Fragen und Antworten Die Todesfälle bei Hermes in Haldensleben

Zwei Menschen sind an einem Tag bei dem Versandhändler Hermes in Haldensleben gestorben. Die Untersuchungen ergaben: Sie starben eines natürlichen Todes. Trotzdem werden die Ergebnisse in Kommentaren und bei Social Media immer wieder angezweifelt. Zwei Tote an einem Tag, kann das Zufall sein? Was ist mit der chemischen Substanz, die gefunden wurde? Warum werden die Todesursachen nicht bekannt gegeben? MDR SACHSEN-ANHALT hat bei Polizei und Staatsanwalt nachgefragt.

Martin Paul im Funkhaus von MDR SACHSEN-ANHALT
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

von Martin Paul, MDR SACHSEN-ANHALT

Polizei bei Hermes
In Schutzanzügen untersuchten Experten der Feuerwehr das Hermes-Gelände in Haldensleben. Das Ergebnis: Keine Hinweise auf gesundheitsgefährdende Stoffe. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der Fall erregte Aufsehen, teilte sich in den Sozialen Medien sehr schnell und wurde viel diskutiert. Zwei Mitarbeiter von Hermes waren auf dem Betriebsgelände des Paketdienstes in Haldensleben und in einem Zustellfahrzeug gestorben. Die Feuerwehr sperrte das Gebiet weiträumig ab. Kriminaltechniker und Experten für chemische und toxische Stoffe in Schutzanzügen untersuchten akribisch das ganze Gelände. Das Logistikzentrum musste den Betrieb einstellen, Mitarbeiter wurden nach Hause geschickt oder konnten ihre Schichten nicht antreten.

Spekulationen und Mutmaßungen

Obwohl nach intensiven Ermittlungen  Entwarnung gegeben werden konnte und ein natürlicher Tod der Mitarbeiter festgestellt wurde, zweifeln Leser und Nutzer immer wieder an den veröffentlichten Untersuchungsergebnissen.

  • Facebook-Nutzerin Bianka S.: "Natürlicher Tod???? Ich kann es ehrlich gar nicht glauben und dann gleich 2 Tote?"

Begründet werden die Mutmaßungen damit, dass es doch kein Zufall sein könne, wenn zwei Menschen des gleichen Unternehmens sterben oder dass die gefundene Substanz nicht nur an einem Paket sondern auch im ganzen Fahrerraum des Lieferwagens gefunden worden sei.

  • Facebook-Nutzerin Alexandra S.: "Mikroskopische Stoffe wurden nicht nur an dem einen Paket gefunden, der gesamte Fahrer-Raum auch."

Andere verstehen nicht, warum das Gelände so lang abgesperrt worden sei, "wenn gar nichts war" und auch der Abtransport des Lieferwagens spreche dafür, dass mehr hinter dem Tod der beiden Männer stecke, als berichtet wird.

  • Facebook-Nutzer Maik H.: "Wo ist denn das Auto und warum wurde es in Folien eingeschweißt. Wieso wurde das Gelände so lange gesperrt, wenn doch nichts war."
  • Facebook-Nutzer Carsten C.: "Weil niemand was erfahren soll, was wirklich passiert ist. Ein Auto wird nicht umsonst in Folien eingeschweißt."

Außerdem werden die Arbeitsbedingungen für den Tod verantwortlich gemacht.

  • Kommentator SHK: "Na klar, natürlicher Tod, aber durch den Stress, weil keine Rücksicht auf Gesundheit genommen wird, wenn es nach der Arbeit passiert wäre, hätte niemand nur ein Wort darüber verloren."

Fragen und Antworten

MDR SACHSEN-ANHALT hat mit Polizei und Staatsanwalt gesprochen und die Fakten zusammengetragen.

Was ist am 15. Oktober auf dem Hermes-Gelände in Haldensleben geschehen?

