahren wurden behinderte Menschen meist nicht sehr alt. Erst dank der modernen Medizin erreichen die meisten nun das Rentenalter. "Die ganz normalen Alterskrankheiten, die wir alle bekommen, kommen bei ihnen viel früher", sagt Lampe.

Im Land gibt es inzwischen fast 1.000 Rentner mit einer Behinderung, die vorher in Werkstätten gearbeitet haben. "Die kirchlichen Einrichtungen kennen das Problem schon länger und haben darauf reagiert, für uns ist es neu. Bisher sind Betroffene dann meistens in Pflegeheim gegangen." Aber Menschen mit einer Behinderung bräuchten keine Pflege, sondern etwas anderes: Es gehe vor allem um Betreuung und Beschäftigung, sagt Lampe.

Bedarf an Betreuungsangeboten wird steigen

Drei Männer an einem Hochbeet
Pluta (2.v.l.) freut sich, dass er durch das Angebot der Lebenshilfe seine ehemaligen Kollegen treffen kann. Bildrechte: MDR/Annette Schneider-Solis

Im Lebenshilfe-Projekt würden momentan fünf Rentner betreut, sagt Lampe. Aber in den kommenden Jahren wird der Bedarf rapide steigen: In den Werkstätten der Lebenshilfe Ostfahlen arbeiten 380 Menschen, 92 werden voraussichtlich in den nächsten zehn Jahren das Rentenalter erreichen. Gerade diejenigen mit einer stärkeren Behinderung können ihren Alltag nur schwer allein meistern. Für sie hat die Lebenshilfe ihre Tagesbetreuung geschaffen, einen Ort für Rentner. Der Sozialhilfeträger zahlt zwar Eingliederungshilfen, doch die müssen für jeden individuell ausgehandelt werden. Noch gibt es keine gesicherte Regelung. Das Gehalt für Daniel Krasper zahlt also überwiegend die Lebenshilfe selbst. Es ist eines der Probleme, mit denen der Träger sich auseinandersetzen muss.

Stefan Pluta ist mit seinen 66 Jahren noch fit – und wie die meisten Rentner sehr beschäftigt. "Das ist stressiger als damals, als ich noch gearbeitet habe", erzählt er. "Dann besuche ich mal den und helfe mal dem, da hat man gar keine Zeit." Er jedenfalls ist froh, dass er die Tagesbetreuung bei der Lebenshilfe hat und dort jeden Tag seine ehemaligen Kollegen trifft. Und mit ihnen gemeinsam etwas unternehmen kann.

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Quelle: MDR/mh

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 17. April 2018 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. April 2018, 15:45 Uhr

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1 Kommentar

18.04.2018 07:21 Dorena 1

Ja, dieses Problem gibt es mittlerweile überall. Ich bin dankbar, dass der Chef der DRK -Werkstatt in Potsdam sich darum kümmert und schon die erste Wohngruppe für Behinderte Rentner ins Leben gerufen hat. Leider habe ich den Eindruck, dass seitens Gesetzgeber,Kostenträger nicht reagiert wird auf die besonderen Probleme dieser Personengruppe. Ich kann jedenfalls beobachten, dass es vielen dieser Kollegen meines Mannes jenseits von 55Jahren äusserst schwer fällt, die langen Arbeitstage voll durchzuhalten. Sie halten nur durch,weil sie wissen,es geht nicht anders. Hoffentlich lässt sich der Gesetzgeber was einfallen, damit im Rentenalter bei diesen Menschen mehr passieren kann als sauber,satt,sicher. Freundliche Grüsse Dorena