Intershops in der DDR Der Duft nach West-Seife

Bunte Verpackungen und ein herrlicher Duft nach Waschmittel: Wenn man als DDR-Bürger einen Intershop betrat, öffnete sich der Blick in die westliche Konsumgesellschaft. Im Rasthof Börde zum Beispiel gab es einen der größten Intershops der DDR. Zur Geschichte der Intershops hat der Wirtschaftshistoriker Matthias Judt geforscht. Ein Interview.

Eine Intershop-Filiale in Ostberlin im Luxushotel Metropol, aufgenommen am 10.11.1977.
Eine Intershop-Filiale in Ostberlin im Luxushotel Metropol, aufgenommen 1977. Bildrechte: dpa

Herr Judt, wie sind die Intershops in der DDR entstanden?

Matthias Judt: Die Bedeutung der Intershops ist, gemessen über den gesamten Zeitraum der DDR, immer mehr gewachsen. Sie haben ganz klein angefangen. Es gab einen Vorläufer in den 50er Jahren für Seemannsversorgung und zur Leipziger Messe zum Beispiel, richtig losgegangen ist es dann 1962.

Nach dem Bau der Mauer wurde ein Beschluss zur Versorgung der Reisenden im Bahnhof "Berlin Friedrichstraße" gefasst. Und da ist von der Mitropa zusammen mit einem Außenhandelsbetrieb die "Intershop GmbH" gegründet worden. Das war sozusagen der Nukleus für die Entwicklung eines Netzes von Intershops, die zunächst nur für westliche Reisende gedacht waren, aber dann auch für DDR-Bürger offen waren. Im Rasthof Börde zum Beispiel gab es einen der größten Intershops der DDR – über 1.000 Quadratmeter Verkaufsfläche.

Welche wirtschaftliche Bedeutung hatten die Intershops für die DDR?

Matthias Judt. Porträt eines Mannes
Wirtschaftshistoriker Matthias Judt Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Je mehr sie auch für DDR-Bürger geöffnet wurden, umso mehr Umsatz generierten sie. Man hat begonnen mit Einnahmen im niedrigen zweistelligen Millionenbereich pro Jahr, was dann in Milliarden in den 80er Jahren überging. Und daran kann man erkennen, dass die Intershops auch die Rolle hatten, eine verlorengegangene Konkurrenzfähigkeit bei anderen Exportprodukten zu ersetzen, indem man solche Einnahmen generierte. Denn die DDR war natürlich devisenhungrig.

Wer durfte dort einkaufen?

Man muss unterscheiden, wie DDR-Bürger Zugriff zu diesen Läden hatten. Bis 1974 war es DDR-Bürgern verboten, Devisen zu besitzen. Es bestand eine sogenannte "Anbietungspflicht". Wenn man also Devisen angenommen hat, musste man die der Staatsbank anbieten zum Ankauf gegen DDR-Mark. Das hat natürlich keiner gemacht. Es bedeutete auch, dass ein DDR-Bürger nicht allein in einen Intershop gehen durfte. In dem Augenblick hätte er sich eines Devisenvergehens schuldig gemacht, weil er das Westgeld nicht verkauft hat an die Staatsbank, sondern im Intershop ausgegeben hat. Also musste der Einkauf in Begleitung westlicher Besucher erfolgen.

1974 wurde das verändert. DDR-Bürger durften Devisen besitzen, und die Anbietungspflicht wurde auf 500 DM angehoben. Die hat natürlich auch keiner angeboten, aber in dem Augenblick konnte man mit bis zu 500 DM in den Intershop gehen und als DDR-Bürger allein ohne Begleitung eines westlichen Besuchers einkaufen.

Waren die Intershops nicht ein ideologisches Problem?

Das Problem war: Die eine Hälfte der DDR-Bevölkerung hatte Zugang zu den Läden, die andere eben nicht. Und es war auch ein Problem innerhalb der SED. Die Funktionäre sagten: Ständig müssen wir erläutern, warum es diese Läden gibt – gegenüber den Bürgen, die nicht in diese Läden gehen können, weil sie keine Devisen haben. Und wir selbst dürfen auch nicht rein. Und dann ist immer dieser Spagat, dass der Staat auf die Einnahme angewiesen ist, aber andererseits will er sie nicht.

Waren die Preise anders als in der BRD?

Es gab zwei Preisstrecken. Die Intershops im Hinterland, die für jeden DDR-Bürger erreichbar waren, hatten höhere Preise als die Läden in der BRD. An den Transitstrecken gab es allerdings sogenannte GÜST-Preise in den Intershops. GÜST ist die Abkürzung für Grenzübergangsstellen. Diese Preise waren erheblich niedriger als das Preisniveau in Westberlin bzw. im grenznahen Bundesgebiet, weil man einen Anreiz schaffen wollte, dass westliche Reisende noch in der DDR einkaufen. Und das war auch sehr lukrativ.

Quelle: MDR/as

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Der Osten – entdecke, wo Du lebst | 11. September 2018 | 20:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. September 2018, 15:13 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

14 Kommentare

13.09.2018 12:47 Sr.Raul 14

Tja, verehrter @5 Graf von Henneberg, die Masse hat bis heute nicht realisiert das wir in der DDR in der von Marx/Engels beschriebenen Übergangsphase namens "Diktatur des Proletariats" lebten. Somit kann hier nicht von einem Abbild kommunistischen Versagens gesprochen werden. Den gab es noch gar nicht, selbst in der SU nicht. Für den Rest wollen wir mal im Interesse dieses Planeten die Daumen drücken, wird aber ungemütlich.

12.09.2018 16:24 Hans Frieder Leistner 13

Ein kurzer Rückblick zum Thema Devisen.
Als ich in den 80er Jahren einmal an der Wechselstelle an der Grenze meinen Eintritt (DM gegen DDR Mark 1:1) zahlte, hing großartig ein Schild mit den Umtauschwerten an der Wand. Die Dame am Schalter fragte, ob ich Münzen kaufen will für das Geld. Da zeigte ich auf die Tafel und wollte Schweizer Fränkli. Das ging aber nicht. Auch das ist der Alltag gewesen. Mehr scheinen als sein.

12.09.2018 10:28 W. Merseburger 12

An @7, wir kommen jetzt ab vom Thema Intershop. Doch einen Satz zu ihrem Kommentar, dass einfach menschliche und fachliche Kompetenz und Leistungsbereitschaft nach der Wende dazu geführt haben, um ordentliche Arbeit zu erhalten. Diesem Idealbild muss ich total widersprechen. Um einen ordentlichen Job zu erhalten, musste dieser auch vorhanden sein und dort war das Problem mit den real bis zu 50% Arbeitslosen z. B. in Sachsen Anhalt. Höppner sagte einmal den Arbeitslosen sinngemäß: Ich verstehe sie, sie wollen an das andere Ufer (also Arbeit), nur dieses Ufer gibt es bei uns nicht.