Ärger um Spielplatz-Lärm Das Problem mit der Integration: Beispiel Bahrendorf

Marie-Kristin Landes
Bildrechte: MDR/Jacqueline Schulz

Lärm auf dem Spielplatz bis in den Abend – darüber beschweren sich seit einiger Zeit Anwohnende aus Bahrendorf im Sülzetal. Verantwortlich dafür sollen rumänische Familien sein. Ein sensibles Thema, das bereits in Städten wie Magdeburg und Halle für Diskussionen gesorgt hat. Nach einer E-Mail einer Anwohnerin ist MDR SACHSEN-ANHALT nach Bahrendorf gefahren, um sich einen Eindruck vor Ort zu machen.

Der fast leere Spielplatz in Bahrendorf mit großer Wiese und bunten Spielgeräten bei Sonnenschein.
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der Spielplatz in Bahrendorf ist idyllisch gelegen. Direkt am Rand eines Wohngebietes mit großer Wiese, kleinem Bach und angrenzenden Feldern. Die bunten Schaukeln und Klettergerüste leuchten schon vom Weiten, alle top gepflegt. Erst vor ein paar Jahren wurde der Spielplatz auf Initiative von Eltern hier neu gebaut. Ute Bauer wohnt mit ihrem Mann direkt gegenüber, mit Blick vom Garten auf den Spielplatz. Sie ist diejenige, die sich mit einer E-Mail an MDR SACHSEN-ANHALT gewandt hat. "Es fing ungefähr vor viereinhalb Jahren an. Da war hier eine Familie mit sechs Kindern, die nach 20 Uhr hier noch einen mächtigen Lärm veranstaltet haben," erzählt Ute Bauer.

Spielplatz in Bahrendorf
Der Spielplatz in Bahrendorf Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Sie habe damals und auch in den folgenden Jahren immer wieder das Gespräch gesucht. Für wenige Tage sei es gut gegangen. Mittlerweile wohnen mehrere Familien in direkter Nachbarschaft zum Spielplatz. Sie sollen aus Rumänien stammen. Haben als EU-Bürger damit wie alle das Recht auf Freizügigkeit. Rund 40 Kinder und knapp 20 Erwachsene. Den Lärm beschreibt Ute Bauer heute als sozialunverträglich. Sie sagt: "In einem Wohngebiet in dem viele Anwohner in den verschiedensten Varianten wohnen, hat jeder gleiche Rechte und Pflichten."

Sozialunverträglicher Lärm

Ute Bauer ist nicht die einzige Anwohnerin, die sich beschwert. Sie ist auch nicht Sprachrohr für den gesamten Ort. Gemeinsam mit Ines Langhans ist sie jedoch diejenige, die versucht auf den Spielplatzlärm aufmerksam zu machen. Oft sollen auch die Kinder unbeaufsichtigt sein, darunter auch kleinere in Windeln. "Wir haben gemerkt, dass unsere Anwohnerkinder nicht mehr willkommen sind", sagt Ute Bauer. "Auf Nachfragen, weil man kennt sich im Dorf, kam dann: Unsere Kinder werden angespuckt und mit Sand beschmissen, sie werden gehauen. Sie werden regelrecht verdrängt."

Zwei stehen nebeneinander auf dem Spielplatz Bahrendorf und lächeln freundlich.
Ines Langhans und Ute Bauer wollen eine gemeinsame Lösung finden. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Seit Monaten beschäftigt der Konflikt jetzt schon den kleinen Ort, die Polizei, das Ordnungsamt, die Gemeinde und den Landkreis. Bereits im November 2019 gab es die erste, Mitte Mai die zweite Bürgerversammlung. So richtig habe sich aber nie etwas getan. "Wir haben immer nur als Antwort bekommen, das wäre nachbarschaftliches Recht und wir müssten uns auf nachbarschaftlicher Ebene hier einigen." Beide wollen eine vernünftige gemeinsame Lösung finden. Ihr Wunsch: Sozialarbeiter.