Am Dienstag, den 15. Oktober ist ein 58-jähriger Mann in der Nacht kurz vor 1 Uhr auf dem Gelände des Hermes-Logistik-Zentrums in Haldensleben tot zusammengebrochen. Ein zweiter Hermes-Mitarbeiter, ein 45-Jähriger, wurde am gleichen Tag gegen 16 Uhr in seinem Zustellfahrzeug leblos aufgefunden. Außerdem erkrankte ein weiterer Hermes-Mitarbeiter am selben Vormittag plötzlich.

Feuerwehreinsatz im Hermes-Versandzentrum in Haldensleben
Etwa 160 Feuerwehrkräfte und Polizeibeamte waren zeitweise vor Ort. Bildrechte: MDR/Tom Wunderlich

Was hat die Obduktion der Toten ergeben?

Noch in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch sind die beiden Hermes-Mitarbeiter rechtsmedizinisch untersucht und obduziert worden. Besonderes Augenmerk wurde laut Polizei auf mögliche Vergiftungen gelegt. Die Untersuchungen ergaben jedoch, dass eine Vergiftung als Todesursache ausgeschlossen werden kann. Beide Männer starben eines natürlichen Todes. Der Polizei und der Staatsanwaltschaft liegen die Sektionsprotokolle des gerichtsmedizinischen Instituts vor, so die Staatsanwaltschaft. Auch eine Sprecherin der Polizei, die an dem Abend mit in Haldensleben war, bestätigte MDR SACHSEN-ANAHLT, dass die Gerichtsmediziner in diesem Fall besonders genau hingeschaut hätten, um etwaige nichtnatürliche Todesursachen und Einwirklungen von außen zu identifizieren.

Warum ist die genaue Todesursache öffentlich nicht bekannt?

Wenn ein natürlicher Tod festgestellt wird, ist der jeweilige Mensch nicht durch eine äußere Einwirkung gestorben, sondern die Todesursache sind beispielsweise Krankheiten und Organversagen. So kann unter anderem ein Herzinfarkt zu einem Versagen des Herzens führen. Der Sprecher des Polizeireviers erklärte zu den Todesursachen der in Haldensleben verstorbenen, etwaige Vorerkrankungen zählten zu den höchstpersönlichen Lebensgeheimnissen und unterliegen der ärztlichen Schweigepflicht. Aus diesem Grund dürfe darüber keine Auskunft gegeben werden. Klar ist jedoch. Ein unnatürlicher Tod wie eine Vergiftung, also eine Einwirkung von außen, kann ausgeschlossen werden.

Welche Substanz wurde in dem Lieferwagen gefunden?

Über den weißen, pulverartigen Stoff, der bei den Ermittlungen gefunden worden war, wurde viel spekuliert. Die Feuerwehr hatte sehr kleine Mengen einer Substanz entdeckt, die in großen Mengen gefährlich sein könnte, so die Polizei am Tag nach den Todesfällen. Eine tödliche Dosis sei aber nicht erreicht worden. Der Sprecher des Polizeireviers Börde konkretisierte jetzt noch einmal die Angaben.

Bei der Überprüfung des Fahrzeuges habe ein Messegerät einen Gefahrenstoff angezeigt. Im vorliegenden Fall "lag eine geringfügige Übereinstimmung mit dem Stoff Natriumarsanilat vor", so der Sprecher. Dieser Stoff sei in seiner natürlichen Form weiß und kristallin. Die Wischprobe stamme von einer Sendung, die sich in dem Lieferfahrzeug befunden haben. Bei der Überprüfung der Sendungen und des Fahrzeuges seien jedoch keine derartigen Substanzen gefunden worden. Bei dem angezeigten Gefahrstoff müsse es sich daher um Spurenelemente gehandelt haben. "Eine Kontamination mit diesem Stoff konnte daher ausgeschlossen werden", sagte der Polizeisprecher.

Natriumarsanilat (engl. Sodium arsanilat) ist eine Arsenverbindung, die unter anderem in der Medizin und Veterinärmedizin eingesetzt wird.

