Haldensleben Wie IFA versucht Umstrukturierungen und Corona zu meistern

Mario Köhne
Bildrechte: MDR/Olga Patlan

Beim Autozulieferer IFA mit Sitz in Haldensleben läuft seit dem vergangenen Jahr ein großes Umstrukturierungsprogramm. Das Unternehmen soll finanziell wieder auf sichere Beine gestellt und am Ende verkauft werden. Mitten rein in diesen Prozess platzte Corona. Pläne wurden verändert. Und auf einmal stehen doch Arbeitsplätze zur Debatte.

IFA-Werk in Haldensleben
Die Corona-Pandemie hat IFA in Haldensleben mitten in einem Umstrukturierungsprozess erwischt. Bildrechte: MDR/ Mario Köhne

Auch am IFA-Stammsitz in Haldensleben ist alles auf Corona eingestellt. Zum Werksgelände gibt es nur einen Zugang. Davor steht ein Zelt. Wer rein möchte, muss sich eintragen, Hände desinfizieren, Fieber messen. Auch im Eingangsbereich zum Verwaltungsgebäude sind diese Maßnahmen notwendig. Die Maßnahmen wirken, erklärt Geschäftsführer Arno Haselhorst.

Es habe in keinem der Werke auf der Welt eine nachgewiesene Corona-Infektion gegeben. Doch das Virus und die Pandemie wirken sich trotzdem auf den Antriebswellenhersteller aus. Die Krise platzt mitten in eine umfassende Reorganisation bei IFA.

400 Jobs werden gestrichen

"Wir sind vor Corona davon ausgegangen, dass wir bei der Sanierung des Unternehmens keine Personalmaßnahmen treffen müssen. Durch Covid hat sich das leider nicht halten lassen. Dem Unternehmen geht es aktuell nicht gut", erläutert Haselhorst. In Zahlen bedeutet das: von den etwa 2.900 IFA-Mitarbeitern weltweit verlieren 400 ihren Job. Am Stammsitz in Haldensleben sollen 100 der rund 1.600 Jobs wegfallen.

Das Unternehmen macht momentan zu wenig Umsatz. Wie Haselhorst berichtet, konnten im April nur zehn Prozent des erwarteten Umsatzes erreicht werden. Für das laufende Jahr rechnet der Geschäftsführer mit einem Minus von 20 Prozent. 2021 wird der Plan wohl um zehn Prozent verfehlt.

IFA-Werk in Haldensleben
400 Jobs sollen bei IFA gestrichen werden – davon 100 in Haldensleben. Bildrechte: MDR/ Mario Köhne

Betriebsrat: "Waren schon im Krisenmodus"

Trotzdem stehe IFA "recht stabil" da, erklärt der Betriebsratsvorsitzende Henning Raguschke. Dass das Unternehmen seit gut anderthalb Jahren in einem Umstrukturierungsprozess stecke, habe in der Corona-Krise geholfen: "Wir waren schon im Krisenmodus. Ein Gesunder ist plötzlich überrascht, wenn ihn eine Grippe erwischt. Jemand der eh schon krank ist, der hat sowieso schon den Medizinschrank voll und kann besser reagieren."

Corona hätte IFA das Genick brechen können. Entsprechend gemischt sei die Stimmung unter den Mitarbeiterinnen, so Raguschke. Die einen hätten viel Verständnis dafür, dass nun auch unschöne Maßnahmen notwendig seien. Die anderen seien dagegen genervt und der Meinung, sie müssten das geradebiegen, was die Geschäftsführung verbockt hat.

IFA soll für Käufer attraktiv werden

Seit die Reorganisation läuft leisten auch die IFA-Angestellten ihren Beitrag. Zwei Jahre lang arbeiten sie jeden Tag 15 Minuten länger, ohne dafür mehr Geld zu bekommen. Im Gegenzug dazu soll es in Haldensleben ab Sommer 2021 für alle die 39-Stunden-Woche geben. Es ist eine Maßnahme, die Arno Haselhorst durchgesetzt hat. Der Unternehmensberater ist im vergangenen Jahr extra für die Umstrukturierung zur IFA-Gruppe geholt worden.

Das Unternehmen soll finanziell auf sichere Beine gestellt werden. Dadurch kommt es wieder an Kredite. Und vor allem wird es dadurch für einen Käufer attraktiv. Der Prozess sollte eigentlich in wenigen Monaten beendet sein. Die Corona-Pandemie hat IFA ein Jahr gekostet, rechnet Haselhorst vor: "Das was wir uns im letzten Jahr als Vorsprung erarbeitet haben, ist leider weg. Wir sind jetzt aber nicht so zurückgeworfen worden, dass wir scheitern. Dafür waren wir schon zu gut unterwegs."

Wirtschaftliche Weltlage bereitet Sorgen

Haselhorst rechnet damit, dass sich der Automobilmarkt ab Herbst zumindest etwas normalisiert. Betriebsrat Raguschke ist da weniger optimistisch: "Wenn man sich einfach den Markt im Allgemeinen anguckt und die Probleme, die Corona jetzt allgemeinwirtschaftlich aufwirft, dann bin ich verhalten optimistisch, was den Aufschwung des Umsatzes im Automobilmarkt angeht."

Die wirtschaftliche Weltlage mache ihm mehr Sorgen als die Situation bei IFA. Dort geht die Umstrukturierung unterdessen weiter. Die Verwaltung wurde verschlankt. In allen Werken wurden die Abläufe optimiert, so dass nun effizienter gearbeitet werden kann. Der Betriebsrat geht diesen Weg mit und verfolgt dabei auch ein eigenes Ziel: endlich Tarifbindung für das Werk in Haldensleben. Das habe es noch nie gegeben. Doch Arbeitnehmervertreter Raguschke ist noch skeptisch. Er glaube nicht an einen Tarifvertrag, "weil ein Tarifvertrag für die derzeitige Geschäftsführung keine Gesprächsbasis ist."

Aber vielleicht für einen neuen Besitzer oder die nächste Geschäftsführung? Unternehmensberater Arno Haselhorst ist jedenfalls für die Umstrukturierungsmaßnahmen geholt worden und hat signalisiert, IFA danach wieder verlassen zu wollen.

Mario Köhne
Bildrechte: MDR/Olga Patlan

Über den Autor Mario Köhne kommt gebürtig aus dem Emsland und arbeitet seit Anfang 2017 als freier Journalist bei MDR SACHSEN-ANHALT. Er ist für den Hörfunk in der Nachrichtenredaktion und als Reporter unterwegs. Für das Studio Magdeburg berichtet er regelmäßig aus dem Landkreis Börde. Er schreibt außerdem für mdrsachsenanhalt.de. Bevor er zu MDR SACHSEN-ANHALT kam, arbeitete er als Radiojournalist im niedersächsischen Lokalfunk. Seine Lieblingsorte in Sachsen-Anhalt sind Schloss Hundisburg mit dem alten Steinbruch und das Elbufer in Magdeburg.

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Quelle: MDR/olei

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Dsas Radio wie wir | 13. Juni 2020 | 07:00 Uhr

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