Kinderlärm ist geschützt

Kinderlärm ist, egal ob während oder über die Spielplatzöffnungszeiten hinaus, rechtlich kein Lärm und geschützt. Die Polizei sei zwar auf Bitten öfter durch den Ort gefahren, habe aber nichts festgestellt. Matthias Lütkemeier vom Revier Börde schätzt die Situation so ein: "Da ist die Mentalität etwas anders, da rückt man mehr zusammen. Da wird gemeinsam gefeiert, gelacht, da wird sich gemeinsam draußen aufgehalten. Das verursacht natürlich Lärm. Aber polizeilich haben wir damit gar keine Berührungspunkte."

Es gebe keine Strafverfahren oder irgendwelche Gefährdungen bei denen die Polizei eingreifen müsste. Vermitteln muss hier nach Auffassung des Reviers vor allem die Gemeinde. "Dass man versucht, Verständnis füreinander aufzubringen", sagte Lütkemeier. Das gehe natürlich nicht nur in eine Richtung, sondern immer nur in beide.

Mehr als nur ein Konflikt

Porträtaufnahme des Bürgermeisters vom Sülzetal Jörg Methner.
Bürgermeister Methner (parteilos) beschäftigt seit langem der Konflikt in Bahrendorf. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Mehrfach sei Bürgermeister Jörg Methner (parteilos) vor Ort gewesen. "Es fing an mit unzulässigem Lärm durch Kinder. Den können wir natürlich nicht verfolgen. Dann ist ein Konflikt entstanden, sie halten sich nicht an Ruhezeiten", beginnt er aufzuzählen. Auch habe es in der Vergangenheit Probleme mit Sperrmüll gegeben. "Nachdem wir Hinweise aus der Bevölkerung bekommen haben, dass die Kinder unbeaufsichtigt in der Wohnung sind, dass es vielleicht auch zu viele Personen sind, haben wir alles überprüft." Sogar das Jugendamt wurde vorbeigeschickt. Verstöße wurden nicht festgestellt.

Ebenfalls sei er gemeinsam mit dem Vermieter bei den Familien gewesen, um mit ihnen über die Beschwerden zu sprechen. "Das genaue Problem ist erst aufgetreten, als wir kürzlich eine Einwohnerversammlung hatten. Da ist der Vermieter aus sich rauskommen und hat Dinge erzählt, die hätte er viel eher erzählen müssen," erklärt Methner.

Vermieter in der Pflicht

Die Versammlung, die der Bürgermeister anspricht, findet am 29. Juni statt. Ute Bauer und Ines Langhans haben sie initiiert, um noch einmal Erfahrungen auszutauschen. Gut 40 Bahrendorfer kommen an diesem Abend auf den Spielplatz. Viele äußern sich hier zum ersten Mal. Nicht alle erheben die gleichen Vorwürfe und Forderungen. Als überraschend der Vermieter und seine Lebensgefährtin ihre Sicht erzählen, scheint für die Mehrheit klar: Vor allem er muss handeln.

Mehrere Personen stehen im Kreis auf dem Spielplatz Bahrendorf und diskutieren.
Gut 40 Bahrendorfer auf einem Bürgertreffen vom 29. Juni auf dem Spielplatz. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Wenn dort Verstöße sind bis hin zu Verunreinigungen von Wohnungen, dass man dort mit Elektrogeräten nicht richtig umgeht. Dass selbst der Vermieter dort angespuckt und beleidigt wird, dann muss er in der Pflicht sein und Mietverträge kündigen", sagt Methner wenige Tage darauf. Er befürchte aber auch, dass durch Kündigungen und daraus resultierende Umzüge der Konflikt nicht gelöst, sondern nur verlagert wird. "Hier sehe ich eine Sache, wo der Staat handeln muss. Wenn wir EU-Bürger einfach nur herholen, ist das für mich noch keine Integration." Kosten für Dolmetscher oder Sozialarbeiter könnten Gemeinden wie seine nicht allein auf sich nehmen.

Was sagen die Familien?