Warum wurde der Lieferwagen abtransportiert und nicht vor Ort im Wohngebiet untersucht?

Einer der Hermes-Mitarbeiter war am Dienstagnachmittag leblos in seinem Zustellfahrzeug im Haldensleber Wohngebiet "Süplinger Berg" gefunden worden. Den Abtransport des Wagens für die Untersuchungen erklärte die Polizei damit, dass man das Fahrzeug aus dem Wohngebiet auf ein sicheres Gelände transportieren musste. "Im Falle einer Kontamination wäre die Öffnung des Fahrzeuges in einem Wohngebiet unverantwortlich."

Das Firmengelände des Hermes-Versandzentrums habe sich dafür angeboten, da es mit einem Zaun abgesperrt gewesen sei und die Spezialkräfte der Feuerwehr dort die Einsatzzentrale eingerichtet hätten. Zu den Mutmaßungen von Nutzern, das Fahrzeug sei in Folie eingewickelt und abtransportiert worden, stellt die Polizei klar: "Für den Transport wurde das Lieferfahrzeug nicht in Folie eingewickelt."

Großeinsatz der Feuerwehr bei Hermes in Haldensleben
Abtransport des Zustellfahrzeuges in Haldensleben. Bildrechte: MDR/Tom Wunderlich

Gibt es Hinweise auf eine Straftat im Zusammenhang mit den Todesfällen?

Der zuständige Staatsanwalt Frank Baumgarten sagte MDR SACHSEN-ANHALT: "Die bisherigen polizeilichen und gerichtsmedizinischen Feststellungen zur Todesursache haben keine Anhaltspunkte dafür erbracht, dass der Tod der beiden Personen bzw. die Gesundheitsbeeinträchtigung eines Dritten auf strafwürdiges Tun zurückzuführen ist."

Sind die Ermittlungen abgeschlossen?

Nachdem die beiden Männer gefunden wurden, ist ein sogenanntes Todesermittlungsverfahren eingeleitet worden. Dieses Verfahren wird im Polizeirevier Börde und bei der Staatsanwaltschaft geführt und immer dann angewandt, wenn es offene Fragen oder nicht eindeutige Hintergründe zum Tod einer Person gibt. Laut Staatsanwaltschaft spricht nichts für das Vorliegen einer Straftat. Auch die Polizei bestätigte: "Bei den in Rede stehenden Verfahren sind alle polizeilichen Ermittlungshandlungen abgeschlossen." Auch laufen keine anderen Ermittlungen in diesem Zusammenhang. Das Verfahren werde in der Regel von der Staatsanwaltschaft abgeschlossen, wenn die vollständige Ermittlungsakte übergeben worden ist. Demzufolge hat das noch laufende Verfahren nur organisatorische und keine ermittlungstechnischen Hintergründe.

Was ist mit dem angeblich Schwerverletzten?

Bei einem dritten Mann hieß es zuerst, er habe eine schwere Verletzung erlitten. Das dementierte jedoch Hermes-Geschäftsführer Andreas Stumpf. Der Mann hatte, Stumpf zufolge, eine Attacke einer dem Unternehmen bekannten Erkrankung erlitten.

Wie wird bei Hermes auf Arbeitssicherheit und Arbeitsschutz geachtet?

Auf Nachfrage von MDR SACHSEN-ANHALT teilte ein Hermes-Sprecher mit, dass man in allen Standorten viel Wert auf hohe Sicherheitsstandards setze. Mitarbeiter würden "regelmäßig zu allen sicherheitsrelevanten Aspekten geschult. Dies beinhaltet auch den Umgang mit potenziellem Gefahrgut." Auch gebe es Betriebskrankenschwestern und ausgebildete Ersthelfer und einen Sicherheitsbeauftragten, der an den Standorten die Aktivitäten koordiniere. Für Kunden gebe es gleichzeitig Richtlinien, "welche Güter versendet werden dürfen und welche Produkte vom Versand ausgeschlossen sind." In dem Logistikzentrum in Haldensleben werden unter anderem Waren und Produkte der Otto-Group sortiert und verschickt.

