Ein verstaubtes und vergilbtes Gemälde mit einem Jesus-Motiv.
Bildrechte: MDR/Jochen Müller

Notbergung Besonderes Altarbild in Bierer Kirche gerettet

In Biere im Salzlandkreis ist am Donnerstag ein ganz besonderer Kunstschatz geborgen worden: in der St.-Andreas-Kirche haben Experten ein über 100 Jahre altes und fast drei Meter hohes Altarbild gerettet. Dieses Gemälde hatte fast siebzig Jahre lang unbeachtet in einem Nebenraum der Kirche gelegen. Bis es durch Zufall MDR SACHSEN-ANHALT-Reporter Jochen Müller entdeckte.

Ein verstaubtes und vergilbtes Gemälde mit einem Jesus-Motiv.
Bildrechte: MDR/Jochen Müller

Ein kleiner Flur, ein Treppenabsatz. Seit mehr als 70 Jahren steht hier ein vergessenes Kunstwerk. Das expressionistische Altarbild ist fast drei Meter hoch und zeigt den gekreuzigten Christus mit zwei trauernden Figuren. Einst war es strahlend bunt. Aber von der Farbe ist nur wenig übrig geblieben - große Teile sind im Laufe der Jahrzehnte abgeblättert und liegen auf dem Boden.

Kunstliebhaber stießen auf die Spur der Malerin

Und so hätte es dort noch Jahrzehnte liegen bleiben können. Hätte nicht MDR SACHSEN-ANHALT-Reporter Jochen Müller zufällig ein Ehepaar aus Norddeutschland getroffen.

Jochen Müller, Politikredakteur
Jochen Müller Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Das sind Kunstliebhaber, ihre Kunstliebhaberei bezieht sich vor allem auf Keramiken aus der Art déco-Zeit, aus den 20er- und 30er Jahren. Sie haben aus einer Kieler Manufaktur Keramiken gesammelt und sich irgendwann gefragt, welche Künstler dahinterstecken. Dann haben sie ausgiebig recherchiert und haben herausgefunden, dass eine der Künstlerinnen Hedwig Marquardt war, die aus Biere in Sachsen-Anhalt stammt.

Jochen Müller, MDR SACHSEN-ANHALT

Die Kunstliebhaber hätten dann im Nachlass von Hedwig Marquardt, in Briefen, von einem Altarbild erfahren, das in die Kirche in Biere kam. "Ich habe dann schlicht und ergreifend den Pfarrer angerufen und der hat gesagt: Ja, da liegt ein Bild im Treppenabgang im Turm der St. Andreaskirche. Das habe ich mir noch nicht näher angeschaut. Kommen Sie doch vorbei."

Es schlägt die Stunde der Restauratoren

Die Künstlerin Hedwig Marquardt hatte das Bild 1914 im Auftrag gemalt. Nach Recherchen des Pfarrers wurde das Gemälde während Renovierungsarbeiten in den 50er-Jahren jedoch abgenommen und lagerte seitdem im Nebenraum der Kirche. Eine Zeitzeugin aus Biere, erzählt MDR-Reporter Müller, konnte sich noch daran erinnern, dass seinerzeit das Altarbild bei ihrer Konfirmation noch hing.

Ein verstaubtes Gemälde steht an einer Treppen-Wand gelehnt.
Das drei Meter hohe Altarbild lag mehr als 70 Jahre in einem Nebenraum der Kirche in Biere. Bildrechte: MDR/Jochen Müller

Derzeit untersuchen Experten das Gemälde und planen seine Restaurierung. Die Diplomrestauratorin Silke Hönig aus Halle hat das Bild schon in Augenschein genommen, nennt seinen Zustand besorgniserregend. "Es ist akut gefährdet durch eine Malschicht, die locker ist, in vielen Beriechen bereits abgelöst ist und unter dem Bild liegt. Es ist jetzt höchste Zeit, dass man da was tut." Mit einer Speziallösung wurde das Bild schon für den sicheren Abtransport präpariert. In den nächsten Wochen soll es im Labor der Restauratoren auf Herz und Nieren durchleuchtet werden. Nach der Restaurierung soll das Bild wieder die Kirche in Biere schmücken. Wo genau es hängen soll ist aber noch nicht klar. Bis es soweit ist, kann es aber auch noch Jahre dauern.

Künstlerin im Schatten der Männer

Ein vergilbtes Foto von der Malerin Hedwig Marquardt aus dem Jahr 1909.
Hedwig Marquardt wurde in Biere geboren. Ihr Vater war der Dorfarzt. Bildrechte: A. und J. Konietzny

Hedwig Marquardt, 1884 in Biere geboren, gilt heute als eine der wenigen deutschen Expressionistinnen. Ihre Bilder hängen unter anderem im Britischen Museum in London. Nach ersten Stationen in Kassel, Magdeburg und München landete sie 1912 aber zunächst in Berlin. Hier wurde Marquardt von den großen Malern ihrer Zeit inspiriert: etwa Franz Marc oder Lionel Feininger. Erste Werke zeugten von großem Talent, später wechselte sie von der Leinwand zur Keramik. Für Experten gehört Hedwig Marquardt zur Avantgarde ihrer Zeit.

Eine moderne Künstlerin - die dennoch zeitlebens im Schatten ihrer männlichen Kollegen stand. "Die Kunstgeschichte führt das darauf zurück, dass Frauen, wenn sie mit Männern liiert waren, mehr Aufmerksamkeit erhielten", erklärt Bettina Seyderhelm, die Vorstandsvorsitzende der Kirchlichen Stiftung Kunst Kulturgut. Doch genau das war bei Marquardt nicht der Fall: "Sie war mit einer Frau, abwechseln mit zwei Frauen, liiert, so dass sie die Aufmerksamkeit der Männer ... nicht haben konnte." Mit einer ihrer Lebenspartnerinnen, so weiß man heute, lebte die Künstlerin einst in Kiel. In einer Manufaktur stellte sie Keramiken her. Eben solche, auf die das Kunstliebhaber-Paar aus Kiel bei seinen Recherchen gestoßen war.

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Quelle: MDR/kl,ap

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | MDR SACHSEN-ANHALT | 17. Mai 2019 | 08:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 17. Mai 2019, 13:29 Uhr

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