Die Börde, Pommes und kein Regen Wie Landwirte zum wertvollen Wasser für ihre Kartoffeln kommen

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Bildrechte: Uli Wittstock/Matthias Piekacz

Das Klima ändert sich. Ein Blick auf die Äcker verrät, es fehlt der Regen. Konkret merken das zum Beispiel Sachsen-Anhalts Landwirte. Inzwischen gibt es Landwirte, die versuchen, mit anderen Kulturen auf die veränderten Niederschläge zu reagieren. Und es gibt Landwirte, die auf Beregnung setzen. Doch wenn die Niederschläge weniger werden, dann stellt sich auch die große Frage: Woher das Wasser nehmen?

Eine Beregungsanlage versprüht Trinkwasser auf einem Feld bei Magdeburg
Aus Bernd Kays Beregnungsanlagen kommt Trinkwasser. Bildrechte: Bernd Kay

Hundehalter haben auf ihrem Handy viele Fotos von Hunden gespeichert, so wie Pferdezüchter viele Pferdebilder auf ihrem Handy haben. Bernd Kay hat Kartoffelbilder, genauer gesagt Fotos von Kartoffelpflanzen in all ihren Stadien, vom jungen Grün über die Kartoffelblüte bis hin zum erntereifen Kraut. 

Immerhin erntet die Firma "ES Agrarbetriebe" in Langenweddingen bei Magdeburg jedes Jahr rund fünfundvierzigtausend Tonnen Kartoffeln. Bei einem jährlichen Pro-Kopf-Verbrauch in Deutschland von rund fünfundfünfzig Kilogramm könnte man mit diesen Bördekartoffeln mehr als achthunderttausend Menschen versorgen. Doch was hier rund um Langenweddingen auf eintausend Hektar wächst, geht in die Industrie sagt Bernd Kay: "Wir versorgen seit 1992 einen regionalen Verarbeiter mit unseren Kartoffeln. In Oschersleben  stellt diese Firma Kartoffelchips und  Pommes Frites her." Wer zum Beispiel in den bekannten Fastfood-Ketten Pommes bestellt, wird ziemlich oft frittierte Bördekartoffeln auf seinem Tablett bugsieren.

Landwirt Bernd Kay in seinem Büro in Langenweddingen
Bildrechte: MDR/Uli Wittstock

Ich denke, wir haben hier in der Magdeburger Börde wirklich die besten Möglichkeiten. Wir haben ein sehr hohes Potenzial aber auch ein deutliches Risiko: Das ist der mangelnde Regen. Wenn es uns gelingt, dies durch kluges Handeln wett zu machen, dann hat die Region definitiv gewonnen.

Landwirt Bernd Kay

Für Bernd Kay und die 25 Angestellten der "ES Agrarbetriebe" in Langenweddingen heißt das aber, eine gleichbleibend hohe Qualität bei den Kartoffeln zu halten. Die Voraussetzungen dafür sind eigentlich sehr gut, so Bernd Kay: "Ich denke, wir haben hier in der Magdeburger Börde wirklich die besten Möglichkeiten. Wir haben ein sehr hohes Potenzial aber auch ein deutliches Risiko: Das ist der mangelnde Regen. Wenn es uns gelingt, dies durch kluges Handeln wett zu machen, dann hat die Region definitiv gewonnen."

Beregnung ja – aber womit

Vor Jahren gründete deshalb Bernd Kay den Beregnungsverband Börde. Wolken und Regen können die neun Agrarunternehmen des Verbandes auch nicht herbeibeten. Und im Vorfeld gab es bereits einige Ideen, wie denn der kostbare Bördeboden zu mehr Wasser kommen könnte. "Zweitausendvierzehn haben wir den Verband gegründet. Vorher gab es andere Überlegungen, zum Beispiel Wasser aus der Elbe herzuholen. Denn eigentlich haben die Böden hier eine gute Wasserhaltefähigkeit." Wenn es also regnet, versickert das Wasser nicht sofort in tiefere Regionen, doch dazu muss es eben erstmal regnen.