An den zwei Tagen, an denen MDR SACHSEN-ANHALT vor Ort ist, spielen zwar Kinder auf dem Spielplatz, laut ist es aber nicht. Ob tatsächlich Mietrückstände vorliegen oder es handgreiflich zwischen Mietern und Vermieter geworden ist, bleibt unklar. Fest steht: Die Vorwürfe, die erhoben werden, sind teils schwer. Was sagen die Familien dazu? Die Dolmetscherin Christa Tabara hilft uns. Nicht, weil hier niemand Deutsch spricht, sondern weil es einfacher ist sich in seiner Muttersprache auszudrücken. Sie reden mit uns. Während des Gesprächs filmt uns ein Nachbar vom Balkon.

Eine der Frauen erzählt, dass sie sich eigentlich wohl gefühlt habe in Bahrendorf. Die Familien kannten sich nicht aus Rumänen, stammten aus unterschiedlichen Orten. Es sei schön gewesen, dass hier die Kinder zusammen spielen, die Frauen sich gegenseitig helfen konnten. Sie bestätigt, dass es viele Beschwerden gab, wenn die Kinder, aber auch Erwachsene auf dem Hof oder dem Spielplatz waren. "Was sie fand, was überhaupt nicht ging, dass sie ständig fotografiert und gefilmt wurden. Die Polizei hätte ihnen auch gesagt, dass das so ohne ihr Einverständnis gar nicht geht," fasst Christa Tabara zusammen. Auch habe die Lebensgefährtin des Vermieters ihnen oft Vorwürfe gemacht. Für sie sei die Sache jetzt aber gelaufen. Drei der Familien soll kurz nach dem Bürgertreffen gekündigt worden sein.

Drei Umzüge, keine Lösung

"Es war so, dass ihnen irgendwelche Papiere vorgelegt wurden, die sie unterschreiben mussten. Es gab für sie keine andere Wahl", übersetzt Tabara. Zwei der Familien müssten recht kurzfristig die Wohnungen räumen. Die Dritte habe drei bis vier Wochen Zeit. Ob das legal ist, ist fraglich. Denn auch bei bei fristloser Kündigung wegen beispielsweise erheblicher Mietrückstände, haben Mieter die Möglichkeit den ausstehenden Betrag doch noch einmal zu begleichen.

Die Kündigungen anfechten werden die Familien aber nicht. Obwohl Arbeitskollegen der Männer sie darauf hingewiesen hätten, dass es vielleicht diese Möglichkeit gibt. Sie werden einfach umziehen. In den gleichen Ort, aber nicht in ein gemeinsames Haus. Eine der Frauen meint, dass es so vielleicht weniger laut für die neuen Nachbarn ist. Damit tritt jetzt ein, was Bürgermeister Jörg Methner befürchtet hatte. Eine echte gemeinsame Lösung des Konflikts in Bahrendorf ist das nicht.

Quelle: MDR/ml

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 08. Juli 2020 | 19:00 Uhr

42 Kommentare

ralf meier vor 15 Wochen

@Emil Kaminsky: Hallo ist es nicht erschreckend, das wir gesellschaftliche Zustände haben, in denen manch einer ernsthaft überlegt, ob ich meinen Kommentar wörtlich gemeint haben könnte ? Nein ganz sicher nicht.

Eulenspiegel vor 15 Wochen

Hallo goffman
Da kann ich ihnen nur zustimmen. Angst und Vorurteile bringen die Leute dazu sich an dingen zu stoßen an die sich normalerweise niemand stört und sich über angebliche Sachverhalte aufzuregen von denen sie gar nicht betroffen sind und sie somit auch gar nichts angehen.

goffman vor 15 Wochen

Aus dem Artikel geht nicht hervor, dass vonseiten der Familien ein Gesetz gebrochen worden wäre. Vielleicht im Umgang mit dem Vermieter und den Mietwohnungen, wobei man hier auch nur die Sicht von einer Seite hört.

Wenn die Nachbarn hier unerlaubt Fotos und Videos von den Familien machen - selbst wenn wir ein Fehlverhalten unterstellen - dann hört sich das für mich auch nicht nach gegenseitiger Achtung und wohlwollendem Miteinander an. Eher nach Klatsch & Tratsch wenn nicht sogar übler Nachrede.

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