Nach eigenen Angaben wende Hermes als einziger Paketdienstleister ein umfassendes Auditsystem an, um regelmäßig auch bei den Servicepartnern die Einhaltung von Arbeits- bzw. Pausenzeiten zu überprüfen und zu gewährleisten. Auf die Arbeitszeiten und die Einhaltung von Pausen werde an allen Standorten genau geachtet.

Ein Hermes-Sprecher sagte MDR SACHSEN-ANHALT, man sei nach dem Tod der Mitarbeiter bestürzt und wolle die "tiefe Anteilnahme über die beiden Todesfälle ausdrücken".

3.000 Mitarbeiter am Standort Haldensleben Im Hermes-Paketzentrum in Haldensleben werden Warensendungen sortiert und bearbeitet. Das Logistikzentrum liegt etwa 30 Kilometer nordwestlich von Magdeburg und ist, laut Unternehmen, eines der europaweit größten seiner Art.

Am Standort Haldensleben werden etwa 3.000 Mitarbeiter beschäftigt und jährlich bis zu 200 Millionen Artikel bearbeitet. Hermes gehört wie unter anderem der Versandhandel Baur und Bon Prix zur Otto-Group.

Martin Paul im Funkhaus von MDR SACHSEN-ANHALT
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Über den Autor Martin Paul ist Teil des Online-Teams von MDR SACHSEN-ANHALT und begeistert von den Möglichkeiten und Ausdrucksformen des digitalen Journalismus - Daten und Code, Visualisierung und Video, Longread und Ticker, Social-Media und Dialog. Was ihn umtreibt? Besonders die Frage, wie man das Netz frei und offen gestalten und Teilhabe garantieren kann.

Online-Journalismus hat er im Studiengang Multimedia & Autorschaft an der Universität in Halle und bei der Mitteldeutschen Zeitung gelernt. An der Universität in Leipzig hat er Kultur- und Vergleichende Literaturwissenschaft studiert.

Quelle: MDR/mp

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 02. November 2019 | 11:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. November 2019, 19:51 Uhr

9 Kommentare

Peter W. vor 4 Wochen

Für immer mehr Mitmenschen scheint die wilde Spekulation wertvoller zu sein, als das Eingeständnis der eigenen (und im Einzelfall vielleicht auch generellen) Unwissenheit.

Gesinnungsgeschrei vor 4 Wochen

Klar ist es ein natürlicher Tod gewesen, weil die Menschen bis zur Erschöpfung ausgepresst werden.
Keiner kann mir erzählen, das die Deutschen immer älter werden, nicht bei solcher Beschäftigung.
Von der Arbeit in die Urne, nun ist der Weg noch kürzer, bei der Arbeit in die Urne.
Dann sollen wir noch bis 69 arbeiten, damit wir die halbe Welt versorgen können.
Einfach Irre.

Mediator vor 4 Wochen

Wo wird denn in unserem Land viel gelogen? Beispiele fehlanzeige bei einem der nur ein bischen unzufriedenheit schüren will.

Die Rettungs- und Ermittlungskrägte haben bei einer unklaren Einsatzlage schlicht und ergreifend ein hohes Schutzniveau für sich UND die Bevölkerung gewählt. Dieses Schutzniveau hat sich im nachhinein als nicht notwendig erwiesen.

Dass es irgendwelchen Menschen langweilig ist und sie den Aussagen der Behörden nicht glauben, oder dass sie furchtbar neugierig sind und nicht akzeptieren wollen, dass sie Details zu einem natürlichen Tod nichts angeht, ist traurig genug. Dass diese Menschen dann nicht einmal verstehen können, dass man bei unklarer Einsatzlage alleine scon aus Eigenschutz nicht mit T-Shirt, sondern mit Schutzanzug anrückt und dass Obduktionsergebnisse erst lange nach Ende des Einsatzes vorliegen, scheint für mannche Menschen zu hoch zu sein.

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