Hilfe kam ausgerechnet von einer Firma, die beim Thema Wasser in der Region der Marktführer ist, nämlich die Trinkwasserversorgung Magdeburg GmbH (TWM). Das Unternehmen versorgt rund 760.000 Sachsen-Anhalter mit Trinkwasser und gehört den Gemeinden im Versorgungsgebiet. Der öffentliche Auftrag ist klar beschrieben: Versorgung der Menschen mit Trinkwasser. Doch in den letzten Jahren zeigten sich auch bei TWM die Folgen des industriellen und demographischen Wandels, weniger Firmen und weniger Menschen verbrauchen auch weniger Wasser.

Und so bezieht nun der Beregnungsverband Börde Wasser vom regionalen Versorger, ein Geschäft in beiderseitigem Interesse sagt Christiane Wiesner, technische Leiterin von TWM: "Die Landwirte bekommen von uns Wasser, um ihre Flächen zu beregnen. Sollte aber das Wasser knapp werden, dann müssen die Landwirte von ihrem Vertrag zurück treten." Das heißt konkret: Wenn die Dürre kommt, dann bleiben die Kartoffeln auf dem Trockenen und nicht die Menschen. Im letzten Sommer kam es nach der großen Dürre beinahe zu dieser Situation. Und deshalb sucht Bernd Kay nach Alternativen.

Alternativen: Abwasser oder Prinzip Regentonne?

Dabei mangelt es ja nicht überall an Wasser, dazu reicht ein Blick auf die vielen Kläranlagen im Land. Und natürlich würde es die Abwasserzweckverbände entlasten, wenn die Landwirte gegen ein Entgelt das gereinigte Abwasser verregnen würden. Doch dieses Angebot hat Bernd Kay sehr schnell wieder verworfen, denn obwohl die Abwässer als gereinigt gelten, so entsprechen sie doch nicht den strengen Anforderungen der Abnehmer. Und eine zusätzliche Reinigung wäre aus Kostengründen keine Option.

Eigentlich kritisiere ich ja diese Entwicklung. Der Bördeboden ist viel zu schade, um ihn zu versiegeln. Aber es könnte einen Synergieeffekt geben. Denn auf diesen Flächen sammelt sich ja viel Regenwasser. Das könnte man gezielt für die Landwirtschaft nutzen.

Landwirt Bernd Kay

Und so denkt Bernd Kay in eine andere Richtung. Blickt der Landwirt nämlich aus seinem Bürofenster, dann sieht er nicht auf fruchtbare Äcker, sondern auf Hallen, Straßen und Parkplätze. Langenweddingen ist eines der größten Gewerbegebiete in Sachsen-Anhalt. "Eigentlich kritisiere ich ja diese Entwicklung. Der Bördeboden ist viel zu schade, um ihn zu versiegeln. Aber es könnte einen Synergieeffekt geben. Denn auf diesen Flächen sammelt sich ja viel Regenwasser. Das könnte man gezielt für die Landwirtschaft nutzen."

Das Prinzip kennt jeder Kleingärtner, der eine Regentonne aufstellt, um in trockenen Tagen gießen zu  können. Doch wahrscheinlich müsste auch dieses Wasser für die Kartoffelberegnung gereinigt werden. Doch stehen die eigentlichen Debatten noch aus sagt Bernd Kay: "Wenn wir über Klimawandel sprechen und die Veränderungen, auf die wir uns einstellen müssen, dann kommt man irgendwann zu der Frage: Müssen wir die Früchte beregnen? Wir könnten sie ja auch importieren, aus Übersee zum Beispiel." Das aber ist für den Landwirt unvorstellbar.

Wer auf seinem Handy Fotoordner mit Porträts von Kartoffelpflanzen hortet, der lässt sich so leicht vom Klima nicht ins Bockshorn jagen.

Portrait-Bild von Uli Wittstock
Bildrechte: Uli Wittstock/Matthias Piekacz

Über den Autor Geboren ist Uli Wittstock 1962 in Lutherstadt Wittenberg, aufgewachsen in Magdeburg. Nach dem Abitur hat er einen dreijährigen Ausflug ins Herz des Proletariats unternommen: Arbeit als Stahlschmelzer im VEB Schwermaschinenbaukombinat Ernst Thälmann. Anschließend studierte er evangelische Theologie. Nach der Wende hat er sich dem Journalismus zugewendet und ist seit 1992 beim MDR-Hörfunk. 2016 erschien sein Roman "Weißes Rauschen oder die sieben Tage von Bardorf" im Mitteldeutschen Verlag Halle.

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Quelle: MDR/mg

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 04. Juli 2020 | 19:00 Uhr

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